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Archiv für April, 2009

Charisma des Neutrums

26. April 2009

Der Sängerkrieg unserer Wahlkämpfer gewinnt langsam an Fahrt. Es knirscht im Gebälk der Merkel-Prosa, die die Bundeskanzlerin per Video vorträgt. Heute fällt Frau Merkel mit der Tür ins Haus: "Gerade in Zeiten wirtschaftlicher Schwierigkeiten kommt es darauf an, dass wir den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft stärken. Dazu gibt es glücklicherweise eine Vielzahl von Einrichtungen. Wir wissen zum Beispiel, dass sich die Menschen, die von Arbeitslosigkeit betroffen sind, auf die Arbeitsagenturen in unserem Land verlassen können."

Kanzlerkandidat Steinmeier hat mit seiner Tempodrom-Rede sieben Punkte aufgeholt. In der Rede spielte das Thema Zusammenhalt eine tragende Rolle. Nun legt die Kanzlerin nach – und belegt, dass die Chefin "der Anderen", wie die CDU von der SPD gerne genannt wird, von Zusammenhalt redet wie von böhmischen Dörfern. "Dazu gibt es glücklicherweise eine Vielzahl von Einrichtungen." Rechnet Angela Merkel die sozialstaatliche Sicherung dem Glück zu? Wem verdanken wir dieses Glück?

Betrachten wir das Stichwort Zusammenhalt etwas genauer : "Die Physik untersucht, die Truppe braucht und die Politik beschwört ihn. Historisch eine bewährte Arbeitsteilung. Unentwegt schwindet und erodiert er. Oder die Anderen, auch Globalisierung, Heuschrecken, ältere Schwestern, frühere Bundestrainer und Ex-Zukunftsminister gefährden, untergraben bzw. zerstören ihn. Dagegen gilt es, ihn zu bewahren, zu fördern, zu stärken, zu festigen oder auch ihn wiederherzustellen: den Zusammenhalt, seit jeher Mantra und Gospel des politischen Managements für die Kärrner-Aufgabe, den Laden zusammen zu halten. (…) Wenn Spatzen von den Dächern kippen oder kannibalische Kühe anfangen, sich seltsam zu bewegen, also fast immer, wenn es zu spät ist, kommt so ein Stichwort zu höchsten politischen Ehren." Frau Merkels Zusammenhalt-Mantra steht somit in bewährter politischer Tradition.

Frau Merkel erhält in der kommenden Woche Besuch von 200 Mitarbeitern aus der Kinder- und Jugendhilfe sowie der Eltern- und Familienberatung. Über ihre Arbeit sagt sie, dass sie sie als unverzichtbar ansieht und sie überaus schätzt. Die negative Dialektik ihres Gefühlshaushaltes könnte sie nicht schöner auf den Punkt bringen. Dirk Kurbjuweits Merkel-Biographie spricht von kalkulierter Unauffälligkeit. Im Kontrast zu Obama inszeniert Angela Merkel ein Charisma des Neutrums.

Merkels Freude auf den Besuch der Zweihundert hält sich in Grenzen. "Deshalb soll an diesem Tag am Beispiel der 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die mich besuchen werden, deutlich gemacht werden, wie viel Gutes, wie viel Wichtiges und Unerlässliches in unserer Gesellschaft geschieht." Warum will sie es nicht selbst deutlich machen?

Früher hieß es "dreigeteilt niemals". Das bezog sich auf einen anderen Sachverhalt. Rhetorisch ist es eine Methode, um Texte auf unfreiwillige Komik zu prüfen. Viel Gutes, viel Wichtiges und Unerlässliches – die Aufzählung wirkt wie eine semantische Abwärtsspirale, sie gibt dem Satz seine Schlagseite. Gutes, Wichtiges und Unerlässliches (Zusammenhalt) geschieht offenbar kraft unerforschlicher göttlicher Vorsehung (was für einen schönen Cartoon Ralf König daraus machen würde!) – und wird zu einem Ereignis, dem es an einer überaus wichtigen Zutat fehlt, welche die Bundeskanzlerin gerne Angajemang nennt.

