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Ranzige Rhetorik

Heute veröffentlicht Dr. Vazrik Bazil, der Präsident des Verbands der Redenschreiber deutscher Sprache, auf der Webseite des VRdS eine Kolumne, die Kolumne des Präsidenten.

In letzter Zeit debattiert die Öffentlichkeit ausgiebig über die Macht und Ohnmacht der Rede. Der Anlass, den der Bundespräsident dazu gegeben hat, greift aber über seinen Fall, wie man ihn auch beurteilen mag, hinaus und wirft grundsätzliche Fragen zur Kraft des Wortes auf.

Der Kolumnist hält es nicht für erforderlich, seine These zu belegen. Er hält Referenzen für entbehrlich. Der Auftakt verstellt den Blick auf den Sachverhalt, über den er vorgeblich schreibt.

Wer diskutiert wo und warum "über die Macht und Ohnmacht der Rede"? Was gibt dazu den Anlass? Eine Rede, durch die der Bundespräsident sich hervorgetan hätte? Oder eine Rede, mit der er hinter seinen Möglichkeiten geblieben wäre? Weder das eine noch das andere. Auch äußert sich Bazil nicht über den Anlass oder den Fall. Er verzichtet darauf, um sogleich von "der Kraft des Wortes" zu schreiben, eine abgegriffene Beschwörungsformel zum Dienstleistungsangebot der Redenschreiber, die durch häufigen Gebrauch nicht überzeugender wird.

Gewiss ist das wichtigste Mittel für einen Bundespräsidenten, Debatten anzustoßen, auf sie einzuwirken und den Bürgerinnen und Bürgern Orientierung zu geben, die Rede. Gleichwohl sind alle, die in der Politik oder Wirtschaft Führungspositionen innehaben, auf Reden angewiesen, die wiegen und wirken. Denn Rede ist Führung.

Die auktoriale Gewissheit leitet eine Leidensfigur ein. Bazil hängt die Ansprüche höher als die für den amtierenden Bundespräsidenten erreichbaren Trauben. Sodann wendet er sich denjenigen zu, die sich ebenso vergeblich nach den Trauben strecken. Denn alle Chefs müssen reden. "Gleichwohl" (eine Einschränkung in Fisteltonhöhe): Wenige nur können es auch. Das ist übrigens der Daseinsgrund für Bazils Verband und seine Mitglieder.  Die Kolumne ist ein Marketingtext für die unsichtbaren Führungshelfer im VRdS.

Wird der Text seiner Funktion gerecht? Wie und warum Reden wiegen und wirken, darauf geht Bazil nicht ein. Ihm reichen die alliterative Insinuation und der Hinweis auf Führung. Zu viel wishful thinking. Zu viel normatives Getöse. Zu wenig Zweifel daran, was jenseits von Führung im Reden da draußen lauern kann.

Wann ist aber eine Rede mächtig und wann ohnmächtig? Sehen wir einmal von der handwerklichen Fertigkeit der Rede ab, stellt sich der Redner als die entscheidende Größe heraus. Die Macht der Rede hängt von der Authentizität des Redners ab.

Bazil verfehlt das Marketingziel, umgeht das handwerkliche Leistungsangebot seiner Kollegenschaft und macht die mehr oder weniger glaubwürdige Person des Redners selbst dafür verantwortlich, ob eine Rede gelingt oder nicht. Der schillernde Begriff der Authentizität des Redners erinnert an eine Weisheit aus der Theaterpraxis: Was die Diva nicht bringt, muss das Bühnenbild stemmen.

Möge man mir nachsehen, dass ich aus dem gerade erst nachgelieferten elf-spaltigen Beitrag im letzten Band des Historischen Handwörterbuchs der Rhetorik zum Stichwort Authentizität nur die letzten Zeilen zitiere:

Spätestens seit ihrer radikalen Dekonstruktion kann A. nicht mehr – und wenn doch, dann nur aus utopischer Sicht – als primäre Größe, sondern nur noch als Substrat einer für immer entzauberten Echtheit, Natürlichkeit, Originalität oder Unmittelbarkeit gelten. Rhetorische Inszenierung von A. ist somit stets als äußerst schwieriges, stillschweigendes oder offenes Spiel mit ihrer eigenen Unmöglichkeit zu verstehen – was sie umso wirkmächtiger erscheinen läßt, wenn ein Redner sie ´erwischt`. (A. Ulrich, Historisches Handwörterbuch der Rhetorik Band 10 Herausgegeben von Gert Ueding. Berlin/Boston 2012, Sp. 89

Wie erläutert Bazil seinen eigenen Authentizitätsbegriff?

