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Roosevelts Neid

Der Rhetorik-Blogger meldet sich zurück. Zu blöd, dass eins der interessantesten Ereignisse der politischen Rhetorik ausgerechnet in die Woche fiel, in der ich offline war. Alle DSL-Provider, alle, sind im "Land der Ideen" zwar unentwegt damit beschäftigt, irreführende Werbung zu verbreiten. Wenn es aber ans Liefern geht, verweisen sie auf das Kleinstgedruckte.

Kurz, ich bin noch längere Zeit nur eingeschränkt arbeitsfähig, versuche daraus aber so viel wie möglich zu machen.

Zur causa Tucson wurden auch die üblichen Verdächtigen wieder sichtbar, also zum Beispiel so ein Korrespondent eines ehemaligen Nachrichtenmagazins, dem man – bisher nicht strafbewehrt -  attestiert hat, dass er bei anderen ohne Quellenangabe abschreibt. Obama sei so halbwegs der Anforderung an einen Präsidenten gerecht geworden. Dazu bezieht der Mann sich auf einen erzreaktionären Knochen als Kronzeugen. Unter anderen medienrechtlichen Vorzeichen nannte man so etwas früher Binnenpluralität.

Ich mache es mir einfacher. Das ist Blödsinn. Charles Krauthammer als politischer Kronzeuge ist ungefähr so glaubwürdig wie ein CSU-Meineidbauer.Wer die amerikanische Geschichte kennt, wer die Dynamik der midterms in einer Zeit multipler Katastrophen richtig einschätzt, konnte schon im Januar 2009 erkennen, dass die Überparteilichkeitsreden Obamas eine investive Logik verfolgten. Die Republikaner im 111. Kongress bereiteten den Boden. Die  politische Obstruktion trieb die Wettraten in die Höhe. Jetzt geht es um die Erträge. Am teuersten werden die Republikaner des 112. Kongresses zahlen.

Warum?

Weil sie – zumindest der kleine moderate Rest im Kongress – inzwischen einsehen, dass sie sonst im Jahr 2012 hinweggefegt werden. Obamas Berater haben, ohne sich in das Schicksal zu ergeben, eine Schlappe bei den midterms für möglich, vielleicht sogar für wahrscheinlich gehalten. Die Personalrochaden im Weißen Haus holen all die erfahrenen Clintonistas an Bord, die dem Gingrich-Kongress mores lehrten und sich durchsetzten. Ausgebuffte Verhandler, die mit harten Bandagen herausholen, was die überparteiliche Rhetorik des Präsidenten beschwört.

Zur Rede in der Universität von Arizona komme ich später zurück. Dieses Mal aber will ich meine Studierenden analysieren lassen, was sie dazu herausfinden. Nur soviel heute dazu: Und das habe ich unmittelbar nach den midterms geschrieben: Obama nutzt jetzt, was er mit rhetorischen Anzahlungen vorbereitet hat. Auf die Überparteilichkeit sind die Republikaner nicht vorbereitet. Sie haben in Drachenblut und in Salzsäure gebadet, der Speaker mit Racke rauchzart gegurgelt, um die richtige Fallhöhe für das Schluchzen zu intonieren.

Die Langzeitbeobachtung macht sich bezahlt. Der Medienzyklus ist außerstande, die Logik zu erkennen. Sie zählen Punkte, schreiben, wer in die Knie geht, können dann gerade noch bis zehn zählen. Dass in dem politischen Masterplan dieses Präsidenten eine andere Logik regiert, hat unter den politischen Journalisten Amerikas als erster Bob Herbert wahrgenommen, als er davon schrieb, dass Obama seit langem der erste "erwachsene" Politiker in Amerika sei. Man habe das schon so lange nicht mehr erlebt, dass es längere Zeit brauche, um so einen zu erkennen. Bei Herbert war das im Sommer 2009 der Fall, als der lunatic fringe unter der Regie der Mutterbärin aus Alaska von death panels schwafelte, die bei der kranken Oma den Stecker zögen.

Lange Rede, kurzer Sinn: Die nächsten achtzehn Monate werden rhetorisch sehr viel spannender als die beiden ersten Amtsjahre Obamas. Obama wird mit hartgesottenen Unterhändlern herausholen, was herauszuholen ist. Sein Doppelbeschluss ist vorhersagbar: Was nicht herausholbar scheint, bestimmt die rhetorische Agenda in den Town Halls.

Wer bisher davon geträumt hat, Obama möge an Roosevelts Rhetorik anknüpfen, könnte erleben, dass Roosevelt von Wolke sieben neidisch herabblickt.

 

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