"Erwartet wird von diesen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern viel, das weiß ich aus eigener Erfahrung. Und gerade deshalb möchte ich am Beispiel der 200 Eingeladenen ein herzliches Dankeschön sagen, stellvertretend für all die anderen, die jeden Tag einen Beitrag dazu leisten, dass unsere Gesellschaft menschlicher wird und dass der Zusammenhalt in unserer Gesellschaft gestärkt wird – und vor allen Dingen, dass möglichst jedes Kind in unserer Gesellschaft sagen kann: "Ich bin die Zukunft unseres Landes", und dabei eine glückliche Kindheit verleben kann."

Wie immer wir den Text drehen oder wenden, er wirkt wie verstimmt, als fänden Absicht, Anlass, Worte und Vortrag nur widerwillig zusammen. Kein Zweifel: Wer in der Kinder-, Jugend- und Familienarbeit tätig ist, verdient öffentliche Anerkennung.

Zu danken oder "ein herzliches Dankeschön zu sagen" ist nicht das selbe. Auf dem Weg dahin sind die Arbeitsagenturen verloren gegangen. Es ist ja auch bloß unerlässlich, was sie tun. Vergelt´s Gott, Frau Dr. Merkel!

Nachtrag
Nein, nein, ich bin kein Verschwörungstheoretiker, aber sagen wir – theologisch sensibilisiert. Die rhetorisch dem Podcast zugrunde liegende Formel könnte Frau Merkel zuliebe abgewandelt lauten: “Ich bin, die ich sein werde.” (Ex 3,14)
Was wäre von dem Video-Podcast zu halten, wenn seine subliminale Funktion darin besteht, Frau Merkel sagen zu lassen “Ich bin die Zukunft unseres Landes”?

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Fiskalpolitische Falkenprosa

25. April 2009

Die ersten hundert Tage Obamas im Weißen Haus liegen bald hinter uns. Seine heutige Videoansprache legt den Takt vor für die nächsten 2900 Tage (wenn er wiedergewählt wird). Heute gibt der Präsident den fiskalpolitischen Falken und stellt seinen konservativen Parteikollegen im Kongress, aber natürlich auch der republikanischen Opposition eine trickreiche Falle.

In den letzten Tagen machten mehrere Senatoren von ihrem Recht Gebrauch, die Bestätigung von Spitzenbeamten zu blockieren. Der eine will erreichen, dass in Utah weiter nach Öl und Gas gebohrt werden kann, der andere will für seine Klientel kostspielige Programme erhalten, über die Studiendarlehen finanziert werden.

Nun macht Obama seine Widersacher zu schwarzen Petern: One of the pillars (…) must be fiscal discipline. We came into office facing a budget deficit of $1.3 trillion for this year alone, and the cost of confronting our economic crisis is high. But we cannot settle for a future of rising deficits and debts that our children cannot pay. (…) That is why we have identified two trillion dollars in deficit-reductions over the next decade, while taking on the special interest spending that doesn’t advance the peoples’ interests.

Obamas Haushaltspolitik folgt künftig drei Prinzipien: der Paygo-Regel, dass neue Ausgaben oder Steuersenkungen nur dann zustande kommen, wenn das Geld an anderer Stelle eingespart oder durch Steuererhöhungen beschafft wird (Bill Clinton hat mit dieser Regel innerhalb von sechs Jahren giganische Defizite abgebaut und sogar Haushaltsüberschüsse erzielt). Jede Behörde, die in ihrem Geschäftsbereich Einsparungen realisiert, erhält einen Teil des eingesparten Betrags für neue Programme. Darüber hinaus ermuntert Obama alle Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes, Einsparvorschläge zu machen. Obamas setzt auf die Weisheit der Vielen da draußen.

Sein abschließender Vorschlag dürfte weltweite Neugier wecken. So later this year,  we will host a forum on reforming government for the 21st century.

Wenn die Konferenz erfolgreich ist, könnte der Slang des Baracking vielleicht sogar in den Sprachgebrauch deutscher Oberfinanzdirektionen gelangen.

