Vorgänger

Das tiefe Schweigen hat ein Ende.

Die Debatte um Einwanderung und Integration wird schrill. Nach der großen Rezession schießt die Wachstumskurve steil in die Höhe. Ein Rückfall ist nicht ausgeschlossen. Die Finanzierung der sozialen Sicherheit scheint prekär – nach beispielloser Sozialisierung privater Verluste. Die parteipolitischen Lager erodieren. Neue Formationen zeichnen sich ab.

Die Globalisierung, bisher für so zwingend und unaufhaltsam gehalten wie der Lauf von Ochs und Esel, erfährt Dämpfer. Der politische Liberalismus steht vor einer programmatischen Wende, um nicht zu sagen Spaltung.

Um sich selbst zu retten, bereitet das eiserne Kanzleramt eine fundamentale politische Wende vor. Immer größere Teile der bisherigen Mittelschichten erleben oder befürchten den Abstieg und die Prekarisierung ihrer Lebensverhältnisse.

In diese Zeit platzt eine Publikation, die dafür plädiert, der staatlichen Einheit vermehrte Anstrengungen der inneren Einheit folgen zu lassen. Der inneren Einheit steht manches im Wege. Gutmenschen zum Beispiel, sogenannte Philanthropen, sowie eine massive Einwanderung nicht integrationswilliger Menschen – mehr oder weniger Deutsch redende Orientalen, die auf ihren traditionellen Unterschieden beharren.

Es sei höchste Zeit für einen Tabubruch. Der Instinkt der Massen habe eine schwere Gefahr für das neue deutsche Leben richtig erkannt.

Die Rede ist nicht von Thilo Sarrazin und der von ihm herbeigefürchteten Abschaffung Deutschlands. Die Rede ist vom Berliner Antisemitismusstreit des Jahres 1879 und der folgenden Jahre. Der Autor der Streitschrift war der Historiker Heinrich von Treitschke.

Sarrazins Kopftuchmädchen hießen bei Treitschke "strebsame hosenverkaufende Jünglinge".

Ich frage mich, warum so kluge Zeitgenossen wie Andrian Kreye in der Süddeutschen zu Michael Moore oder wie Jörg Wittkewitz zu Elias Canetti in die Ferne schweifen, wenn das Argumentationsmuster – oder sollte ich sagen: die historische Konstellation? – so frappierende Ähnlichkeiten in der deutschen Geschichte aufweist.

Die große Mär des unaufhaltsamen Fortschritts und der Aufklärung bewahren nicht vor dem Rückfall in die Barbarei. Der Firnis der Zivilisation wird dünner.

The Times They Are A-Changin´

Die Diskussion geht hier weiter.

Allgemein, Politische Rhetorik
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  1. Morph
    3. September 2010, 20:42 | #1

    „Der Firnis der Zivilisation wird dünner.“

    Ja, wir sind Kulturwesen, und unser Miteinander ist ein Garten, der verwildert, wenn man ih nicht umsichtig pflegt. Aber das Bild vom dünnen Firnis der Zivilisation ist zu alarmistisch. Die Bundesrepublik hat den Historikerstreit erlebt, die Walser-Bubis-Debatte; sie wird auch die Sarraziniade hinter sich bringen und als ein Ereignis ihrer Geistesgeschichte historisieren.
    Ich finde sehr bemerkenswert dieser Tage, dass Sarrazins Biologismus einhellig für abwegig und peinlich erachtet wird und andererseits wiederum einhellig die Problemlage der Integrationsverweigerung anerkann wird.
    Ich finde den Tenor der Diskussion – sowohl öffentlich als auch privat (i.S. meines mikrosozialen Horizonts) – überraschend vernünftig.

  2. 4. September 2010, 00:16 | #2

    Da stimme ich Dir zu. Die Diskussion mäandert symptomatisch am Thema vorbei, das mich interessiert. Ich will den stoffeligen Sarrazin nicht verteufeln. Er glaubt, womöglich zu recht, da nur seinen Leidenschaften nachgegangen zu sein: aus krudem Zahlenmaterial Schaubilder zu basteln und mit provokanten Kommentaren zu versehen.

