Die Diskussion um den Sexismus als alltägliche Praxis hat bei Twitter inzwischen einen eigenen hashtag erhalten. Eine scheinbar endlose Geschichte, kleingehackt. Vorwürfe, der politische Journalismus sei damit am Ende, verkomme zum unreflektierten Auslösen von Erregungsstürmen, Canetti nutzte hierfür das Bild der Hetzmeute, intonieren einen kulturkonservativen Dekadenz-Diskurs. Es scheint nicht ganz abwegig, darin einen blinden Fleck zu sehen.
Sexismus ist ein alltägliches Phänomen. Er bleibt es, wenn die Gegenwehr nicht augenblicklich funktioniert.
Dass Rainer Brüderle für seine Praxis des Herrenwitzes Zuflucht beim Dirndl sucht, ist unverzeihlich.
Jürgen Kaubes Frühkritik zum niedersächsischen Wahlabend im Fernsehen gibt einen Eindruck vom blinden Fleck der politischen Talkshows und der Wahlstudios. Sie erklären etwas für spannend, ohne dass irgend etwas passiert. Mathematisch wirkt das erstaunlich, psychologisch weniger. Das Zählen und das Auswerten passieren hinter der Kulisse, wie das Blutbad in der griechischen Tragödie. Der Schnickschnack der Animationsgraphiken tritt an die Stelle des Chors. Der teilt fast nichts mehr mit, das aber in ausführlichster Liturgie.
Beide TV-Formate, Talkshows und Wahlsendungen, verfügen über keine Methode, mit der Ungewissheitsgewissheit umzugehen, obschon genau die doch irgendwann einmal eine Rolle dabei gespielt haben mag, dass es zu ihrer Erfindung kam, damit andere am folgenden Tag nachbeten konnten, was ihnen am Vorabend an "Erkenntnissen" zuteil geworden sein mag. Das zeigt sich auch daran, dass die Auswahl der Diskutanten auf Basis einer ihnen zugeschriebenen These erfolgt. Damit die Moderation sie wie am Schnürchen durch die Sendung ziehen kann, sollen sie bei ihrer These bleiben. Dass so Denken in Gang käme oder gar eine Meinung sich wandeln könnte, scheint ausschließbar.Mehr…
Jan Knobloch geht heute im FAZ-Feuilleton (link folgt) der Frage nach, ob das Zeitalter der politischen Rhetorik vorbei sei. "Sachlichkeit essen Rede auf" ist der Titel seines Beitrags.
Mir scheint der Autor einem Missverständnis zu erliegen, was die politische Rhetorik denn nun wirklich sei. Aus der Ferne tönt das Echo des antiken Streits über die Überredungskunst. Knobloch beginnt mit einem ehrwürdig deplatzierten Beispiel: dem Redner Winston Churchill.
Erst im Sommer 1940 (…) begann seine bombastische Prosa zu greifen.
Dem folgt Knoblochs These, dass brillante Rhetorik (was immer das sein mag) in modernen Wohlfahrtsstaaten eine geringere Rolle spiele. Wir scheinen heute nicht unentwegt unter dem Beschuss von V2-Raketen zu stehen, spitze ich seine These etwas zu. Die Zerstörungskraft, der wir uns heute gegenübersehen, verschont (noch) Mensch und Material, zerbröselt die Gesellschaft selbst. Mehr…
Letzte Kommentare