Der kommende Aufstand
Ich lese den Text wie ein Drehbuch. Kein Film kann so schnell sein wie der innere Monolog, der Dir aus diesem Text entgegen springt. Er ist böse, witzig, surreal. Er rückt der Welt auf den Leib wie ein Irrer, der den ärztlichen Befund seiner Verrücktheit als Lizenz begrüßt. Undressed to spill over. Überschwappen. Endlich frei dafür auszubrechen. Aus den Routinen, der Langeweile, den fixen Ideen.
Ich sehe die Bilder einer fünfzig Jahre alten Neuen Welle. Funken der Revolte. Die Spottlust in den Augen des jungen Alain Delon. Themrocs Aufstand in Claude Faraldos Film. Die Poesie der Filme von Chantal Akerman. Das Internationale Forum des Jungen Films könnte eine Filmreihe der 2011 Berlinale den Bildern dieses Pamphlets widmen. Das Bildertürmer-Special.
THEMROC – 1973
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Der kommende Aufstand ist ein immens französisches Buch. Der Betonverhau des deutschen Vorwortes könnte teutonischer kaum sein. Auf den frankophonen Leser wirkt die grobmotorische Vorwort-Prosa wie eine Zwangsjacke. Ist sie erst einmal abgelegt, tobt der Text durch die Synapsen, erregt in einer anderen Qualität. Das Vorwort zwingt die Erregung in einen Zustand, der ihr nur von ferne ähnlich sieht. Wie eine Verzerrung. Grimassen. Gefäßverschlüsse. Detritus aus postprotestantisch ungelüfteten Mandelhöhlen.
Der Text steht in einer Tradition, die von Lautréamonts Gesängen des Maldoror über Marinettis Futuristisches Manifest, die Surrealisten, Georges Bataille, die Situationistische Internationale bis in die Nachwehen der Mairevolte von 1968 reicht. Die Autoren kennen ihre Heroen, beherrschen den Stil und Gestus der Revolte. In Brooklyn würden sie die Traumfabrik des 21. Jahrhunderts gründen. Über Fleisch-Animationen brüten, dreidimensionale Mangas, die Dir ins Gesicht springen und Deine Träume beseelen.
Aber sie sind offenbar in Frankreich. Irgendwo auf dem Land. Ich kenne ihren Ton, ihre Syntax, ihre Lieder. Ihre Vorgänger aus den 80er Jahren kamen aus den bourgeoisen Familien zwischen Sorbonne, Nanterre, Rive Gauche und PSU. Die neue Generation schnallt eine frische Blutkonserve an den ausgelaugten Körper. Soweit ihre Anhänger noch bei Facebook sind, gehören sie zu den über 865.000 Fans von "La Haine", vier mal so viel Mitglieder wie die UMP (Sarkozys Partei "Union Pour un Mouvement Populaire"). Sie sehen und fühlen den miesen Hass als Leitmotiv der Epoche, fühlen sich ergriffen von dem Quelltext eines einenden Hasses. Ihre Paradoxie ersetzt, was Ralf Dahrendorf Ligaturen genannt hat. Ihre Ligatur des Hasses hält nichts mehr zusammen – bis auf ihr Bild von dieser Welt.
Was sie – noch – nicht sehen ist die frappierende Ähnlichkeit – mit sich selbst, mit ihren Vorgängern, mit ihren Nachfolgern. Gäbe es diesen Text nicht, hätte ich als Sarkozys Kardinal Mazarin ihn von einem wilden Klosterbruder aufschreiben und heimlich verbreiten, die Knotenpunkte und IP-Adressen der Downloads säuberlich registrieren lassen. Vorkehrungen der Macht für die Gegenrevolte.
„Aus welcher Sicht man sie auch betrachtet, die Gegenwart ist ohne Ausweg. Das ist nicht die geringste ihrer Tugenden.(11) (…) Gesellschaftlichkeit besteht heute aus tausend kleinen Nischen, aus tausend kleinen Unterschlüpfen, in denen man sich warm hält. Wo es immer besser ist als draußen in der großen Kälte. Wo alles falsch ist, weil alles nur ein Vorwand ist, um sich aufzuwärmen. Wo nichts entstehen kann, weil man dort taub wird beim gemeinsamen Schlottern. Diese Gesellschaft wird bald nur noch durch die Spannung zwischen allen sozialen Atomen in Richtung einer illusorischen Heilung zusammengehalten. Sie ist ein Werk, das seine Kraft aus einem gigantischen Staudamm von Tränen zieht, der ständig kurz vor dem Überlaufen ist.“(16)
Die Melodie, der Tonfall, die Bilder dieses Textes sind nicht analytisch. Sie treffen Dich ungebremst in den Solarplexus. Du krümmst Dich vor der Evidenz. Du gehst auf die Knie vor den erhabenen Bildern. Wo gibt es Eintrittskarten? In welchem Kino?
