Enttäuschungsmanagement
Der Washington-Korrespondent der FAZ macht es sich leicht. OK, Chicago flog schon bei der ersten Runde raus. Lateinamerika war dran, Lula, Rio und Brasilien hatten bessere Karten – trotz einer beeindruckenden Rede Michelle Obamas.
Ihre Rede wäre Grund genug, den Auftritt der Obamas anders zu würdigen als Herr Rüb. Durchaus auch kritisch, denn der Auftritt des Ersten Ehepaars war ein bisschen zu pompös für den verwinkelten Entscheidungsprozess der Olympier.
Warum stimmt Matthias Rüb ohne jede Distanz in die Kakophonie der Republikaner ein? Was bewegt ihn zu seinem Ressentiment: "Die Wirkung der perlenden Wortkaskaden Obamas lässt nach. Jetzt war das auch in Kopenhagen zu sehen." Zarathustra lässt grüßen. Der ungläubige Herr Rüb hört mit den Augen.
Wie beschreibt er den politischen Prozess? Er verweist auf die Mordserie an Schülern in Chicago (was fast wie Häme wirkt), erinnert an amerikanische Gefallene in Afghanistan, mahnt die Sicherheitsdividende durch Obamas Charmeoffensiven an, verweist auf steigende Arbeitslosenzahlen und Schulden, die stockende Gesetzgebung bei der Gesundheitsreform und der Umweltpolitik, die Schwierigkeit, Guantánamo zu schließen.
Er stellt den politischen Prozess in Kontrast zu einer Rhetorik, die nicht liefert, was sie verspricht. Was für ein Verständnis der amerikanischen Politik transportiert er in diesem Gegensatz? Dass da ein Basta-Präsident fehlt? Dass das Weiße Haus, anders als unter No. 43, im Kongress trotz großer demokratischer Mehrheiten keinen Durchmarsch der eigenen Agenda auf die Reihe bekommt?
Wenn der Nachrichtenzyklus das Geschäft diktiert, bleiben Erkenntnisse auf der Strecke. Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Dieser Blog ist keine Hagiographie Barack Obamas. Das Ziel dieses Blogs ist es, die Funktion des politischen Redens im politischen Prozess zu analysieren, wie das politische Reden die Öffentlichkeit mit dem Wandel vertraut macht, dafür Stimmen mobilisiert, Verständnis ermöglicht, sich mit dem Gegner auseinander setzt.
Obama ist dafür besonders geeignet, weil er ein guter Redner ist, weil er seine politische Karriere als community organizer im Schatten geschlossener Stahlwerke begann (gibt es einen Ort, der besser als das Chicago der 80er Jahre einen illusionslosen Blick auf die Politik lehrt?), weil er eine politische Agenda verfolgt, die mit den großen Lebenslügen der amerikanischen Politik der letzten Jahrzehnte aufräumt.
Jeder Ökonom wird Herrn Rüb darüber aufklären, dass die Arbeitslosenzahlen noch viele Monate weiter zunehmen werden. Hätte er am Freitag Paul Krugman gelesen, wüsste er, welchen Hebel ein weiteres Konjunkturprogramm bereitstellen könnte, um die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen und das Defizit abzubauen.
Aber das interessiert Herrn Rüb nicht. Er interessiert sich auch nicht dafür, warum der Kongress in das Budgetgesetz für das Heimatschutzministerium einen Abschnitt eingefügt hat, welcher der Bundesregierung verbietet, Guantánamo-Häftlinge in amerikanische Gefängnisse zu verlegen. Ihn interessiert nicht das Kräftemessen im System der checks & balances.
Matthias Rüb hat zu viele Reden Obamas gehört. He´s fed up und musste seinen Überdruss los werden.
Allgemein, Gesundheitsreform, Politikmanagement, Politische Rhetorik


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