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Future being pieced together

23. April 2009

Gestern nach Iowa, das neue Kalifornien (ohne Küste). Zu einer frisch eröffneten Fabrik, die Windräder herstellt. In der letzten Woche der ersten hundert Tage im Weißen Haus hält es Barack Obama nicht in Washington. Air Force One transportiert ihn mit großer Besatzung am Earth Day nach Newton. Den Ort können wir uns vorstellen wie Gütersloh ohne Bertelsmann, mit dicht gemachter Miele, schwanlos trostlos arbeitslos. Der Präsident braucht den Kontrast für seine Zukunftspläne. Nehmen wir ihm das nicht übel und schauen, was er zu sagen hat.

Die Energiewende steht auf der Tagesordnung. Die Rede ist länglich. Hat Fav Urlaub? Der Auftritt macht den Eindruck, als habe Obama Roosevelts Depressions-Kamingespräche mit einem deutschen VHS-Vortrag gekreuzt. Die einleitenden Begrüßungen werden länger. Die Hinführung zum Thema ist ausufernd (Ölförderung in Geschichte und Gegenwart). Die 33 Minuten dieser Rede sind dennoch keine Sekunde zu kurz.

Obama führt dem amerikanischen Publikum die eigene Geschichte vor, legt wieder die Finger in schwärende wirtschaftliche Wunden (Ölabhängigkeit) und illustriert, ohne den Herrn Schumpeter beim Namen nennen zu müssen, wie es aussieht, wenn kreative Zerstörer übernehmen. Als Haushaltsgerätehersteller Maytag (Newtons Miele) dicht gemacht hatte, war die Stadt fast am Ende. Nun aber gibts es 100 neue Arbeitsplätze bei der Trinity Structural Towers Manufacturing Plant, deren Windturbinen über zwei Megawatt Leistung bringen. "Ihr tragt dazu bei", sagt Obama, "die nächste Energierevolution in Gang zu setzen, aber ihr seid auch Erbe der letzten Energierevolution."

Der VHS-Historiker hüpft 150 Jahre zurück und erinnert an Edwin Drake, den ersten erfolgreichen Ölbohrer, die Mühsal und Verzweiflung eines im Scheitern erfahrenen Mannes. "(…) he had an advantage: total desperation. It had to work. And then one day, it finally did." Der Mut der Verzweiflung machts möglich. Außerdem sei Amerika immer der Welt weit voraus gewesen, wenn es darum ging, neue Energiequellen zu erschließen.

We can’t afford that approach (Ölabhängigkeit auf Kosten der ganzen Welt) anymore — not when the cost for our economy, for our country, and for our planet is so high. So on this Earth Day, it is time for us to lay a new foundation for economic growth by beginning a new era of energy exploration in America. That’s why I’m here.

"Wir stehen nicht vor der Entscheidung, unsere Umwelt oder unsere Wirtschaft zu retten. Die Alternative laute vielmehr wirtschaftliche Blüte oder Niedergang." Obamas konservativen Senatskollegen sehen das noch nicht so, ihre knappe Mehrheit provoziert ein Republikaner-Filibuster. Auch deshalb wendet sich der Präsident mit seiner Rede nicht nur an die Bürger von Newton, sondern an die ganze Nation. Er weckt den amerikanischen Ehrgeiz und bekräftigt den robusten amerikanischen Pragmatismus (Lord Dahrendorf erinnerte daran, als der Absturz begann).

Sein Haushalt investiert in den kommenden zehn Jahren 150 Mrd. Dollar in erneuerbare Energietechnologie, erzielt Einnahmen durch den Handel mit Emissionsrechten (das nehmen ihm seine konservativen Kollegen am meisten übel) und investiert flächendeckend in Energieeffizienz.

Schließlich beschwört Obama den amerikanischen Optimismus, die Bereitschaft, sich den harten Herausforderungen gewachsen zu zeigen – "what I’ve seen across this country, in all the eyes of the people that I’ve met, in the stories that I’ve heard, in the factories I’ve visited, in the places where I’ve seen the future being pieced together — test by test, trial by trial." Das kostet Opfer, ist anstrengend, aber wir schaffen das – so sein Fazit, seine Ermunterung.

