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Archiv für April, 2010

Versuch über Heuchelei (8): Brüning zu Lasten anderer Länder

29. April 2010

Wer in diesen Tagen den Versuch unternimmt, neben den einschlägigen deutschen Pflichtblättern und Sendungen die internationalen Medien zur Euro-Krise zu lesen, reibt sicht verwundert die Augen darüber, wie unzureichend die deutschen Medien über die tatsächlichen Dimensionen der Krisenentwicklung informieren.

Warum erzählen die Tagesthemen am Mittwochabend nichts darüber, dass Auktionen für den Verkauf von kurzfristigen italienischen und spanischen Staatsanleihen am Dienstag mangels Nachfrage leer ausgingen? Warum berichtet niemand Mehr…

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Fundsachen: Kein Fass ohne Boden aufmachen

28. April 2010

Der Mann, den die Protokollabteilung des Bundesverteidigungsministeriums beim Trauerakt in Ingolstadt in die 14. Reihe setzen wollte und der nur durch Intervention der Bundeskanzlerin schließlich zwölf Reihen nach vorne gelangte, sagte bei einem Treffen mit den Außenministern Frankreichs, Polens und der Ukraine in Bonn, es dürfe "kein Fass ohne Boden aufgemacht werden".

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Versuch über Heuchelei (7): Ultima Ratio

27. April 2010

Wörter haben, wie Bücher, ihre Geschichte. Je älter sie sind, desto weiter führen sie uns zurück, manchmal bis in die Vorgeschichte, vor jeder Geschichtsschreibung, immer wieder besonders aber in Geschichten von Krieg und Frieden.

Diese Eigenschaft liegt bei lateinischen Ausdrücken nah. Das wissen Historiker. Umso erstaunlicher finde ich es, dass in diesen Tagen, in denen fast keine Stellungnahme der Bundeskanzlerin oder des famosen Lateinschülers und Dekadenzkritikers Guido Westerwelle über die Sender geht, in denen nicht die europäische Beistandshymne von der "ultima ratio" angestimmt wird, die lateinkundigen Historiker sich nicht zu Wort melden, um daran zu erinnern, welcher semantischen Logik die "ultima ratio" zuzurechnen ist. Beethovens "Freude, schöner Götterfunken" ist ein Fall für den Deutschlandfunk, täglich um 23:59h. Die Militärkapellen kaprizieren sich jetzt auf tosenderes Blech. Wie ihre Chefs in Berlin.

Sehen wir uns etwas um und horchen nach, wo der Song von der "ultima ratio" ertönt. Für die Bundesfamilienministerin ist es die Frauenquote in deutschen Aufsichtsräten. Die deutsche Zivilgesellschaft kennt Streik, Wohnraumüberwachung, Kündigungen, aktive direkte Sterbehilfe, Sex, Abfalldetektive, die Kürzung von Sozialleistungen, das Einfangen oder den Abschuss von Problembären, das Sitzenbleiben in der Schule oder die Absetzung einer islamkritischen Oper als Beispiele der "ultima ratio".

So umfassend, so bestürzend, so banal sieht das semantische Umfeld aus. Latein vergessen, seins- und geschichtsvergessen.

Die Aussage der Bundeskanzlerin, finanzieller Beistand für Griechenland sei – unter der Voraussetzung einer harten griechischen Sparpolitik – die ultima ratio der Euro-Länder, klingt nach staatsfraulicher Vernunft.

Wie immer, wenn Angela Merkel Zuflucht zu fremden Sprachen und Wörtern sucht (die ihre Mutter lehrte), lohnt es sich nachzuprüfen, in welchen anderen politisch bedeutsamen Fällen diese letzte Zuflucht, dieser letzte Ausweg, der Weisheit letzter Schluss eine Rolle spielten.

Tatsächlich wirft die "ultima ratio" in der europäischen Politik einen langen Schatten. Die Idee geht auf Calderons Stück "In diesem Leben ist alles wahr und alles Lüge" zurück (zwar ein Stück aus dem 17. Jahrhundert, aber als hätte er die heutige Krise beschrieben). Pulver und Kugeln seien im Krieg "ultima razon de reyes", das letzte Mittel der Könige, schreibt Calderon. Ludwig XIV griff die Idee auf und ließ auf seine Kanonen "ultima ratio regum" gravieren. Friedrich der Große folgte 1742 dieser Tradition mit der Inschrift "ultima ratio regis". Er setzte den Singular an die Stelle des Plurals.

In dem europäischen Ungleichgewicht verkaufen Deutsche und Franzosen schwere Waffen an die Griechen. Auguren unken darüber, dass die von den Griechen geforderten Sparprogramme (als Vorleistung für die "ultima ratio") das Land in einen Bürgerkrieg treiben könnten. Das wäre nicht der erste Bürgerkrieg in Griechenland nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Das ist die kalte Logik hinter dem Gebrauch des Wortes von der "ultima ratio". Das Wort prägt eine rhetorische Kultur der Distanzwaffen. In Angela Merkels Diktion tragen die Kanonen noch Schlafrock. Zerstörerisch könnte ihre "ultima ratio" trotzdem werden.

 

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Death By Powerpoint

27. April 2010

"Wenn wir dieses Chart endlich verstanden haben, haben wir den Krieg gewonnen", witzelt der amerikanische Oberbefehlshaber in Afghanistan, General Stanley A. McChrystal.

Der Artikel aus der New York Times ist lesenswert.

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Versuch über Heuchelei (6): Something awful could happen

27. April 2010

Die Debatte um die Regulierung der Finanzmärkte kommt in die heiße Phase. Gestern habe ich darüber am Beispiel von Barack Obamas Rede in New York einen Beitrag vom Donnerstag aktualisiert.

Eine Meldung vom 23. April gibt der Diskussion einen blitzlichtgleichen Einblick in die Technik des Machtspiels. Die Financial Times berichtete über besorgte anonyme Insider. Sie barmen darüber, dass ausgelöst durch die SEC-Ermittlungen gegen Goldman Sachs, "etwas Schreckliches passieren könne".

Es passiert selten, dass Insider so offen damit drohen, was sie an Verheerungen anrichten können. Der Bericht der Financial Times ist unter medienpolitischen Aspekten genauso interessant. Die Zeitung betätigt sich nicht als unparteiischer Chronist und Analytiker.

Sie übermittelt eine Drohung. Darauf aufmerksam machte mich dieser kleine Artikel in der Columbia Journalism Review.

Die Drohung erfolgt zu einem Zeitpunkt, zu dem zwei Zeitzünder im Begriff sind, scharf gestellt zu werden: die anstehende Refinanzierung von gewerblichen Immobilienprojekten und die sich beschleunigende Spekulation auf eine griechische Insolvenz.

Das ist im übrigen auch der Grund dafür, dass ein anderer Beobachter an das Jahr 1931 und die Insolvenz  der Creditanstalt erinnert.

In der Besorgnis des anonymen Gewährsmanns der Financial Times findet ein Rollenspiel Ausdruck. Die Drohung funktioniert wie im Film "Der Pate". Der anonyme Consigliere hat einen Vorschlag gemacht, den die SEC ernst nehmen sollte.

Allerdings wäre das auch Thema für eine Fallstudie über journalistische Ethik. Die steht auf einem anderen Blatt.

 

 

 

 

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