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Metaphernschule: Rettungsroutine

Die Rettungsroutine ist von der Gesellschaft für deutsche Sprache zum Wort des Jahres bestimmt worden. Lassen wir dahin gestellt, was sie im einzelnen dazu bewogen haben mag. Mich wundert die Kargheit ihrer Gründe. Die Sprachschützer begnügen sich damit festzustellen, dass es sich um ein Oxymoron handelt, bleiben damit einer unpolitischen Naivität verhaftet und blind dafür, auf was für einen explosiven Blindgänger sie da gestoßen sind.

Denn von wo diese Routine grüßt, kann von Retten keine Rede mehr sein. Die Gefahr, aus der zu reißen wäre, wie uns die Grimms informieren, hat sich verewigt. Das Reißen wird damit so überflüssig wie die Routine. Somit geht es bei Lichte betrachtet auch nicht mehr um die Routine des Rettens, sondern um das Einüben des Lebens in der Gefahr.

Wer wäre für eine solche tiefe Einsicht begnadeter als der demnächst aus der Politik ausscheidende Bundestagsabgeordnete Wolfgang Bosbach, ein Politiker, der erst auf der Zielgeraden seiner Karriere zu einer dissenting vote gefunden hat. Vorher war er viele Jahre eher ein unauffälliger Parteisoldat, ein erfahrener Vereinfacher komplexer Situationen und wurde deshalb immer wieder gerne als Interviewpartner einvernommen. Bosbach hat nach meinen bisherigen Recherchen erst vor wenigen Tagen, am 9. Dezember dieses Jahres, das Wort "Rettungsroutine" geprägt.

Es würde mich jedenfalls wundern, denn in der Euro-Zone hat sich eine Art Rettungsroutine eingestellt. Und die Zahlen werden immer größer. Das führt allerdings nicht dazu, dass die Debatten auch länger werden. Im Gegenteil, bei den letzten Sitzungen haben wir nicht mehr so kontrovers und nicht mehr so emotional in der Fraktion debattiert, wie das in der Vergangenheit einmal der Fall war. Ich bezweifle im Übrigen auch nicht, dass wir uns mit den rund 44 Milliarden neue Hilfen, die es gibt, wiederum etwas Zeit kaufen. Allerdings sind doch die Prognosen, die man abgibt für das Wirtschaftswachstum in Griechenland, sehr, sehr optimistisch. Ich fürchte, dass sie zu optimistisch sind und dass wir uns in absehbarer Zeit wiederum mit dem Thema beschäftigen müssen – mit einem Ergebnis, was sich heute schon ahne.

Das Retten nach Art der Bundeskanzlerin kauft Zeit, schickt die Gefahr in die Verlängerung, stellt sie auf Dauer, senkt die Empfindlichkeit für die Folgen der Politik des Zeitkaufens und immunisiert die öffentlichen Diskurse gegen die Wahrnehmung dessen, was auf dem Spiel steht.

Die Gesellschaft für deutsche Sprache sollte Herrn Bosbach einen Sonderpreis verleihen. Er hat mit dem Neologismus der Rettungsroutine die Politik der Bundeskanzlerin kenntlich gemacht.

PS: Ich trage hier einige Bemerkungen aus der Diskussion bei wiesaussieht nach:

Dass andere gesellschaftliche Bereiche (Rettungsdienste udgl.) den Begriff aus ihrer täglichen Praxis kennen, ist unbestritten. Es geht um die Übertragung des Begriffs in die Politik.

Frau Merkel hat Carl Schmitts Satz, souverän sei, wer über den Ausnahmezustand gebietet, auf ihre Weise adaptiert: Souverän ist, wer den Ausnahmezustand als Normalität verkleidet.

Zum Oxymoron stellt die GfdS fest:

Sprachlich interessant ist die widersprüchliche Bedeutung der beiden Wortbestandteile: Während eine Rettung im eigentlichen Sinn eine akute, initiative, aber abgeschlossene Handlung darstellt, beinhaltet Routine – als Lehnwort aus dem Französischen – eine wiederkehrende, wenn nicht gar auf Dauer angelegte und auf Erfahrungen basierende Entwicklung.

Ich betrachte das Widersprüchliche mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Das eine Auge lacht darüber, welches Gottvertrauen aus dem Schriftsatz der Sprachschützer spricht, die sich nicht vorstellen können, dass eine Katastrophe auf Dauer gestellt sein könnte. Das andere Auge weint darüber, dass durch die Routinen der Risikogesellschaft Ausnahmen zur Regel und Regeln zur Ausnahme werden. Es hat sich nur noch nicht zu allen herumgesprochen, was es bedeutet: “um das Einüben des Lebens in der Gefahr”. Am Ende könnte man den Sprachschützern deshalb eine gewisse Weisheit zusprechen, wenn sie sich den durch das Wort bezeichneten Tatsachen gewachsen zeigen sollten.

 

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Allgemein

  1. rubycon
    14. Dezember 2012, 20:44 | #1

    Habe das Grimmsche Wörteruch in Berlin bei einer Ausstellung im MGBau als Original im Bücherschrank bewundert – echt ist echt .

  2. Christoph Kappes
    15. Dezember 2012, 13:41 | #2

    Ich könnte mir vorstellen, dass "eine Katastrophe, (die) auf Dauer gestellt sein könnte", gar keine Katastrophe ist, sondern Routine. Das Wort ist doch wunderbar, besser kann man das Paradoxon doch gar nicht ausdrücken.

  3. 15. Dezember 2012, 14:40 | #3

    CK
    Um das – als Leser – zu erkunden, empfehle ich Cormac McCarthys Roman THE ROAD. In der auf Dauer gestellten Katastrophe gibt es keine Routine. Das Überleben ist von Sekunde zu Sekunde ein Davongekommensein.

  4. Frederik Weitz
    16. Dezember 2012, 00:53 | #4

    wieder ein hervorragender Artikel

  5. 16. Dezember 2012, 10:15 | #5

    Danke.

  6. “ruby”
    16. Dezember 2012, 10:40 | #6

    Für den admin + wowy
    http://www.dradio.de/dlf/sendungen/essayunddiskurs/1949917/
    Rettung durch Perlentaucherei
    saugeile bigband mukke marvelous trumpet – mercie
     
     
     

  7. “ruby”
    16. Dezember 2012, 11:01 | #7
  8. 16. Dezember 2012, 12:39 | #8

    Bei Georg Seeßlen sehe ich gerade diesen Hinweis auf Byung-chul Han:

    Daher hat Byung-chul Han natürlich vollkommen recht, wenn er sagt, die Macht sei beinahe perfekt, wenn sie gar nicht mehr bemerkt werde .

    http://www.seesslen-blog.de/2012/12/16/kleinigkeiten-23/

  1. 14. Dezember 2012, 13:33 | #1
  2. 15. Dezember 2012, 13:33 | #2
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