Archiv

Archiv für Oktober, 2011

Der Poet

29. Oktober 2011

(…) Wer ein Poet wil seyn, der sey ein solcher Mann,
Der mehr als Worte nur und Reimen machen kan,
Der aus den Römern weiß, den Griechen hat gesehen,
Was für gelahrt, beredt und sinnreich kan bestehen,
Der nicht die Zunge nur nach seinem Willen rührt,
Der Vorrath im Gehirn und Saltz im Munde führt,
Der durch den bleichen Fleiß aus Schriften hat erfahren,
Was mercklichs ist geschehn vor vielmahl hundert Jahren,
Der guter Wissenschaft mit Fleiß hat nachgedacht,
Mehr Oehl als Wein verzehrt, bemüht zu Mitternacht,
Der endlich aus sich selbst was vorzubringen waget,
Das kein Mensch hat gedacht, kein Mund zuvor gesaget,
Folgt zwar den Besten nach, doch außer Dieberey,
Daß er dem Höchsten gleich, doch selber Meister sey,
Darzu gemeines Ding und kahle Fratzen meidet
Und die Erfindung auch mit schönen Worten kleidet,
Der keinen lahmen Vers läst untern Haufen gehn,
Viel lieber zwantzig würgt, die nicht für gut bestehn.
Nun wer sich solch ein Mann mit Recht will laßen nennen,
Der muß kein Narr nicht seyn, so wol was gutes können,
Als unser Tadelgern, der neugebohrne Held,
Der nicht geringen Muth und Titul hat für Geld. (…)

Joachim Rachel

gefunden bei Juttas Schreibtipps

Flattr this!

Abwehrzauber, aggiornamento, Allgemein

Das Übliche

29. Oktober 2011

 

Nach Fukushima schrieb ich am 28. März 2011 bei weissgarnix, was alles in den Notfallrucksack gehört. Das kann man nicht mehr im Netz finden, also hier  die Kopie: Mehr…

Flattr this!

Abwehrzauber, aggiornamento, Allgemein

Ist das noch Tektonik?

28. Oktober 2011

 

Jetzt also Beckmann. Ihr kennt das Thema, Taler, Taler, du musst wandern. Jetzt diskutierten sie zu später Stunde mit Augenbrauen-Steuerzahler Theo Waigl und in einer dekorativen Sidekick-Rolle der amtierende Bundeswirtschaftsminister. Lübberding hats angesehen und darob hat sich ihm der Boden unter den Füßen verflüssigt.

Was das eine, das dauerhafte Brodeln und Kochen in der irdischen Ursuppe, tief da unten unter uns, mit dem anderen, nämlich chronisch misslingender Kommunikation zu tun hat, trat mittelbar, also ohne den Moderator Beckmann vor Augen. Es ist ja nicht nur die Zeit, die uns fehlt, davonrennt oder ewig lange braucht, bis ihr Kochen unter unseren Füßen zu einem veritablen Erdbeben, zu ausbrechenden Vulkanen führt oder Schlamm spuckende Löcher öffnet. Mehr…

Flattr this!

aggiornamento, Allgemein

Schutzwall oder Firewall?

26. Oktober 2011

Die Bundeskanzlerin ist nicht mehr Herrin des Verfahrens. Wenn es noch eines Beweises dazu bedurft hätte, dann hat ihn heute der Vorsitzende der Bundestagsfraktion von CDU/CSU geliefert. Volker Kauder hat das Mandat des Deutschen Bundestages in die Form eines Konditionalis gekleidet, das Verhandlungsmandat der Bundeskanzlerin in einen Möglichkeitsraum verlagert, der ihr tatsächlich für die nächsten europäischen Verhandlungsschritte keine Leine mehr lässt.

Insofern war es mehr als ein semantischer Missgriff, der Frau Merkel in ihrer Regierungserklärung dazu veranlasste, für ihre Politik der Verteidigung des Euros zu dem Bild des Schutzwalls zu greifen. Ihre Metapher, der sie nach Zwischenrufen aus dem Plenum sogleich als englische Übersetzung die Firewall folgen ließ, illustriert das Ausmaß der politischen Verwirrung, das die Bundesregierung ergriffen hat. In dem Bild des Schutzwalls finden Westfront (Atlantik- bzw. Westfront) und Ostfront (antifaschistischer Schutzwall) auf eine kaum verdauliche Weise zusammen. Die nachgelieferte Übersetzung machte das Durcheinander perfekt: Eine Firewall ist eine Durchlässigkeitsregel. Weder wehrt sie Angriffe ab, noch kann sie Angriffe erkennen. Sie regelt die Kommunikation im Netzwerk.

http://imgs.xkcd.com/comics/delta_p.png

xkcd.com. Der Cartoonist Randall Munroe ist gelernter Astrophysiker. Sein Cartoon erinnert mich an das seit drei Monaten in Verkehr gebrachte Bild vom Stabilitätsanker.

Warum reite ich auf der Schutzwall-Metapher herum? Weil weite Strecken der Regierungserklärung der deutschen Bundeskanzlerin wie der Aktenvortrag eines leidenden Beamten klangen. Die politischen Einsprengsel, die Frau Merkel als Herrin des Verfahrens hätten illustrieren können, reichten nicht aus, sie als solche zu erweisen, wenn wir von der Schlussbemerkung absehen.

Eine weitere Passage ihrer Rede (Zitate werden nachgereicht, wenn das Protokoll vorliegt) verdichtet den Eindruck der Waidwundheit. Da spricht Frau Merkel im Kontext der europäischen Stabilitätskultur davon, dass es ja nicht angehe, wenn ein Land erfreulicherweise Exportüberschüsse erziele, diese ihm irgendwie streitig machen zu wollen.

Sie bestätigt damit den Eindruck der jüngsten Zeit, dass die Bundesregierung in den europäischen Gremien zuvörderst die deutschen terms of trade verteidigt, sich dadurch immer mehr politisch isoliert, mit der Konsequenz dass sie, abgesehen von den sogenannten Stabilitätsregeln (der teutonischen Sanktionitis) keine erkennbare Idee der europäischen Zukunft verfolgt.

Insofern ist der erneut wiederholte Satz, scheitere der Euro, dann scheitere Europa, nicht mehr ein Konditionalis, sondern sein Inhalt verdichtet sich zu einer in Kauf genommenen Folge.

Das unterstreicht meinen Eingangsbefund. Frau Merkel ist nicht mehr Herrin des Verfahrens.

Crosspost

Flattr this!

Abwehrzauber, aggiornamento, Allgemein, Angela Merkels Rhetorik , ,

Siamesische Zwillinge

25. Oktober 2011

 

Frank Lübberding macht die Nacht zum Tag. Heute früh erschien seine Frühkritik zur Hart, aber Fair-Sendung.

Lübberding hebt eine kleine Szene hervor:

Herbert Walter sprach von den Banken und der Politik als siamesischen Zwillingen. Man bekam gestern eine Ahnung, was damit gemeint sein könnte. Ein Banker, der von Risiken redet, von denen er in seiner Amtszeit keine Ahnung hatte, und eine Politikerin, die behauptet von ihnen gewusst zu haben, aber diese Erkenntnis lieber für sich behalten hatte.

Abspaltung. Ausblendung. Ein weiteres Beispiel für die große Sehnsucht nach der Übereinstimmung mit sich selbst. Mehr…

Flattr this!

Abwehrzauber, aggiornamento, Allgemein