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Archiv für 23. Juni 2009

Freak in Versailles

23. Juni 2009

Der französische Präsident Nicolas Sarkozy hat gestern eine Rede gehalten. Er hat – die Krise vor Augen – mit einer Tradition gebrochen, die es dem Präsidenten seit 1875 verwehrte, vor beiden Häusern des Parlaments persönlich zu sprechen. Dazu wurde im vergangenen Jahr die Verfassung geändert.

Anders als Madame Merkel, die es für ausreichend hält, davon zu reden, dass man gestärkt aus der Krise hervorgehen werde, zeigt sich Nicolas Sarkozy zu Beginn dieser Rede so nachdenklich wie radikal: la crise nous rend plus libres d´imaginer un autre avenir.

Ohne aber diese Idee weiter zu vertiefen, beschwört er den französischen Weg, die französischen Werte, das Vermächtnis der Résistance. Der Graben zwischen den Ideen und der sozialen Wirklichkeit vertiefe sich seit Jahren. Wie komme es, dass  Zukunft als Bedrohung und kaum noch als Versprechen wahrgenommen werde?

Ehe wir uns versehen, jagt der große Staatsmann nun von einem Thema zum anderen. Die Logik hinter der rhetorischen Springprozession ist willkürlich. Der Pomp des Palastes von Versailles verführt zu einer pompösen Glossolalie. Gerade spricht er von dem laizistischen Respekt vor allen Religionen. Schon kämpft er wie ein Torero gegen die Burka

Je veux le dire solennellement, la burka n’est pas la bienvenue en France. Nous ne pouvons pas accepter dans notre pays des femmes prisonnières derrière un grillage, coupées de toute vie sociale, privées de toute identité. Ce n’est pas l’idée que nous nous faisons de la dignité de la femme.

Hat Mme. Bruni ihn dazu inspiriert? Der nächste Hüpfer bringt uns zur Bildungspolitik. Dass es keine Freiheit ohne Regeln gebe. Dass das kulturelle Copyright zu schützen sei. Dass auch das Internet Regeln brauche. Dass die französischen Gefängnisse eine Schande seien.  Zackzack kommt er zurück zu seinem Dauerthema: Was die Politik der letzten Jahrzehnte versäumt habe usw…

Der Leser und Zuschauer schleicht wie betäubt davon. Wir haben einer surrealistischen Operation am Leib der Marianne beigewohnt. Die Zutaten entspringen der emotiven Métro des schäumenden Louis-Ferdinand Céline, Kurt Tucholskys älterem aber leicht besoffenen Herrn, Charlie Chaplins großem Diktator, Roman Herzogs Ruckrede und der innigen Sehnsucht des französischen Präsidenten, in der Reihe der großen politischen Redner unserer Zeit seinen eigenen Platz zu finden.

Er hat ihn längst. Was für ein Freak! 

PS einen Tag später: Schauen Sie sich das Video an. Wie Sarkozy an der Garde vorbei…. nein, nicht schreitet, auch nicht stolpert, aber einen modus movendi zeigt, der irgendwo zwischen Buster Keaton, Monsieur Hulot und John Wayne liegt, von allem etwas, ich vermeide, den Namen eines berüchtigten deutschen Hinkefußes hinzuzufügen, aber der war auch drin.

Ich vermied es, auf die fiskalpolitischen Äußerungen Sarkozys einzugehen. Er hat unter dem Eindruck der Krise mit dem Versprechen einer rupture gebrochen, macht also einen Salto in die Politik zurück, die er überwinden wollte.

In den wirren rhetorischen Stil (man könnte ihn postpotent nennen) fügen sich die Bemerkungen zum Haushaltsdefizit und der sozialen Sicherung ein wie unbewohnbare Inseln in einen sturmbewegten Ozean – das einzige, auf das die Franzosen bis auf weiteres bei diesem Mann bauen können.

Im Vergleich zu diesem Auftritt erscheinen die Indifferenzprosa und Nüchternheit unserer Kanzlerin wie eine Wohltat. Da haben sich zwei gefunden, deren Klammern an der Staatsraison  der deutsch-französischen Freundschaft Haltung bewahren hilft.

Mehr aber auch nicht.

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