Kraft zum Mut
Bundespressekonferenz am Morgen nach der Einigung über den schwarz-gelben Koalitionsvertrag. "Wir haben die Kraft zum Mut", sagt die Bundeskanzlerin, deren Partei mit dem Slogan "Wir haben die Kraft" in den Wahlkampf gezogen ist.
Nun haben sie Kraft zum Mut. Die Formel klingt nach Sepulchralkultur, eher nach traurigem Abschiednehmen (z.B. von lieb gewordenen Gewohnheiten, wie Herr zu Guttenberg kürzlich bemerkte), als nach beherztem Anfang und Aufbruch.
Da unsere Bundeskanzlerin wie der Autor dieses Blogs aus einer Pfarrersfamilie kommt, wäre auch an die Epheser 3,14 Predigt von Karl Barth aus dem Jahr 1939 zu erinnern: "und wie vollständig diese Worte gerade von dem reden, was uns heute nötig und heilsam ist. Nicht wahr, wir haben heute viel innere Kraft nötig? Kraft der Überzeugung und des Charakters, Kraft der Nerven auch ganz einfach und Kraft des Herzens, Kraft zum Mut in einer Zeit und Lage, die uns Furcht einflößen möchte, Kraft zum Treusein und Aushalten eines jeden auf seinem Posten, den zu halten vielleicht nun schwer und immer schwerer wird, Kraft zur Geduld für die Zeit des langen und unsicheren Wartens".
Das ist der symbolische und semantische Kontext der Formel. Mut ist knapp in Zeiten der Krise, stünde also hoch im Kurs. Kraft zum Mut aber ist Selbstermächtigung, ein bisschen Münchhausen und Alchemie stecken neben aller Theologie also auch drin.
Wer Kraft zum Mut beschwört, denn das ist eine Beschwörungsformel, der ahnt, dass nichts Gutes auf ihn zukommt. Wie diese Krise aber aussieht, die es erforderlich macht, mit Kraft zum Mut einen weiteren Schutzschirm aufzuspannen, darüber möchten diese Politiker auch nach der fast wortlos gewonnenen Wahl nicht reden.
Das ist kein guter Auftakt.


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