Verschieden

Ach, wenn wir doch so loben könnten, wie wir wollten. Mit dem Lob ist das so eine Sache. Sie geht einem leicht von der Hand, wenn man ein bisschen erfahrener wird, etwa durch das Schreiben von Nachrufen. Nihil nisi bene, Sie wissen schon. Dem Verschiedenen Schmähkritik in die Grube nachzurufen – was für ein Unfug.

In süddeutschen Gegenden (auch in der Schweiz) gehört es zu den Gepflogenheiten, in Todesanzeigen den Hinschied des lieben Verstorbenen zu beklagen. Was für ein schönes Wort. Das Scheiden steckt da drin – und das hin. Mich befällt leises Schaudern, wenn ich in Angela Merkels Video-Podcasts mal wieder das Wort "verschieden" bemerke. Die Physikerin gebraucht dieses Wort gerne als Mengenangabe. In der Krise wird das missverständlich.

Die Bundeskanzlerin befindet sich auf einer Mittelstandsreise, ein Wahlkampf-Sommerziel, das Sie nicht buchen können. Ihren Podcast beginnt sie mit den Worten: "In den letzten Tagen habe ich verschiedene mittelständische Betriebe besucht, und ich bin immer wieder beeindruckt gewesen, in welcher Vielfalt unser Mittelstand zu unseren Exportprodukten beiträgt."

Selbst wenn Frau Merkel lobt, hält sie es für zweckmäßig, Spuren zu verwischen, sie lobt  im Ungefähren: "zu unseren Exportprodukten beiträgt". Der Mittelstand produziert und exportiert seine Produkte, er trägt nicht nur dazu bei. Dass Frau Merkel die Vorvergangenheitsform des Beeindrucktgewesenseins verwendet, ist erstaunlich. Sie hätte ja durchaus beeindruckt bleiben können. Ihr Beeindrucktsein ist flüchtig.

"Dies ist Teil meiner Mittelstandsreise, die ich ganz bewusst mache, weil der Mittelstand oft nicht genug im Vordergrund und im Zentrum unserer Aufmerksamkeit steht." Lassen wir das "ganz bewusst" beiseite, weil wir der Bundeskanzlerin zutrauen, jede Reise (auch an ihrem Geburtstag zum CSU-Parteitag nach Nürnberg, herzlichen Glückwunsch!) bewusst zu unternehmen. Aber in welcher Welt lebt Angela Merkel, wenn sie behauptet, dass der Mittelstand bei uns so gut wie totgeschwiegen wird? Ist sie nicht Vorsitzende einer Partei, die eine eigene Mittelstandsvereinigung hat? Googelt man in der Podcast-Schreiberstube des Bundeskanzleramts? Die Suchmaschine meldet 8.340.000 Treffer zum Stichwort Mittelstand.

Wie uns Frau Merkel mitteilt, bilden die mittelständischen Unternehmen 83 Prozent der jungen Leute aus, "die später durch ihre Berufsausbildung für den Wohlstand unseres Landes arbeiten". Wie beiläufig in diesem Satz Ursache, Wirkung, Motive und Zeit zusammengebracht und durcheinandergewürfelt werden, ist beachtlich – ein Lob aus der Nebelkerze. Das individuelle Streben nach Glück (anderswo auch pursuit of happiness genannt), kommt in der Welt der Bundeskanzlerin nicht vor, oder wenn dann erst post festum, was dem Spaß an der Sache durchaus abträglich ist. Im Griechischen heißt der große Durcheinanderwürfler übrigens diabolos.

"Die kleinen und mittelständischen Unternehmen – sie sind so etwas wie das Herzstück oder das Rückgrat unserer Sozialen Marktwirtschaft." Nun verirren wir uns mit Angela Merkel in die Anatomie. Auch bei ihren Sprachbildern vermeidet sie es, sich zu entscheiden. Was ein Herzstück von einem Herzen unterscheidet, können wir ahnen (in den letzten Wochen kommt in den Reden Angela Merkels immer öfter das Wort Stück vor); ein Herzstück kann kein ganzes Herz sein. Erst das ganze Herz aber ist funktionstüchtig.

Variieren wir das Bild und versuchen, seinem Realitätsgehalt nachzuspüren. Herzstück und Rückgrat können wir auch als Maschine und Statik verstehen. Dem Stück aber fehlt etwas, das auch die stabilste Statik (oder das biegsamste Rückgrat) nicht wettmachen kann. Die windschiefe Metaphernsprache der Bundeskanzlerin offenbart den Subtext der Krise, über die sie nicht sprechen möchte.

Eine Minute später erklärt uns Frau Merkel: "Mittelständische Unternehmen denken längerfristig in die Zukunft." Dieses Lob atmet vanitas. Kurzfristig nichts zu holen, langfristig wissen wir nicht, obs uns dann noch gibt.

Die Symptome dieser Sprache erinnern mich an den Sog der Kreissäge in der Holzwirtschaft. Irgendwann ist der Finger ab. Man möchte in Angela Merkels Schreiberstube den Sachen nahe kommen, ohne präzise zu werden.

Darin liegt die größte Gefahr.

Allgemein, Angela Merkels Rhetorik

  1. Josefine Gegenbauer
    19. Juli 2009, 11:47 | #1

    Lieber Herr Hütt, ich lese Ihr Blog schon seit längerer Zeit, jetzt muss ich einfach mal kommentieren, den ihre Analysen sind überaus lesenswert und fast immer auf den Punkt gut . Insbesondere dieser Beitrag gefällt mir mal wieder sehr. Eine Frage stelle ich mir aber immer wieder: warum kommt Merkel mit ihren nachweislich uneindeutigen und vielfach verwirrenden Reden “überall durch”? Warum wird die von Ihnen angemahnte rethorische Qualität von keinem Journalisten in Berlin von dieser Frau abgefordert? Frau Merkel ist doch immerhin Bundeskanzlerin, hat sie da einen Frauenbonus? Oder hört ihr kaum einer zu?

  2. 19. Juli 2009, 11:57 | #2

    Liebe Frau Gegenbauer,
    selbstverständlich wird Frau Merkel unentwegt kritisch kommentiert. Landauf, landab. Sie lässt das abperlen. Das hat sie bei Helmut Kohl gelernt. Ihre Macht beruht auf anderen Grundlagen als ihren Reden. Das mag ihr nützen. Der öffentlichen Meinungsbildung ist es abträglich. Deshalb schreibt zur Zeit zum Beispiel Gabor Steingart mit vielen Mitautoren sein neues Buch. Schauen Sie mal rein – http://www.demokratie-erneuern.de

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