Rhetorik des ökonomischen Schreckens
Matthew Yglesias macht auf einen Gastbeitrag von Klaus Regling in der Financial Times aufmerksam:
Latvia which has a currency pegged to the euro, testifies to the success of this policy. Contrary to commentators who predicted disaster for Latvia early last year unless it gave up its hard peg – in line with advice from the commission – it did not devalue its exchange rate. A real effective devaluation was achieved through severe cuts in nominal income. Today its economy is growing again. Those outside “experts”, who always seem to know what is good for Europe, should take note.
Yglesias verweist auf die tatsächlichen Kosten: 2008 schrumpfte das lettische Inlandsprodukt um 4,2 Prozent. 2009 um 18 Prozent. Die Arbeitslosenrate liegt nahe bei 20 Prozent.
Der Chef des Euro-Rettungsfonds EFSF bezeugt politische Blindheit gegenüber den sozialen Kosten des Stabilitätsregimes. Die Logik dieses Denkens liegt auf der Hand. Rette man sich vor der Rettung.
Etwas Besseres als den Tod findest Du allemal.


vinxtor
“Das macht einem schon betrübt, so was zu lesen.”
Ich habe mich offenbar nicht klar genug ausgedrückt.
“Eine „Kunst“ die Triebhaftigkeit und konditionierte Reflexen vermarkten möchte ist nicht viel mehr als die Verkapitalisierung des Geistes die letzendlich zum Totalausverkauf menschliches Dasein führen würde.”
Es ist doch schwer zu bestreiten, dass genau dies die ästhetische Produktion in der Moderne überwiegend motiviert, oder? Dies zur Kenntnis zu nehmen und formanalytisch zu beschreiben heißt ja nicht, es für gut zu erachten, im Gegenteil.
“Es sind für mich nicht die inspirierende Beispiele wenn um Kunst geht und ich finde es Schade, das sie diese im Mittelpunkt Ihrer Betrachtungen stellen.”
So wie ich dieses Feld erfahre, liegen in ihm Inspirierendes und Deprimierendes verflucht eng beieinander. Ich glaube nicht an das durch und durch große Kunstwerk. Gerade Benjamin hat uns ja gelehrt, dass in den kanonischen Werken sich auch etwas Zweifelhaftes kundtut, das Triumphierende des Gelingens schüchtert ein (z.B. auch bei Hölderlin: dass man selber SO nicht dichten kann, in dieser ‘Natürlichkeit’ des Silbenflusses, verurteilt uns dazu, nach Maßgabe der Hölderlinschen Poesie stumm zu bleiben). Andererseits lässt sich im Amusement, in der sinnfernen Artistik, im verfehmten Teil der Kultur eine Lebendigkeit finden, die der ‘hohen Kunst’ abgeht.
Mit Figuren wie FJ Raddatz beschäftige ich mich nicht.
@Morph
nämlich in der Lage zu sein, sich ERWÄGEND auf ein Modell einer Sache beziehen zu können, dann ist ziemlich unabweisbar, dass Hunde nicht wissen können.
Was macht denn der Hund, wenn er etwas erblickt, das ein Ball ein KÖNNTE? Kann man das besser als “erwägen” bezeichnen, denn er muss vieles unterscheiden, aus dem aktuellen Fokus aussondern.
Du greifst zu kurz. Aber wir beide verlängern das duell-förmig in unserem Schweige-Mäandrum. Zwischen den Jahren, ich bin erholungsbedürftig.
Da haben wir endlich unser Asyl unter Aufsicht, aka “semiöffentlich”
ceteris
Roland Barthes schreibt in “Die Vorbereitung des Romans”:
“Manchen modernen Theorien zufolge wären die Pflanzen nichts als Affekt. Bei den Tieren springt es ins Auge = faszinierendes Schauspiel des reinen Affekts – vor allem aus diesem Grund interessieren mich, begeistern mich Hunde; weil sie reiner Affekt sind: ohne Vernunft, ohne Zicken, ohne Unbewusstes, ohne Maske; in ihnen zeigt sich der Affekt in seiner absoluten Unmittelbarkeit und Beweglichkeit”
@hans
Barthes verstand offenbar nichts von Hunden. Ich bezweifle, dass er je einen hatte oder erzogen hat.