    Die historische Konstellation finde ich interessanter: nicht dass Sarrazin ein Wiedergänger Heinrich von Treitschkes ist, sondern dass sich die historische Konstellation wiederholt, ist frappierend. Die Diskurs-Parallelen führen zu Kurzschlüssen und dem altbekannten Alarmismus. Die vermeintliche Nähe Sarrazins zu Treitschke wurde nach dem lettre-Interview schon hervorgehoben. Die Bindestrich-Historiker erliegen der Schwäche ihrer Spezialgebiete, verlieren den Blick auf das Ganze (wenn sie ihn denn überhaupt haben).

    Nicht das Problem (misslungene Integration) sucht nach einer Lösung. Eine politische „Lösung“ sucht nach einem Problem. Das macht die Geschichte scharf. Aus diesem Blickwinkel könnte man zu der Idee kommen, dass Sarrazin den nützlichen Idioten gegeben hat.

  3. Morph
    4. September 2010, 17:53 | #3

    Die historische Parallele ist wirklich frappierend. Was mich aber eher zum Gegendenken animiert. Was ist anders als 1879? Zunächst mal: Das politische System (Stw. Parteiendemokratie) war damals noch nicht derart gefestigt und professionalisiert wie heute.
    Ich finde die Figur: Eine politische Lösung sucht sich ein Problem, aufschlussreich, aber mein Eindruck ist, dass diese politische Lösung, die sich da auf Suche begibt, wenig Chancen auf Hegemonie hat. Die Sexiness der starken Autorität und durchgreifenden Exklusion ist pornographisch: Wir alle sind ansprechbar, aber nicht wirklich verführbar, dafür ist das ganze doch zu fadenscheinig, oder?

  4. 4. September 2010, 20:02 | #4

    Das politische System mag gefestigt scheinen. Seine Akteure sehen das aus der Binnensicht ihrer Parteien anders. Es kommt ins Schwimmen, ein weiteres Element der Konstellation im Tableau. Wolffsohn nimmt in der Welt eine parteipolitische Differenzierung vorweg, die ein bisschen die Schweiz nachahmt: http://www.welt.de/debatte/kommentare/article9250275/Koch-und-Merz-werden-Spaltung-der-Union-einleiten.html – das scheint mir eher optimistisch, Wunschdenken.

    Die Hegemonie ist im Zeitalter eines unaufhörlichen Medienzyklus ambivalent geworden (s. USA). Die sogenannte LINKE hat vom Rand die Parteienlager ohne sonderliche Anstrengung unter Druck gesetzt.

    Mir kommt Heitmeyers Formulierung in den Sinn: wutgetränkte Apathie. Sarrazin hat das Feld bestellt. Wer es aberntet und sodann eine subdominante Hegemonie entfaltet, ist nicht ausgemacht. Die Beschwörungen der amtierenden politischen Klasse (Plädoyers für eine Integrationsdebatte ohne Tabus) sind panikgetrieben und verstärken das selbstverschuldete Vakuum, das eine neue politische Formation besetzen wird.

    Die Fliehkräfte werden sich exponentiell verstärken, wenn die Finanzkrise ihre nächste Etappe erreicht. Um das vorherzusagen, brauche ich mich als Doomsayer nicht sonderlich anzustrengen. Der Plan B im eisernen Kanzleramt ist in Arbeit, wenn die Bundesregierung ihre Vorstellungen einer Ergänzung des Lissabon-Vertrags nicht durchsetzen kann (Barroso: „eine alberne Idee“)Das wäre das letzte Puzzlesteinchen, um die historische Konstellation von 1879 als Zombie auf die Bühne der deutschen Geschichte zurückzubringen.

  5. topi
    5. September 2010, 10:20 | #5

    Interessant dazu Barings Rumpelstielzchen-Auftritt bei Anne Will, dass sich so eine neue Partei derzeit gar nicht darstellen lasse, personell und finanziell. Manchmal gibts sogar bei Will Informationen, wenn auch nicht zm Thema der Sendung.

