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Archiv für Oktober, 2009

Kurtz dankt ab …

30. Oktober 2009

Diese Geschichte ist Material für einen großen Film. Oder einen Roman. Oder eine Enthüllungsstory. In zehn Jahren Stoff für ein Remake von Francis Ford Coppolas Apocalypse Now. Der Basisstoff bleibt Joseph Conrads Erzählung Heart of Darkness. Die Adaption spielt in der afghanischen Provinz Zahul. Dort demissionierte vor kurzem ein hochdekorierter Marinesoldat und Aufbauhelfer.

Kurtz heißt in diesem Fall Matthew Hoh. Er braucht nicht aus seinem Verhau geholt zu werden. Er dankt ab. Wie er sich beschreibt, bestätigt und widerruft zugleich die literarische Blaupause seiner Rolle als Wiedergänger von Joseph Conrads Kongo-Kurtz: "I’m not some peacenik, pot-smoking hippie who wants everyone to be in love," Hoh said. Although he said his time in Zabul was the "second-best job I’ve ever had," his dominant experience is from the Marines, where many of his closest friends still serve. (…) "There are plenty of dudes who need to be killed," he said of al-Qaeda and the Taliban. "I was never more happy than when our Iraq team whacked a bunch of guys."

In einer rhetorischen Kultur, die nichts mehr schätzt als die individuelle Story, das persönliche Schicksal als Chance dafür, ein Problem zu illustrieren, klingt diese Geschichte fast wie bestellt. Hoh sagt über den Afghanistankrieg:  "I want people in Iowa, people in Arkansas, people in Arizona, to call their congressman and say, ‘Listen, I don’t think this is right.’ " Welchen Nutzen wird Barack Obama aus dieser Geschichte ziehen, wenn er seine Afghanistan-Strategie vorstellt?

Herr Hoh hat die Chance, eines Tages ein Nachfolger des jungen John Kerry genannt zu werden.

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Count Down

29. Oktober 2009

Noch im November, vielleicht schon in der nächsten Woche, werden wir erfahren, welche Entscheidung Obama über den Afghanistan-Krieg trifft. Symbolisches Zeichen dafür, dass er das Land auf härtere Zeiten einstimmt, ist der Besuch des Luftwaffenstützpunktes Dover in Delaware, wo die gefallenen Soldaten eingeflogen werden. Heute, am frühen Morgen, erwies Obama fünfzehn gefallenen Soldaten und drei Drogenfahndern die letzte Ehre.

Am Montag dieser Woche sprach er in Florida zu Marinesoldaten. Ihnen sagte er, dass er sich die Entscheidung nicht leicht mache, Soldaten in Kampfeinsätze zu schicken. Auch der Tonfall dieses Grußwortes klang so, als habe er sich entschieden.

Letzte Details werden gerade recherchiert. Die Frage klingt nach dem erfahrenen community organizer aus Saul Alinskys Schule: Wer sind in den afghanischen Provinzen verlässliche Partner?

Dass Hamid Karsais Bruder auf der payroll der CIA steht, hat die Legitimität der amerikanischen Partner im eigenen Land nicht gerade verbessert. Wer steckt hinter der Indiskretion – und welches Ziel verfolgt sie?

Die jüngsten Berichte aus Kabul klingen wie aus dem 30-jährigen Krieg. Es sind viele Truppen, Söldner, Bodyguards und sogenannte Sicherheitskräfte unterwegs. Ihre Präsenz kann ein Attentat wie das auf die UN-Mitarbeiter nicht verhindern. Ihre Präsenz gibt den Angreifern die Deckung.

Mehr Soldaten werden kaum etwas daran ändern. Die Stimmen mehren sich, die Obama dazu raten, den Schaden zu begrenzen. Andere setzen auf eine Kopie der Surge-Strategie, die in Irak erfolgreich gewesen sei.

