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Chicken Game?

Noch einer dieser schwülheißen Tage, die den großen Regen versprechen. Das brache Feld gemäht, die beiden Hügel abgetragen. Weit da hinten am Rand des Feldes formen ihre Erdmassen einen Wall, den hier, im tiefen Süden Frankreichs, niemand Maginot-Linie nennen würde.

Die hat nicht gehalten, was man von ihr erwartete.

Die Verteidigungswälle dieser Zeit sind unsichtbar. Sie dienen noch dem Containment. Sie stauen eine namenlose Wut, die darauf wartet durchzubrechen.

Über dem Feld steht wieder der blonde Schüttelfalke. Die Hunde dösen. Durch den Bambushain geht ein leichter Wind. Auf dem Bildschirm verrauschen die Kommentare und Analysen, das Gezwitscher und das Geschwätz dieses Tages. Ein bescheidener Ertrag.

Aus der Ferne des Vereinigten Königreichs eine Nachricht über den Kauf von BP-Aktien. Die Nachricht erinnert an einen anonymen Autor im Schlepptau des Göttinger Mescaleros. Der phantasierte im Herbst 1977 über den Kauf von Suzuki-Aktien. Nicht der Kauf oder die Spekulation sind das Thema, nicht mangelnde Pietät oder politische Korrektheit.

Kälte ist Leitthema, Opportunität ein Fall für den Bildhauer verpasster Gelegenheiten, den großen Lysippos, der in der Antike die Punks erfunden hat.

dank an http://procrastinationgods.files.wordpress.com/2009/06/lysip_kairos11.jpg

Plötzlich ist alles anders. Den Blitz liefert Bryan Caplan im Econ Blog mit einer Erinnerung an ein Gespräch im Hause Friedman. Für die Idee hat Herbert Achternbusch den Spruch geprägt "Du hast keine Chance, aber nutze sie".

"Imagine that someone in our future is equipped with a device capable of delivering packages to the past. He makes a list of thirty or forty of the most influential people in the U.S. as of (say) the 1850′s, prepares for each a package of history books, and delivers the package to the recipient’s desk a week or two before some prominent natural event, such as an earthquake or eruption, is due to occur.

Each package includes a dozen identical color photographs and a cover letter. The letter predicts in detail the event about to occur and explains that the package is being sent in the hope of preventing a very bloody war. The photographs could not have been produced with mid-19th century technology; the hope is that they plus the prediction will be enough to persuade at least some of the recipients that the package really is from the future. What happens?"

Gute Frage. Mich interessiert der amerikanische Bürgerkrieg nicht so sehr, dass ich der Frage folge. Wir wissen, wie er ausgegangen ist. Dass die gute Seite gesiegt hat. Zu vermeidbar hohen Kosten usw.  Mich interessiert die Frage nicht, weil ich zwei Minuten nach diesem Posting, dazwischen die Frage des amerikanischen Präsidenten, wem er in den Hintern treten sollte, auf einen interessanten Essay von François Leclerc stoße:

"C’est en direct que nous assistons à ce que les historiens qualifieront plus tard de l’un des plus magistraux contre-sens de toute l’histoire contemporaine."

Nicht die abgeklärten Urururenkel lassen den Vorfahren eine hoffentlich Kurs korrigierende Nachricht zukommen. Die heutige Generation übermittelt ihren Nachfahren die melancholische Einsicht, man habe alles, was eintreten würde, vorhergesehen und vorhergesagt. Dennoch seien die Fehler begangen worden, welche die Nachfahren auf unabsehbare Zeit in Geiselhaft nähmen.

Träumen mag, wer will. Ich beobachte in Zeitlupe, wie das Verhängnis seinen Lauf nimmt. Welche Optionen bestehen, den Lauf aufzuhalten, die Richtung zu ändern, dem Verhängnis Einhalt zu gebieten?

Oder lautet die Botschaft unserer Zeit bloß noch "sorry, war nicht so gemeint"?

