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Symbolisches Versagen

Ihre Studie wurde ein Weltbestseller. Interviews mit Sterbenden. Wer hätte das gedacht. Tatsächlich stieß Elisabeth Kübler-Ross  Ende der 60er Jahre in eine Marktlücke. Ihr Buch erschien auf dem Scheitelpunkt einer Epoche des Wiederaufbaus. Wenige Jahre später kam der Club of Rome mit den “Grenzen des Wachstums”.

Kübler-Ross unterschied fünf Phasen des Sterbens: das Nichtwahrhabenwollen, Zorn, Verhandeln, Depression, Akzeptanz. Ihre Studie sollte Ärzten und Pflegekräften helfen, in der Kommunikation mit Sterbenden die richtigen Worte zu finden. Bis dahin hatten sie sich eher schlecht als recht damit abgefunden, wenn sie am Ende ihres Lateins angekommen waren.

Natürlich sind die Phasen nicht sortenrein von einander abzugrenzen. Manchmal türmt sich alles über einander. Der Zorn wütet bis zur letzten Sekunde. Oder die Einsicht ist von Anfang an da.

Warum erzähle ich das?

Die Phasen des Sterbens kommen mir aus einer anderen Ecke bekannt vor. Die politischen Debatten der letzten vier Jahre lese ich so, als hätte das Sterben  sich plötzlich vervielfältigt, als sei die Gesellschaft insgesamt mit einer tödlichen Diagnose konfrontiert, als seien die Diskussionen über die Krise ein Symptom für das Wissen um das Ende, das langsam an die Oberfläche tritt.

Das politische Reden hat einen neuen Modus gefunden. Dieser Modus ist so dystopisch, so giftig für das politische Denken, so fatal für den verwaltenden Vollzug der Pfadabhängigkeiten, dass er buchstäblich nicht selbst zur Sprache gelangt. Auf Umwegen gelangt er in den Blick. Als Symptom. Bisher hatte ich als Krücke die Idee der “postdemokratischen Rhetorik” verfolgt. Die Krücke ist überflüssig.

Was wir an politischen Reden in den letzten vier Jahren zu hören und zu lesen bekommen haben, sind Dokumente aus einem Sterbehaus. Sie verstellen den Blick auf den Sachverhalt, über den sie vorgeblich reden.

Patentrezepte gehören ebenso zur Symptomatik wie der Zorn, alles in gut verteilten Rollen, wie ein weltweiter anachronistischer Zug des symbolischen Versagens.

Crosspost

Abwehrzauber, aggiornamento, Allgemein
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  1. Addliss
    4. Juni 2012, 12:23 | #1

    Ich werde das demnächst noch einmal in eine Artikelform fassen, aber vielleicht ist ja vor allem die Diskussion unter dem Artikel hier interessant: Ich habe versucht, die Piraten (die ein Symptom der veränderten Politik sind) als systemtheoretisches Phänomen zu erfassen.
    http://alrightokee.de/meinung/rant-gegen-politiker/#comment-1073
    Was passiert: Das System Politik wird irritiert durch Neues und muss sich darauf einstellen. Was die Systemtheorie noch sagt: Das System muss evolvieren, um weiter zu überleben. Und genau da setzt dein Post an. Die Politik wird sterben, wenn sie sich nicht den veränderten Gegebenheiten anpasst. Aber inzwischen sehe ich das sogar recht positiv, dass sie das schafft, weil sich eine neue Generation (meine eigene) der Politik zuwendet.

  2. 4. Juni 2012, 13:51 | #2

    Danke für den link, auch wenn ich manche Annahmen dieser Diskussion nicht teile. Wofür die Piraten als neue politische Formation stehen, das ist bei weitem noch nicht so klar, wie manche glauben. Im Rahmen meiner Furcht (s.o.) ist das Lied von Partizipation und Transparenz kein Heilmittel, auch keine Diagnose, sondern vielleicht sogar Leidensverlängerung ;-)

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