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Vernichtungsprosa

Der Bundesminister des Äußersten wird seinem früh verliehenen Spitznamen wieder gerecht.

Bei der Münchner Sicherheitskonferenz hat er diesen Satz in seine Rede hineingeschmuggelt:

Die mentalen Restbestände des 20. Jahrhunderts müssen wir überwinden.

Wenigstens hat er nicht "ausmerzen" gesagt. Oder entsorgen. Das ist ein Fortschritt. Trotzdem hat der Satz gute Aussichten darauf, im rhetorischen Schatzkästlein undurchdachter politischer Paradoxie zu landen.

In Westerwelles Satz lauert ein verstecktes Paradox. Man könnte, um es zu illustrieren, zu Hannah Arendts Beschreibung totaler Herrschaft zurückkehren:

Das Wesentliche der totalitären Herrschaft liegt also nicht darin, dass sie bestimmte Freiheiten beschneidet oder beseitigt, noch darin, dass sie die Liebe zur Freiheit aus den menschlichen Herzen ausrottet; sondern einzig darin, dass sie die Menschen, so wie sie sind, mit solcher Gewalt in das eiserne Band des Terrors schließt, dass der Raum des Handelns, und dies allein ist die Wirklichkeit der Freiheit, verschwindet.

Mit diesem Arendtschen Satz im Gedächtnis erweist sich Westerwelles Punchline als pures 20. Jahrhundert. Er will den Teufel mit dem Beelzebub austreiben.

Im "überwinden" ertönt das Echo des Vernichtens. Denn was sind  "mentale Restbestände" anderes als etwas noch nicht restlos Vernichtetes?

Westerwelle macht den politischen Raum des Handelns dicht, aus dem er redet. Das ist pures 20. Jahrhundert, von der unangenehmsten Seite.

Natürlich hat Westerwelle nicht vor, die Arbeit der Nazis und der Stalinisten zu vollenden. Er bedient sich bloß ihrer rhetorischen Sedimente.

Welche Restbestände müssen wir gegen diesen Redner verteidigen?

 

Abwehrzauber, aggiornamento, Allgemein
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  1. Balken
    13. Februar 2012, 21:43 | #1

    “Gemeinsame Sicherheit erwächst aus gegenseitigem Vertrauen. Und Vertrauen wächst aus praktischer Zusammenarbeit. Wir müssen bereit sein, neue Wege zu gehen – wie etwa die trilateralen Treffen zwischen meinen Kollegen Radek Sikorski, Sergej Lawrow und mir. Die mentalen Restbestände des 20. Jahrhunderts müssen wir überwinden. Wir wollen altes, konfrontatives Denken in Einflusszonen und Nullsummenspielen hinter uns lassen.”
    Das ist der Zusammenhang (wenigstens des Absatzes, noch nicht einmal der gesamten Rede), in dem der von Hütt inkriminierte Satz Westerwelles steht. Ich bin heute besonders schwer von Begriff. Ich verstehe die Fundamentalkritik nicht. Ich sehe nicht, wie in diesen herausgelösten Satz das hineinzudeuteln ist, was Hütt hier sieht. Ich lese die Rede als mutig, ausgleichend, die US-amerikanische Ideologie der “einen verbliebenen Supermacht” soweit für einen deutschen Außenminister erlaubt gegen den Strich bürstend. Er bedient sich der rhetorischen Sedimente der Nazis und der Stalinisten? Aha. Bei dem Ahrendt-Zitat denke ich gegenwärtig eher an Viviane Forresters “Terror der Ökonomie”. Oder was man so für Ökonomie hält. Oder für Okonomen. Meßdiener der Macht eben. Und da, gar nicht bei Westerwelle, bin ich gedanklich näher bei den Sedimenten der Nazis und der Stalinisten.

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