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Archiv für Oktober, 2011

Der Poet

29. Oktober 2011

(…) Wer ein Poet wil seyn, der sey ein solcher Mann,
Der mehr als Worte nur und Reimen machen kan,
Der aus den Römern weiß, den Griechen hat gesehen,
Was für gelahrt, beredt und sinnreich kan bestehen,
Der nicht die Zunge nur nach seinem Willen rührt,
Der Vorrath im Gehirn und Saltz im Munde führt,
Der durch den bleichen Fleiß aus Schriften hat erfahren,
Was mercklichs ist geschehn vor vielmahl hundert Jahren,
Der guter Wissenschaft mit Fleiß hat nachgedacht,
Mehr Oehl als Wein verzehrt, bemüht zu Mitternacht,
Der endlich aus sich selbst was vorzubringen waget,
Das kein Mensch hat gedacht, kein Mund zuvor gesaget,
Folgt zwar den Besten nach, doch außer Dieberey,
Daß er dem Höchsten gleich, doch selber Meister sey,
Darzu gemeines Ding und kahle Fratzen meidet
Und die Erfindung auch mit schönen Worten kleidet,
Der keinen lahmen Vers läst untern Haufen gehn,
Viel lieber zwantzig würgt, die nicht für gut bestehn.
Nun wer sich solch ein Mann mit Recht will laßen nennen,
Der muß kein Narr nicht seyn, so wol was gutes können,
Als unser Tadelgern, der neugebohrne Held,
Der nicht geringen Muth und Titul hat für Geld. (…)

Joachim Rachel

gefunden bei Juttas Schreibtipps

Abwehrzauber, aggiornamento, Allgemein

Schutzwall oder Firewall?

26. Oktober 2011

Die Bundeskanzlerin ist nicht mehr Herrin des Verfahrens. Wenn es noch eines Beweises dazu bedurft hätte, dann hat ihn heute der Vorsitzende der Bundestagsfraktion von CDU/CSU geliefert. Volker Kauder hat das Mandat des Deutschen Bundestages in die Form eines Konditionalis gekleidet, das Verhandlungsmandat der Bundeskanzlerin in einen Möglichkeitsraum verlagert, der ihr tatsächlich für die nächsten europäischen Verhandlungsschritte keine Leine mehr lässt.

Insofern war es mehr als ein semantischer Missgriff, der Frau Merkel in ihrer Regierungserklärung dazu veranlasste, für ihre Politik der Verteidigung des Euros zu dem Bild des Schutzwalls zu greifen. Ihre Metapher, der sie nach Zwischenrufen aus dem Plenum sogleich als englische Übersetzung die Firewall folgen ließ, illustriert das Ausmaß der politischen Verwirrung, das die Bundesregierung ergriffen hat. In dem Bild des Schutzwalls finden Westfront (Atlantik- bzw. Westfront) und Ostfront (antifaschistischer Schutzwall) auf eine kaum verdauliche Weise zusammen. Die nachgelieferte Übersetzung machte das Durcheinander perfekt: Eine Firewall ist eine Durchlässigkeitsregel. Weder wehrt sie Angriffe ab, noch kann sie Angriffe erkennen. Sie regelt die Kommunikation im Netzwerk.

http://imgs.xkcd.com/comics/delta_p.png

xkcd.com. Der Cartoonist Randall Munroe ist gelernter Astrophysiker. Sein Cartoon erinnert mich an das seit drei Monaten in Verkehr gebrachte Bild vom Stabilitätsanker.

Warum reite ich auf der Schutzwall-Metapher herum? Weil weite Strecken der Regierungserklärung der deutschen Bundeskanzlerin wie der Aktenvortrag eines leidenden Beamten klangen. Die politischen Einsprengsel, die Frau Merkel als Herrin des Verfahrens hätten illustrieren können, reichten nicht aus, sie als solche zu erweisen, wenn wir von der Schlussbemerkung absehen.