Mein Zweifel, ob das Format dieser Reden den Amerikanern nicht langsam auf die Nerven geht, weicht der Idee, die mich dazu gebracht hat, diesen Blog ins Leben zu rufen. Die Politik und ihr Geschäft erleben selbst einen Paradigmenwechsel. Wir werden in den kommenden Jahren eine Renaissance des öffentlichen Redens (Demagogie inklusive) erleben. Die Komplexität der Aufgaben ist zu groß, um sie wie der Kommunikator Reagan in knappe Babysprache-Formeln quetschen zu können. Die Umfrageergebnisse Obamas deuten darauf hin, dass ihm das Volk zuhört und zutraut, das Unmögliche nicht nur zu versuchen, sondern möglich zu machen. Das ist die andere Seite der Charisma-Medaille: Sie trauen es ihm zu.

Kein Zweifel, wir leben in einer Zeitenwende, deren Ausgang ungewiss ist. Was in den kommenden Monaten und vielleicht Jahren alles in Trümmern liegen wird, können wir nur ahnen (oder fürchten). Aber wer glaubt,  weiter munterblöd durch die Gegend plappern oder maulfaul Erklärungen schuldig bleiben zu können, ist schief gewickelt.

Wenn so ein dröger Funktionär wie DGB-Chef Sommer vor sozialen Unruhen warnt (Heinz Bude hält dagegen, das sei kein Fall für die Leistungselite in der Mitte unserer Gesellschaft), dürfte auch Kanzleramtsminister de Maizière endlich begreifen, worauf es im Krisenmanagement ankommt, damit der Laden ihm nicht um die Ohren fliegt.

Einer macht den Drögen reicht nicht, meine Damen und Herren! Patent-Floskeln geben Sie besser an der Garderobe ab. Und reden Sie nicht mehr von den Menschen (oder über sie), sondern mit ihnen. Wie das geht, macht Obama vor.

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Make a difference – oder anpacken

22. April 2009

Gestern unterzeichnete der community organizer in chief den EDWARD M. KENNEDY SERVE AMERICA ACT. Die Idee des Gesetzes und der Zeitpunkt seines Inkrafttretens hätten kaum besser gewählt sein können. Das Gesetz erweitert den Einsatzbereich und das Budget des AmeriCorps. Inmitten der Zeitenwende mobilisiert Obama die Zivilgesellschaft und ihre Ressourcen. Sie stellt sich den Herausforderungen der neuen Zeit (oder sollen wir sagen des neuen Jahrzehnts?). Das Gesetz lebt von der ziviligesellschaftlichen Tradition der amerikanischen Geschichte und stärkt die Infrastruktur freiwilligen Engagements.

Die Veranstaltung war ein Heimspiel. Nach überschwänglicher Begrüßung zahlreicher prominenter Ehrengäste erinnert Obama an seine eigenen Anfänge in Chicago, im Schatten stillgelegter Stahlwerke. We began to see a real impact in people’s lives. And I came to realize I wasn’t just helping people, I was receiving something in return, because through service I found a community that embraced me, citizenship that was meaningful, the direction that I had been seeking. I discovered how my own improbable story fit into the larger story of America.

Wer nach 9/11 und Katrina, in einer Zeit der Kriege und einer beispiellosen Wirtschaftskrise sich heute als junger Erwachsener engagiert, bekräftige die uramerikanische Idee, dass, wer sein Land liebt, es ändern kann. Die Bewerberzahlen für das PeaceCorps, für Teach For America und AmeriCorps haben sich vervielfacht. What this legislation does, then, is to help harness this patriotism and connect deeds to needs. It creates opportunities to serve for students, seniors, and everyone in between. It supports innovation and strengthens the nonprofit sector. And it is just the beginning of a sustained, collaborative and focused effort to involve our greatest resource — our citizens — in the work of remaking this nation.

Das Gesetz stärkt die Vernetzung und Kooperation freiwilligen Engagements, motiviert junge Amerikaner dazu anzupacken, und holt auch die Babyboomer, die best ausgebildete Generation in der amerikanischen Geschichte, an die neuen Fronten der Zivilgesellschaft.

