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Archiv für Januar, 2012

Ranzige Rhetorik

30. Januar 2012

Heute veröffentlicht Dr. Vazrik Bazil, der Präsident des Verbands der Redenschreiber deutscher Sprache, auf der Webseite des VRdS eine Kolumne, die Kolumne des Präsidenten.

In letzter Zeit debattiert die Öffentlichkeit ausgiebig über die Macht und Ohnmacht der Rede. Der Anlass, den der Bundespräsident dazu gegeben hat, greift aber über seinen Fall, wie man ihn auch beurteilen mag, hinaus und wirft grundsätzliche Fragen zur Kraft des Wortes auf.

Der Kolumnist hält es nicht für erforderlich, seine These zu belegen. Er hält Referenzen für entbehrlich. Der Auftakt verstellt den Blick auf den Sachverhalt, über den er vorgeblich schreibt.

Wer diskutiert wo und warum "über die Macht und Ohnmacht der Rede"? Was gibt dazu den Anlass? Eine Rede, durch die der Bundespräsident sich hervorgetan hätte? Oder eine Rede, mit der er hinter seinen Möglichkeiten geblieben wäre? Weder das eine noch das andere. Auch äußert sich Bazil nicht über den Anlass oder den Fall. Er verzichtet darauf, um sogleich von "der Kraft des Wortes" zu schreiben, eine abgegriffene Beschwörungsformel zum Dienstleistungsangebot der Redenschreiber, die durch häufigen Gebrauch nicht überzeugender wird. Mehr…

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Behind The Scenes

29. Januar 2012

Behind The Scenes: Writing the 2012 State of the Union Address from The White House on Vimeo.

 

Das Video wirft einen PR-gesteuerten Blick "hinter die Kulisse". Immerhin: wir erleben die handelnden (schreibenden) Personen, den offenbar wachsenden Blutdruck außerhalb des Oval Office. Rotbäckchen auf dem Weg zum Burnout.

Mit diesem Video kehre ich in den kommenden Monaten häufiger zurück an den Ausgangspunkt dieses Blogs: zur amerikanischen Politik, ihren rhetorischen Performancen, ihren mutmaßlichen Bedeutungen.

Allgemein, Politische Rhetorik

22. Juli 1942: Ein Tag in seinem Leben

27. Januar 2012

Hier der Wortlaut der Rede Marcel Reich-Ranickis.

Die Webseite des Deutschen Bundestags zeigt die Gedenkstunde auch ohne das links oben eingebettete Emblem. Allerdings hat man dort die Software nicht aktualisiert, so dass ich vorläufig auf diese Version zurückgreifen muss.

Abwehrzauber, aggiornamento, Allgemein

Das Menschenrecht auf Gewinn

19. Januar 2012

Hedge Fonds wollen Griechenland vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte verklagen.  Sie berufen sich auf das Menschenrecht, Gewinne zu machen. Sie sehen ihr Eigentumsgrundrecht verletzt. Ihr Eigentum besteht aus griechischen Staatsanleihen, die sie auf dem Sekundärmarkt erworben haben, gewiss mit erheblichen Preisabschlägen – und umso höheren Gewinnaussichten.

Diesen abwegigen juristischen Verlockungen will die griechische Regierung einen Strich durch die Rechnung machen, indem sie per Gesetz die Staatsanleihen nachträglich um sogenannte "collective action clauses" ergänzt, die das Einverständnis von Inhabern der Staatsanleihen mit einem Schuldenschnitt erzwingen. Warum droht Griechenland damit? Weil die privaten Halter griechischer Staatsanleihen dem beim letzten Rettungsgipfel vereinbarten Schuldenschnitt in Höhe von 50 Prozent nicht in ausreichender Zahl zustimmen, mit der Folge, dass der Schuldenschnitt noch höher ausfallen muss, wenn es noch gelingen sollte, einen griechischen Staatsbankrott zu vermeiden. Seit dem Rettungsgipfel haben Hedge Fonds auf dem Sekundärmarkt griechische Staatsanleihen gekauft, gewiss nicht in der Absicht, dem freiwilligen Schuldenschnitt begeistert zuzustimmen.

Mich erinnert die Dreistigkeit der Hedge Fonds an einen wunderbaren Roman von Alexander Lernet-Holenia: Der Mann im Hut.

