Hedge Fonds wollen Griechenland vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte verklagen. Sie berufen sich auf das Menschenrecht, Gewinne zu machen. Sie sehen ihr Eigentumsgrundrecht verletzt. Ihr Eigentum besteht aus griechischen Staatsanleihen, die sie auf dem Sekundärmarkt erworben haben, gewiss mit erheblichen Preisabschlägen – und umso höheren Gewinnaussichten.
Diesen abwegigen juristischen Verlockungen will die griechische Regierung einen Strich durch die Rechnung machen, indem sie per Gesetz die Staatsanleihen nachträglich um sogenannte "collective action clauses" ergänzt, die das Einverständnis von Inhabern der Staatsanleihen mit einem Schuldenschnitt erzwingen. Warum droht Griechenland damit? Weil die privaten Halter griechischer Staatsanleihen dem beim letzten Rettungsgipfel vereinbarten Schuldenschnitt in Höhe von 50 Prozent nicht in ausreichender Zahl zustimmen, mit der Folge, dass der Schuldenschnitt noch höher ausfallen muss, wenn es noch gelingen sollte, einen griechischen Staatsbankrott zu vermeiden. Seit dem Rettungsgipfel haben Hedge Fonds auf dem Sekundärmarkt griechische Staatsanleihen gekauft, gewiss nicht in der Absicht, dem freiwilligen Schuldenschnitt begeistert zuzustimmen.
Mich erinnert die Dreistigkeit der Hedge Fonds an einen wunderbaren Roman von Alexander Lernet-Holenia: Der Mann im Hut.
Ich zitiere für die Zwecke dieses Beitrags die erste Seite dieses Romans, der im Jahr 1937 erschienen ist:
In einem Casino in Budapest, das ich vor Jahren besucht (nicht um zu spielen, übrigens, sondern um eine bestimmte Person dort zu treffen), machte ich die Bekanntschaft eines jungen Menschen, der mir dadurch auffiel, dass er, mit anscheinendem Gleichmut, ziemlich viel verlor; und zwar war die Reihenfolge seiner Verluste nicht etwa von dem einen oder anderen Gewinst unterbrochen, sondern er zog mit solcher Regelmäßigkeit den Kürzeren, dass ich, nachdem ich ihm eine Zeit lang zugesehen, gleichfalls zu spielen begann, fallweise auf das Gegenteil von dem, natürlich, auf das er selber setzte; und sehr bald hatte ich denn auch einen erheblichen Gewinst vor mir liegen. Er indessen fuhr fort zu verlieren. Danach blieb er, nun doch schon mit merklichen Anzeichen von Verstimmtheit, noch eine Weile am Tische sitzen, stand aber schließlich auf und war bereits wegzugehen im Begriff, als ich gleichfalls aufstand und ihn zurückhielt.
„Auf einen Augenblick!“ sagte ich, indem ich ihn beiseite nahm. „Sie haben, merke ich, verloren, möglicherweise aber auch gesehen, dass ich gegen Sie gespielt und gewonnen habe. Wollen Sie mir nun das Vergnügen machen, die Hälfte meines Gewinstes von mir anzunehmen? Ich bin von Natur durchaus kein Spieler und zu spielen überhaupt erst durch Ihren Verlust verleitet worden. Anders hätte ich gar nicht gespielt. Meinen Gewinst verdanke ich sohin nur Ihnen. Nehmen Sie doch dieses Geld! Es ist ohnedies das Ihre.“
Die Episode leitet eine story ein, die den designierten Klägern irgendwie nicht gefallen kann. Denn anders, als es die Einleitung vermuten lässt, entschließt sich der Erzähler dazu, sein Glück aus der offenbar programmierten Pechserie seines Gegenspielers zu ziehen. Eine vita dolorosa des Verlierens. Eine negative Anthropologie, die den Fortschritt des einen aus dem Niedergang des anderen entstehen lässt.
Das Beispiel scheint abwegig für den Fall des angedrohten Prozesses. Denn wenn inzwischen auf der ersten Seite großer Tageszeitungen die ins Amt gerufenen Technokraten in Griechenland und in Italien dazu aufgefordert werden, für die Tilgung der Staatschulden Vermögensabgaben zu erheben, ist das Menschenrecht auf Gewinn so gut wie Essig.
Die Geschichte ist so kurios, weil sie in der Absolutheit des Rechtsanspruchs so völlig die Gegenseite des zwingenden Verlusts ausblendet, der ja mit ebenso großer Berechtigung eine menschenrechtliche Verpflichtung darzustellen scheint.
Wir sind zum Verlieren bestimmt?
Crosspost
Hedge Fonds wollen Griechenland vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte verklagen. Sie berufen sich auf das Menschenrecht, Gewinne zu machen. Sie sehen ihr Eigentumsgrundrecht verletzt. Ihr Eigentum besteht aus griechischen...
admin Abwehrzauber, aggiornamento, Allgemein Alexander Lernet-Holenia
Letzte Kommentare