Der oberste Geschichtenerzähler lädt die Nation dazu ein, auf der Webseite des Weißen Hauses Geschichten über ihr Engagement zu erzählen. Was für ein Kontrast zur vertikalen Vernunft hiesiger Enquetekommissionen und ministerieller Stabsstellen. Die deutschen Wahlkämpfer sollten den Ted Kennedy Act als Blaupause für ein eigenes Vorhaben in den ersten hundert Tagen der nächsten Legislatur aufnehmen, als Steilvorlage für eine überparteiliche Initiative. You don’t need to be a community organizer, or a senator, or a Kennedy — (laughter) — or even a President to bring change to people’s lives. Das geht auch als MdB.

Obama beendet sein Heimspiel mit einer Ted Kennedy-Anekdote,  die der Senator gerne erzählt. An old man walking along a beach at dawn saw a young man pick up a starfish and throwing them out to sea. "Why are you doing that?" the old man inquired. The young man explained that the starfish had been stranded on the beach by a receding tide, and would soon die in the daytime sun. "But the beach goes on for miles," the old man said. "And there are so many. How can your effort make any difference?" The young man looked at the starfish in his hand, and without hesitating, threw it to safety in the sea. He looked up at the old man, smiled, and said: "It will make a difference to that one."

Das geht auch hier. Weltwärts wie heimwärts.

 

 

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Yes, perhaps he can – too

21. April 2009

Darauf habe ich gewartet – dass der Obama-sound den Wahlkampf in Deutschland erreicht, mit dem Versuch, sich ein Beispiel daran zu nehmen, wie Politik bewegen und begeistern kann, nicht mitreißen, das hatten wir schon, sondern so, wie Bob Dylan Obamas Bücher gelesen hat – it makes you feel and think at the same time and that is hard to do.

Der SPD-Kanzlerkandidat muss damit noch etwas üben. Die ersten Worte seiner Rede wirken wie gefroren, nehmen sich ein Beispiel an dem in Beton erstarrten Zirkuszelt. "Sonntagnachmittag in Deutschland. Ich sehe in 2.500 Augenpaare. Viel mehr als erwartet und – wenn ich nicht irre – alle freiwillig hier. Dabei gibt es nicht mal Kaffee und Kuchen gratis." Die Ironie zerschießt den Versuch, Nähe herzustellen. Der böse Blick der ersten Worte rückt auf Distanz. Dann fällt der Mann mit der Tür ins Haus. "Das lässt nur einen Schluss zu: Sie wollen, Ihr wollt dass wir regieren! Ich auch!"  Sein früherer Chef hat, lange bevor er so weit war, am Zaun gerüttelt. Er aber sitzt seit elf Jahren drin, dieser Mann mit Eigenschaften. Hören wir, wie er seinen Willen zur Macht kund tut.

"Ich kenne das Kanzleramt von innen, gut und lange. Ich kenne die Stühle und Sessel. Besonders weich sind die nicht. Aber darum geht es nicht. Wer nicht nur meckern will, wer Zukunft gestalten will, wer gute Politik machen will für Deutschland, der muss regieren. Das will ich. Und zwar als Bundeskanzler. Dafür trete ich an." Der Wandel, an den wir glauben sollen, kommt aus der Mitte des laufenden Betriebs. Warum aber redet der Kandidat von den Stühlen und Sesseln? In der Tat geht es nicht darum, ob sie weich oder hart sind, wer meckert, warum oder auch nicht. Es geht ums Platzwegnehmen  – auf der Reise nach Jerusalem – vulgo zurück ins Kanzleramt.

"Wir waren unterwegs in Deutschland. Auf einer Reise mit vielen Stationen. Wir haben hingehört. Was die Menschen bewegt. Aber auch worauf sich ihre Hoffnungen richten, welche Zukunft sie für ihre Kinder und Enkel sehen. Was sie selbst gerade tun, damit die Dinge sich zum Besseren verändern. Ich habe viele Ideen mitgenommen. Und viele davon finden sich wieder in unserem Regierungsprogramm." So sollen sich die Lebenswelten wiederfinden in der Programmatik. Gestolpert bin ich über das "aber auch", als seien Hoffnungen ein Gefühl aus dem Permafrost. Sie sind die Valuta des Wahlkämpfers – Hoffnungen, die er weckt (und wieder einweckt).

