Home > Allgemein, Politische Rhetorik > Biedermeier reloaded


Biedermeier reloaded

Das Interview mit Professor Norbert Walter ist wie der Kontrapunkt zu Paul Krugmans heutiger Glosse. Beide Beiträge verabreichen eine gut versteckte rhetorische Lektion.

Während der eine, Krugman, zurückschaut und das ökonomische Fazit der Nullerjahre zieht, als hätte er den Text auf deutsch gedacht: das Jahrzehnt habe nichts gelernt und nichts gewonnen, es fehlte nur noch das zerronnen, dann wäre die Kolumne ein Prosa-Gedicht, schaut der andere, Walter, nach vorn (in Deutschland eine besonders prekäre Übung) und sagt uns ungemütliche Zeiten voraus.

Das Wort gemütlich hat es so spät in die deutsche Sprache gebracht, dass es auf Englisch genauso heißt: gemuetlich. In der historischen Analyse der Brüder Grimm wird es in Nachbarschaft zum Mut gebracht, ehe es im späten 18. Jahrhundert seine ambivalente Bedeutung gewinnt: die Strenge des Denkens scheuen, dem Ernst des Lebens aus dem Wege gehen. In die Frühgeschichte des Worts ist die Warnung vor seinem Missbrauch eingebaut.

Die Warnung gilt auch für das Gegenteil: ungemütlich. Aus der fernen Vergangenheit fehlt der Mut, den man in ungemütlichen Zeiten besonders braucht. Norbert Walter beklagt sich darüber, dass die Unternehmensberatung, die er mit seinen Töchtern eröffnen wolle, drei Monate auf die Büromöbel warten müsse. Der Seher, der auf ungemütlich setzt, möchte das von behaglichem Posten aus tun.

Die terms of trade klingen nach Biedermeier reloaded. Kann sein, dass die Mode wieder umständlich und unbequem wird. Kann sein, dass die politische Rhetorik auf Augenwischerei, Tarnen, Tricksen, Täuschen, auf Wachstumsbeschleunigung in der Talfahrt setzt, während für die Salons Anstand, Achtsamkeit, Ehrbarkeit gepredigt wird. Kann sein.

Dann aber wächst der Vormärz auch. Sind seine Lektionen dieses Mal lehrreicher? Kann sein.

 

 

 

Allgemein, Politische Rhetorik
,

  1. Bisher keine Kommentare
  1. Bisher keine Trackbacks


5 + = 14