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Archiv für Mai, 2013

Gift wie aus Versailles

31. Mai 2013

Frederik Weitz macht darauf aufmerksam, was unser so unendlich umsichtiger Bundesaußenminister in Ottawa gesagt hat:

"Die deutsch-französische Freundschaft ist das kostbarste Juwel im europäischen Schatz", sagte Westerwelle.

Wie immer, wenn ich eine westerwellesche Punchline vor die Nase gesetzt bekomme,  könnte die darob fast so schief werden wie seine schiefen Bildertürme. Westerwelles Punchlines entstehen von langer Hand und sind für den sofortigen Verzehr bestimmt, weil sie so schnell verderben. Das hat ihm den Ruf eingetragen, ein scharfzüngiger Redner zu sein. Mehr…

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Störung geboten

26. Mai 2013

 

Wolfgang Streeck diskutierte heute im STREITRAUM der Berliner Schaubühne mit Carolin Emcke über sein neues Buch "Gekaufte Zeit. Die vertagte Krise des demokratischen Kapitalismus". Ich fasse hier meine Notizen seines Vortrags und des anschließenden Gesprächs zusammen. Auf das Buch komme ich in einem weiteren Beitrag zurück. Das Gespräch war unter dem Titel angekündigt: "Postdemokratie: Die vertagte Krise – oder Demokratie und Kapitalismus als Hase und Igel". Streeck leitete seinen Vortrag mit einigen Fragen ein: Was sind die Gründe dafür, dass die Euro-Politik den Eindruck erweckt, einem ökonomischen Diktat hinterherzuhecheln? Warum gibt es aus dem Kreis der verantwortlichen Politiker keine Ursachenanalyse? (Ich erinnere daran, dass die Bundeskanzlerin mit dem Versprechen einer "schonungslosen Analyse" in den letzten Bundestagswahkampf gezogen ist. Kaum war die Wahl vorbei, verschwand das Analyseversprechen auf Nimmerwiedersehen.) Sind die Spannungen neu, die wir zwischen den europäischen Regierungen im Zuge ihrer Euro-Beschlüsse wahrnehmen? Wie wird die Krise tatsächlich bearbeitet? Haben wir es infolge der bisherigen Beschlüsse nur mit einer bis auf weiteres vertagten Krise zu tun, ist nur Zeit gekauft worden? Mehr…

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Die Geschichte spielt verrückt

22. Mai 2013

 

Am Montag veröffentlicht er auf seinem Blog ein Abschiedsmanifest. Am Dienstagnachmittag geht er in den für Besucher um diese Zeit gesperrten Chor von Notre-Dame, legt einen Abschiedsbrief auf den Altar und erschießt sich. Er setzt damit, nur wenige Tage vor der nächsten Großkundgebung am kommenden Sonntag, ein Fanal. Am Abend des Suizids grölen Rechtsradikale vor der Statue von Karl dem Großen das Landsknecthtlied. In der politischen Folklore können wir es mit dem berüchtigten Lied eines anderen wild gewordenen Katholiken vergleichen. Es zittern die morschen Knochen.

Die Geschichte spielt verrückt. Der randalierende Mob vereinigt konservative Katholiken, Musime und Juden. Zusammen singen sie auf den Straßen von Paris die Marseillaise. Gegen Freiheit. Gegen Gleichheit. Gegen Brüderlichkeit. Kaum macht der Suizid die Runde, twittert Marine Le Pen, keine zwei Stunden später, ihren Respekt. Es folgen Reaktionen nackter Mordlust. Mehr…

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Synästhesie

10. Mai 2013

Muss man ihnen erst die Ohren zerschlagen, dass sie lernen, mit den Augen hören. Muss man rasseln gleich Pauken und Busspredigern? Oder glauben sie nur dem Stammelnden?

Nein. Es ist keine Frage unmittelbaren Zwangs, auch keine Überkompensation unterentwickelter Nervenbahnen. Da draußen sprießen die anschlussfähigen Extensions, nun nicht mehr bloß als Fingernägel oder Dreadlocks oder Strähnchen. Diese Extensions gehen auf Sendung in unsere Körper. Sie erweitern uns in Dimensionen, die wir bisher schon detailliert vermessen und beschreiben konnten. Nun kommt etwas hinzu.

Eines der für mich interessantesten Panels der re:publica 13.

PS: Hier ein aktueller Bericht über den neuesten Stand der Forschung im Google-Imperium. Dank für den Hinweis an Hakan T.

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Im Geheimnis verborgen

5. Mai 2013

 

"Das Humoristische, das im Christentum überhaupt liegt, ist in einem Hauptsatz ausgedrückt, wo es heißt, daß die Wahrheit im Geheimnis verborgen ist (εν μυστηριω* αποκρυφη), wo ja nicht nur gelehrt wird, daß sich die Wahrheit hier in einem Geheimnis findet (eine Aussage, welche zu hören die Welt im ganzen mehr Lust gehabt hat, da sich dort ja oft genug Geheimnisse gebildet haben, obwohl die in sie Eingeweihten die übrige Welt dann wieder sogleich im humoristischen Licht auffaßten); sondern sogar, daß sie im Geheimnis verborgen ist, was eben die Lebensanschauung ist, welche die Klugheit der Welt im höchsten Grade humorisiert; sonst pflegt doch die Wahrheit im Geheimnis offenbart zu sein."

Sören Kierkegaard zum 200. Geburtstag, aus: Tagebücher, Erster Band, Düsseldorf/Köln1962, p 127f

Die Wahrheit

ist eine Schlange. Du kannst sie nicht haben, ohne daß du gefangen wirst; du kannst die Wahrheit nicht derart haben, daß du sie fängst, sondern nur derart, daß sie dich fängt.

Sören Kierkegaard, Tagebücher, Fünfter Band aaO p 244

*Anm. das Sonderzeichen des Omega mit iota subskriptum akzeptiert WP leider nicht:

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