Eine weitere Passage ihrer Rede (Zitate werden nachgereicht, wenn das Protokoll vorliegt) verdichtet den Eindruck der Waidwundheit. Da spricht Frau Merkel im Kontext der europäischen Stabilitätskultur davon, dass es ja nicht angehe, wenn ein Land erfreulicherweise Exportüberschüsse erziele, diese ihm irgendwie streitig machen zu wollen.

Sie bestätigt damit den Eindruck der jüngsten Zeit, dass die Bundesregierung in den europäischen Gremien zuvörderst die deutschen terms of trade verteidigt, sich dadurch immer mehr politisch isoliert, mit der Konsequenz dass sie, abgesehen von den sogenannten Stabilitätsregeln (der teutonischen Sanktionitis) keine erkennbare Idee der europäischen Zukunft verfolgt.

Insofern ist der erneut wiederholte Satz, scheitere der Euro, dann scheitere Europa, nicht mehr ein Konditionalis, sondern sein Inhalt verdichtet sich zu einer in Kauf genommenen Folge.

Das unterstreicht meinen Eingangsbefund. Frau Merkel ist nicht mehr Herrin des Verfahrens.

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Liquid Feedback – Interesse als gesellschaftlicher Antrieb

23. Oktober 2011

Eben habe ich mir alternativlos 20 angehört.

Hier sortiere ich meine Zwischenrufe, ausnahmsweise nicht in meinem Blog, sondern mitten drin in der Google-Maschine.

Es diskutieren drei idiosynkratisch gestrickte Leute: fefe (laidback, der Lacher vom Dienst, ein leicht zynischer Optimist), Frank Rieger (CCC, gelernter Propagandist, ein Überlebender gesellschaftlicher Untergangserfahrungen) und Frank Schirrmacher, der im Vergleich zu seinen Gesprächspartnern sehr viel aufgeräumter organisiert ist, dabei sein informatorisches Licht erfolgreich unter den Scheffel stellt, ein Hyperknotenpunkt in einem Netz dritter Ordnung, mit selbstorganisierter Schwarmintelligenz um sich herum zu n+1 Themen, die ihn für seine editorische Funktion anschlussfähig macht.

Was fällt mir zuerst auf? Das ist das rasante Altern der jüngsten Zeitgeschichte. Wie fefe und Rieger über Willy Brandt reden, als ob sie dabei sind, ihn post festum selig zu sprechen. Das erinnert mich an eine Passage in Brandts Erinnerungen, wo er an Julius Leber erinnert, der 1933 im Gefängnis geschrieben hatte: "Große Führer kommen fast immer aus dem Chaos. Aus der richtigen Ordnung kommen sie selten, aus der Ochsentour nie." Mehr…

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Ein Traum von Europa

21. Oktober 2011

Der Tag hat nicht gebracht, was auf den Plänen stand. Weder eine Regierungserklärung der Bundeskanzlerin noch eine Debatte im Bundestag, dafür endlose Spekulationen darüber, was sollte, hätte, müsste oder dürfte nicht geschehen, also beste Voraussetzungen für hypothetische Übungen. Gesetzt den Fall, Unterabteilungsleiter Sherpa Schieritz liefert den ersten Aufschlag, wie würde ich sein Dokument als ein rhetorisches Dokument redigieren?

Disclosure: Ich wurde gestern Nachmittag von dpa zur Regierungserklärung der Bundeskanzlerin um ein Interview gebeten, also zu einer Spekulation im Quadrat. Ich nehme an, es ist auf die Halde gewandert. Ich bedauere das nicht, denn noch viel mehr als darüber zu spekulieren, warum sie was sagt, interessiert mich, was sie warum nicht sagt.