Dann wüsste er es vermutlich besser. Denn an Beobachtungsgabe hat es ihm nicht gefehlt, es muss also an der fehlenden Präsenztiefe des Objekts liegen.
Jeder Hundehalter kennt “zickige” Hunde, jeder weiß um ihre hinterlistigen Strategien, um ihre Abwehrmechanismen (das “Abschütteln” eines Tadels zB). Da von “absoluter Unmittelbarkeit” zu reden verrät absolute Unkenntnis.
@Morph
da kommen wir nicht zusammen. Das macht nix.
Große Kunstwerke sind für mich eine Tatsache. Es sind Ereignisse.
Erschütternd, bereichernd, allzumenschlich auch.
Sie konservieren, kommuniezieren und reflektieren Kernfragen/Aspekte des Menschseins und sind somit teil des ganz alltäglichen Lebens.
Was zum “hohe Kunst” stilisiert wurde, war/ist direkt im Leben verankert.
(Künstler-)biografien sprechen da Buchbände.
RAddatz erwähnte ich wegen dem direkten Blick in der intellektuellen, künstlerischen, wissenschaftliche Gesellschaft die seine Tagebücher bietet.
Günther Anders, Emile Cioran, Grass, Wunderlich, Tucholsky, Brodskey sind nur einigen.
“Es ist doch schwer zu bestreiten, dass genau dies die ästhetische Produktion in der Moderne überwiegend motiviert, oder? Dies zur Kenntnis zu nehmen und formanalytisch zu beschreiben heißt ja nicht, es für gut zu erachten, im Gegenteil. ”
Ich bestreite das nicht. Finde es nur schade das sie damit den “restlichen” Teil der “moderne” angeblich nicht mehr Aufmerksamkeit widmen.
Kann mich auch vertun, ich kenne Sie ja kaum.
Thats all!, and thats enough für Heute
Gruß
vinxtor
“Große Kunstwerke sind für mich eine Tatsache. Es sind Ereignisse.
Erschütternd, bereichernd.”
Ja, dieses Erlebnis kenne ich auch, aber ich kenne auch das Erlebnis, dass das ‘große’ Kunstwerk kein anderes neben sich duldet. Kunstwerke sind auf eine merkwürdige Weise eifersüchtig, und es gibt an ihnen – wie an ‘großen’ Persönlichkeiten – ein Moment des Zu-schön, Zu-moralisch, Zu-ehrlich, Zu-fehlerfrei, Zu-erfolgreich, um wahr zu sein.
In einer Talkshow, in der Christo und Helge Schneider zu Gast waren, hat der Moderator Helge Schneider gefragt, was er denn von der Verhüllung des Reichstags halte, und Schneider hat gesagt (ich zitiere aus der Erinnerung): “Ja, schon schön, aber ich mag lieber Kastanienmännchen”.
Manchmal muss man sich gegen die Kunstprätention zur Wehr setzen, oder?
Beste Grüße!
“Ja, dieses Erlebnis kenne ich auch, aber ich kenne auch das Erlebnis, dass das ‘große’ Kunstwerk kein anderes neben sich duldet. Kunstwerke sind auf eine merkwürdige Weise eifersüchtig, und es gibt an ihnen – wie an ‘großen’ Persönlichkeiten – ein Moment des Zu-schön, Zu-moralisch, Zu-ehrlich, Zu-fehlerfrei, Zu-erfolgreich, um wahr zu sein.”
“geh mir ein Wenig aus der Sonne”….?..
http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Alexander-und-diogenes_1-640×552.jpg&filetimestamp=20050315134008
Ja, klar kennt man die Erlebnisse, für mich aber schon länger her.
Ich freue mich einfach umfassend bin erfüllt wenn sich ein An/und Einblick der Größe bietet, ein erwachsene Kinderoffenheit zu Tage legen, sich verführen, sich verletzen lassen, sich erheben lassen
“Ihr seit mir zu grob, Ihr könnt nicht an eine Kleinigkeit zu Grunde gehen” Nietzsche. Geschweige denn sich von Größe erfüllen lassen zu können, lese ich dann. Die Größe liegt nämmlich selten in der Größe…..
Ein Talkshow mit Christo und Helge Schneider….das muss man erstmal auf der Zunge zergehen lassen…da fragt sich eher wer welche Kunstprätentionen hier vertritt….
