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Archiv für Dezember, 2009

Kollateralnutzen?

30. Dezember 2009

Bundesminister Dirk Niebel missbraucht sein Amt für die Pflege persönlicher Ressentiments. Vordergründig klingt das Vorhaben vernünftig: den zivilen Aufbau in Afghanistan mit dem Bundeswehreinsatz zu verknüpfen. In den letzten Monaten wurde berichtet, dass viele Aufbauhelfer aus Sicherheitsgründen ihre afghanischen Quartiere kaum mehr verließen, also buchstäblich ihre Aufgabe nicht erfüllen konnten.

Herr Niebel aber stellt den Sachverhalt auf den Kopf: "Wenn einige Nichtregierungsorganisationen eine besondere Bundeswehrferne pflegen wollen, müssen sie sich andere Geldgeber suchen", sagte er der Deutschen Presse-Agentur.

Herr Niebel hat keinen Umerziehungsauftrag. Nebenbei diskreditiert er eine vom eigenen Haus gerade erst mit großem Aufwand gestartete Kommunikationskampagne, die das zivilgesellschaftliche Engagement deutscher Hilfsorganisationen würdigt.

Die Flecktarnrhetorik der Militärs hat den Begriff des Kollateralschadens in Verkehr gebracht. Fallschirmjäger Niebel will durch sein Junktim offenbar Kollateralnutzen stiften. Der Flecktarn aber stimmt auch hier den Ton an.

Denn den Schaden haben andere. So sieht liberale Schadenfreude aus. Schäbig.

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Afghanistan, Allgemein

Sicherheitskräfte

29. Dezember 2009

In China, in Russland, im Iran, in den Niederlanden – wo auch immer in der Welt diese Leute ihren Job ausüben und wie sie das tun, scheint vielen Medien piepegal zu sein: Sie werden "Sicherheitskräfte" genannt – Revolutionsgarden in Teheran, Milizen in Moskau, chinesische Milizen in Tibet oder auch Flughafenpersonal in Schiphol.

Nach dem vereitelten Attentat an Bord des Northwest Flugs 253 stehen die "Sicherheitskräfte" vor neuen Herausforderungen. Die europäische Debatte über Nackscanner wirkt im Vergleich zu dem, was bald der Fall sein könnte, harmlos. So lange die Technologie nicht überall verfügbar ist, um Sprengstoff an und in den Leibern von Passagieren zu entdecken, werden die Sicherheitskräfte auf den Flughäfen die Leute von Kopf bis Fuß abtasten, auch da, wo man nicht gern abgetastet wird, jedenfalls nicht auf dem Flughafen, nicht von dieser Sicherheitsperson.

Der Attentäter hatte den Sprengstoff in seiner Unterhose befestigt. Wie gehen unsere Sicherheitspolitiker auf das Thema ein? Wie redefinieren sie Zumutbarkeitsgrenzen? Wie vermitteln sie das der Öffentlichkeit?

Norbert Elias hat den Prozess der Zivilisation als Ausbildung von Peinlichkeitsschwellen beschrieben. Es kann sein, dass der weltweite Sicherheitsstaat zu unserem Schutz darauf bestehen wird, unsere Peinlichkeitsschwellen robust wieder anzuheben.

Erlaubt ist dann, was nicht gefällt – auch wenn das von Fall zu Fall anders erlebt werden könnte.

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Allgemein

Biedermeier reloaded

28. Dezember 2009

Das Interview mit Professor Norbert Walter ist wie der Kontrapunkt zu Paul Krugmans heutiger Glosse. Beide Beiträge verabreichen eine gut versteckte rhetorische Lektion.

Während der eine, Krugman, zurückschaut und das ökonomische Fazit der Nullerjahre zieht, als hätte er den Text auf deutsch gedacht: das Jahrzehnt habe nichts gelernt und nichts gewonnen, es fehlte nur noch das zerronnen, dann wäre die Kolumne ein Prosa-Gedicht, schaut der andere, Walter, nach vorn (in Deutschland eine besonders prekäre Übung) und sagt uns ungemütliche Zeiten voraus.

Das Wort gemütlich hat es so spät in die deutsche Sprache gebracht, dass es auf Englisch genauso heißt: gemuetlich. In der historischen Analyse der Brüder Grimm wird es in Nachbarschaft zum Mut gebracht, ehe es im späten 18. Jahrhundert seine ambivalente Bedeutung gewinnt: die Strenge des Denkens scheuen, dem Ernst des Lebens aus dem Wege gehen. In die Frühgeschichte des Worts ist die Warnung vor seinem Missbrauch eingebaut.

Die Warnung gilt auch für das Gegenteil: ungemütlich. Aus der fernen Vergangenheit fehlt der Mut, den man in ungemütlichen Zeiten besonders braucht. Norbert Walter beklagt sich darüber, dass die Unternehmensberatung, die er mit seinen Töchtern eröffnen wolle, drei Monate auf die Büromöbel warten müsse. Der Seher, der auf ungemütlich setzt, möchte das von behaglichem Posten aus tun.

Die terms of trade klingen nach Biedermeier reloaded. Kann sein, dass die Mode wieder umständlich und unbequem wird. Kann sein, dass die politische Rhetorik auf Augenwischerei, Tarnen, Tricksen, Täuschen, auf Wachstumsbeschleunigung in der Talfahrt setzt, während für die Salons Anstand, Achtsamkeit, Ehrbarkeit gepredigt wird. Kann sein.

Dann aber wächst der Vormärz auch. Sind seine Lektionen dieses Mal lehrreicher? Kann sein.

 

 

 

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Allgemein, Politische Rhetorik ,

Brüderle (3)

28. Dezember 2009

Vor zwei Wochen fragte ich bei der Pressestelle des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie nach, warum seit dem Amtsantritt Rainer Brüderles keine einzige Rede des neuen Ministers dokumentiert sei.

Kurz darauf erhielt ich einen Anruf aus der Pressestelle. Man teilte mir bedauernd mit, dass die Reden "nicht freigegeben seien". Redet der Herr Minister so frei, dass er die Ergebnisse seiner Redekunst nicht freigeben will? Oder nicht kann? Oder weder will noch kann?

Schon sein Vorgänger zu Guttenberg hat zwischen Februar und Juli 2009 bloß drei Reden dokumentiert. Regierungssprecher Wilhelm sollte die Leitung des BMWi durch Verweis auf gute Beispiele (etwa die Bundeskanzlerin) daran erinnern, dass es zu den Selbstverständlichkeiten gehört, alle Reden der Minister unverzüglich zu dokumentieren. Nicht zeitnah. Nicht irgendwann. Sondern sofort. Das können andere auch.

Es gibt Spracherkennungssoftware, die auch frei gedrechseltes Pfalz-Patois in lesbare Dokumente verwandelt.

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Allgemein ,

Frohes Fest !

23. Dezember 2009