    Ulfkotte berichtete schon von den ersten Aktivitäten; Teile des Großkapitals wollen Geld zur Verfügung stellen (die genaue Richtung sei ihnen sogar egal, Hauptsache was neues), in der Frankfurter Siesmeyerstrasse gab es erste Gespräche zur Finanzierung, und Namen werden gesucht.
    Die einschlägigen Verdächtigen,die man jetzt ansprechen will.

    Da die aktuelle Union doch recht fest in Hand von Mutti und vdL und co ist (und welcher Konservative stürzt schon Mutti), und angesichts der Liste der Abgegangenen, ist es klar, dass die Neugründung rechtskonservativ-wirtschaftsliberal ausgerichtet sein wird.

    Das ergibt sich auch schon aus dem Standardmodell zur Wählerstimmenmaximierung der NPÖ. Die großen Parteien rücken in die Mitte (wobei sich die veröffentlichte Mitte seit Jahrzehnten verschiebt, aber das ist noch ein anderes Thema), am Rand wird Platz.
    Die SPD hat das schmerzhaft erfahren, rechts war es eben bisher heikel in der Bundesrepublik. Der AUfstieg der FDP lässt sich genau so erklären, war natürlich ein Missverständnis.

    Hier gibt es durchaus noch Unsicherheiten, die ökonomischen Interessen von vielen sehr Wertkonservativen sind mit dem Wirtschaftsliberalismus nun keineswegs deckungsgleich.

    Insofern beschreibt Wolfsohn ein denkbares SZenarion, aber ich denke, in der Lage sind genaue Prognosen nicht möglich.
    Vieles wird von den Persönlichkeiten abhängen, und ihrer Rezeption in den Medien. Merz bspw. wird wohl eher nicht den Rechtspopulisten geben, Koch dagegen schon.

  6. topi
    5. September 2010, 11:01 | #6

    Zu den Nicht-Parallelen hab ich mich ja ausführlich bei FL geäußert.
    Während es damals weitgehend nur Projektion sein konnte, ist heute zum einen die Lebenswirklichkeit von vielen Menschen von Migration beeinflusst; natürlich sollte man negative Gefühlen reflektieren, aber genau so natürlich ist die Negierung von Gefühlen auch nicht hilfreich.

    Andererseits ist nach homoöconomischer Betrachtungsweise die Gesamtaufrechnung vielleicht in Teilen negativ.
    Das ist natürlich eine dümmliche Betrachtungsweise, gerade ggü. der dritten Generation, aber in der homunculisierten Welt zumindest eine Erklärung.

    Dieser Aspekt wird in Ulfkottes Buch noch mehr in den Vordergrund gerückt, geradezu grotesk: Aufrechnung der Kosten eines typisch islamischen Inzestgeschädigten Menschen.
    Mal sehen, ob dies ebenso in den Medien Widerhall findet wie Sarrazins Biologismus.

  7. 5. September 2010, 17:09 | #7

    Ulfkotte ist ein Krieger in eigener Sache. Er springt zu kurz und zu weit, weiß nicht einmal, warum. Wie immer, wenn es um Religionskritik geht, ist es hilfreich zu sehen, wie sich der Autor zur Religionsfreiheit verhält.

  8. 5. September 2010, 17:14 | #8

    War Baring auch bei Will? Ich meine wegen Sarrazin… Ich dachte, ihn an der Seite Sarrazoins bei Plasberg gesehen zu haben. Wer castet Baring? Und warum? Manchmal habe ich den Eindruck, er schlängelt sich selbst in die Sendestudios.
    Ulfkotte fällt unter die Rubrik der Spinner. Das könnte Sarrazin eigentlich auch nicht anders sehen. Die Quelle zur Siesmayerstr. würde mich interessieren. Beste Lage um die Ecke des Palmengartens.
    Die Potenzialprognosen müssen einen weiten Bogen um die Stimmanteile von NPD und DVU machen. Wichtiger ist das Spektrum der bisherigen Nichtwähler, da ist die subdominante schweigende Mehrheit zu Hause, für die eine Partei am rechten Rand mit halbwegs seriös wirkenden Spitzenpolitikern wie bestellt käme.

