Saarländische Notizen
Ein Gastbeitrag von Dirk Ludigs
Prolog 1
Durchsage im Air Berlin Flug 6478: "Meine Damen und Herren, Sie haben sich offensichtlich entschieden, ihr Wochenende in Saarbrücken zu verbringen. Kein Problem, wir machen alles."
Prolog 2
Das Saarland. Endliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2011. Dies sind die Abenteuer eines deutsch-amerikanischen Paares, das nach 16 Jahren auf drei Kontinenten für fünf Jahre hier leben wird, um neue Menschen zu erforschen, fremdes Essen und einen gewöhnungsbedürftigen Dialekt. Viele Lichtjahre von jeder Metropole entfernt, dringen die zwei dabei in Weiler vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat.
Saarländische Notizen. Teil 1
Vier Wochen hier, ein Zwischenstand. Das Schlimmste sind die ewigen Fragen der Ureinwohner: "Ist doch schön hier, oder nicht?" Haben diese Menschen keine Augen im Kopf? Was ist schön an postindustriellem Verfall, Eternitfassaden und Übergewicht? Saarländische Männer neigen dazu, wegen der kaloriengeschwängerten Küche und den "Bergmannsportionen". Männer hier erkennt man an einem "bisselsche Bauch" und einer schon in frühen Jahren gezüchteten Rotzbremse. Saarländische Frauen sind in der Sprache der Ureinwohner grundsätzlich sächlich, weil sie von ihren Männern optisch kaum zu unterscheiden sind. Der Fachmann erkennt sie an ihren praktischen Steppjacken und ihrer noch praktischeren Wischmob-Frisur. Einfach auf den Kopf stellen und in Bad und WC ist alles okay.
Saarländische Notizen Teil 2
Nach dem Ende von Kohle und Stahl hat das Saarland es mit Tourismus probiert. Die ersten Versuche ("Im Herzen Europas!") führten aber nur zu mehr Durchgangsverkehr, anhalten wollte weiterhin freiwillig niemand. Nun deklariert sich das Saarland seit ein paar Jahren als "Gourmetregion". Tatsächlich gibt es zwischen Luxemburg und Pfalz mehr Sternerestaurants als in Berlin und Skandinavien zusammen, das ist aber auch keine Kunst. Saarländer gehen niemals in diese Etablissements. Erstens können sie sich das Essen dort nicht leisten und zweitens werden sie von den Portionen nicht satt.
Für Gourmets halten sich trotzdem alle Saarländer, denn sie essen gerne und vor allem viel. Kulinarisch hat das Saarland eigentlich nur zwei Besonderheiten hervorgebracht: eine zu Ringeln gebundene Restewurst und eine industriell gefertigte Speisewürze, die nicht mal aus dem Saarland stammt. Zur Zubereitung egal welchen saarländischen Gerichts benötigt die Hausfrau (für 4 Personen): ein halbes Schwein, einen Zentner Kartoffeln und zwischen zehn und zwanzig Liter Sahne, je nachdem ob der Saarländer gerade "abholle" (nehmen und holen sind im Saarland dasselbe) will oder nicht.
Über den abstrusen Namen des Gerichts (Hoorische, Dibbelabbes, Geheirade) entscheiden am Ende lediglich Form und Konsistenz des Ergebnisses. Weil er die benachbarten Weinregionen verachtet, trinkt der Saarländer dazu sein "Urpils", das überall sonst auf der Welt als Magentropfen rezeptpflichtig wäre.
Saarländische Notizen Teil 3
Zur ewigen Schmach des Saarlands gehört es, eine Idee der Franzosen zu sein. Um den Geburtsfehler zu überkompensieren, haben Saarländer einen pathologischen Nationalstolz entwickelt, der einzige weltweit, der ohne Nation auskommt. In Unkenntnis fremder Weltgegenden (also alles außerhalb eines Radius von 25 Kilometern) hält der Saarländer seine in den Sechziger Jahren verunstalteten Weiler für architektonische Schatzkästchen, seine drei Grubenlieder für ein reiches kulturelles Erbe und sein Bier für trinkbar.