Für die fälligen Wertberichtigungen fehlt der politischen Klasse nicht mehr nur die Sprache. Sie wird neue Worte erfinden. Sie wird Nebenkriegsschauplätze ersinnen. Sie wird symbolische Maßnahmen verabreden.

Was hilft das? Sie hat jeden Kredit verloren. Sie hat ihre Politik für alternativlos erklärt, ohne das Wahlrecht abzuschaffen.

Als ich im Januar 2009 dieses Blog zu schreiben begann, wusste ich vielleicht noch nicht, aber ahnte, worauf ich mich einließ. Ich  begann spielerisch, neugierig, vorsätzlich und naiv die Möglichkeiten des Formats austestend. Eine erste Zäsur fand statt bei der Jahrestagung des Verbands der Redenschreiber deutscher Sprache im Mai 2009.

Ein anderes Verständnis politischer Sprache trat in Konkurrenz zu einer mir zweifelhaft erscheinenden Idee rhetorischer Fertigkeiten. Dem folgte im September 2009 eine Diskussion mit Ulrich Sarcinelli, Lothar Probst und Tom Buhrow in der Bremischen Bürgerschaft.

Eine weitere Etappe auf meinem Weg aus dem Andersschen Märchen des nackten Kaisers in die Gegenwart. In Bremen diskutierten wir, was Willy Brandt und Barack Obama gemeinsam hatten und der heutigen politischen Klasse in Deutschland fehlt. Viel zu schnell landete der Vortrag Sarcinellis bei Webers Charisma – mit der gebotenen methodischen Distanz der heutigen Politikwissenschaft.

Meine Neugier brachte mich dazu, Willy Brandts Erinnerungen neu zu lesen. Die biographischen Parallelen – jenseits von Max Webers Charisma-Ideen – zwischen Brandt und Obama sind erstaunlich. Vaterlos aufgewachsen. Unter der Obhut der Großeltern. Erste tastende Suche nach Zugehörigkeiten. Der komparative Blick – aus der Emigration in Norwegen bzw.  früher Kindheit in Indonesien – der Abschied von ersten Bindungen als Häutung, Reifung des Politikers, der selbstdistanzierte Blick auf das Umfeld, ein anderes Verständnis, aus welcher Prägung politische Führungskraft entsteht, Kälte und Distanz als Attraktoren einer modernen Praxis charismatischer Führung.

Eine autobiographische Seite lief im basso continuo mit. Mein Vater, als jüngster Sohn der Familie – ihr Benjamin – 1913 im gleichen Jahr wie Willy Brandt geboren. Sie sind auch im gleichen Jahr gestorben. 1992. Der Tod des einen bahnte der Trauer um den anderen den Weg. Ihr Reden, ihr Denken, ihr Distinktionsverhalten folgte gleichen Mustern. "Die Schule der Nation ist die Schule"- ein Satz, dem die Predigten meines Vaters in Denken wie Diktion entsprachen, wie sie die Erfahrung des Überlebens, des Davongekommenseins geprägt hat.

Das theologische Denken meines Vaters folgte Antinomien, zwischen Karl Barth und Rudolf Bultmann, Karl Jaspers, Martin Heidegger, Hans-Georg Gadamer und Jean-Paul Sartre. Seine Heimat in der Bekennenden Kirche ragte wie ein Findling in die politische Kultur der fünfziger und frühen sechziger Jahre, zumal im Herzen des rheinischen Kapitalismus, Büderich, dem Vorort von Düsseldorf – eine Kirchengemeinde zwischen den Böhler-Stahlwerken, ihrer Amsel-. Drossel-, Fink- und Star-Vogelsiedlung und Meererbusch, wo die Familie Flick wohnte.

Noch wäre es Hybris, in diese Haut des Davongekommenseins zu schlüpfen, voreilig vom Überleben zu phantasieren, bevor die Dämme brechen. Ich bin kein Doomsayer. Ich will überleben.

Ich habe heute, am Ende eines fruchtbaren Tages, einen kleinen Blick hinter die Kulisse meines Denkens gegeben.

 

 

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