  9. topi
    6. September 2010, 00:47 | #9

    Plasberg, natürlich, wer kann das schon noch auseinanderhalten; Will musste ja noch tote Babies aufarbeiten, aber war ja zum Glück nur Glasbruch, da braucht man also für die 600.000 echten Fälle nichts zu tun.

    Ulfkotte ist ein Spinner, sicher, aber unter den Spitzen der Rechtspopulisten tummeln sich etliche Spinner.
    Als ehemaliger Elch hat er früher schon in recht normale Argumentation seltsame Elemente einfliessen lassen, und entwickelte sich konsequent weiter. „Laternenpfähle“ sind allerdings eine neue Qualität, scheint mir; vielleicht hat er sich auch selbst gar nicht zugehört, wer weiß dass bei ihm schon.
    Quelle ist Sarrazin statt Muezzin, auf seiner Hausverlagsseite (muss man die verlinken?).

  10. Morph
    6. September 2010, 09:14 | #10

    Kann sein, dass in Deutschland eine rechtspopulistische Bewegung entsteht. Zur Zeit sehe ich das nicht, trotz der Sarraziniade und der dröhnend schweigenden Mehrheit. Sarrazins Popularität lässt sich ja leicht erklären: Schwarzmalerei + Kesse Lippe signalisieren (und zwar vollkommen unabhängig vom diskursiven Inhalt) Unerschrockenheit, und das ist derzeit der gar nicht mal so subdominante Sehnsuchtszustand. Sarrazins Rhetorik bildet die perfekte Projektionsfläche für das große Unbehagen, das die Leute seit 9/11 erfasst hat und das sich durch die Finanzkrise zum kollektiven Albdruck verdichtet hat. Die Gelassenheit einer Angela Merkel oder die bedächtige Professionalität eines de Maizière wirken da geradezu aufreizend.
    Nur hat der Rechtspopulismus durch die historische Erfahrung des NS ein Problem, das sich nicht leicht lösen lässt: Die Sarrazins, Clements, Merz und Kochs dieser Republik können nicht so weit nach rechts außen wie sie müssten, um eine Differenz zu markieren, die tatsächlich einen Unterschied machen würde. In der politischen Landschaft Deutschlands ist der Rechtsextremismus wegen der Erfahrung mit dem NS ein unmöglicher Ort. Deutschland ist hinsichtlich des Rechtsextremismus wie ein trockener Trinker. Während sich der Gesunde mal besaufen darf, weiß das deutsche Kollektiv, dass es diese Möglichkeit der Realitätsflucht nicht mehr hat. Rechts von der Union beginnt ziemlich bald der lunatic fringe (NPD, Kameradschaften etc.). Und zwischen NPD und Union ist nicht genügend Platz für eine neue politische Kraft. Und wenn es tatsächlich um Inhalte geht, vertrauen die Leute, glaube ich, doch eher auf die Expertise einer Kirsten Heisig als auf Sarrazins Gesellschaftskritik aus zweiter Hand.

  11. 6. September 2010, 09:47 | #11

    Ich würde Dir gerne zustimmen. Bloß: wie kann man Kirsten Heisig noch zustimmen, ohne ihren Selbstmord zur Kenntnis zu nehmen? Norbert Bolz hat sich gestern Abend am Ende der faden Will-Sendung in Emphase geredet: Sarrazin habe ein „Geschichtszeichen“ gegeben. So bedacht war er noch, das Wort Fanal zu vermeiden.
    Wofür ist Sarrazin ein Geschichtszeichen? Dafür, was die Spatzen von den Dächern pfeifen? Was ist das für ein Erkenntnis leitender Begriff? Da bläst einer reveille! Und nicht zum schlafenden Bruder Jakob.