Die Verhüllung ist doch ganz schön, Schneider doch ganz witzig..(guter Musiker auch!)
“Größe” haben beide nicht wirklich.
Ein Beispiel.
http://www.youtube.com/watch?v=fXNVDCNuZP0&feature=related
ab 2:24 bis 3.37
Diese Erfüllung gilt.
Eine überströmende Dankbarkeit für die Machen-und Hinterlassenschaften Anderer ist mir nicht fremd. Sie verbindet UND befreit.
Das mag alles heutzutage verloren gegangen sein, es ist mein größter Einwand gegen diese Zeit. Eine Atomisierung Einzelner im Labyrinth der selbstreflexionen, eine negative Freiheit nach der innere unendliche Leere wird kultiviert, Kultur-Konsum: die Fettleibigkeit der Armut des Geistes…Sowohl Verhüllung als Helge Schneider sind da schon nicht ganz Fehl am Platz….egal.
Sie sagten, es geht um Gesellschaft. Ja auch. Hofnungsloser verstrickung liberale Vermarktungsgedanken mit Inhalte der Kunst. Dies für sich zu entwirren ist NICHT einfach, ich denke aber es bleibt möglich. ja, es ist noch möglich. Obwohl die Ereignisse dagegen halten.
Ich kann Ihnen sagen, wie es hinter den Kulissen der Kunstscene aussieht. Am besten man geht sofort weiter… und sucht den Garten oder das Freie, da finden sich noch wertvolle und seltenene Blüten, die mit dem Blaukorn der Kommerz sofort sterben würden. Ein oder andere Resistent findet man dann auch noch da….
Ich merke ,etwas läuft mit mir davon, zeit hier für heute ein Punkt zu machen.
schönen Tag!
vinxtor
“Dies für sich zu entwirren ist NICHT einfach, ich denke aber es bleibt möglich. ja, es ist noch möglich. Obwohl die Ereignisse dagegen halten.”
Das hört sich doch nach einem guten gemeinsamen Startpunkt für Überlegungen und wechselseitige Irritationen an.
“Eine Atomisierung Einzelner im Labyrinth der selbstreflexionen, eine negative Freiheit nach der innere unendliche Leere wird kultiviert, Kultur-Konsum: die Fettleibigkeit der Armut des Geistes”
Ich weiß nicht. Einerseits gibt es genügend Gelegenheiten, einem solchen Befund zuzustimmen. Andererseits steckt in diesem Befund eine diabolische Verführung zur Selbstgerechtigkeit (finde ich).
Kein Kunstwerk hat ewige Geltungskraft; denn ein Kunstwerk ist und bleibt ein Artefakt, dessen Geltung von gesellschaftlichen, historisch gewordenen und vergehenden Anerkennungspraktiken abhängt (im Unterschied zur Geltung des Naturschönen und Erhabenen).
Dieses Wissen ist schwer zu leugnen (seit wir dazu verurteilt sind, uns historisch verstehen zu müssen). Die ‘große’ Kunst, das ehrfurchtgebietende Einzelwerk, scheint mir ein trotziger, irrationaler Einspruch gegen diese Erkenntnis zu sein. Daher die latente Gewalt in den ambitionierten Kunstwerken. Das ist schon bei Beethoven spürbar.
Wie Adorno schreibt: “Manche sehr großartigen Stücke Beethovens, vor allem
Ouverturen, klingen aus der Entfernung nur bum bum.”
morph & vinxtor
Im Sommer 2000 führte mich ein südafrikanischer Maler durch die Sieben Hügel Ausstellung im Gropius Bau. Wie ein Choreograph (oder Feldherr, oder Wahlverwandter, oder Wahlgepeinigter) kommentierte er die in der Ausstellungen ermöglichten oder erzwungenen Nachbarschaften.
Die Idee der Eifersucht finde ich gut, aber nicht als ein Schielen nach links oder rechts. Eher ein Imperativ: Versenk Dich in mich. Werner Schmalenbach erzählte einmal über seine Ankaufpraxis für die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen: Die Galeristen überließen ihm die in Betracht kommenden Werke – und entweder sie waren stärker, dann kaufte er sie, oder sein Widerstand gegen sie war stärker.