Authentizität, ein oft missverstandenes und zuweilen abgegriffenes Wort, heißt keineswegs „bleibe so, wie du bist“, denn sonst hätten Bildung und Ausbildung keinen Sinn mehr, auch nicht in der Redekunst. Bei Rednern, die große öffentliche Kreise erreichen wollen – z. B. aufgrund ihrer Ämter – bedeutet Authentizität vielmehr „erfülle die öffentliche Rolle, die dem Amt entspricht“. Diese Rolle ist der Inbegriff von Erwartungen, die die Öffentlichkeit an das Amt stellt, und ist kulturell gewachsen. Andere Länder, andere Rollen.

Bazil entledigt sich der Definition durch Schwafelei, setzt aufs Sollen und die Rollen des Amts, so zahlreich und konfligierend auch immer sie auf einander prallen mögen.

Reden müssen also nicht nur Hand und Fuß haben, sondern auch ein Gesicht, das der öffentlichen Rolle entspricht. Und Amtsträger müssen bemüht sein, ihr „Gesicht zu wahren“, damit Hand und Fuß nützlich sind und damit ihre Reden Macht haben. Andernfalls helfen auch rhetorische Hechtsprünge ins Spektakuläre und Pomphafte nicht mehr.

Die anschließende Erläuterung verwirrt die Lage weiter. Hat Bazil schon darauf verzichtet, das eigene Handwerk in den Blick zu rücken, so greift er nun, wie die Juristen sagen würden, in Ersatzvornahme auf Hand und Fuß (in der Rede) und Gesicht (des Redners) zurück. Hilft alles nichts, hilft auch nicht die Karikatur des Übertreibens. Bazil bezeugt eine erstaunliche Ohnmacht. Sein Marketingtext für das Dienstleistungsangebot der von ihm vertretenen Redenschreiber erinnert in unfreiwilliger Komik an eine Satire Franz Hohlers.

Bazil verlegt im folgenden Absatz die Argumentation. Jetzt geht es nicht mehr um die Reden, auch nicht die Redner und ihre Insuffizienzen, sondern um die eigentümliche Zerstückelung des Redens in der medialen Umwelt, ein Grund dafür, dass solche vom VRdS gelobten Redner wie Guido Westerwelle ihre rhetorische Werkstatt auf das Zurechttrimmen von Punchlines reduziert haben, auf zitierfähig kurze Schlagworte, die scheinbar für sich sprechen. Bazil beendet seinen Ausflug in die Medienwelt und ihre Zerstückelung rhetorischer Performanz mit dem Satz:

Auch Reden brauchen Schützenhilfe.

Was für ein treffsicherer Sagittarius! Bazil hätte natürlich recht, wenn es um die Verführungskraft des Redens, um NSU-geleitete Schießübungen, um die zum Unwort des letzten Jahres erhobenen sogenannten Dönermorde ginge. Aber noch befinden wir uns in einer Kolumne um rhetorische Performanzen des amtierenden Bundespräsidenten.

Aber wie sich zeigt, ist dieser Vorwand  (um nicht vom Aufhänger zu reden) dem Kolumnisten längst in Vergessenheit geraten. Christian Wulff diente nur als Pappkamerad zur Illustration einiger wohlfeiler Weisheiten aus der Recyclingschublade fader Vorsätze.

Ich erspare Ihnen den Rest, bis auf die eigene Konsequenz, nämlich mit augenblicklicher Wirkung meine Mitgliedschaft im VRdS zu beenden.

Allgemein, Politische Rhetorik
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  1. waltereggers
    31. Januar 2012, 15:19 | #1

    Wie kommt dieser Josef Blatter auf den Vorsitz von transparency international?

  2. 1. Februar 2012, 09:08 | #2

    waltereggers

    Eine surrealistische Frage: Er wurde gewählt.

  3. Golem
    1. Februar 2012, 09:27 | #3

    “um nicht Aufhänger zu sagen” … sehr schön!

  4. waltereggers
    3. Februar 2012, 23:05 | #4

    Vielleicht haben minderwirksame Standesvertretungen ja generell eine Tendenz zu Trägern erratisch-graziler Namensklänge (vgl.: UNO et al.)

  5. 15. Februar 2012, 18:17 | #5

    Aus Format-Legasthenie hat sich bei Facebook zu dem Thema eine Diskussion ergeben, die man hier nachlesen kann.

  6. waltereggers
    21. Februar 2012, 23:06 | #6

    Danke für den Tipp.
    ‘Unsere’ Redenschreiber also.

    Soso.

    Schöner Einblick.

  7. 25. April 2012, 10:37 | #7

    Dieser Verband macht sich lächerlich. Nach meiner Kritik haben sich weitere Autoren zu Wort gemeldet. Auf seiner Webseite dokumentiert der VRdS einige dieser Beiträge. Meine Kritik hält man offenbar für so entbehrlich wie ich die einstige Mitgliedschaft.

    Peinlich.

    http://www.vrds.de/aktuelles-presse/kolumne/macht-der-rede.php

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