Nun zu UAL Schieritz´ Text:

Präambeln internationaler Erklärungen stellen an den Anfang nicht die Verkündenden (wir …), sondern die Sache, um die es geht. Was ist die Sache? Die Währung? Die gemeinsame Zukunft? Oder die Zukunft Europas in der Welt? Da wir uns an der Größe der Aufgabe orientieren (statt, wie die Bundeskanzlerin, sie in möglichst viele kleine Schritte zu zerlegen) benutze ich als Blaupause die Präambel des Grundgesetzes:

Im Bewusstsein unserer Verantwortung für die Zukunft Europas

(wir sind säkular, meine Damen und Herren, wir lassen den Gottesbezug ersatzlos fallen)

, getragen von dem Ziel, dem Frieden in der Welt, dem Gedeihen der Völker und ihrer Zusammenarbeit zu dienen, haben die Staats- und Regierungschefs Europas

(bitte schön, nicht noch einmal eine Zone in den Text einer Völkerfreundschaftserklärung aufnehmen!)

folgende Vereinbarungen getroffen.

In der Präambel hat die Währung nichts verloren, weder als Valuta, noch als Bückware noch als Knute auf dem Rücken der sündigen Schuldner. Das Zahlungsmittel ist Mittel zum Zweck, kein Selbstzweck. Entweder zieht sich die Politik die Prärogative an oder sie überlässt ihr Geschäft den Automatismen, den Algorithmen und den Drohjanern, aber bitte nicht den Götzen Mammon über das Maß der ihm zugedachten Funktionen erheben.

Im ersten Punkt wäre ich auf Schieritz´Seite, wäre da nicht der Einwand zur Stelle, warum diese Generalabsolution, und diese nur für Griechenland? Was ist mit den nach wie vor geltenden europäischen Verträgen? Was mit der Ansteckungsgefahr? Was ist mit dem moral hazard? Und warum so schnell in die Details springen? Immerhin geht es um Heilung, um die Behebung fundamentaler Konstruktionsfehler im Gebälk der europäischen Verträge. Wieviel geltungssüchtige Professoren und Henkels oder Schäfflers dieser Welt krähen gleich wieder "Vertragsbruch" usw? Wie müsste also die Prärogative der Politik den ersten Paragraphen prägen? Die amerikanische Verfassung liefert hierzu Hilfstext:

We the People of the United States, in Order to form a more perfect Union establish Justice, insure domestic Tranquility, provide for the common defence,promote the general Welfare, and secure the Blessings of Liberty to ourselves and our Posterity, do ordain and establish this Constitution for the United States of America.

Also Schieritz, so lautet mein redigierter Vorschlag:

1. Wir, die Völker Europas, getragen von der Absicht, unsere Union zu vertiefen, ergänzen die bestehenden Verträge über die Europäische Union und die Europäische Währungsunion mit dem Ziel, zur gedeihlichen Entwicklung des Kontinents für einander einzustehen. Das Füreinanderstehen umfasst eine Garantie für alle staatlichen Zahlungsverpflichtungen der Mitglieder der Europäischen Union in Höhe von bis zu 60 Prozent ihrer nationalen Wertschöpfung. Über diesen Betrag hinausgehende einzelstaatliche Schulden werden für das Jahrhundertwerk der europäischen Einigung unter dem Dach einer Europäischen Bank für Wiederaufbau zusammengeführt und in 99 Jahren getilgt.

2. Das oberste Ziel unseres Handelns ist es, das Vertrauen in die finanzpolitische Verlässlichkeit der Europäischen Union sowie der Europäischen Währungsunion wiederherzustellen. Deshalb verzichten wir auf einen Schuldenschnitt und die Einbeziehung der Gläubiger.

3. Alle Mitglieder der Europäischen Union und der Europäischen Währungsunion sind sich darüber einig, Fehlentwicklungen, die zu der aktuellen Krise geführt haben, dauerhaft entgegenzuwirken durch eine koordinierte Finanz-, Sozial- und Wirtschaftspolitik mit dem langfristigen Ziel einheitlicher Lebensverhältnisse auf unserem Kontinent.

4. Für die Ausarbeitung der erneuerten europäischen Verfassungsverträge berufen wir einen Konvent ein, um die politische Union zu schaffen, ohne die eine Währungsreform nicht funktionieren kann.

