
Wörter haben, wie Bücher, ihre Geschichte. Je älter sie sind, desto weiter führen sie uns zurück, manchmal bis in die Vorgeschichte, vor jeder Geschichtsschreibung, immer wieder besonders aber in Geschichten von Krieg und Frieden.
Diese Eigenschaft liegt bei lateinischen Ausdrücken nah. Das wissen Historiker. Umso erstaunlicher finde ich es, dass in diesen Tagen, in denen fast keine Stellungnahme der Bundeskanzlerin oder des famosen Lateinschülers und Dekadenzkritikers Guido Westerwelle über die Sender geht, in denen nicht die europäische Beistandshymne von der "ultima ratio" angestimmt wird, die lateinkundigen Historiker sich nicht zu Wort melden, um daran zu erinnern, welcher semantischen Logik die "ultima ratio" zuzurechnen ist. Beethovens "Freude, schöner Götterfunken" ist ein Fall für den Deutschlandfunk, täglich um 23:59h. Die Militärkapellen kaprizieren sich jetzt auf tosenderes Blech. Wie ihre Chefs in Berlin.
Sehen wir uns etwas um und horchen nach, wo der Song von der "ultima ratio" ertönt. Für die Bundesfamilienministerin ist es die Frauenquote in deutschen Aufsichtsräten. Die deutsche Zivilgesellschaft kennt Streik, Wohnraumüberwachung, Kündigungen, aktive direkte Sterbehilfe, Sex, Abfalldetektive, die Kürzung von Sozialleistungen, das Einfangen oder den Abschuss von Problembären, das Sitzenbleiben in der Schule oder die Absetzung einer islamkritischen Oper als Beispiele der "ultima ratio".
So umfassend, so bestürzend, so banal sieht das semantische Umfeld aus. Latein vergessen, seins- und geschichtsvergessen.
Die Aussage der Bundeskanzlerin, finanzieller Beistand für Griechenland sei – unter der Voraussetzung einer harten griechischen Sparpolitik – die ultima ratio der Euro-Länder, klingt nach staatsfraulicher Vernunft.
Wie immer, wenn Angela Merkel Zuflucht zu fremden Sprachen und Wörtern sucht (die ihre Mutter lehrte), lohnt es sich nachzuprüfen, in welchen anderen politisch bedeutsamen Fällen diese letzte Zuflucht, dieser letzte Ausweg, der Weisheit letzter Schluss eine Rolle spielten.
Tatsächlich wirft die "ultima ratio" in der europäischen Politik einen langen Schatten. Die Idee geht auf Calderons Stück "In diesem Leben ist alles wahr und alles Lüge" zurück (zwar ein Stück aus dem 17. Jahrhundert, aber als hätte er die heutige Krise beschrieben). Pulver und Kugeln seien im Krieg "ultima razon de reyes", das letzte Mittel der Könige, schreibt Calderon. Ludwig XIV griff die Idee auf und ließ auf seine Kanonen "ultima ratio regum" gravieren. Friedrich der Große folgte 1742 dieser Tradition mit der Inschrift "ultima ratio regis". Er setzte den Singular an die Stelle des Plurals.
In dem europäischen Ungleichgewicht verkaufen Deutsche und Franzosen schwere Waffen an die Griechen. Auguren unken darüber, dass die von den Griechen geforderten Sparprogramme (als Vorleistung für die "ultima ratio") das Land in einen Bürgerkrieg treiben könnten. Das wäre nicht der erste Bürgerkrieg in Griechenland nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.
Das ist die kalte Logik hinter dem Gebrauch des Wortes von der "ultima ratio". Das Wort prägt eine rhetorische Kultur der Distanzwaffen. In Angela Merkels Diktion tragen die Kanonen noch Schlafrock. Zerstörerisch könnte ihre "ultima ratio" trotzdem werden.
Wörter haben, wie Bücher, ihre Geschichte. Je älter sie sind, desto weiter führen sie uns zurück, manchmal bis in die Vorgeschichte, vor jeder Geschichtsschreibung, immer wieder besonders aber in Geschichten...
admin Allgemein, Angela Merkels Rhetorik, Finanzkrise, Politische Rhetorik Angela Merkel, Calderon
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