In großen Kunstwerken wirkt ein Widerstand – gegen die Zeit, der sie entsprungen, und als Kraft, der sie zu verdanken sind.
ceteris
Barthes hatte meines Wissens keine Hunde. Und mit dieser Bemerkung bezieht er sich auf einen Ausschnitt, der ja durch Autonomie gekennzeichnet ist Der Rest des Herr Hund Theaters, das Du beschreibst, ist prekäre Manipulation.
“Die Idee der Eifersucht finde ich gut, aber nicht als ein Schielen nach links oder rechts. Eher ein Imperativ: Versenk Dich in mich.”
Ja, genau so. Und wie macht das Kunstwerk das? Durch emphatische Einzigartigkeit, durch eine Gestalt, die GANZ ANDERS ist. Diese GANZANDERSARTIGKEIT ist aber eine relative: medienrelativ, stilrelativ, oeuvrerelativ. Da drin steckt ein Moment des Betrugs, und dieser Erfahrung sollte man sich stellen.
1. sind die ‘großen’ Kunstwerke nicht so einzigartig wie sie scheinen.
2. markieren sie die Welt außerhalb ihrer selbst als Welt des Nichteinzigartigen, Seriellen, Typischen.
Die Pseudoeinzigartigkeit des ‘großen’ Kunstwerks täuscht darüber hinweg, dass im Grunde jede Situation, jedes Ding und jedes Lebewesen absolut einzigartig ist und nur einmal in der Ewigkeit der Fall ist.
Nun ist unsere Gesellschaft leider so eingerichtet, dass die Einzigartigkeit alles Existierenden nicht zur Geltung gebracht wird (in der modernen Wissenschaft wird das durch modellierendes Theoretisieren unterdrückt; in der modernen Wirtschaft durch den Äquivalententausch). Die moderne Kunst fungiert in diesem Zusammenhang ambivalent: Als Erinnerung daran, dass das Leben NUR in seiner Einzigartigkeit gerechtfertigt ist, UND als Kompensation dafür, dass unsere Gesellschaft dem nicht Rechnung trägt.
Wer sich ungebrochen mit Kunst identifiziert, wird zwar die Momente tiefer Versenkung und Aufhebung im artifiziell Einzigartigen genießen, aber auch desto unkritischer den gesellschaftlichen Schein der Nivellierung für bahre Münze nehmen.
Die Erfahrung lehrt doch, dass hinter jedem ferngesteuerten Schwachkopf doch ein ganz erstaunliches, eigenartiges und eigensinniges Wesen steckt, und dass auch wir unsere moralische Rückenansicht haben, die uns als ferngesteuerte Schwachköpfe erscheinen lässt.
@hh
Der Rest des Herr Hund Theaters, das Du beschreibst, ist prekäre Manipulation.
Yep. Eben wie das Künstler-Käufer-Theater mit der Kunst und ihren einzigartigen Kräften.
Prekäre Manipulation. dito.
@Huett,
die Einkaufmethode ist schon mehr oder weniger gängig. Von Bührle weiss man, das er sich mit dem potentielle Ankauf einschloß in einem speziell eigerichteten Zimmer.
Ich denke jede “ernsthafte” Kunstsammler nimmt sich die Zeit des “abtastens”
Was da genau passiert ist schwer auf dem Punkt zu bringen.
Außer ganz einleuchtende Kriterien: passt es in der Sammlung/Geschmack.
Ist dies oder jenes Werk ein guter Vertreter für den Stil/Periode der jeweiligen Künstler etc.
Die Kraft eines Bildes kommt aber nicht @Morph vom Bild selber, es liegt in der Ästhetische Verbindung zwischen Betrachter/Bild.
Das kann man Gestalt nennen.
(Aus Zwei wird Drei…vieles) So “Andersartig” würde ich das aber nicht nennen. Das Bild, die Gestalt, als optische Mnymosyne für außere/innere Vorgänge des Menschens. Wenn der Punkt gefunden ist, wenn der richtige Distanz da ist öffnet sich diese “Dimension”. (“der Punkt”, Günther Wohlfahrt) Ein Moment des Betrugs? Wer betrügt wem? Zauber? Jein. künstlerische Mittel die unser System des Sehens zum Erstarren gebracht haben, eingefangen haben, spiegeln. Darin Ausdruck des jeweiligen Künstlers Person/Idee/Erfahrung.