5. Den Stabilisierungsfonds EFSF benennen wir um: Er wird seine Funktion als Europäischer Währungsfonds erfüllen. Zur institutionellen Ergänzung etablieren wir eine europäische Rating-Agentur, deren Finanzierung anteilig aus dem Aufkommen einer europaweiten Finanzmarkttransaktionssteuer bestritten wird. Die Europäische Rating-Agentur erhält die Rechtsform einer Europäischen Stiftung, ist unabhängig und keiner politischen Weisung unterworfen.

6. Wir setzen in Europa und zusammen mit unseren Partnern in der Welt auf Ressourcen schonende und auf sozialen Ausgleich setzende Wirtschaftspolitik. Unser Jahrhundertwerk der Europäischen Einheit setzt deshalb auf einen neuen contrat social, für den sich Europa auch in seiner internationalen Politik wirtschaftlicher, ökologischer und sozialer Zusammenarbeit einsetzen wird. Das Jahrhundertwerk erfordert nach zwei Dekaden sozialer Auseinanderentwicklung einen kontinentalen Lastenausgleich. Zu diesem Zweck führen wir ab sofort einen europaweiten Spitzensteuersatz von 60 Prozent ein. Die Wettbewerbsfähigkeit Europas, seine Attraktivität als Ort für Ausbildung, Forschung und Investitionen lebt von der Arbeitskraft der Menschen in Europa. Gute Arbeit ermöglicht langfristig auch ein erfülltes Arbeitsleben, was es uns mit einer Übergangsfrist von zehn Jahren erlaubt, europaweit das Renteneintrittsalter auf 70 Jahre zu erhöhen.

7. Einheit in Vielfalt bleibt auch künftig das Leitmotiv des politischen Handelns in Europa. Unsere Einheit wird der Welt als Vorbild dienen. Sie versetzt unseren Kontinent in die Lage, mit seinen Partnern Frieden und Wohlstand weltweit zu sichern und zu mehren.

So, lieber Mark Schieritz, so sehen staatspolitische Texte aus, die über das Kleinklein der Geburtsfehler der Vergangenheit hinausweisen.

Vielen Dank für die Vorlage!

 

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Ein verspätetes Geschichtszeichen

18. Oktober 2011

Geschichtszeichen kommen mitunter maskiert des Weges.

Im August 2007 bin ich mit einer Journalistengruppe in Malawi. In der Hauptstadt Lilongwe besuchen wir in der Zentralklinik die Geburtsstation. Aus dem Blickwinkel der Reisegruppe ein Ort des Schreckens, aus Sicht ihrer Patientinnen Zuflucht, Insel letzter Hoffnungen. Die Zimmer überbelegt. Viele Frauen liegen auf dem Boden, ein Geruch in der Luft, in dem sich Hoffnung und Vergeblichkeit, Eiter und Desinfektion die Waage halten. Eine eigentümliche Stille, nicht einmal durch ein Stöhnen unterlegt. Den Frauen fehlt die eigene Stimme.

Der deutsch-ägyptische Gynäkologe Tarek Meguid, der fast eintausend Geburten im Monat stemmt (das ist das Wort dafür, nur mit drei Hebammen und einer malawischen Kollegin) ist damals einer von dreizehn Gynäkologen in einem Land mit 13 Millionen Einwohnern. Tarek spricht von eklatantem Bruch von Menschenrechten, der seine Praxis überschattet. Die Ärzte stehen jeden Tag unter dem Druck zu entscheiden, welche Frau Hilfe braucht, welche Frauen mit Aussicht auf Erfolg selbst zurande kommen, bei welchen ärztliche Hilfe zu spät kommt.

Ich komme auf diese Reise zurück, weil mich Morph und KL auf die Kantschen Geschichtszeichen aufmerksam gemacht haben. Vier Jahre nach der Malawireise erinnere ich mich an ein Geschichtszeichen, das sich mir eingebrannt hat, ohne dass ich es damals als ein Geschichtszeichen wahrgenommen habe.

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