    De Maizière ist in seiner Nüchternheit ein Glücksfall, das gilt bei diesem Thema ebenso für Frau Merkel. Aber in der Parteibasis von CDU/CSU kommt was ins Rutschen. Die Heimatlosigkeit von Konservativen bringt neue Vertreibungen hervor. Was hat ein urkonservativer Bayer an der CSU? Die Unberechenbarkeit von Horst Seehofer. Bayern ein Quecksilberstadl 😉 Pfui Deibl.

    Das NS-Tabu wird bekräftigt, indem es umgangen wird. So haben Horkheimer/Adorno in Dialektik der Aufklärung“ schon die (verstärkte) Rückkehr des dementierten Mythos beschrieben. Meine Formel: eine Lösung ergreift Besitz von einem Problem kann ich inzwischen präzisieren. Die Lösung könnte sich als Loslösung erweisen, eine Umgruppierung. Mit 18 bis 20 Prozent Wählerstimmen wird man zum Schlangenzünglein an der Waage.

  12. Morph
    6. September 2010, 11:11 | #12

    @admin
    Vielleicht ist es so, dass der politische Wettbewerb derzeit sein Vorzeichen ändert; dass wir aus einem Fortschrittswettbewerb (Sozialismus vs. Liberalismus) in einen Restaurationswettbewerb eintreten (evtll. mit den Antipoden Ökologismus vs. Kulturalismus)? Wobei so oder so die Indifferenzzonen zwischen den Antipoden am interessantesten und zukunftsträchtigsten sind. Früher, als die Materialität der Gesellschaft noch exponenziell zu wachsen schien, trafen sich in der Mitte zwischen Sozialismus und Liberalismus die Bürgerrechtsfreundinnen und -freunde. Heute, da wir mit den Beständen rechnen müssen, treffen sich zwischen Ökologismus und Kulturalismus die Freunde des urban farming (im übertragenen Sinne und auch ganz buchstäblich). Vielleicht treffen sich der urkonservative Bayer, der konservative Muslim, der orthodoxe Jude auch bald schon in einer gemeinsamen Bewegung der ‚Rechtschaffenden‘ (gegen die ‚wurzellosen‘, ‚relativistischen‘ Parteigänger der ‚Hure Babylon‘, wer weiß?).

  13. 6. September 2010, 11:32 | #13

    Es wird eher eine Parallelität von Fortschritt und Restauration geben. Dafür sorgt der Föderalismus, bis ihm die Puste ausgeht (wie zB in der Bildungspolitik). Wahrscheinlicher finde ich, dass wir als Krücke einen Begriff wie ein aufgeladenes Biedermeier anwenden könnten, das die kulturellen Verwerfungen, Schmollwinkel, Idyllen in den Blick bringt. Darüber schrieb ich Ende letzten Jahres am Beispiel einer Marginalie aus dem Leben Norbert Walters: http://www.reden-fuer-eine-neue-welt.de/?p=2231

  14. Morph
    6. September 2010, 11:34 | #14

    Wenn ich drüber nachdenke, wird mir das immer plausibler: Rechts von der CDU gibt es das weite unbestellte Feld eines interreligiös konstituierten Konservatismus, der die Schamlosigkeiten postmoderner Politik und die Traditionsvergessenheit und kultureller Verwahrlosung halbkrimineller Unterschichten anprangern kann, der in charismatischer Autorität und traditionellen Geschlechterrollen Problemlösungen propagieren kann, ohne in die Nähe rassistischer Ideologien zu gelangen und der im theologisch-spirituellen Bezug eine echte Differenz markieren würde. Eine Multikultiversion des Antimultikulturalismus. Da hätten auch systemtheoretisch informierte Pardoxiefreunde ihre Freude dran.