Ich zitiere für die Zwecke dieses Beitrags die erste Seite dieses Romans, der im Jahr 1937 erschienen ist:

In einem Casino in Budapest, das ich vor Jahren besucht (nicht um zu spielen, übrigens, sondern um eine bestimmte Person dort zu treffen), machte ich die Bekanntschaft eines jungen Menschen, der mir dadurch auffiel, dass er, mit anscheinendem Gleichmut, ziemlich viel verlor; und zwar war die Reihenfolge seiner Verluste nicht etwa von dem einen oder anderen Gewinst unterbrochen, sondern er zog mit solcher Regelmäßigkeit den Kürzeren, dass ich, nachdem ich ihm eine Zeit lang zugesehen, gleichfalls zu spielen begann, fallweise auf das Gegenteil von dem, natürlich, auf das er selber setzte; und sehr bald hatte ich denn auch einen erheblichen Gewinst vor mir liegen. Er indessen fuhr fort zu verlieren. Danach blieb er, nun doch schon mit merklichen Anzeichen von Verstimmtheit, noch eine Weile am Tische sitzen, stand aber schließlich auf und war bereits wegzugehen im Begriff, als ich gleichfalls aufstand und ihn zurückhielt.
„Auf einen Augenblick!“ sagte ich, indem ich ihn beiseite nahm. „Sie haben, merke ich, verloren, möglicherweise aber auch gesehen, dass ich gegen Sie gespielt und gewonnen habe. Wollen Sie mir nun das Vergnügen machen, die Hälfte meines Gewinstes von mir anzunehmen? Ich bin von Natur durchaus kein Spieler und zu spielen überhaupt erst durch Ihren Verlust verleitet worden. Anders hätte ich gar nicht gespielt. Meinen Gewinst verdanke ich sohin nur Ihnen. Nehmen Sie doch dieses Geld! Es ist ohnedies das Ihre.“

Die Episode leitet eine story ein, die den designierten Klägern irgendwie nicht gefallen kann. Denn anders, als es die Einleitung vermuten lässt, entschließt sich der Erzähler dazu, sein Glück aus der offenbar programmierten Pechserie seines Gegenspielers zu ziehen. Eine vita dolorosa des Verlierens. Eine negative Anthropologie, die den Fortschritt des einen aus dem Niedergang des anderen entstehen lässt.

Das Beispiel scheint abwegig für den Fall des angedrohten Prozesses. Denn wenn inzwischen auf der ersten Seite großer Tageszeitungen die ins Amt gerufenen Technokraten in Griechenland und in Italien dazu aufgefordert werden, für die Tilgung der Staatschulden Vermögensabgaben zu erheben, ist das Menschenrecht auf Gewinn so gut wie Essig.

Die Geschichte ist so kurios, weil sie in der Absolutheit des Rechtsanspruchs so völlig die Gegenseite des zwingenden Verlusts ausblendet, der ja mit ebenso großer Berechtigung eine menschenrechtliche Verpflichtung darzustellen scheint.

Wir sind zum Verlieren bestimmt?

Crosspost

Abwehrzauber, aggiornamento, Allgemein

Vom Ende einer Geschichte

16. Januar 2012

Francesco Schettino, Kapitän der Costa Concordia, können wir mit der gebotenen Distanz dafür danken, mit dem Schiffbruch seiner "Küste Eintracht" ein Sinnbild für das frühe 21. Jahrhundert geliefert zu haben. Fast genau einhundert Jahre nach dem Untergang der Titanic setzt er seinen Superkahn auf Grund und ist schnell – als erster – von Bord und an Land.

Was bezeugt diese Einsicht, dass jeder sich selbst der nächste sei? Die Erosion von Funktionssystemen? Das Versagen einer Führungskraft? Den Verfall von Werten? Es ist so kurios wie abstoßend. Es geht um alles und nichts. Die Dialektik des 21. Jahrhunderts führt nicht mehr zu einem Umschlag, zu einer neuen Stufenleiter, zu einer Dynamik. die man früher einmal Fortschritt genannt hätte. Sie schlenkert unvorhersehbar wie ein aus der Seilführung gesprungenes Bungeeseil durch die Gegend. Unten warten Krokodile. Mehr…

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