bella figura

Obamas Medienblitz und sein Auftritt bei Letterman sind vorbei. Heute beginnen die Obama-Festspiele in New York und dann in Pittsburgh. Aber als hätte man sie dafür bestellt, erzählen uns die Fliegenbeinzähler, dass der Blitzkrieg in den Medien nichts gebracht habe. Wie kommen sie zu ihrem Befund? Sie messen die Resonanz auf die Auftritte im Internet. Dort sei kaum was hängen geblieben. Yes, we gähn… Im Netz achte man die Authentizität, die Ehrlichkeit, den unverstellten Auftritt.  Ach, wenn das doch tatsächlich der Fall wäre! Immerhin, die über sechs Millionen Youtube-Besucher, die sich im März vergangenen Jahres Obamas Rede zum Rassenthema angesehen haben, dokumentieren, wie elektrisierend eine große Rede sein kann, wie eine Rede weltweite Aufmerksamkeit finden und Maßstäbe setzen kann.

Zugegeben, auch dieser Blog leistet seinen bescheidenen Beitrag dazu. Zurück zu den Fliegenbeinzählern. Wo leben die? Wie eng haben sie ihren Visus gestellt? Haben sie keine Antenne für Dialektik? Haben sie kein Gehör für Kontrapunkte? Haben sie verlernt zu vergleichen?

Was sehen wir, wenn wir uns dem amerikanischen 24-Stunden-Nachrichten-Strom aussetzen? Wir sehen da auch die hässlichen Seiten Amerikas. Unverstellten Rassenhass. Mordlust. Verschwörungswahnsinn. Hysterisches Schäumen: Obama sei Nazi, Kommunist, Marxist, Sozialist, Betrüger. Er wolle bei der todkranken Oma den Stecker ziehen. Die Sparer ausplündern, Amerika zu einem volkseigenen Betrieb umbauen, in dem allein der Staat das Sagen habe. Er solle bloß die Hände von Medicare lassen.

Das erinnert hierzulande an Kurt Tucholskys älteren, aber leicht besoffenen Herrn, also an den gewöhnlichen Wahnsinn. (Wie würde sich dessen Suada in der letzten Woche unseres Wahlkampfes anhören?)

Was sehen wir auf der anderen Seite? Wir erleben einen Politiker, der gegen alle Vorhersagen und gegen die negativen opinion polls weiter bella figura macht. Der vor der Gipfel-Woche nach Troy ins Hudson-Tal reist, um dort in einem Community-College zu sprechen (das ist eine Kombination aus Berufsschule und Volkshochschule, ein Pfeiler im amerikanischen System der beruflichen Bildung und Weiterbildung). Keine 24 Stunden vor seiner Klimaschutzrede erzählt Obama davon, wie sein Konjunkturpaket den Wandel nach Troy bringt, langsam zwar und nicht gefeit gegen Rückschläge, aber mit der Aussicht darauf, einer neuen Generation neue Chancen zu geben, nachhaltige Chancen.

Aus der Sicht der Mainstream-Medien ist das bloß eine weitere belächelte oder verachtete Obama-Roadshow – so what …  Wer genauer hinschaut, könnte sehen und verstehen, dass in Troy die Fortschrittsschnecke beschleunigt, dass die Erneuerung Amerikas an vielen solchen Orten wie Troy in die Gänge kommt, dass 100 Mrd. Dollar für Investitionen in eine grüne Ökonomie einen Hebel ansetzen, dessen Wucht wir vielleicht in drei Jahren ermessen können.

Was sehen wir auf dem Klimaschutzgipfel der Vereinten Nationen? Wir sehen und hören den US-Präsidenten, der klipp und klar die Folgen des Klimawandels für die Politik aller Länder an die Wand malt, eine Rede, die in den vergangenen acht Jahren unvorstellbar gewesen wäre, eine Rede, mit welcher er auch Akteure seiner eigenen Partei adressiert, die sich einem überlebten Geschäftsmodell verpflichtet fühlen.

Wer über diese Rede mit dem Argument spottet, Obama solle endlich liefern und Taten sehen lassen, ignoriert, mit welch strategischer Disziplin dieser Politiker seine Agenda verfolgt. Auf dem Weg nach Troy mischte er sich in die Innenpolitik des Bundesstaates New York ein, machte dem amtierenden Gouverneur klar, dass er besser nicht mehr kandidiere. Aus dem Weißen Haus steuert Rahm Emanuel das Spiel, mit dem er für die Demokraten die Mehrheit im Kongress zurück erobert hat.

