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Archiv für April, 2012

“Worte sind Grabsteine”

29. April 2012

Über das "Büro für besondere Texte" stoße ich auf dieses wunderbare Zitat von Franz Rosenzweig:

Worte sind Grabsteine.
Worte sind Brücken über Abgründe. Man geht hinüber, meist ohne runterzusehen. Tut man es doch, so wird einem leicht schwindlig.
Worte sind auch Bretter, die über einen Schacht gedeckt sind, sodass man ihn nicht mehr sieht.
Philosophieren heißt: Gräber öffnen, in die Abgründe hineinspähen, in die Schächte hineinklettern.
Der unphilosophische Mensch unterscheidet sich vom philosophischen darin, dass er die Grabinschrift liest, ohne dabei zu denken, was nun eigentlich in dem Grab liegt (selbst dem – unphilosophischen – Gelehrten, dem Historiker, liegt diese Frage fern; er deutet nur die Inschrift und fragt, wie sie gemeint sei; 
weiter darin, dass er über die Brücke einfach läuft, um auf die andere Seite zu können (oder – wenn er zufällig Dichter ist – weil ihm das Gehen spass macht);
weiter darin, dass er von Schächten, die ins Erdinnere führen, nichts weiss.
In ihrem Verhältnis zu den Worten unterscheiden sich also die beiden. Der eine läuft über sie weg, der andere stolpert über sie, beide aber – und das macht die Sache so kompliziert, haben sie ein Portemonnaie und können nur mit ihnen zahlen.

Diaries III-IV 1906 Sept.. 29 – 1908 Mar. 4. Franz Rosenzweig Collection; AR 3001; box 1; folder 18; Leo Baeck Institute at the Center for Jewish History.
 

 

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Abwehrzauber, aggiornamento, Allgemein

Robert Reich bei Jon Stewart

19. April 2012

Angst vor der Revolte

17. April 2012

 

“Das Land steht am Abgrund, doch der König geht Elefanten jagen.”

Ein Fall unter vielen. Die Klage verfehlt ihr Thema. Was hielten wir vom spanischen König, wenn wir ihn dabei beobachten müssten, wie er mit dem Jagdglas den sozialen Abgrund seines Königreichs sondiert? Da unten sterben die Leut. Da oben bricht man sich die Hüfte. Inkongruent geht die Welt vor den Hund. Mehr…

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Abwehrzauber, aggiornamento, Allgemein, Finanzkrise

Streberhaft doppeltgemoppelt

13. April 2012

 

Stephans Beitrag wird eines nicht sehr fernen Tages als der Augenblick in die Geschichte eingehen, in dem plötzlich alle rufen: Der Kaiser ist nackt! Etwas Märchenhaftes macht sich auf den Weg.

Mit schneidender Mathematik plus österreichischem Granteln präpariert Stephan einen historischen Geburtsfehler in der Verfassung dieses Landes, der viele Jahre als Inbegriff politischer Weisheit galt. Das aus der Vergangenheit rührende Misstrauen in die Fehleranfälligkeit von Institutionen (um es vorsichtig auszudrücken) führte dazu, dass man ein System von Checks & Balances etablierte, in dem die Gegenspieler nicht nur als Vetoplayer, sondern als automatische Fehlerkorrektur verstanden wurden. Wo immer etwas falsch laufen könnte, so die Annahme, recken sie ihre Glieder und machen sich an die Arbeit des Verbesserns. Mehr…

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Allgemein, Finanzkrise

Abgesang

10. April 2012

Am siebten Tage ist es an der Zeit, Abstand zu nehmen, jetzt nicht die medienkritischen Zweitehandaussagen zu treffen, nein, wie schrecklich, nein wie vorhersehbar, nein wie vergeblich dieser Streit anmutet, auch nicht den xten Versuch zu unternehmen, den Verlauf der Debatte nachzuzeichnen, die erste oder nte Sekundärbibliographie zu erstellen.

Am siebten Tage ist das Werk der Zerstörung vollbracht: Die Rolle des öffentlichen Intellektuellen ist zertrümmert. Ein Konstrukt, eine Projektion der Volksbildung, eine heroische Figur tritt ab unter Abgesang von Schimpf und Schande.

Der alte Grass konnte noch antizipieren, dass er einen Sturm lostreten, dass er emotionalisieren und dass er spalten würde. Sein Versuch einer Wiederaufnahme der alten Rolle des öffentlichen Intellektuellen belegt, dass diese Figur aus unserer Zeit herausfällt. Mehr…

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Allgemein