"Ich denke an eine Frau aus Brandenburg, die fast im Alleingang in ihrer Stadt eine Tafel organisiert und dazu Hausaufgabenhilfe und Nachmittagsbetreuung für Kinder aus schwierigen Familienverhältnissen anbietet." Was hätten Favreau und Obama daraus gemacht! Sie gäben der Frau ihren Namen (nicht Joe Plumber), erzählten davon, was sie tut, gegen welche Widrigkeiten sie kämpft, was sie erreicht hat. Sie erzählten eine bewegende Geschichte. So aber bleibt die namenlose Frau eine Platzhalterin, ein Golem, der anpackt.

"In Stralsund habe ich Menschen getroffen, die Rechtsextremisten unerschrocken die Stirn bieten. Die in Schulen und Jugendzentren gehen, Projekte anbieten." So gut und tapfer das sein mag, auch hier ist die rhetorische Komposition bei der guten Absicht stehen geblieben. Wer sind diese Menschen? Was bieten sie für Projekte an? Auf welche Nachfrage stoßen sie? Die Sprache, mit welcher das Engagement beschrieben wird, ist so leer wie die Kassen, aus denen es finanziert wird. 

"Ich erinnere mich an ein Treffen mit Unternehmerinnen in Halle. Eine hat mir erzählt: "Ohne die hervorragenden Betreuungsangebote für Kinder hier hätte ich meinen Weg nicht machen können." Ich habe mir selbst angesehen, was die SPD-Oberbürgermeisterin Dagmar Szabados da geschaffen hat. Nicht nur ein fantastisches Kita-Angebot mit höchsten Ansprüchen, eine ganze Bildungsexplosion." In der Welt des Kandidaten sind die Menschen namenlos, nur sozialdemokratische Amtsträger nicht. Jede Investition in frühkindliches Lernen ist unendlich sinnvoller als Abwrackprämien. Was aber sollen wir uns unter einer "ganzen Bildungsexplosion" vorstellen?

"Was nehme ich mit von dieser Reise durch unser Land? Die Menschen wissen genau, worauf es ankommt. Sie wissen, dass das Leben kein Wunschkonzert ist. Sie wissen, dass uns die Krise in vielem zurückwirft. Aber sie packen an. Ich bin noch sicherer als vorher: Wir in Deutschland, wir werden es schaffen. Wir werden auch diese schwere und lange Krise gut bestehen. Wir schaffen das! Erst recht mit starker Sozialdemokratie."

So funktioniert Mainstreaming. Das Land scheint sozialdemokratischer, als "die Anderen" glauben – das wird dem Kandidaten nicht helfen. Er bleibt den Beweis schuldig. Obama hätte davon erzählt, was einzelne Leute in der Krise tun, wie sie anpacken, wenn ihr Alltag aus den Fugen gerät. Steinmeiers Dilemma wäre damit nicht gelöst. Sein Parteifreund, Krimileser und Finanzminister Peer Steinbrück wird in den nächsten Tagen vorstellen, wie er die toxischen Papiere der deutschen Banken in einer Bad Bank entsorgen will. Das bleibt ein Plan mit zu vielen Unbekannten. Während das Volk anpackt (mit ungewissem Ausgang), erlebt es eine fast ratlos wirkende und sich rar machende Führung. Die Kaiser sind nackt und können das mit Floskeln kaum bemänteln.

"Das ist die eine Seite. Die andere Seite gibt es auch: In unserem Land gärt es. Da hat sich sehr viel Wut und Empörung aufgestaut. Das Gerechtigkeitsgefühl in unserem Land ist tief verletzt. (…)  Ich bin sicher: Die Menschen in unserem Land wollen wieder mehr Respekt und Anerkennung. Mehr Gegenleistung für echte Anstrengung. Mehr Unterstützung, mehr Chancen und mehr Fairness der gesellschaftlichen Gruppen im Umgang miteinander! Das ist es, was unser Land sich wünscht! Diese Botschaft müssen wir in Politik verwandeln!"

