“Wir leben im Paradies, meine Damen und Herren.”
Der CSU-Vorsitzende und bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer hielt gestern in Steinbrünning im Berchtesgadener Land eine Rede, die laut Auskunt der CSU-Pressestelle nicht als Manuskript verfügbar sei.
Der Deutschlandfunk hat heute Morgen eine aufschlussreiche Reportage über die Veranstaltung gebracht. Die wenigen Originaltöne Seehofers reichen aus, um eine irre Ableitungskette zu bilden.
Der Redner appelliert an das bayerische Selbstbewusstsein:
Wir leben im Paradies, meine Damen und Herren.
Das C im Namen der Partei steht nicht für theologische Kompetenz. Das C ist eine politische Marke. Seehofers Ortsangabe beschreibt seine Welt vor dem Sündenfall. Seien wir nicht zu voreilig, darin einen Überschuss an Selbstgerechtigkeit zu sehen. Überschüsse sind ein trügerisches Bild. Wie das Paradies. Seehofer hält keine Predigt. Er testet die Stimmung seiner Landsleute. Als oberster Bauchredner seiner Partei nimmt er Stimmungen auf und verstärkt sie - in der irren Annahme, wer den Wind sät, der die Espen zittern macht, der könne den auch wieder einfangen.
Wer als Heimatadresse "Paradies" angibt (darin als Ministerpräsident regiert), weiß, dass auch ein Paradies im posthistoire die Vertreibung braucht. Sonst läge das Paradies "irgendwo bei Herne" und nicht, wie gestern Abend, in Ramsauers Berchtesgadener Land. Wir wollen nicht wissen, wo der Apfel hängt, wer Adam, wer Eva, und wer die Schlange spielt. Das geht alles wie von allein.
Das ist eine postsäkulare Giftmischerei, die Herr Seehofer da vorführt. Das Irre an dem Szenario (nebenbei: Seehofer liest aus seinem Manuskript, das es nach Auskunft der CSU-Pressestelle nicht gibt, und spricht versehentlich – harhar! alles kalkuliert!- von den "Irren", als er die Iren meint, korrigiert den Vortrag): Die Bayern werden aus ihrem Paradies vertrieben. Allerdings könnten sie die ersten Sünder sein, die nach der Vertreibung in ihrem Paradies wohnen bleiben - im versehrten Status von Vertriebenen.
Die letzte Generation von Vertriebenen segnet bald das Zeitliche. Die CSU als ihre Patin erschafft durch ihren obersten Bauchredner, den Seehofer-Horst, neue nicht aussterbende Vertriebenengenerationen. Der Zusammenhalt, den Seehofer stiftet, schmiedet eine Ressentimentgemeinschaft, eine gute Gelegenheit, an Wilhelm Heitmeyers "wutgetränkte Apathie" zu erinnern. So sieht das rhetorische Brauhaus aus, in dem sie angesetzt wird. Keine guten Aussichten für die Kanzlerin, mit diesem Espenlaubwindsäer, diesem Wutgetränkteapathiegiftmischer verlässliche Politik für Europa zu gestalten.
Zur Erinnerung an ein anderes Paradies hier ein Lied von Franz-Josef Degenhardt, aus den 60er Jahren, als Europa noch wie ein Paradies wirkte. Ein Westnordsüdparadies.


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