Eine Abwertung der “normale” Welt seh ich dadurch gar nicht. Eher ein weitergehende sensibilisierung.
“Wer sich ungebrochen mit Kunst identifiziert, wird zwar die Momente tiefer Versenkung und Aufhebung im artifiziell Einzigartigen genießen, aber auch desto unkritischer den gesellschaftlichen Schein der Nivellierung für bahre Münze nehmen.
Die Erfahrung lehrt doch, dass hinter jedem ferngesteuerten Schwachkopf doch ein ganz erstaunliches, eigenartiges und eigensinniges Wesen steckt, und dass auch wir unsere moralische Rückenansicht haben, die uns als ferngesteuerte Schwachköpfe erscheinen lässt.”
Aber da bitte ich abermals. Schauen Sie doch mal z.B “das Mädchen im Pelz ” von Tizian an. So ein Seelenschau wie da gemalt wurde verführt doch dazu alle Leute mal so anschauen zu können. Das setzt doch Werte in der Welt. Das ist doch eine Art optische Mnymosyne, leuchtendes Beispiel dafür wie man sich durch Blickkontakt ganz erfassen kann in seine momentane Anwesendheit…
Ich denke nicht das Ihnen die Erfahrung gelernt hat das hinter jeder Dummkopf ein besonderes Wesen steckt. Viel mehr denke ich das Beispiele aus dem Bereich Kunst/Poesi/Roman/Geschichte Ihnen erst die sensibilität dafür mitgegeben haben. Sprich Kultur/Kunst.
Apropos, das mit der “diabolische Verführung” ist natürlich ein Schattenseite. Aber es hat auch ja nie einer gesagt das alles tuftuf ist…
Grüße
@vinxtor #13
Chapeau!
Welche Sprache ist denn Ihre Muttersprache, wenn ich fragen darf?
vinxtor
ich hätte das Beispiel nicht besser wählen können, um meinen Punkt zu verdeutlichen.
“Das Mädchen im Pelz” ist ja nun in erster Linie keine Seelenschau, sondern eine Körperschau. Ich bin immer etwas skeptisch, wenn einer angesichts der Ansicht einer schönhäutigen Schönen im kuscheligen Pelz das Gesehene als Seelenschau rubriziert. Vielleicht bin ich ja zu wenig vergeistigt für die große Kunst, aber mich spricht der Tizian anders an.
Tizian bespielt hier – genau wie es den ‘niederen’ Künsten, dem ästhetischen Kommerz, den populären Kulturen immer vorgehalten wird – Ersatzbefriedigungsmotive (was ich nicht verächtlich finde, aber man sollte ehrlich genug sein, das Offensichtliche zu benennen).
Tizians Version der Bildformel “Venus im Pelz” leistet zweifellos mehr, als bloß die Bildformel zu bespielen, da würde ich zustimmen. (Man könnte z.B. im Vergleich mit Rubens:
http://www.viennatouristguide.at/Ring/KHM/Rubens/pelzchen.htm
zeigen, dass bei Tizian ein Moment von asketischer Schamlosigkeit hinzutritt, das aus routinierten erotischen Sujet ‘mehr’ macht als lediglich eine weiteres Exemplar der Bildformel).
Aber Tizian bespielt AUCH die Bildformel, nimmt Bezug auf ein robustes, dem Publikum gut vertrautes, marktgängiges Modell der Schaulust.
Vielleicht bin ich ja akademisch verdorben, aber der unzweideutige Ewigkeitswert von Kunstwerken teilt sich mir wirklich nicht mit. Wenn etwas ewig ist, dann das ästhetische Mäandrum – in diesem Fall die Migration eines Motivs von Rubens und Tizian über Sacher-Masoch bis hin zu Lou Reed:
http://www.youtube.com/watch?v=K1Bw1Jt9yUU
Frohes Fest!
vinxtor
Ich bin an etwas hängengeblieben, uns ich glaube, dass das wirklich wesentlich ist.
“Eine überströmende Dankbarkeit für die Machen-und Hinterlassenschaften Anderer ist mir nicht fremd. Sie verbindet UND befreit.”
Ich glaube, dass das Empfinden der Dankbarkeit ein Effekt der Unfreiheit ist. In einem wirklich freien, gerechten, solidarischen Miteinander gäbe es keinen Anlass zur Dankbarkeit.