Dieser Passage wird auch Herr Pofalla nicht widersprechen. Aber wie wird ein verletztes Gerechtigkeitsgefühl in Politik verwandelt? "Wir müssen ein Wirtschaftssystem wiederherstellen, in dem die Wirtschaft den Menschen dient. In dem die Wirtschaft ein verantwortlicher Teil der Gesellschaft ist. In der das Soziale in der Marktwirtschaft wieder erkennbar wird. Das ist unsere ursozialdemokratische Aufgabe!"  

Die folgenden Passagen, in welcher der Kandidat den status quo beschreibt, sein Programm vorstellt und erklärt, warum Deutschland in starker Verfassung in die Krise gegangen ist, wirken überzeugend. Da spricht der politische Manager und illustriert im Vergleich mit Amerika, was der Sozialstaat in der Krise leistet, ein Exportmodell, das andere gerne hätten. Hier wird der Kandidat präzise und misst sich an seinen Gegnern. Wie sehen ihre Antworten auf die Krise aus? Zurück zu den alten Regeln, wie es die Kanzlerin vorhabe, gehe nicht, die Krise sei mehr als ein Konjunktureinbruch. "Zu entscheiden ist, in welche Richtung unsere Gesellschaft künftig geht. Wir brauchen einen Fortschritt, der uns nicht in Sieger und Verlierer zerreißt. Einen Fortschritt, an dem alle teilhaben, der alle verbindet und sich für alle auszahlt. Das ist unsere Aufgabe! Das ist es, wofür ich Kanzler werden will. Und dafür brauche ich Euch! "

Der Ausblick versöhnt, das sozialdemokratische Bild des Zusammenhalts wird beglaubigt, der Redner synchronisiert sein Programm mit den vielen Initiativen der Zivilgesellschaft, da findet er seine neue Mitte. "Ich bin überzeugt: Wir erleben gerade eine Zeitenwende. Aber das ist noch nicht das letzte Wort. Denn die Richtung für das kommende Jahrzehnt ist noch nicht festgelegt. Die entscheiden wir, wir alle. (…) Ich setze auf die vielen, die gerade neu nachdenken. Über Prioritäten im Leben, über Werte und Maßstäbe. (…) Ich möchte, dass unsere Kinder etwas Anderes lernen: Dass es im Leben mehr gibt als nur Sieger und Verlierer. Und dass in unserem Land jeder, der hinfällt und wieder aufsteht, eine neue Chance bekommt. Und dass wir gemeinsam verantwortlich sind, dass Chancen immer wieder neu entstehen!"

Der Kandidat stimmt seine Zuhörer auf harte Zeiten ein, die Krise sei noch lange nicht überwunden. "Wir alle spüren das Unbehagen, das uns bei den Dimensionen dieser Krise beschleicht. Ich mache Euch nichts vor. Es hat erst begonnen. Wir sind lange nicht durch. Vor uns liegt eine anstrengende, risikoreiche Zeit, und sie wird uns manches Opfer abverlangen."

So schlägt der Kandidat einen Ton an, hinter den auch das eigene Wahlprogramm nicht zurückfallen kann. Die Zeitenwende erlaubt keine Versprechungen, allenfalls solidarisch verteilte Lasten. Noch bewegen sich die Umfragewerte für die SPD deutlich unter 30 Prozent. Aber ihr Kanzlerkandidat hat ziemlich souverän eine Fallhöhe definiert, für die bürgerlichen Parteien ebenso wie die sogenannte Linke.

Kleine atmosphärische Aussetzer (meine Damen und Herren) und das gelegentliche Schrödern im Kehlkopf verschleifen sich. Der Kandidat hat seine verwinkelte Juristenprosa abgelegt, kann nun auch kurze Sätze. Manchmal blitzt sie noch durch, dann erinnern wir uns an Arhur Gordon Pyms Lächelungen und wissen, dass wo Not am Mann ist, nicht immer Rettung naht. Der Steinmeier-Sound kann noch ein bisschen näher zu den Menschen kommen.

Auch wenn das der Claim von Kurt Beck war, wird er nicht falsch.

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