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Archiv für Mai, 2012

Die Stadt und der Tod

31. Mai 2012

Auf dem Weg von der Grand Central Station zum Columbus Circle. Ende März. New York ist in diesen Tagen warm und sonnig. Überall blühen die Zierbirnen, um sie der bittere Geruch in der Luft. Im Village heißen sie Cum Trees. Taxis werben für die Ausstellung „Real Human Bodies“. Lebensechte Tote. Alle paar Meter steckt zwischen den Coffeeshops und Imbissläden ein kleiner Kosmetik- oder Nagelsalon, der makellose Oberflächen anpreist. Unter dem Mikroskop verwandeln sich die geglätteten Oberflächen in Krater und Abgründe. Da hält schon wieder einer dieser Transporter mit den Schießschartenfenstern, gepanzerte Putzerfische für den Cash, der für jeden Quadratzentimeter in dieser Lage pro Sekunde fällig ist.

Am Abend meiner Ankunft sehe ich im Quad-Theater den Film An Encounter with Simone Weil von Julia Haslett. Gegen Mitternacht kommt Sylvère  Lotringer und erzählt über die Philosophie der Denkerin, Aktivistin und Mystikerin Simone Weil. Ihren Platz findet sie früh an der Seite der Schwachen, verwirft weitsichtig die Großideologien des 20. Jahrhunderts, die die Schwachen zur Geisel nehmen und verheizen.  "Sei da für die in Not. Tu das, was dich am meisten kostet. Nimm teil. Großmut heißt, aufmerksam da zu sein."

Lotringers Vortrag wirkt wie eine Choreographie auf engstem Raum, auf einem Quadrat von 50 Zentimetern Seitenlänge bewegt er sich von These zu These, noch gezeichnet von einem schweren Unfall. Vor zwei Tagen ist er aus Baja California eingeflogen, wie immer mit kleinstem Gepäck. Unbelastet beweglich zu sein, ist für ihn Maxime des Überlebens und Denkens.  Er ist für das Thema seines Lebens nach New York gekommen, das Nachdenken über den Tod. Mehr…

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Erkenne dich selbst

29. Mai 2012

 

Der Spruch ist alt. Sehr alt. Über 2.500 Jahre. Ein Heraklit-Fragment.

Wer sind wir, im Vergleich zu den Göttern? Sei Dir der Sterblichkeit bewusst. Du bist verletzlich. Bedenke auch, was Du nicht weißt. Mehr…

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Abwehrzauber, aggiornamento, Allgemein

Lohn der Angst

24. Mai 2012

Die ZEIT brachte heute unter der Überschrift AM MEDIENPRANGER ein Dossier heraus. Es diskutieren Katrin Göring-Eckardt, Giovanni di Lorenzo und Frank Schirrmacher. Sie resümieren die digitalen Erregungswellen der letzten achtzehn Monate, welche Auswirkungen sie auf die Medien, den Journalismus, auf Haltungen, auf Verständnis, auch aufs Aushalten haben.

Fast zeitgleich lese ich eben in SALON folgende O-Töne aus den laufenden amerikanischen Debatten. Sie dokumentieren nicht so sehr Erregungskurven, sondern vielmehr, wie weit sich das Wahrnehmungsgerüst insgesamt an den lunatischen Rand bewegt hat. Ohne Einspruch. Ohne Korrektur.

Last month U.S. Rep. Allen West, a Florida Republican recently considered by some as vice-president material, insisted that there are “78 to 81” Democrats in Congress who are members of the Communist Party, again with little condemnation from the new right.

Mitt Romney took a question at a town hall meeting this month from a woman who insisted President Obama be “tried for treason,” without challenging, demurring from or even commenting on her assertion.

And then there’s the late Andrew Breitbart (assassinated on the orders of Obama, natch). A video from February shows him shrieking at peaceful protesters: “You’re freaks and animals! Stop raping people! Stop raping people! You freaks! You filthy freaks! You filthy, filthy, filthy raping, murdering freaks!” He went on for a minute-and-a-half like that. Speak not ill of the dead? Sen. Ted Kennedy’s body was barely cold when Breitbart labeled him “a big ass motherf@#$er,” a “duplicitous bastard” a “prick” and “a special pile of human excrement. Mehr…

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David Graeber Talk in Frankfurt

21. Mai 2012

Prof. Graeber im Gespräch mit seinem deutschen Verleger.

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Meinungsfreiheit unter Eigentumsvorbehalt

14. Mai 2012

Hannes Hintermeier beschreibt heute im Feuilleton der FAZ den nächsten Akt einer Tragödie. Immerhin steht der erste Verfassungszusatz der Vereinigten Staaten von Amerika auf dem Spiel, der Schutz der Meinungsfreiheit. Unter diesen Schutz stellt sich eine Firma aus dem kalifornischen Mountain View, die kürzlich ein Institut  zu Berlin gründen half, dem bald nur noch die trickreiche Konstruktion seiner Trägerschaft die tatsächliche Unabhängigkeit gewährleisten könnte. Eine großherzige Geste, wie es damals schien. Die abseitige Interessenlage kommt nun ans Tageslicht.

Denn Google stellt sich mit einem kürzlich veröffentlichten Rechtsgutachten auf den Standpunkt, ihre Suchmaschinerei genieße die Verfassungsprivilegien eines Medienunternehmens. Meinungsfreiheit gehe schließlich über alles. Notfalls umfasse sie auch die Freiheit, die Wahrheit in den Staub zu treten – oder sie nach Interessenlage zu verdrehen. Oder mit einer verdrehten Logik dem Leser eines Artikels etwas als "Wahrheit" unterzuschieben, das nichts anderes als den marketinggetriebenen Versuch darstellt, ihm das Geld aus der Tasche zu ziehen. Ist Wahrheit unter dem Blickwinkel des Interesses nicht immer schon eine flüchtige Erscheinung gewesen? Mehr…

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