Tief verachtet der Saarländer seine barbarischen Nachbarn: im Osten die Pfalz, ein kulturfreier Raum. Im Süden der „Wackes“, der trotz offener Grenzen die zivilisatorischen Errungenschaften des Saarlands aus reiner Ignoranz ablehnt. Nur die Luxemburger gelten als vergleichsweise ebenbürtig, wegen des billigen Benzins und der geheimen Konten.
Als größter Landesverräter gilt der saarländische Kabarettist Gerd Dudenhöfer. Saarländer kreiden ihm an, er habe durch seine ARD-Serie und die Figur des Heinz Becker den guten Ruf des Saarlands ruiniert. Tatsächlich wusste vor der ARD-Serie niemand von der Existenz dieser 5 Landkreise und seit „Familie Becker“ glauben die meisten Deutschen, das Saarland sei ein Ort voller selbstironischer, lebenskluger Menschen. Saarländer aber wissen im tiefsten Herzen: Die Serie war gar keine Satire, sondern ein frühes Reality-Format.
Saarländische Notizen Teil 4
Saarländisch ergibt sich, wenn eine Dampfwalze mehrfach vor und zurück über einen Duden rollt. Es entsteht eine zähe und klebrige Masse aus Zischlauten und überdehnten Vokalen. Aus „Weißt Du?“ wird „Wäääsche?“ Und aus „Hast du?“ die Aufforderung zum Marihuana-Konsum. Um im Lautbrei seiner Selbstentäußerungen eine grammatikalische Rest-Ordnung zu schaffen, setzt der Saarländer an den Anfang eines jeden Satzes das Wörtchen „ei“. und beendet seine Zisch- und Krähorgie mit „jòò.“ Wenn Saarländer nichts zu sagen haben, sagen sie „eijòò“. Ei, wäääsche dasche dòò denne Haaawe forze wäsche holle kinnnsch, jòò!“ ist ein typischer saarländischer Satz, so grazil und anmutig wie die meisten seiner Sprecherinnen. Übersetzen muss man ihn nicht, denn Saarländer sind zutiefst davon überzeugt, dass ihr Idiom eng mit dem Hochdeutschen verwandt ist und deshalb überall mühelos verstanden wird.
Saarländische Notizen Teil 5
Saarländer haben Humor, sparen sich den aber für eine so genannte fünfte Jahreszeit auf. Für Saarländer ist das Saarland neben Mainz und Rio de Janeiro die dritte karnevalistische Welthochburg. Köln gilt als überbewertet.
Saarländischer Fasching geht auf die Tradition des Faschismus zurück. In einem Saal mit einer dem Berliner Sportpalast nachempfundenen Sitzordnung macht ein Redner mit Klumpfuß oder anderen Gebrechen (dicke Brille, schlimmes Gebiss) sexistische und rassistische Bemerkungen, die seit Jahrzehnten um die immer drei gleichen Themen kreisen: A. China-Restaurants servieren Hundefleisch. B. Der Papst ist in Ordnung, aber seine Frau ist bösartig. C. Pfälzer verunglücken beim Milchtrinken tödlich, wenn die Kuh sich setzt.
Die vom totalen und radikalen Frohsinn aufgepeitschten Massen geraten dabei in Ekstase, erheben nach jedem gelungenen Angriff auf die Lachmuskeln den rechten Arm zum Gruß und rufen im Stakkato eines „Sieg Heil!“ ein seltsam welsches „Allez, hopp!“ Nach einigen Tagen hört der Spuk von alleine auf, ohne dass alliierte Truppen einschreiten müssen.
Durch den Autor redigiert am 04072012


Wohl die Spätfolgen von hartem Schanker?
http://www.pressetext.de/news/110304013/syphilis-skandal-obama-ordnet-untersuchung-an/