Es kann sein, dass der community organizer Obama in eine Rationalitätsfalle tappt. Die Frage nach verlässlichen Partnern in den Provinzen klingt danach. Sie ist eine Frage, die in Washington und in Berlin vernünftig wirkt. Wie immer die Antworten aussehen – sie sind mit einer anderen Logik von afghanischen Loyalitäten konfrontiert, die nichts mit den amerikanischen Kriterien von Verlässlichkeit zu tun haben.

Common ground kann sich rasch in Morast verwandeln.

ergänzt 301009

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Würdelos

28. Oktober 2009

Die neue Regierung ist noch nicht im Amt. Auf ihrem Weg dahin hat sie einen Scherbenhaufen angerichtet. Die drei Parteien und ihr Personal werden in den kommenden vier Jahren mehr damit beschäftigt sein, diese Scherben aus dem Weg zu räumen, als ihren Koalitionsvertrag umzusetzen. Sie sind selbst daran schuld.

Aber so ist das, wenn Parteien nach vielen langen Jahren der Opposition in der Gegenwart ankommen. So war das auch bei der SPD 1998. Komischerweise hat die SPD das Theater sogar noch bei den Koalitionsverhandlungen 2002 wiederholt: nach unerwartet gewonnenen Wahlen zurückzufallen in den Modus der Querulantenpost.

Dieses Mal betrachten wir zwei Personalien, bei denen Frau Merkel selbst eine Rolle spielt: weil sie etwas nicht verhindert hat und weil sie etwas befördert hat. Dirk Niebel wird in seinem Ministerium gewiss nicht mit Sehnsucht erwartet. Wer aber erinnert sich noch an den G8-Gipfel in Heiligendamm? An die Versprechen, die Entwicklungshilfe massiv auszubauen? Wer erinnert sich an Angela Merkels und Horst Köhlers Staatsbesuche in Afrika?

Wenn demnächst der Fallschirmjäger Niebel dort aufschlägt, fangen wir an, Fotos und Geschichten zu sammeln. Mag sein, dass er uns auf eine Weise überrascht, die wir noch nicht ahnen. Aber darum geht es nicht. Niebel hat nicht, wie Gerhard Schröder von Gedöns geredet, weil er ein Politikfeld nicht sonderlich wichtig fand. Er hat für die Abwicklung plädiert. Das heißt, wir haben demnächst die Gelegenheit, einen Insolvenzverwalter an Bord eines handlungsfähigen Bundesministeriums zu erleben, der es als sein persönliches Parteisoldatenziel betrachtet, dass aus der ihm anvertrauten Insolvenzmasse nichts wird.

Die andere Personalie ist nicht so sehr ein Skandal, weil da vorausschauende regionale Wahlpolitik betrieben wird. Niemand wird dem Wirtschaftsprüfer Oettinger die Fähigkeit absprechen, Zahlen lesen und verstehen zu können. Sein kommunikatives Handicap spielt auch keine Rolle. Wenn man ihn vergleicht mit dem Präsidenten der Kommission, dann stehlen die beiden sich nichts.

Unerfreulich ist dabei etwas ganz Anderes, und da verwundert die Kurzsicht der Bundeskanzlerin sehr. War sie es doch selbst, die ihrem Parteifreund in die Parade grätschte, als der an dessen Grab den Nazimarinerichter Filbinger zu einem Widerstandskämpfer honoris causa ernannte. Darüber werden sich die europäischen Partner im alten wie im neuen Europa freuen (abgesehen davon, wie Herr Juncker zu Recht bemerkte, dass es vertragswidrig ist, wenn irgendein europäischer Politiker die Geschäftsordnung der Kommission missachtet).

Im Gegensatz zum Turteltäubchen Verheugen, dem auch niemand die Kompetenz absprach, besitzt diese Personalie ein Geschmäckle mit langem Abgang.

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Asymmetrie

25. Oktober 2009

Diese Adresse gehört zur Pflichtlektüre, wenn man verstehen will, was in Afghanistan passiert, was auf dem Spiel steht – und welche Fragen gestellt werden müssen, wenn unser neuer Verteidigungsminister die deutsche Afghanistan-Strategie vorstellt.

