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Future being pieced together

Gestern nach Iowa, das neue Kalifornien (ohne Küste). Zu einer frisch eröffneten Fabrik, die Windräder herstellt. In der letzten Woche der ersten hundert Tage im Weißen Haus hält es Barack Obama nicht in Washington. Air Force One transportiert ihn mit großer Besatzung am Earth Day nach Newton. Den Ort können wir uns vorstellen wie Gütersloh ohne Bertelsmann, mit dicht gemachter Miele, schwanlos trostlos arbeitslos. Der Präsident braucht den Kontrast für seine Zukunftspläne. Nehmen wir ihm das nicht übel und schauen, was er zu sagen hat.

Die Energiewende steht auf der Tagesordnung. Die Rede ist länglich. Hat Fav Urlaub? Der Auftritt macht den Eindruck, als habe Obama Roosevelts Depressions-Kamingespräche mit einem deutschen VHS-Vortrag gekreuzt. Die einleitenden Begrüßungen werden länger. Die Hinführung zum Thema ist ausufernd (Ölförderung in Geschichte und Gegenwart). Die 33 Minuten dieser Rede sind dennoch keine Sekunde zu kurz.

Obama führt dem amerikanischen Publikum die eigene Geschichte vor, legt wieder die Finger in schwärende wirtschaftliche Wunden (Ölabhängigkeit) und illustriert, ohne den Herrn Schumpeter beim Namen nennen zu müssen, wie es aussieht, wenn kreative Zerstörer übernehmen. Als Haushaltsgerätehersteller Maytag (Newtons Miele) dicht gemacht hatte, war die Stadt fast am Ende. Nun aber gibts es 100 neue Arbeitsplätze bei der Trinity Structural Towers Manufacturing Plant, deren Windturbinen über zwei Megawatt Leistung bringen. "Ihr tragt dazu bei", sagt Obama, "die nächste Energierevolution in Gang zu setzen, aber ihr seid auch Erbe der letzten Energierevolution."

Der VHS-Historiker hüpft 150 Jahre zurück und erinnert an Edwin Drake, den ersten erfolgreichen Ölbohrer, die Mühsal und Verzweiflung eines im Scheitern erfahrenen Mannes. "(…) he had an advantage: total desperation. It had to work. And then one day, it finally did." Der Mut der Verzweiflung machts möglich. Außerdem sei Amerika immer der Welt weit voraus gewesen, wenn es darum ging, neue Energiequellen zu erschließen.

We can’t afford that approach (Ölabhängigkeit auf Kosten der ganzen Welt) anymore — not when the cost for our economy, for our country, and for our planet is so high. So on this Earth Day, it is time for us to lay a new foundation for economic growth by beginning a new era of energy exploration in America. That’s why I’m here.

"Wir stehen nicht vor der Entscheidung, unsere Umwelt oder unsere Wirtschaft zu retten. Die Alternative laute vielmehr wirtschaftliche Blüte oder Niedergang." Obamas konservativen Senatskollegen sehen das noch nicht so, ihre knappe Mehrheit provoziert ein Republikaner-Filibuster. Auch deshalb wendet sich der Präsident mit seiner Rede nicht nur an die Bürger von Newton, sondern an die ganze Nation. Er weckt den amerikanischen Ehrgeiz und bekräftigt den robusten amerikanischen Pragmatismus (Lord Dahrendorf erinnerte daran, als der Absturz begann).

Sein Haushalt investiert in den kommenden zehn Jahren 150 Mrd. Dollar in erneuerbare Energietechnologie, erzielt Einnahmen durch den Handel mit Emissionsrechten (das nehmen ihm seine konservativen Kollegen am meisten übel) und investiert flächendeckend in Energieeffizienz.

Schließlich beschwört Obama den amerikanischen Optimismus, die Bereitschaft, sich den harten Herausforderungen gewachsen zu zeigen – "what I’ve seen across this country, in all the eyes of the people that I’ve met, in the stories that I’ve heard, in the factories I’ve visited, in the places where I’ve seen the future being pieced together — test by test, trial by trial." Das kostet Opfer, ist anstrengend, aber wir schaffen das – so sein Fazit, seine Ermunterung.

Mein Zweifel, ob das Format dieser Reden den Amerikanern nicht langsam auf die Nerven geht, weicht der Idee, die mich dazu gebracht hat, diesen Blog ins Leben zu rufen. Die Politik und ihr Geschäft erleben selbst einen Paradigmenwechsel. Wir werden in den kommenden Jahren eine Renaissance des öffentlichen Redens (Demagogie inklusive) erleben. Die Komplexität der Aufgaben ist zu groß, um sie wie der Kommunikator Reagan in knappe Babysprache-Formeln quetschen zu können. Die Umfrageergebnisse Obamas deuten darauf hin, dass ihm das Volk zuhört und zutraut, das Unmögliche nicht nur zu versuchen, sondern möglich zu machen. Das ist die andere Seite der Charisma-Medaille: Sie trauen es ihm zu.

Kein Zweifel, wir leben in einer Zeitenwende, deren Ausgang ungewiss ist. Was in den kommenden Monaten und vielleicht Jahren alles in Trümmern liegen wird, können wir nur ahnen (oder fürchten). Aber wer glaubt,  weiter munterblöd durch die Gegend plappern oder maulfaul Erklärungen schuldig bleiben zu können, ist schief gewickelt.

Wenn so ein dröger Funktionär wie DGB-Chef Sommer vor sozialen Unruhen warnt (Heinz Bude hält dagegen, das sei kein Fall für die Leistungselite in der Mitte unserer Gesellschaft), dürfte auch Kanzleramtsminister de Maizière endlich begreifen, worauf es im Krisenmanagement ankommt, damit der Laden ihm nicht um die Ohren fliegt.

Einer macht den Drögen reicht nicht, meine Damen und Herren! Patent-Floskeln geben Sie besser an der Garderobe ab. Und reden Sie nicht mehr von den Menschen (oder über sie), sondern mit ihnen. Wie das geht, macht Obama vor.

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