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Archiv für November, 2010

Hüftschaden des Euros

30. November 2010

Doppelmoral gehört zur Grundausstattung der Politik, ein Grund mehr für mich, die Betriebsnudeln und ihre Lotuseffektsprache durch surrealistische Experimente auf die Probe zu stellen. Auf die Idee bringt mich ein Leitartikel von Roger Cohen in der New York Times: The Euro Has No Clothes.

Wie wäre es damit, das rhetorische Bühnenweihefestspiel der CDU zum Thema Präimplantationsdiagnostik (PID) auf die Geschichte des Euros zu übertragen? Denn tatsächlich haben die Väter und Mütter dieses europäischen Großprojekts früh und weitreichend darüber nachgedacht, welche Konsequenzen die gemeinsame Währung für die Integration und die europäische Politik haben würde.

Die Eizelle wurde gründlichst von allen nur denkbaren Seiten beäugt und geprüft. Der Homunculus ist längst ausgetragen. Die PIDer hätten im Frühjahr 1989 schreiben können, der Säugling sollte infolge gewisser Unwuchten in den mediterranen Extremitäten für geraume Zeit in eine Spreizhose gesteckt werden, damit er später nicht an der Hüfte leidet und ein chronischer Hinkefuß würde. Tatsächlich haben sie Ähnliches geschrieben – und zu den Akten gelegt.

Cohn schreibt:

The report noted that “a transfer of decision-making power” from member states to the European Community (now Union) would be needed in “the fields of monetary policy and macroeconomic management.” A currency, in other words, needs a political authority: History is unequivocal about that. The euro was conceived to complete European integration. Mehr…

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Der kommende Aufstand

29. November 2010

Ich lese den Text wie ein Drehbuch. Kein Film kann so schnell sein wie der innere Monolog, der Dir aus diesem Text entgegen springt. Er ist böse, witzig, surreal. Er rückt der Welt auf den Leib wie ein Irrer, der den ärztlichen Befund seiner Verrücktheit als Lizenz begrüßt. Undressed to spill over. Überschwappen. Endlich frei dafür auszubrechen. Aus den Routinen, der Langeweile, den fixen Ideen.

Ich sehe die Bilder einer fünfzig Jahre alten Neuen Welle. Funken der Revolte. Die Spottlust in den Augen des jungen Alain Delon. Themrocs Aufstand in Claude Faraldos Film. Die Poesie der Filme von Chantal Akerman. Das Internationale Forum des Jungen Films könnte eine Filmreihe der 2011 Berlinale den Bildern dieses Pamphlets widmen. Das Bildertürmer-Special.

THEMROC – 1973
Hochgeladen von HarpoMarxiste. – Sieh weitere Film & TV Videos.

Der kommende Aufstand ist ein immens französisches Buch. Der Betonverhau des deutschen Vorwortes könnte teutonischer kaum sein. Auf den frankophonen Leser wirkt die grobmotorische Vorwort-Prosa wie eine Zwangsjacke. Ist sie erst einmal abgelegt, tobt der Text durch die Synapsen, erregt in einer anderen Qualität. Das Vorwort zwingt die Erregung in einen Zustand, der ihr nur von ferne ähnlich sieht. Wie eine Verzerrung. Grimassen. Gefäßverschlüsse. Detritus aus postprotestantisch ungelüfteten Mandelhöhlen. Mehr…

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Geißlers Grimme-Preis

28. November 2010

Wie der Schlichterspruch Heiner Geißlers am Dienstag ausfallen mag, ist die eine Sache. Was der Schlichter zustande gebracht hat, eine andere. Der Drachenflieger, Kletterer und Alterswilde hat etwas vorgemacht, was ich kaum mehr für möglich gehalten habe: eine Dekonstruktion des leeren Redens in Echtzeit.

Es ist egal, welche Partei, welcher Redner, welche Auffassung dekonstruiert wurde. Der Jesuit mit den großen Ohren hat das öffentliche leere Reden insgesamt viviseziert. So gerät etwas in den Blick, was in einer Kultur der Legitimation durch Verfahren lange Zeit ausgeblendet schien. Verfahren können sich verfahren. Diese Aussage ist umso wahrscheinlicher, je nebliger, je fadenscheiniger, je geheimniskrämerischer viele öffentliche Auftraggeber, Planer und ihre Hintersassen arbeiten.

Diese Aussage macht aber auch Hoffnung, dass die Bürger sich darin bestärkt sehen, Fragen zu stellen und nachzufragen. Das Schlichtungsverfahren hat die Lotuseffektsprache demontiert. Die Lotuseffektsprache schien dazu bestimmt, Kritik abperlen zu lassen. Nun kleben Pechsträhnen an den Auftraggebern. Sie können daraus Lehren ziehen. Klar formulierte Gutachten, Aufträge und Ausschreibungen helfen, bürokratischen Aufwand zu mindern.

Stuttgart liegt in einem Talkessel. Oft hängt über dem Kessel der Nebel. Heiner Geißler hat durch das von ihm gesteuerte Verfahren eine lichte Höhe erreicht, die dem Gemeinwesen insgesamt gut tut. Das ist kein Schrei nach Charisma, nur eine bescheidene Präzision. Legitimation durch Verfahren kann nicht mit einem Autopiloten gelingen. Da müssen vernünftige Flieger und Gegenfunker aus Fleisch und Blut im Apparat stecken, die auch in der dünnen Luft hoher Entscheidungsräume den klaren Blick auf konkurrierende Ziele bewahren.

Die Dokumentation der Schlichtungssitzungen hat einen diamantenen Grimme-Preis verdient.

 

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Gründe für das Leben

27. November 2010

Tage des Trauerns und Abschiednehmens gehen zu Ende. Wer könnte das besser beschwören als Jacques Lacan?

Den Schemen des Todes Gründe für das Leben abgewinnen. Nicht selten gelangt ein Retter in Reichweite. Dann heißt es zuzugreifen.

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Resignation

26. November 2010

Die Aufnahme verdankt sich Solojazz. Das Thema ist durchaus aktuell. Zwar nicht dafür aufzuhören, aber für tiefe Skepsis.

Mehldau habe ich zuerst Ende der 90er Jahre in der Darmstädter Centralstation erlebt. Ein pianistischer Sänger.

Schönes Wochenende!

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