Die Asymmetrie des Konflikts hat nichts mit den Waffen und ihrem Gewicht zu tun oder mit den Bürden gegen einander Krieg führender Kulturen.

Es ist ein Krieg der Sanduhr gegen die Ewigkeit.

Die Entscheidung des Komitees in Oslo, Obama mit dem Friedensnobelpreis auszuzeichnen, hätte zu keinem besseren Zeitpunkt erfolgen können. Mit dieser Hypothek von Vorschusslorbeeren im Gepäck ist die Aussicht darauf besser geworden, dass in den kommenden Wochen und Monaten die richtigen Fragen gestellt und keine vorschnellen Antworten gegeben werden.

 

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Discovery Is In Our DNA

25. Oktober 2009

Barack Obama besuchte am Donnerstag das MIT, eine Gelegenheit wie geschaffen dafür, die Herausforderungen in den Blick zu rücken, vor denen nicht nur Amerika steht – vor den Talenten, die sie lösen werden. "So the truth is, we have always been about innovation, we have always been about discovery. That’s in our DNA. The truth is we also face more complex challenges than generations past. (…) Now, while the challenges today are different, we have to draw on the same spirit of innovation that’s always been central to our success."

Schon im Januar haben wir hier davon gesprochen, dass Obama mit seiner Klimapolitik eine neue Sicherheitsdoktrin vorbereitet. Im MIT verkündet er das Ergebnis: "The Pentagon has declared our dependence on fossil fuels a security threat. Veterans from Iraq and Afghanistan are traveling the country as part of Operation Free, campaigning to end our dependence on oil — (applause) — we have a few of these folks here today, right there. (Applause.) The young people of this country — that I’ve met all across America — they understand that this is the challenge of their generation."

Die Jugend des Landes, seine Wählerinnen und Wähler haben das besser verstanden als mancher in die Jahre gekommene Politiker in Washington DC. So beflügelt Obama die früheren Kollegen im Senat, das Klimaschutzgesetz voran zu bringen. An seiner Seite stand am Donnerstag Senator John Kerry, die neue Lichtgestalt der amerikanischen Politik, der gerade erst den afghanischen Präsident Karsai davon überzeugt hat, sich einer Stichwahl zu stellen und der die Feder bei dem Klimaschutzgesetz des Senats führt.

Der Ort von Obamas Rede war seine überzeugendste Botschaft: "Es gibt keinen Grund für Pessimismus, keinen Grund, an unserer Fähigkeit zu zweifeln, Probleme zu lösen. Wo, wenn nicht hier, sehen wir, wie weit wir kommen können." Da braucht er es mit technikgeschichtlichen Fakten nicht genau zu nehmen.

Den gleichen Geist beschwört Obama in seiner wöchentlichen Videoansprache: "This country was built by dreamers. They’re the workers who took a chance on their desire to be their own boss. The part-time inventors who became the fulltime entrepreneurs. The men and women who have helped build the American middle class, keeping alive that most American of ideals – that all things are possible for all people, and we’re limited only by the size of our dreams and our willingness to work for them. We need to do everything we can to ensure that they can keep taking those risks, acting on those dreams, and building the enterprises that fuel our economy and make us who we are."

Es gibt eine seltsame Diskrepanz zwischen der Obamarezeption in manchen deutschen Medien und der tatsächlichen Entwicklung, die er in seinem Land auf den Weg bringt. Hier erwecken manche Leute den Eindruck, dass Obama nur eine Silberzunge, ein Phrasendrescher, eine schuldenmachende Bürde der Politik sei – aber hinter ihrem Ressentiment lauert durchaus wahrnehmbar Neid. Sie setzen wie Obamas Gegenspieler in der amerikanischen Innenpolitik auf sein Scheitern, damit auch hier sich nichts ändert. Das wirkt nicht sehr weitsichtig und bläst in das gleiche Horn wie Georg Kreislers Lied:

 

 

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