Die Beziehung untereinander, nach der wir uns alle sehnen, ist eine der Angstlosigkeit, Offenheit, Eindeutigkeit.
Wäre die verwirklicht, müssten wir nicht dankbar sein. Denn warum sollte ich jemandem, einem Zeitgenossen oder einem Vorfahren für etwas dankbar sein, durch das er seine Interessen verfolgt hat, die mit meinen identisch waren und sind?
Ich bin geboren wo Kees van Dongen geboren ist. Und habe in van Rijns Geburtsstadt gewohnt.
@Morph. Bezüglich den “Bildformel” habben Sie zweifellos recht.Das ist nur die halbe Sache. Näher betrachtet wirken die erwähnte Bilder doch sehr unterschiedlich.
Zuerst der Stil der Künstler, danach der Einsatz dessen künstlerischen Mitteln, dann folgt das Tranportat (so dies beschreibbar ist)
Bin ziemlich auf m Sprung, dswegen kurz.
Zuerst das Portrait. Rubens malt konsequente “Fleischigkeit, der Stand des Kopfes, der Einsatz der Glanzlichter, das Verschmelzen der Augenbrauen mit der Haut, das Gesicht mehr in dreiviertel ansicht, der Pelz schon fast weggefallen, auf jedemfall ist schon viel Zugang zum Körper.
Tizian bringt dieses Bildkanon in einer anderen Bilanz. Strenge Geometrie der Augenbrauen, das fast mathematischen Spiel der Perlenkette, Haarband. Er legt den Schwerpunkt beim geistigen, die Aufgeräumtheit des Charakter (rubens verwuschelt alles). Das bringt bei Titian die Nähe zu einem entschiedene Persönlichkeit, die mit dem wenigen Nackt was zu sehen ist( mit der entschlossene Grif am Pelz, der abschirmt) wo die Entblößung eher der Person gilt als ihr Fleisch. Bei Rubens ist deutlich was die Person will: nur entbloßung der Fleisches Lust. Bei Titian ist das versprechen, mit der Hingabe ihrer Person (die sehr sichtbar und kennbar im Bild gebracht wird) verbunden. So seh ich das. Erotik sicher, aber hé ist das nicht wunderschön! Wo liegt das Problem? Wo liegt da die Ersatzbefriedigung? für was?
Genauere Beschreibung/Analyse des Bildes sprengt mein Zeitfenster.
“Ich glaube, dass das Empfinden der Dankbarkeit ein Effekt der Unfreiheit ist. In einem wirklich freien, gerechten, solidarischen Miteinander gäbe es keinen Anlass zur Dankbarkeit.
Die Beziehung untereinander, nach der wir uns alle sehnen, ist eine der Angstlosigkeit, Offenheit, Eindeutigkeit.
Wäre die verwirklicht, müssten wir nicht dankbar sein. Denn warum sollte ich jemandem, einem Zeitgenossen oder einem Vorfahren für etwas dankbar sein, durch das er seine Interessen verfolgt hat, die mit meinen identisch waren und sind?”
wäre die Welt anders, wäre sie anders.
Es ist immer die Sehnsucht die Brücken baut, darin findet die Kunst ein Ursprung. Sehnsucht, nannte es Plato nicht Eros, das Verlangen nach das was in seiner Abwesendheit waltet… Dies transportiert u.A. die Kunst. Aber ich sagte bereits das Kunst menschlichkeit( in allen Aspekte, auch das Grausame) spiegelt/transportiert. Nichts anderes ist dazu in der Lage.
Wie soll eine Gesellschaft das ohne Kunst erbringen können….ich weis es nicht.
“Sie ist die große Ermöglicherin des Lebens, die große Verführerin zum Leben, das große Stimulans des Lebens.”
Eine technisch durchgestalteten gesellschaft ohne Kunst ist somit nicht mehr menschlich. Der Mensch: eine Brücke, ja es bleibt so,
“Die Beziehung untereinander, nach der wir uns alle sehnen, ist eine der Angstlosigkeit, Offenheit, Eindeutigkeit”
Das würde ich noch mal überdenken, das hört sich verhängnissvoll kindlich an, verneint mE wesentliche menschliche Triebe.
bin jetzt aber wirklich erstmal länger offline.
alles Gute