Salamiethik und Stabilitätsanker
Diesen Sonntag sind mir zwei Wörter aufgefallen: Salamiethik (Ärztepräsident Montgomery) und Stabilitätsanker (Bundesbankpräsident Weidmann). In beiden Metaphern kommt etwas ins Rutschen. Der eine sieht den Truck auf sich zurasen. Der andere hält sich an der Ankerkette eines Riesencontainerschiffs fest, das gerade in See sticht.
Montgomery argumentiert gegen das Beschneiden (der Ethik). Weidmann legt die Stabilität an den Anker, weil sie als Ziel allein nicht mehr reicht.
Der Ärztepräsident wird Schwierigkeiten dabei haben, die Salamiethik von einer Wildsalami- oder von einer Chorizoethik zu unterscheiden. Sein rhetorisches Ziel, die Ethik zu retten (bzw. vor ihrer Beschneidung zu warnen), benutzt die Salami bloß als Abstraktionswurst, ohne Geschmack, ohne Geruch. Dem Redner ist die Wurst wurst. Schinkenethik aber (obschon wohl auch beschneidbar) ginge gar nicht. Dem Neologismus der Salamiethik steht die Salamitaktik Pate, eine Figur, die meistens von denen beschworen wird, die auf verlorenem Posten argumentieren.
Wie siehts denn aus, wenn wir die Wörter mit einer Umdrehung konfrontieren? Ethiksalami: Damit wirkt man als Esser sogleich gesittet. Ankerstabilität befestigt auf treibendem Grunde ganz anders als ein Stabilitätsanker.
Persönlich finde ich den Instabiliätsanker am interessantesten, ein Werkzeug anthropomorphen Gewahrwerdens. Wenn ich meiner Mutter zusehe, verstehe ich ihren Rollator zb als Instabilitæitsanker, Pirouetten schmerzgebeugten Schlurfens und Schiebens, ein Hadern gegen das Sodasein (das dieses widerliche Autokorrekturmodul völlig sinnfrei in Südasien verwandeln wollte).
Zurück, ein letztes Mal, zur Salamiethik. Der kulinarische Aspekt macht die Metapher der Salami-Ethik zweifelhaft. Ist das eine durch und durch in sich stimmige in jedem Zipfel mit sich selbst identische Salami – mit der Folge, dass jedes Scheibchen ihre Ethik in Gänze enthielte und weitertransportierte – oder ist das mangels Pasteurierung und Homogenisierung eine einzige Unwucht, die nichts Ganzes hat entstehen lassen? Was bedeutete ein Scheibchen weniger für diesen Zellhaufen?
Was bedeutete das Reißen der Ankerkette für den Stabilitätsanker?
Beide Wörter dokumentieren rhetorisches Scheitern – in der Not.
Die Welt sei aus den Fugen, zitiert Cordt Schnibben in einem lesenswerten Spiegel-Essay die CDU-Vorsitzende – ein Befund, den Angela Merkel mit ihrem bisherigen Mitarbeiter Weidmann teilt.
Zeit, in Deckung zu gehen.


Die Doppeldeutigkeit ist Pfund und Risiko zugleich des Wortschöpfers. Auch du bewegst dich auf schmalem Grat, sonst hätte der Autokorrektor nicht gemeckert. Den Sprung auf die Seite “Südasien” hat er mE nur gemacht, um dem Absturz ins viel schlimmere Dilemma “So Dasein” versus “Soda Sein” zu entgehen.
PS: Metaphern mit Wurst sind immer gefährlich. Hatten wir schon mal
.
Ich bin ein Liebhaber der Ambivalenz. Sie ist Tanzboden für dekonstruktive Pirouetten. Anders sieht es aus mit Wortschöpfungen, die vereinfachen, die Komplexität gewaltsam reduzieren, einen Punkt machen wollen, tatsächlich aber zu Bauchlandungen führen (wenns gut ausgeht). Noch bin ich kein Vegetarier, einmal saucissons genossen heißt ihnen anheimzufallen (solange man nicht selbst in der Wurstmaschine landet). Beide von mir aufgespießten sind frischgebackene Präsidenten. Beide wollten einen Punkt machen. Beide haben an dem neuralgischen Punkt ihrer Begriffssschöpfung versagt. Kaum hat der Präsident der Bundesbank der Stabilität einen Anker verpasst, treibt sie dahin, die Stabilität, und der Stabilitätshüter hat ein Problem mehr, wenngleich “bloß” ein rhetorisches. Übrigens ein grund dafür, warum Greenspan Legende wurde: als einsilbiges Orakel.
Der Ärztepräsident war zwar schon in anderen präsidialen Verwendungen erfahren, aber sein Versuch, den hippokratischen Eid zu retten, ist mit der Salamiethik schiefgegangen.
Es könnte ja auch sein, dass Herr Montgomery, es vom Standpunkt des Chirurgen betrachtete und das Ganze nicht als Metapher sondern als Realitätsbeschreibung verwendet. Es muss beim kein rhetorisches Stilmittel sein.
First
Das ist das Dilemma, wie der folgende Auszug aus dem Interview belegt:
“Warum sind Sie persönlich gegen die PID?
Ich bin ein Gegner der bewussten Selektion durch den Menschen nach willkürlich aufgestellten Kriterien. Die Gefahr ist, dass man am Ende die Fragen nach dem Designerbaby und dem Retterbaby nicht mehr zurückweisen kann. Das Risiko besteht, dass die PID für immer mehr Fälle angewandt wird. Wir leben in einer Welt der Salami-Ethik, wo Stückchen für Stückchen abgeschnitten wird. Heute werden 95 Prozent der Kinder mit Down-Syndrom abgetrieben.” http://www.faz.net/artikel/C30923/aerztepraesident-montgomery-im-gespraech-wir-leben-in-einer-welt-der-salami-ethik-30448061.html
Er beschreibt eine mögliche Realität, gegen die er sich mit dem Bild der Salami-Ethik wendet. Eine Vergeblichkeitsmethapher.
Oliver Tolmein nimmt das Salami-Ethik-Bild noch einmal in Augenschein – und findet es zwar nicht ganz glücklich, aber doch ganz brauchbar: http://bit.ly/oxUxYt
Doktor D
Wenn ich Tolmein richtig verstehe, dann kritisiert er vor allem die halbgare Haltung des Wurstmetaphorikers im Ärztepräsidenten. Tolmein ist dafür gewiss prädestiniert, weil er die juristischen und ethischen Grauzonen der Thematik wie kein zweiter im deutschen Sprachraum durchdacht hat.