Deshalb sind Versuche auch müßig, den Text durch die Mühle einer geistesgeschichtlichen Segregation zu drehen. Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen. Oder umgekehrt. Wer sucht, der findet. Dieser Blick verfehlt etwas. Er legt einen begrenzten Bildausschnitt unter das Mikroskop. Spannend wird die Analyse erst, wenn die Leser diesen Text als Resonanzraum auf eine Welt am Rand zur nächsten Katastrophe zu lesen beginnen.
„Der kommende Aufstand“ ist die französische Antwort auf Cormac McCarthys Roman „The Road“. Beide, McCarthy und die Pamphletisten, sprechen von der Apokalypse. Vom Überleben in den Resten der Welt, wie wir sie kannten.
Aus diesem Blickwinkel spricht der Text nicht von einer Revolte, sondern von einem Arrangement.


Jenseits des etwas abgestanden wirkenden Pathos predigt der Text die Not der Exklusion und ihrer Zonen als Tugend. Das ist das Zombiestadium des vaneigemschen Utopismus, eine sich hochfrequent selber übertönen wollende Resignation.
Die Latinität erlaubt Pathos anders, als es die deutsche Sprache je mehr ertragen könnte. Das haben wir dem rheinischen Singsang Joseph Goebbels´zu verdanken. Ich kenne aus früheren Zeiten den Verleger der amerikanischen Übersetzung, Sylvère Lotringer, der an der Columbia University französische Philosophie lehrte. http://www.columbia.edu/cu/french/department/fac_bios/lotringer.htm – ein luzider Kopf, der die literarische Genealogie des Pamphlets besser als seine Urheber beurteilen kann.
des Wamses
Dein Hinweis auf die Not der Exklusion bestätigt meinen Befund: Aus der Not eine Tugend zu machen – das ist das Arrangement für das postapokalyptische Überleben. Das robuste Gewand der Revolte scheint eher praktisch zu sein (viele Taschen) – als Tarnkappe. Sloterdijk (Du musst dein Leben ändern) grüßt von fern als Couturier
Ich weiß wohl, dass das Verhältnis des Latinischen zum Pathos unbeschädigter ist als das des Deutschen. Mir ging es auch nicht um das Pathos, primär, sondern um das Attribut des “Abgestandenen”, der Replikation, ja, des Abklatsches, also auch der stilistisch erkennbaren “Zombiehaftigkeit”.
Es ist das Recht jeder Generation, ihre eigenen Fehler zu begehen. Was sie an Gepäck oder Fundsachen aufliest, umarbeitet, adaptiert, hat wenig mit Lernen, oft mit Opportunität zu tun. Deine Beobachtung des Abklatschs trifft zu – und ist doch blind für einen Aspekt, der das – vielleicht sogar lethale – Zeitgemäße illustriert: Die Surrealisten und die SI sind Akteure der Moderne, des Fortschritts, auch da, wo sie den laufenden Betrieb durchschauten und verwarfen.
Bei dem Unsichtbaren Komitee haben wir es mit einem anonymen Akteur zu tun, der dem Untergang bzw. dem Willen zu überleben näher steht, als die Vorgänger bedacht haben. Das Überleben schien ihnen taken for granted. Ihr Witz kam als acte gratuit obendrauf. Den Zombies gefriert das Lachen.
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Ich weiss nicht. Man hat auch damals schon viel mit dem Suizid kokettiert und dass DIESES Leben nicht jeden Preis wert ist. Rimbaud et al.
Was man spürt, bei dem “Unsichtbaren Komitee” ist Angst. Das ist anders, und zeitgemäß.
Ansonsten: d’accord!
Ich hatte heute mal wieder einen antiquarischen Glücksfund: “Schrumpfende Städte”, Band 2.
Hier wird ideenreich versucht, negatives Wachstum sozial produktiv zu denken. Nicht als “kommenden Aufstand” in alten Klamotten, sondern anders.
Allein die Einleitung und P.Oswolt ist sehr lesenswert, der durchgehende Bezug auf “kulturelle Techniken”, die Kunst nur eine davon, verspricht mehr…
Shrinking Cities war ein Gluecksfallprojekt der Kulturstiftung des Bundes. Komme gerade von einer Filmpremiere nach Hause : Problema – baby des dropping knowledge- Projekts von 2002, ein wenig new age lastiger Ikonoklasmus. Dazu ein anderes Mal mehr.