  15. Morph
    6. September 2010, 11:54 | #15

    Ja stimmt, das Manufactum-Bürgertum 😉

    Aber wenn Bolz ein ‚Geschichtszeichen‘ zu erkennen glaubt, ist das insofern schon relevant, als er als vielleicht wendigster Geistesopportunist unter den Gegenwartsdiagnostikern (von Adorno über die Postmoderne und Luhmann bis zur ’neuen‘ Bürgerlichkeit) den status quo des kollektiven Empfindens ganz treffend erspürt – bis der nächste Windstoß des Zeitgeistes wieder aus anderer Richtung weht…

    Und der nächste Windstoß kommt bestimmt. Und man wird sehen, wie die jetzt noch so tough daherschwadronierenden Sozialtechnokraten argumentieren, wenn auch in ihren Salons kein Tee mehr ausgeschenkt wird.

  16. topi
    6. September 2010, 13:27 | #16

    Man ist das fies, Code vergessen, Text verschwunden.

    Kurzfassung:
    Problem besteht im Parteiensystem durch (zur Stimmenoptimierung nachvollziehbarem) Linksruck von Mutti, FDP als Scheinlösung offenbart.

    Politikfelder gibt es genug, um WERTE anzubringen, ohne Nazi sein zu müssen (auch wenn aktuelle Nazis durchaus auch subtilere Thesen vor sich hertragen).
    Die Republikaner schaffen es perfekt, mit viel Kohle ihren Stammwählerdeppen vorzugaukeln, dass sie Politik für sie machen würden; kann man das eigentlich schon für europäische Rechtspopulisten feststellen?

  17. Morph
    6. September 2010, 14:25 | #17

    @topi
    Mein Eindruck ist, dass das Problem des politischen Systems nicht in irgendeiner thematischen Leerstelle besteht, die durch eine Partei rechts von der Union zu besetzen wäre (Reps, NPD, DVU, Schill-Partei etc. schaffen es doch gerade NICHT perfekt, sich als ernstzunehmende Kraft zu etablieren, oder ist mir da was entgangen?).
    Vielmehr kann sich das Regierungsgeschäft nicht mehr als HANDLUNG ausweisen zu können (als eine programmatisch angeleitete Selektion von Zwecken und Mitteln), die Politik erscheint auf allen Ebenen als Durchwursteln, und zwar schon seit Jahrzehnten. Kohls geistig-moralische Wende war ja schon eine Lachnummer. Durch die deutsche Einheit (den „Manntldergechchichte“) konnte man zwischenzeitlich glauben, dass die institutionalisierte Politik doch noch etwas anderes sei, als die leerlaufende Reproduktion von Macht, aber das war schon damals eine Täuschung. Die Leute haben zwar Bedürfnisse nach entlastenden Starksprüchen, im Grunde aber sind sie in der übergroßen Mehrheit daran interessiert, den Peak-Sozialstaat möglichst lange hinauszuzögern. Das flache Hochplateau der Wohlstandsverwaltung und der Moderation der Sozialpartnerschaft ist bis zur nächsten Geldkrise eine stabile Formation.
    Und wenn tatsächlich einmal eine irreparabele Geldkrise die Refinanzierung der Staaten auf breiter Front abwürgt, wird es nicht mehr um die Etablierung einer neuen Partei rechts von der Union gehen, dann treten andere Kräfte auf den Plan, deren formierende Effekte kaum zu prognostizieren sind. Da kann man jetzt nur spaßeshalber etwas herumspekulieren.

  18. topi
    6. September 2010, 14:55 | #18

    Mit der großen Linie magst du Recht haben, wobei jede Geldkrise natürlich durch Neustart zwar nicht repariert, aber die reale Welt ganz gut fortgeführt werden kann.
    Ob sich nun Interessen an einer Herausschiebung der Irreparabilität in einer neuen Partei niederschlagen? Eigentlich gibt es genug Systemerhalter, geradezu -klammerer, die ihren kleinen Sparplan retten wollen, dass dies eher unnötig scheint; es kann natürlich schnell gehen, dass man trotz aller Propaganda ohne deutlicher Umkehr ggü.der Finanzindustrie keine Wahlen mehr gewinnt.

