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Archiv für Juni, 2011

Salamiethik und Stabilitätsanker

28. Juni 2011

Diesen Sonntag sind mir zwei Wörter aufgefallen: Salamiethik (Ärztepräsident Montgomery) und Stabilitätsanker (Bundesbankpräsident Weidmann). In beiden Metaphern kommt etwas ins Rutschen. Der eine sieht den Truck auf sich zurasen. Der andere hält sich an der Ankerkette eines Riesencontainerschiffs fest, das gerade in See sticht.

Montgomery argumentiert gegen das Beschneiden (der Ethik). Weidmann legt die Stabilität an den Anker, weil sie als Ziel allein nicht mehr reicht.

Der Ärztepräsident wird Schwierigkeiten dabei haben, die Salamiethik von einer Wildsalami- oder von einer Chorizoethik zu unterscheiden. Sein rhetorisches Ziel, die Ethik zu retten (bzw. vor ihrer Beschneidung zu warnen), benutzt die Salami bloß als Abstraktionswurst, ohne Geschmack, ohne Geruch. Dem Redner ist die Wurst wurst. Schinkenethik aber (obschon wohl auch beschneidbar) ginge gar nicht. Dem Neologismus der Salamiethik steht die Salamitaktik Pate, eine Figur, die meistens von denen beschworen wird, die auf verlorenem Posten argumentieren.

Wie siehts denn aus, wenn wir die Wörter mit einer Umdrehung konfrontieren? Ethiksalami: Damit wirkt man als Esser sogleich gesittet. Ankerstabilität befestigt auf treibendem Grunde ganz anders als ein Stabilitätsanker.

Persönlich finde ich den Instabiliätsanker am interessantesten, ein Werkzeug anthropomorphen Gewahrwerdens. Wenn ich meiner Mutter zusehe, verstehe ich ihren Rollator zb als Instabilitæitsanker, Pirouetten schmerzgebeugten Schlurfens und Schiebens, ein Hadern gegen das Sodasein (das dieses widerliche Autokorrekturmodul völlig sinnfrei in Südasien verwandeln wollte).

Zurück, ein letztes Mal, zur Salamiethik. Der kulinarische Aspekt macht die Metapher der Salami-Ethik zweifelhaft. Ist das eine durch und durch in sich stimmige in jedem Zipfel mit sich selbst identische Salami – mit der Folge, dass jedes Scheibchen ihre Ethik in Gänze enthielte und weitertransportierte – oder ist das mangels Pasteurierung und Homogenisierung eine einzige Unwucht, die nichts Ganzes hat entstehen lassen? Was bedeutete ein Scheibchen weniger für diesen Zellhaufen?

Was bedeutete das Reißen der Ankerkette für den Stabilitätsanker?

Beide Wörter dokumentieren rhetorisches Scheitern – in der Not.

Die Welt sei aus den Fugen, zitiert Cordt Schnibben in einem lesenswerten Spiegel-Essay die CDU-Vorsitzende – ein Befund, den Angela Merkel mit ihrem bisherigen Mitarbeiter Weidmann teilt.

Zeit, in Deckung zu gehen.

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I Fall In Love Too Easily

22. Juni 2011

Aufgenommen im New Yorker Birdland, am 9./10. Dezember 2009, wie Culture Mag mitteilt. Es spielen Lee Konitz, Charlie Haden, Paul Motian und Brad Mehldau.

Mehldau sah ich zum ersten Mal Ende der 90er Jahre in der Centralstation in Darmstadt, ein Nick Drake des Pianos, manchmal etwas zu gefällig, am Rand zum Plätschern, ein pianistischer Theoklassiker. In diesem Ensemble, mit dem singenden Bassisten Charlie Haden und Lee Konitz, ist Chet Baker weit weg, im pianistischen Arpeggio ein leises Echo des Sängers. Konitz´ Saxophon erinnert in einem Augenblick an das Schreien Albert Aylers.

Patrice Chéreau hat Aylers schreiendem Saxophon im Film "L´homme blessé" ein Denkmal gesetzt, den röhrenden Sehnsuchtsschrei einer Sommernacht.

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Ein ökonomisches Märchen

21. Juni 2011

Am Sonntagabend erzählte Peter Sloterdijk zum Ende des Philosophischen Quartetts (noch fünf Tage online) olgende Geschichte:

Es ist ein trüber Tag in einer kleinen irischen Stadt. Es regnet. Die Straßen sind leergefegt. Die Zeiten sind schlecht. Jeder hat Schulden. Alle leben vom Kredit.

An diesem Tag fährt ein betuchter deutscher Tourist durch die Stadt, hält bei einem kleinen Hotel, legt einen Hunderteuroschein auf den Tresen der Rezeption. Er sagt dem Eigentümer, dass er Zimmer anschauen möchte, um vielleicht – vielleicht – eins für die Übernachtung zu mieten. Der Hotelbesitzer gibt ihm einige Schlüssel.

Kaum ist der Besucher die Treppe hinaufgegangen, nimmt der Hotelier den Hunderteuroschein, rennt zum nächsten Haus und bezahlt seine Schulden beim Schlachter. Der Schlachter nimmt die hundert Euro, rennt die Straße hinunter  und bezahlt den Schweinezüchter. Der Schweinezüchter nimmt die hundert Euro und zahlt seine Rechnung  beim Futter- und Treibstofflieferanten. Der nimmt den Hunderteuroschein, rennt zur Kneipe und bezahlt seine Getränkerechnung. Der Kneipenwirt nimmt den Schein und schiebt ihn rüber zu einer an der Theke sitzenden Prostituierten, die dem Wirt einige Gefälligkeiten gegen Kredit gewährt hatte. Die Prostituierte rennt zum Hotel und  bezahlt die ausstehende Zimmerrechnung mit dem Hunderteuroschein. Der Hotelier legt den Schein wieder zurück auf den Tresen, so dass der wohlhabende Reisende nichts bemerken würde.

In diesem Moment kommt der Deutsche die Treppe herunter, nimmt den Hunderteuroschein und meint, dass ihm die Zimmer nicht gefallen, steckt den Schein ein und verlässt die Stadt. Nun ist die Stadt ohne Schulden und man schaut mit großem Optimismus in die Zukunft.

Da steckt ein kleiner logischer Fehler drin, der macht die Geschichte nicht weniger bezaubernd. Noch gibt es diese Episode nicht als Youtube-Video. Von wem ist die Geschichte? Es winkt dem glücklichen Gewinner des Rätsels das unverfallbare Versprechen eines signierten Exemplars meines nächsten Buchs.

 

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Zerrüttungsprinzip

20. Juni 2011

Matthew Yglesias überträgt einen Grundsatz des Scheidungsrechts auf die Afghanistanpolitik.

They don´t like us and we don´t like them.

Nun  ist es so weit. Jetzt ist es egal, wer recht hat oder nicht. Die Beobachtung entkräftet die politische Rhetorik. Das ärgert  General Eikenberry.

So what!

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Mytho Logique

19. Juni 2011