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Archiv für Februar, 2012

Politische Botanik

17. Februar 2012

Die Rücktrittsrede Christian Wulffs illustriert ein letztes Mal seine schräge Rhetorik.

Die ersten Worte bezeugen einen historischen Filmriss im Tempus der vollendeten Gegenwart:

gerne habe ich die Wahl zum Bundespräsidenten angenommen und mich mit ganzer Kraft dem Amt gewidmet.

Wie so oft schreit der nackte nüchterne Indikativ danach, durch Verneinungsprobe geprüft zu werden. “Ungern habe ich die Wahl…. angenommen und mich mit halber Kraft usw.” Tatsächlich ist das ein Satz aus dem Advokatesischen. Er begründet Wulffs Rechtsanspruch auf den Ehrensold.

Hinter der Fassade lauert die Tücke des Details. Der Satz kommt aus dem rhetorischen Bausatz für Nachrufe. Nachrufe zu Lebzeiten, die einer auf sich selbst hält, sind Zombierhetorik. Aus Wulffs Binnensicht der eigenen Affäre die einzige Möglichkeit, Rache an den Medien für die Kampagne gegen ihn zu nehmen. Ihr habt mich zu dem gemacht, der ich heute bin: ein Untoter. Mehr…

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Abwehrzauber, aggiornamento, Allgemein

Get Lost

15. Februar 2012

 

Auch Namen haben ihre Geschichte. Ich erinnere an Odyssey Dawn.

Nun taucht in den letzten Wochen immer mal wieder eine Firma auf, die für eine ihrer Töchter eine niedersächsische Landesbürgschaft erhielt.

Die Mama hieß Get Lost Films, die Tochter Waterfall Productions. Dieses Tarnmädchen hat geschäftlich nix auf die Beine gestellt, hören wir.  Dazu mag auch beigetragen haben, dass die bis dahin üblichen Abschreibungsmodelle nicht mehr funktionierten, weil der Gesetzgeber die Verlustvorträge abschafffen wollte. Wer sich dagegen besonders engagierte, sei damals Ministerpräsident in Hannover gewesen. Mehr…

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Abwehrzauber, aggiornamento, Allgemein ,

Angela Merkels Maginot-Linie

11. Februar 2012

 

Die Maginot-Linie ist ein rätselhaftes Monument der europäischen Geschichte.  Ein Bauwerk gegen die Nachbarn, gegen die Demographiefalle, ein Beschäftigungsprogramm. Keine Funktion wurde tatsächlich erfüllt. Heute hat die große Nation die Fruchtbarkeitsnase vorn. Da scheinen die ungeliebten Freunde im Osten ins Hintertreffen zu geraten. Militärisch haben die Teutonen, von den Ardennen abgesehen, die Maginotlinie umgangen. Mehr…

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Abwehrzauber, Allgemein , ,

Vernichtungsprosa

6. Februar 2012

Der Bundesminister des Äußersten wird seinem früh verliehenen Spitznamen wieder gerecht.

Bei der Münchner Sicherheitskonferenz hat er diesen Satz in seine Rede hineingeschmuggelt:

Die mentalen Restbestände des 20. Jahrhunderts müssen wir überwinden.

Wenigstens hat er nicht "ausmerzen" gesagt. Oder entsorgen. Das ist ein Fortschritt. Trotzdem hat der Satz gute Aussichten darauf, im rhetorischen Schatzkästlein undurchdachter politischer Paradoxie zu landen.

In Westerwelles Satz lauert ein verstecktes Paradox. Man könnte, um es zu illustrieren, zu Hannah Arendts Beschreibung totaler Herrschaft zurückkehren:

Das Wesentliche der totalitären Herrschaft liegt also nicht darin, dass sie bestimmte Freiheiten beschneidet oder beseitigt, noch darin, dass sie die Liebe zur Freiheit aus den menschlichen Herzen ausrottet; sondern einzig darin, dass sie die Menschen, so wie sie sind, mit solcher Gewalt in das eiserne Band des Terrors schließt, dass der Raum des Handelns, und dies allein ist die Wirklichkeit der Freiheit, verschwindet. Mehr…

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Abwehrzauber, aggiornamento, Allgemein ,

Klippschulökonomie

3. Februar 2012

 

Das Beispiel wirkt irgendwie weit hergeholt. Ok, es kommt aus Washington D.C. . Es betrifft Republikanische Abgeordnete des Repräsentantenhauses, die im Wahljahr eine brillante Idee hatten.

Sie haben im vergangenen Haushaltsjahr nicht alle ihnen zustehenden Bundesmittel für ihre Kongress- und Wahlkreisbüros ausgegeben und brüsteten sich mit ihrer Sparsamkeit. Das hätte für PR-Zwecke gereicht.

Nicht bei diesen Meisterschülern. Sie wollten einen draufsetzen und verlangten, dass das von ihnen gesparte Geld von Tim Geithner zur Tilgung der amerikanischen Schulden verwendet werden sollte.

Sodann setzten sie sich in Pose und warteten auf nationalen Beifall.

Dumm gelaufen. Sie werden seither mit Spott überschüttet. Sie haben das kleine Einmaleins der Haushaltsregeln nicht verstanden. Gedeckt sind die tatsächlichen Ausgaben. Weniger Kosten geltend zu machen, heißt weniger auszugeben. Punkt.

Sie tun so, als hätten sie sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf gezogen. Buchhaltungssimpel.

Jetzt ist ihr Reputationskonto tief im Minus. Eine andere Buchhaltungsidentität. Kaum mehr löschbar.

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