    Zu den genannten Parteien; die klassischen Rechten scheiden aus in der Bundesrepublik.
    Und woran scheiterte Schill? Koks, Nutten, Erpressung, das ist wohl der Tod von Konservativen Parteien; hätte ein ordentlicher Hamburger mit Dohnanyi-Habitus rechtzeitig übernommen, wer weiß.

  19. 6. September 2010, 15:16 | #19

    Um da mal einige Namen ins Spiel zu bringen, die außer den üblichen Verdächtigen nicht erwähnt worden sind: Gauck als radikalliberaler christlicher Konservativer, Michel Friedman und Henryk M. Broder zur Absicherung gegen Unvorhersehbares, beide gut zum Anekdoten- oder Phrasendreschen, soviel Unterhaltung muss sein, Arnulf Baring für posthistorische Epik, Matthias Matussek für allfällige Wenden, Thilo Sarrazin für die Fabrikation von Statistiken zum Balkenbiegen – und daneben die Fachkräfte vom Dienst wie Koch und Merz, die das Handwerk verstehen: mit den Phrasen Wahlkämpfe zu führen – und pragmatisch da weiterzumachen, wo sie aufgehört haben. Idylle pur. Ich sehe schon ihre Möbel und Gardinen.

  20. 6. September 2010, 15:18 | #20

    Die Windstöße und Norbert Bolz – das ist ein schönes Bild, sie ermöglichen es dem Medienphilosophen, seinen Opportunismus naturphilosophisch zu erden.

  21. 6. September 2010, 15:20 | #21

    Ich rate dazu, nicht nach Belgien oder Holland und Österreich zu schauen, sondern Italien, Frankreich und Russland anzusehen. Das Erfolgsrezept einer neuen Partei auf der Rechten ist die Beschwörung von Einheit, das ist die hybride Figur ihrer Kraft: aus dem Streit gestärkt hervorzugehen.

  22. 6. September 2010, 15:23 | #22

    Da wartet dann das System der Zwangsverwaltung mit allen Begleiterscheinungen neuer Dienstpflichten, Zwangsanleihen usw. Die Auguren der Finanzmärkte sehen nicht, dass Deutschland die Griechen aus der EU drängt, sondern dass Deutschland austritt – oder eine neue Union mit den Niederlanden, Österreich und Finnland begründet.

  23. topi
    6. September 2010, 15:36 | #23

    Euro-Austritt ist logisch, und wird irgendwann faktisch nicht mehr zu umgehen sein.

    Aber das macht aus Mutti noch keinen Putin; warum sollten die jetzigen Insider ein Risiko eingehen? Also den Weg sehe ich höchstens aus der Opposition, wenn weniger zu verteidigen ist.

    Die Outsider sind da, das Wählerpotential auch; wenn das Geld wirklich schon einen Weg sucht, dann geschieht es zeitnah, man kann sich ja später wieder vereinigen.

  24. Morph
    6. September 2010, 17:34 | #24

    @admin
    Der Broder und der Friedman, mein Lieber! Die beschimpfen sich doch jetzt schin als Arschlöcher. Von der Motivlage her betrachtet hast Du völlig Recht. Aber vom Personal her und vom Hintergrund – @Morph denkt immer an das Verhältnis Figur/Hintergrund – ich glaub das nicht. Aber von mir aus wetten wir um eine schöne Flasche Wein, dann hat das Prognostizieren auch seinen Mehrwert! 😉

  25. 6. September 2010, 17:53 | #25

    Die Unvereinbarkeit solcher Köpfe wie Broder und Friedman macht den Reiz aus, kennzeichnet die alte Sehnsucht nach Einheit vulgo Gemütlichkeit, um in das Biedermeier zurückzukehren (dessen Möbel kein Fläzen erlauben), Musils Ulrich kommt in den Sinn, Parallelaktionen, wo man hinschaut. Sitze gerade an einem boshaften Beitrag über Brüderles Atomrede vor der Bundespressekonferenz. Deswegen in aller Kürze: Die Wette gilt. Ich setze einen Chateau Maucoil (weißer Chateau-neuf-du-pape).