Alle Wackelkandidaten, alle zur Wiederwahl anstehenden Kongressmitglieder stehen vor der Wahl, Obama zu unterstützen – oder seinen Rückhalt zu verlieren. Wer Obama in diesen Tagen bei den Kampagnenauftritten für die Gesundheitsreform erlebt hat, weiß, dass er weiter der grandioseste Wahlkämpfer dieser Welt ist. Er beherrscht das Spiel der checks & balances in der amerikanischen Innenpolitik: normativ als Verfassungsrechtler, rhetorisch als oberster Motivator – und als Techniker, der gezeigt hat, wie man die Macht gegen alle Wetten erobert.

Die bella figura Obamas ist das Bild, das über den Tag hinausweist. Das ist nicht der zu klein gewachsene Hahnrei, der seine Freunde dazu vergattert, den Wanst von den Ferienfotos zu tilgen. Das ist nicht der Cavaliere, dem beim nächsten Facelifting die anderen Backen ins Gesicht hochgezogen werden. Das ist nicht der tigerlähmende Kalaschnikowski aus Moskau. Da sehen wir keine Mundwinkel, die bis zu den Knien herabgezogen werden als Ausdruck staatsfraulichen Sorgetragens.

Wir erleben in diesen Tagen, wie unverwüstlicher und pragmatisch geerdeter Optimismus aussehen kann, der in der tiefsten Krise seit mehreren Generationen dabei ist, sein Land zu erneuern.

Allgemein, Charisma, Politikmanagement, Politische Rhetorik
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  1. Zacharias
    22. September 2009, 23:52 | #1

    Hervorragender Artikel. Sowas liest man wirklich gerne – und zwar nicht nur weil Obama in ein so gutes Licht gerückt wird, aber auch :)
    Grüße Zacharias

  2. 23. September 2009, 06:52 | #2

    … danke, danke, das heißt nun aber nicht, dass ich diesen Blog als Vorstufe der Seligsprechung Obamas zu Lebzeiten missverstanden sehen will. An der Idee, dass sich hinter seiner bella figura auch eine Art politischen Moonwalks verbirgt, ist was dran: Mit schönen Worten nach vorne zu marschieren (jedenfalls den Eindruck zu erwecken), tatsächlich aber die Dinge, auf die es ankommt, schleifen zu lassen oder den Rückzug anzutreten.
    Aber ich versuche zu verstehen, was tatsächlich passiert. Was in Troy und mit anderen ARRA-Geldern begonnen wird, bringt die USA im internationalen Wettbewerb bei neuen Technologien nach vorne. Es könnte sein, dass die Amerikaner auch ehrgeizige Klima-Normen schneller erfüllen als europäische Gardinenprediger.
    Wer nicht mitkommt oder aus lobbyistischen Gründen im Kongress dagegen hält, das sind die Saurier aus den alten Industrien. Zur Halbzeit seiner Regierung, also bei den midterm-Wahlen, kann Obama zeigen, was sein Land bis dahin tatsächlich erreicht hat. Seine Politik ist für die Dinos eine Fahrkarte in die Gegenwart. HH

  3. Manni
    24. September 2009, 12:36 | #3

    Ein Beitrag, der sich fast exakt mit meinen Eindrücken von der außergewöhnlichen, vor allem neuen Zielorientiertheit des US-Präsidenten deckt.
    Man muss sich nur die unvorstellbaren Hürden vor Augen halten, die Obama sowohl im Inland (Lobbyisten der alten Industrien und Finanzinstitutionen) als auch in der Welt (Vertrauensverluste durch seinen Vorgänger)zur Erreichung seine Ziele zu nehemen hat.
    Seine Herangehensweise verschiedenste Gruppen in die Verantwortung der Lösungen einbinden zu wollen schafft keine zusätzlichen Hindernisse.
    Allerdings scheint mir allmählich die Zeit reif für erste greifbare Resultate zu sein, an denen er sich messen lassen muss.
    Bedenklich halte ich schon sein “Zurückrudern” bei wesentlichen Bestandteilen seiner Gesundheitsreform und das weitgehend Unverbindliche seiner Aussagen zum Klimaschutz.

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