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Schadsoftware in der politischen Sprache

 

Reklame

Um 12:45 Uhr können Sie am 29.12.2012  unter dieser Adresse meinen Vortrag über den Stabilitätsanker und die Wachstumslokomotive beim 29c3 Kongress des Chaos Computer Clubs in Hamburg sehen.

Update

In der Samstagsausgabe der FAZ vom 5.1.2013 steht der für den Druck gekürzte Text des Vortrags.  Ich trage hier den Schluss des Vortrags nach:

Die Wachstumslokomotive ist ein klassisches Nebelwort. Im Nebel ihrer selbst wächst sie ins Riesenhafte. Eine Wachstumslokomotive ist ein spurgebundenes Triebfahrzeug, das hochtourig im Leerlauf vor dem Prellbock röhrt. Ihre rhetorische Karriere in der deutschen Politik erinnert mich an einen Witz aus den letzten Jahren der DDR. Was unterscheidet Lenin von Stalin und Honecker? Was machen sie, wenn ein Reisezug nicht weiterkommt, weil es kein Gleis mehr gibt? Lenin lässt die Reisenden neue Schienen verlegen und nach getaner Arbeit weiterfahren, Stalin jeden zehnten erschießen. Honecker holt ein paar raus, die am Zug rütteln, damit die Reisenden im Zug glauben, die Fahrt ginge weiter.

Mit der Wachstumslokomotive geht nichts weiter. An ihr rüttelt nur, wer an ihr Versprechen nicht glaubt. Auch sie ist eine Beschwörungsfigur. Auch in ihrem Gebrauch suchen die Redenden Zuflucht in einer Art von Selbstermächtigung. Was für Kräfte zerren an dieser Lokomotive, wenn die Statistiker bei uns nur noch bescheidenes Wachstum, massives Schrumpfen bei vielen europäischen Partnern melden? Die Statiker und die Statistiker belegen den Unfug der politischen Sprache. Baron Münchhausen grüßt aus dem Sumpf, aus dem er sich reißt. Die Wachstumslokomotive soll als Bühnenbild stemmen, was die Politik selbst nicht zustande bringt.

Welche politischen Motive bringen solche Wörter hervor? Ist es der Versuch vorsätzlicher Irreführung? Betreiben abgefeimte Manipulatoren hinter der Kulisse politische Falschmünzerei? Die politische Praxis erzeugt Kampfbegriffe und Nebelwörter und bringt sie in den Verkehr. Wahrheit ist kein politisches Ziel, Machtanspruch schon. Politische Nebelwörter inszenieren den Eindruck von tatkräftigen weitsichtigen Männern und Frauen. Tatsächlich erzeugen und reproduzieren die Wörter den Nebel, in dem die Politiker stecken. Sie bringen unfreiwillig die Wahrheit ans Licht. „Die Sprache bringt es an den Tag“, wie Victor Klemperer schrieb.

Am 22. Dezember 2012 sagte Wolfgang Schäuble in einem Interview mit der FAZ „Mir tut jeder leid, der mein Englisch ertragen muss. Aber schlecht gesprochenes Englisch ist schließlich eine der am meisten gesprochenen Sprachen der Welt. Als Nicolas Sarkozy und ich noch Innenminister waren, hatte ich ihm mal vorgeschlagen, in den Ratssitzungen in Brüssel die Dolmetscher wegzulassen. Er hatte die Sorge, dass die Engländer dann einen großen Vorteil hätten. Ich habe ihm entgegnet, dass sie vielmehr einen großen Nachteil hätten, weil wir ihre Sprache zerstören würden.“

Schäubles Stabilitätsanker und Wachstumslokomotive machen kurzen Prozess auch mit der eigenen Sprache. Diese Wörter bringen als Inversionen ihres Geltungsanspruches vom Denken ab. Es gibt aber Trost. Die Machttechnik rhetorischer Falschmünzerei lässt sich hacken. Dafür gibt es eine Analyse-Technik. Wir verdanken sie dem Freiburger Emeritus Uwe Pörksen. In seinem Buch „Die politische Zunge“ entwickelt er den Gedanken der Findetechnik. Pörksen begreift die politische Rede als Gespräch zwischen Redner und Publikum. Das Gespräch findet Eingang in den Aufbau und den Stil der Rede: indem die Rede Fragen aufgreift, Einwände prüft, Seitenblicke ermöglicht, Vergleiche zieht, durch den Vergleich der Argumente einen Meinungswandel ermöglicht und so zum Handeln motiviert. Eine rednerische These wird zum Findeinstrument, indem man ihr nachgeht und sie auf die Probe stellt. Findetechnik stellt Nebelwörter auf die Probe. Sie nimmt sie ernst und beim eigenen Wort. Mitunter beleuchtet ein Neusprechwort wie die Wachstumslokomotive auch ein Strategiedefizit der Politik, macht sichtbar, dass sie nicht weiter weiß.

Deshalb richtet sich Findetechnik nicht nur einseitig gegen Regierungspolitik. Sie illustriert auch das rednerische Versagen einer Opposition, die die Euro-Gesetze durchwinkt, ohne die Unwucht der Regierungssprache zum Thema zu machen. Vielleicht lässt sie das, weil sie bald selbst zu den gleichen Wörtern greifen muss. Umso wichtiger wird Uwe Pörksens Findetechnik als methodisches Kontrastprogramm zum alternativlosen Reden. Sie hackt den Unsinn und macht die politischen Motive transparent. Die Sprache bringt es an den Tag.

PS:

Hier ist zu danken: Constanze Kurz, Frank Rieger und dem CCC für die Einladung zum 29c3-Kongress des Chaos Computer Clubs. Kai Biermann und Martin Haase dafür, dass ich gelegentlich als Gastautor für neusprech schreibe und so treffsicher von ihnen redigiert werde. Und nicht zuletzt Walter Eggers, dem ich den Hinweis auf Bautechnik und Landesbauordnungen und die fachsprachliche Schattenseite des Stabilitätsankers verdanke.

 

 

 

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