    Ich vergaß bei der Personalaufzählung noch Wolffsohn und Bolz. Damit wäre diese Konfiguration über jeden Antisemitismusverdacht immunisiert und könnte um so fröhlicher vom Leder ziehen.

  26. Morph
    6. September 2010, 20:45 | #26

    ja jaah, wir können uns auch die beste Fußballmannschaft zusammenstellen, oder Lennon/McCartney + Hendrix, Dylan und Zappa auf die Bühne bringen (mit Joni Mitchell und Aretha Franklin im natürlich: Vordergrund!), oder, wer weiß, vielleicht hätten Bach und Händel auch mal die eine oder andere Oper zusammen schreiben können, ne neee…
    Und natürlich spricht in Gedanken ständig Musils Ulrich und Prousts Marcel und Tolstois Pierre hinein und souffliert uns die historische Zeitgenossenschaft. Hm, hm. Ich freu mich auf den Chateau Maucoli 🙂 (ich bin mir so sicher, dass ich gewinne, weil, intellectual Eigentor, thy name is Matthias Mattusek!).
    Wann ist denn der Termin?
    Ich werfe einen ebenso einfachen wie über alle Zweifel erhabenen Carignan in den Topf!

    So long!

    (ich bin gespannt auf den Brüderle-Kommentar!)

  27. 7. September 2010, 16:40 | #27

    All Stars Ensembles, überall. OK. Das erinnert mich an eine kleine Erzählung von Arno Schmidt, in der ein lebendiger Autor dem Paradies schon zu Lebzeiten eine Visite abstatten darf, nur um festzustellen, dass der innigste Traum der Paradiesinsassen darin besteht, eines nicht zu fernen Tages im Nichts zu verschwinden. Dem steht ein gewichtiges Hindernis im Wege. Denn das ist erst möglich, wenn das letzte Schriftstück auf Erden, das den Namen der Autoren trägt, getilgt, verschwunden, ausradiert ist. Schöne Idee.
    Eben sehe ich, dass Patrick Bahners in der September-Ausgabe der Blätter für deutsche und internationale Politik auch auf Treitschke eingegangen ist. Manche Theen liegen nun mal in der Luft: http://www.blaetter.de/archiv/jahrgaenge/2010/september/fanatismus-der-aufklaerung

    Draußen toben unter dem ersten Frühherbststurm die Jäger. Carignan klingt gut.

  28. Morph
    8. September 2010, 21:30 | #28

    ja, den Bahners-Text habe ich auch entdeckt. Ja, jaaa, dann aber auch wieder: ne, neee. Ich empfinde schon mehr Solidarität mit den Parteigängern der Vernunft als mit solchen allzuklugen Bahnersleuten. Es gibt Formen der Unvernunft, denen man öffentlich entgegentreten muss, jenseits aller Kalküle. Das halte ich für einen Grundbestand bürgerlicher Errungenschaften.
    Mann, aber ist das eine Mühsal diesen Bahners-Text zu lesen, jetzt mal rein stilistisch, könnte glatt von mir sein! 😉

  29. 9. September 2010, 06:27 | #29

    IM letzten Kapitel seines Buchs perhorresziert Sarrazin einen Albtraum – im JAHR 2017 (ich zitiere aus dem Ebookreader, kann keine Seite angeben): „In der öffentlichen Debatte legte schließlich Patrick Bahners, Feuilletonchef der FAZ, das entscheidende Gewicht in die Waagschale. In einem hochintelligenten Artikel, den keiner verstand, wies er zwingend nach: Erst die kulturelle Selbstaufgabe des deutschen Bürgertums sei der Beleg dafür, dass es seine Liberalität wirklich ernst nehme. Er wiederholte zudem seine bereits 2010 gefallene Äußerung, dass »sich die Islamkritik tatsächlich mit dem Antisemitismus der Gebildeten im deutschen Kaiserreich vergleichen« lasse.1 Das saß, in diese Ecke wollte keiner gestellt werden.“
    Könnte auch glatt von Dir sein?

  1. 7. Juli 2013, 18:42 | #1
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