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Archiv für Januar, 2009

Kongruenz

31. Januar 2009

Angela Merkel war nicht zum Schlittenfahren in Davos. Warum sie es für zweckmäßig hielt, den Werbeslogan von Toyota zu benutzen, um ihre Zuversicht zu dokumentieren, bleibt ein weiteres Rätsel ihrer Rhetorik. 

"Die Welt hat schon ganz andere Herausforderungen bewältigt, zum Beispiel die Überwindung der Blöcke. Nichts ist unmöglich", hat die Bundeskanzlerin gesagt.

Für eine Politik, die auf Sichtweite und ohne Drehbuch die Krise zu managen versucht, ist das ein kühner Satz. Wenn wir Angela Merkels Mimik folgen, ist es wohl besser, sich nun anzuschnallen.

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Phew !!!

31. Januar 2009

Die heutige Videoansprache ist ein seltsames Dokument. Sie wimmelt von Worten, die mit dem Buchstaben P anfangen, und lenkt suggestiv die Aufmerksamkeit des Publikums auf die stimmlosen kleinen Explosionen aus den zusammengepressten Lippen des Präsidenten, bis er zu dem Thema kommt, das ihm politisch die größten Probleme machen könnte: das partisan posturing, also die elende Parteipolitik, von der Obama sich gerne verabschieden würde, weil die Republikaner ihn haftbar machen wollen für den Fall, dass sein Konjunkturprogramm nicht liefert, was er verspricht: It´s time to move in a new direction.

Deshalb hat die Videoansprache auch den Titel Moving Forward. Bei Erich Honecker hieß die Variante: Vorwärts immer, rückwärts nimmer!

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Fair Play & Pay & Digging

30. Januar 2009

Gestern unterzeichnete der Präsident das erste Gesetz – The Lilly Ledbetter Fair Pay Act , das die Verjährungsfrist für Diskriminierungsklagen mit jedem neuen Gehaltsscheck verlängert, der gleiche Arbeit ungleich vergütet. In seiner Erklärung zu diesem Anlass sagt Obama: "Well, this is a wonderful day. First of all, it is fitting that the very first bill that I sign — the Lilly Ledbetter Fair Pay Restoration Act that it is upholding one of this nation’s founding principles: that we are all created equal, and each deserve a chance to pursue our own version of happiness."

Wenige Stunden später ist das Thema Pay Anlass für einen gut inszenierten Wutausbruch: Schändlich und den Gipfel der Unverantwortlichkeit nennt er die Bonuszahlungen von fast 20 Mrd. $ an der Wall Street für das Jahr 2008.  "The American people understand that we’ve got a big hole that we’ve got to dig ourselves out of — but they don’t like the idea that people are digging a bigger hole even as they’re being asked to fill it up."

Das Bild hat es in sich. Obama spielt auf eine fast kaum planbare Weise mit dem Slang des African American Vernacular English. Wer glaubt, dass er nur vom Graben und Zuschütten tiefer Löcher redet, kennt nicht den Rap Slang. Da bedeutet to dig, sich zu freuen. Im Subtext dieses beiläufigen Satzes schwingt am Ende mit: Das amerikanische Volk mag es überhaupt nicht, dass Leute selbst mitten in der Krise den Hals nicht voll genug kriegen.

Mal sehen, wie er diese Themen morgen in der nächsten Videoansprache aufgreift.

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Weitere Zwischenrufe

30. Januar 2009

Offenbar gibt es Irritationen darüber, was denn ein Rhetorik-Blog mit den bisher angesprochenen Themen zu tun hat. Thema verfehlt, aber bitte weiter machen – so könnte ich die eine oder andere Reaktion freundlich zusammen fassen.

In der Tat: Reden sind Taten. Für das weite Feld – etwa der Reden, die zum neuen Konjunkturpaket im Deutschen Bundestag gehalten worden sind – könnten wir hinzufügen, es gibt auch Reden, die Untaten sind. Warum Untaten?

Schlechte Reden rauben, vernichten und entwerten unendliche Mengen von Zeit, erschweren das politische Geschäft und akkumulieren negatives Karma (das klebt wie Pech).

Sagen wir es mit den Worten Uwe Pörksens "Reden sind Antworten auf eine Situation, die um so besser gelingen, je genauer sie auf die Situation antworten." Auf diesen Autor und sein Buch  Die politische Zunge kommen wir immer mal wieder zurück.

Deshalb analysiere ich hier nicht den Obamaschen Stilbaukasten wie Parataxe oder hübsche Stabreime (das gehört auch zum Thema, wenn es die Erkenntnis eines komplexen Sachverhalts erleichtert), sondern die Situation, auf die er in seinen Reden eingeht – und welche Wirkung er damit erreicht.

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Entzauberung

29. Januar 2009

Wer ist hier entzaubert? Whitehouse Press Corps schäumt darüber, dass die üblichen Transkriptionen der Press Briefings nicht so schnell wie gewohnt geliefert werden. Ein paar banal stockende Alltagsroutinen hageln in den Honigmond. Aber die Meinungsmacher können mit ihrem Unmut das öffentliche Meinungsklima nicht drehen. Hinter ihrer Wut steckt eine andere Entzauberung. Nicht der Präsident oder sein Stab ist es, der das Management nicht beherrscht. Die Journalisten selbst sind von vorgestern.
 
Der bypass der Reden und Erklärungen Obamas umgeht ihre verstopften medialen Gefäße. Die gewohnte Nähe zum Ohr oder Mund der Macht reicht nicht mehr aus, um zu verstehen, was passiert. Während in den Communities des politischen Web 2.0 schon weiter diskutiert wird, verlieren die Damen und Herren im Whitehouse Press Corps buchstäblich den Anschluss.
 
Dabei hätte ihnen die Lektüre der Erklärung  From Peril to Progress Aufschluss geben können. Obama begnügt sich nicht mit den geerbten hausgemachten Problemen. Er fügt aus der eigenen Agenda ein weiteres hinzu: den Klimawandel – und zaubert aus der vermeintlichen Überforderung so etwas wie den passepartout zur Lösung auch der anderen Probleme. Nebenbei düpiert er eine antiquierte Schule der Politikberatung in den Thinktanks von Washington: Antizipieren, analysieren und anwenden, wie Jackson Janes heute in Berlin auf einer Tagung der Bertelsmann Stiftung sein Geschäft beschrieb, geht nur dann flüssig von der Hand, wenn es entlang der Agenda der Obama-Administration erfolgt. Welcher Präsident der jüngeren amerikanischen Geschichte hat es schon verstanden, den historischen Misserfolg eines fernen Vorgängers (Richard Nixons) in einen eigenen Startvorteil zu verwandeln?
 

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