Archiv

Archiv für August, 2011

“Wir leben im Paradies, meine Damen und Herren.”

31. August 2011

Der CSU-Vorsitzende und bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer hielt gestern in Steinbrünning im Berchtesgadener Land eine Rede, die laut Auskunt der CSU-Pressestelle nicht als Manuskript verfügbar sei.

Der Deutschlandfunk hat heute Morgen eine aufschlussreiche Reportage über die Veranstaltung gebracht. Die wenigen Originaltöne Seehofers reichen aus, um eine irre Ableitungskette zu bilden.

Der Redner appelliert an das bayerische Selbstbewusstsein:

Wir leben im Paradies, meine Damen und Herren.

Das C im Namen der Partei steht nicht für theologische Kompetenz. Das C ist eine politische Marke. Seehofers Ortsangabe beschreibt seine Welt vor dem Sündenfall. Seien wir nicht zu voreilig, darin einen Überschuss an Selbstgerechtigkeit zu sehen. Überschüsse sind ein trügerisches Bild. Wie das Paradies. Seehofer hält keine Predigt. Er testet die Stimmung seiner Landsleute. Als oberster Bauchredner seiner Partei nimmt er Stimmungen auf und verstärkt sie -  in der irren Annahme, wer den Wind sät, der die Espen zittern macht, der könne den auch wieder einfangen.

Wer als Heimatadresse "Paradies" angibt (darin als Ministerpräsident regiert), weiß, dass auch ein Paradies im posthistoire die Vertreibung braucht. Sonst läge das Paradies "irgendwo bei Herne" und nicht, wie gestern Abend, in Ramsauers Berchtesgadener Land. Wir wollen nicht wissen, wo der Apfel hängt, wer Adam, wer Eva, und wer die Schlange spielt. Das geht alles wie von allein.

Das ist eine postsäkulare Giftmischerei, die Herr Seehofer da vorführt. Das Irre an dem Szenario (nebenbei: Seehofer liest aus seinem Manuskript, das es nach Auskunft der CSU-Pressestelle nicht gibt, und spricht  versehentlich – harhar! alles kalkuliert!- von den "Irren", als er die Iren meint, korrigiert den Vortrag): Die Bayern werden aus ihrem Paradies vertrieben. Allerdings könnten sie die ersten Sünder sein, die nach der Vertreibung in ihrem Paradies wohnen bleiben -  im versehrten Status von Vertriebenen.

Die letzte Generation von Vertriebenen segnet bald das Zeitliche. Die CSU als ihre Patin erschafft durch ihren obersten Bauchredner, den Seehofer-Horst, neue nicht aussterbende Vertriebenengenerationen. Der Zusammenhalt, den Seehofer stiftet, schmiedet eine Ressentimentgemeinschaft, eine gute Gelegenheit, an Wilhelm Heitmeyers "wutgetränkte Apathie" zu erinnern. So sieht das rhetorische Brauhaus aus, in dem sie angesetzt wird. Keine guten Aussichten für die Kanzlerin, mit diesem Espenlaubwindsäer, diesem Wutgetränkteapathiegiftmischer verlässliche Politik für Europa zu gestalten.

Zur Erinnerung an ein anderes Paradies hier ein Lied von Franz-Josef Degenhardt, aus den 60er Jahren, als Europa noch wie ein Paradies wirkte. Ein Westnordsüdparadies.

 

 

Abwehrzauber, aggiornamento, Allgemein, Politische Rhetorik , , ,

Lakonie

30. August 2011

Meisterklasse

29. August 2011

Die Sommerpause geht zu Ende. Ich beschließe sie mit einem rhetorischen Meisterkurs. Es folgt eine Last Night of my Proms mit dem viel zu früh verstorbenen französischen Sänger Mano Solo.

Welcome back!

Abwehrzauber, aggiornamento, Allgemein

Rhetorik-Blog Proms 11: Tord Gustavsen, Yaron Herman, Tigran Hamasyan

22. August 2011

Dem 31. Klavierfestival La Roque d´Anthéron verdanke ich diese drei Konzertaufnahmen des Tord Gustavsen Ensembles, des Yaron Herman Trios und des armenischen Pianisten Tigran Hamasyan.

Ein berückender Konzertabend vor Felsenkulisse, lyrische Orientalismen, Tastenfolklore, die noch das Tremolo der Zwischentöne transponiert, Fermaten der Introspektion. Es folgt in den nächsten Tagen ein Prom-Konzert mit dem französischen Dichtersänger Mano Solo.

Allgemein, Jazz, Proms , ,

Rhetorik-Blog Proms 10 – das Julia Hülsmann Trio

15. August 2011

Das Stück ist aus dem im Februar 2011 veröffentlichten neuen Album Imprint des Julia Hülsmann Trios bei ECM. Eine Musik lakonischen Erzählens, beiläufig aufscheinender Liedmotive, die mehr als einen akustischen Abdruck hinterlassen, eine musikalische Mustererkennung, die perfekt in der Schwebe hält, was zwischen Piano, Bass und Schlagzeug passiert.

Am 3. September gastiert das Trio in Schloss Agathenburg. 

Die Stücke erinnern mich an Lieder von Nick Drake, auch an Brad Mehldau. Im Unterschied zu dessen mitunter forcierter Virtuosität bewegt sich das Trio selten über das Allegretto hinaus in gemächlichem Tempo in die Tiefe eines aus seinen Erzählungen aufscheinenden Raums. Die Titel, anspielungsreich, vertiefen den Eindruck eines synästhetischen Erzählens. Klarträume.

Das letzte Stück ist eine Liveaufnahme mit dem Titelstück ihres vorletzten Albums, aufgenommen im Grünen Salon der Volksbühne in Berlin: The End Of A Summer. 

aggiornamento, Allgemein, Jazz, Proms