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Glück unter Kontrolle

 

Auch das Glück scheint längst nicht mehr, was es mal war. Einer dieser Augenblicke, die über dich kommen, flüchtig, rätselhaft. Es macht dich vielleicht ungläubig. Warum jetzt, nicht vorgestern? Warum ich, nicht er? Das Flüchtige des Glücks hat der griechische Bildhauer Lysippos in Stein gehauen.

Kairós war ein Sascha Lobo der Antike. Geschorener Schädel mit Iro, noch nicht hochgegelt. Lobo ließe sich besser packen als die antike Inkarnation des günstigen Augenblicks. Lobos Geheimnis ist, dass er selbst jede gute Gelegenheit im Flug ergreift, indem der Augenblick selbst zum Greifer wird.

Glück scheint heute weniger begreiflich als je zuvor. Zumindest für diejenigen, die das Glück suchen, jagen, erzwingen wollen. Der Spieler und sein Pech waren für den österreichischen Autor Alexander Lernet-Holenia Thema des phantastischen Romans DER MANN IM HUT aus dem Jahr 1937. Der Erzähler stößt in Budapest auf einen Spieler mit Pechsträhne. Selbst dem Spiel eher abhold erscheint dem Beobachter das Pech so schicksalhaft, dass er fortan zum Gegenspieler des Glücklosen wird. Sein Glück ist gemacht.

Als hätten die Programmierer der amerikanischen Casinos diesen Roman gelesen und verstanden. Ihre Algorithmen überlassen nichts dem Zufall.  Die Peaks im Spielverhalten der älteren Damen, wer hätte das gedacht, erreichen zwischen acht und elf Uhr morgens den Höhepunkt, anstelle des Gefangenenchors aus Nabucco im Wunschkonzert und ohne Staubsaugergetöse aus dem Hintergrund. Soweit klingt das alles bloß banal.

Anders wird es, wenn die Software in Echtzeit die Spieler vermisst (sic!) und – zum Glück der Kasinoeigner – auspresst, bis nichts mehr geht.

As tracked touch-point data is continuously uploaded to the casino’s data cloud and analyzed in the aggregate for collective patterns, digital game content is continuously downloaded from the game cloud such that the casino becomes “dynamically responsive” to the affective and behavioral contingencies of its player markets.

Die Autorin Natascha Dow Schüll lehrt am MIT im Fachbereich Science,Technology, and Society. Ihr Buch Addiction by Design: Machine Gambling in Las Vegas ist 2012 bei Princeton University Press erschienen.

Den Hinweis auf ihre Studie verdanke ich der Zeitschrift LIMN, die ihre aktuelle Ausgabe dem Thema Crowds and Clouds widmet.

Die Überwachungssysteme, die heute vor allem den bösen Überwachern zugerechnet werden, sind für die Spielhöllen von Las Vegas ersonnen worden, schon viele Jahre, bevor sie durch den Sicherheitsstaat installiert wurden. Ihre Herkunft illustriert das Denken, dekonstruiert die schale Idee des “pursuit of happiness” als abgekartetes Spiel.

Das Glück ist keine flüchtige Größe mehr. Es ist berechenbar. Für den Gegenspieler. Das Pech des Spielers ist besiegelt.

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