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Archiv für März, 2011

Moratorium

30. März 2011

Eine Chiffre unserer Zeit? Vielleicht. Aber fragwürdig.

Vorab lohnt es sich, das Moratorium von der Prokrastination zu unterscheiden. Das Aufschieben wird in gewissen Kreisen als neue Kultur zelebriert. Nichts ist so kalt wie der Kaffee von gestern oder der, der morgen erst gar nicht gekocht werden muss. Oder so ähnlich. Eine Verdrehung der Maxime "Was Du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen!" in ihr Gegenteil.

Wer prokrastiniert, verfügt über einen offenbar untrüglichen Sinn für Aufschiebbarkeit. Manche Sachen erledigen sich so wie von selbst. In den Prokrastinator ist eine kaum zu betrügende Uhr eingebaut, die zu ticken beginnt, wenn etwas nicht mehr aufgeschoben werden kann. Dann kommt er in die Gänge. Ein Deadline-Walker.

Ganz anders sieht es aus mit Moratorien. Sie haben mit der musikalischen Tradition von Oratorien so gut wie nichts zu tun. Musikwissenschaftler und Theologen mögen es mir nachsehen, wenn ich für die Zwecke meiner Überlegungen das Oratorium auf so etwas wie eine musikalische Andacht verkürze. Mehr…

Abwehrzauber, aggiornamento, Allgemein, Metaphernschule

Frank Schirrmacher dekonstruiert neun Gemeinplätze des Atomfreunds

28. März 2011

Sprache im technischen Zeitalter (SpritZ) nannte Walter Höllerer die von ihm 1961 gegründete Zeitschrift. Eine literaturwissenschaftliche Ikone der Moderne ebenso wie das von Höllerer gegründete Literarische Colloquium am Berliner Wannsee. Die Jahrzehnte, die Höllerer in Berlin prägte, sind unvergessen, die hinterlassenen Dokumente bis auf den heutigen Tag sehens- und lesenswert.

In Nachfolge der von Höllerer begründeten Tradition lese ich heute Frank Schirrmachers Dekonstruktion von neun Gemeinplätzen des Atomfreunds. In den beiden letzten Wochen besuchte ich regelmäßig Zettels Raum, ein Blog, dessen Autor jedes diskrete Zeichen einer möglichen Besserung der Lage mit seltsamer Entschiedenheit begrüßte – mit dem Vorteil für den Leser, die Faktenlage und mediale Verzerrungen anders einordnen zu können.

Wer sich für die kommenden Diskussionen wappnen will, möge Schirrmacher nachlesen. Er macht Schluss mit billigen Albernheiten.

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Was gehört in den Notfallrucksack?

28. März 2011

 

Die Nachrichten aus Japan werden immer alarmierender. Gestern las ich erstmals davon, dass die japanischen Inseln im schlimmsten Fall komplett evakuiert werden müssten. Wo kämen die 127 Millionen Japaner dann hin? Mit Sushi-Rezepten in die libysche Wüste? Mit Holger und Topi als Meerwasserentsalzern und Nouvelle Cuisine Teutonienne?

In San Francisco sind die Jodtabletten ausverkauft. Sogar in New York seien keine mehr zu bekommen, lese ich. Buchhändler könnten auf die Idee kommen,  Cormac McCarthys Roman “The Road” aus der Belletristikabteilung in die Backpacker-Abteilung umzuschichten. Hat der Rowohlt-Vertrieb die Outdoor-Läden überhaupt auf dem Schirm? Mehr…

Allgemein

Die Rachsucht des Patriarchen

27. März 2011

Lange hat Helmut Kohl auf diesen Augenblick gewartet. Gelauert wäre zu viel gesagt. Er hat gewusst, der Tag werde kommen, an dem er sich an Angela Merkel rächen würde. Vergangenen Freitag war die Gelegenheit da. Das Warten hat  3.811 Tage gedauert.

Am 22. Dezember 1999 schrieb die damalige Generalsekretärin der CDU in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Kohls Entgegennahme illegaler Spenden hätten der CDU geschadet. Vergangenen Freitag holt Kohl in der Bildzeitung zum Gegenschlag aus:

Die Lehre aus Japan darf jetzt nicht die berühmte Rolle rückwärts sein.

Die Lehre aus Japan muss zunächst einmal sein, dass wir akzeptieren: Was in Japan passiert ist, ist schrecklich, aber – in aller Brutalität – es ist auch das Leben.

Das Leben ist ohne Risiken nicht zu haben. Wer den Menschen dies verspricht, sagt schlicht die Unwahrheit. Es gibt kein Leben ohne Risiken, sie gehören zum Alltag wie Wind, Wasser und Sonne. Mehr…

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Endspiel

25. März 2011

Letzte Tage. Eine Szene wie von Samuel Beckett. Im Deutschen Bundestag.

Mit gemischten Gefühlen betrachte ich das. Nicht ausgeschlossen, dass mir ein wesentlicher Gegenstand meiner Analysen abhanden kommt. Der einzige Halt scheint wohl darin zu liegen, dass die Mehrheitsfraktion im Deutschen Bundestag und die sie tragenden Parteien außer stande scheinen, die Bundeskanzlerin abzulösen.

Es kann aber anders kommen. Gestern war so ein Tag, der die Prognose wahrscheinlicher machte. In der Regierungserklärung der Bundeskanzlerin zur Sitzung des Europäischen Rats sagte sie:

Seit Beginn der Schuldenkrise im Euro-Raum haben wir immer wieder gefordert, dass neben allem notwendigen Krisenmanagement auch über den Tag hinaus gedacht werden muss.

Eine Fermate. Ein Innehalten. Ein Desaster. Eine Chiffre zum tieferen Verständnis nicht nur der beiden zurückliegenden Wochen, sondern womöglich der gesamten Politik und Rhetorik Angela Merkels. Das "auch" so quälend wie das einladende Nadelkissen eines Yogis. Der Ballast des Krisenmanagements überwältigend. Im Grunde dieses nur an der Oberfläche larmoyant klingenden Satzes eine Kapitulationserklärung, ein Rücktritt im Wartestand. Vielleicht auch eine Rückverpuppung in oppositionelle Rhetorik. Mehr…

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