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“Ich möchte mein Opfer-Abo kündigen”

Hallo? Ist da die Abo-Abteilung?

Ja. Wie kann ich Ihnen helfen?

Ich möchte mein Opfer-Abo bei Ihnen kündigen

Auf welchen Namen läuft Ihr Abo?

Fickluder.

Tut mir leid. Das geht nicht.

Warum?

Ihr Abo läuft lebenslänglich.

Ach so.

Das Unwort des Jahres wird durch die "Sprachkritiker" umstandslos dem Wetterfrosch wie ein Mühlstein um den eitlen Hals gehängt. So leicht lasse ich sie damit nicht davon kommen. Jenseits des Opportunismus steckt in dem Wort mehr als ein Unwort, ein Geworfenheits-Oxymoron, die Einsicht in die Evidenz eines neuen Opferkults, der auch ohne Verweis auf Schulhofslang (Schäfschen, isch mach disch Opfer)  etwas Neues in den Blick rückt.

Es gibt da draußen, lange nach Kafkas Tod, mehr oder weniger stille Opfer, die das Opfersein nicht gesucht haben. Das Opfer-Dasein auf Abo-Basis zu stellen, erweckt zunächst den Eindruck zynisch zu sein, allerdings mit dem leisen Versprechen, dem Verhängnis des Opferseins durch Kündigung ein Ende setzen zu können.

Es bleibt, wie der lapidare Wortwechsel zeigt, ein vergeblicher Versuch. Die nächste Eskalation, die Wut, die Beschwerde, führt im noch nicht ausgeführten Dialog zum Hinweis, dass das Opfer-Abo nur gegen eine Vorfälligkeitsentschädigung beendet werden kann.

Jetzt kommt neue Musik ins Spiel. Zu dem Opfer gesellt sich die Idee der unvergänglichen Schuld. Noch ist nicht klar, um wessen Schuld es sich handelt. Wer profitiert davon? Schauen wir uns den Gläubiger genauer an, der von der Ewigkeit der Schuld, von der lebenslänglichen Verfügbarkeit des Opfers profitiert.

Im Bild des Opfer-Abos, dem darin enthaltenen Schuldverhältnis erkennen wir die neue Absolutheit der Gläubigerrolle, eine Idee, die der sogenannten Euro-Rettungs-Politik zu Grunde liegt: Auch sie setzt die Gläubiger-Interessen absolut.

Dieser Absolutismus macht Schluss mit der Vertragsfreiheit, eskamotiert sogar die Idee der Sittenwidrigkeit. Wie G.H. unter Verweis auf G. Agamben zu bedenken gibt, hat das Opfer als solches nur noch das nackte Leben, ist nicht mehr vertragsfähig. Es steht außerhalb des Rechts. Jeder darf mit ihm anstellen, was er will. Das Opfer ist preisgegeben.

Das Fickluder steckt in der Falle.

Kein Wunder, dass die konventionellen Sprachpfleger den deskriptiven Gehalt des "Unworts", also das Wort, mit dem Inachtundbannstellen sich vom Hals schaffen.

Weder analytisch noch ethisch zeigen sie sich dem Ernst der Lage gewachsen.

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  1. Morph
    17. Januar 2013, 00:51 | #1

    Ach Gottchen, was ist denn der 'Ernst der Lage'? Man kann der nachbürgerlichen 'conditio humana' nicht mit bürgerlichen Kategorien kommen. Das ist so abwegig wie eine aristokratische Kritik des Profitprinzips. Zwar richtig, aber zu spät. Und heuchlerisch. Man muss nach den inneren Widersprüchen der aktuellen Form suchen. Die Unwahrheit Mario Barths in der Sprache seines Publikums formulieren! Alles andere ist Kinderkram.

  2. 17. Januar 2013, 01:19 | #2

    Nur zu!

  3. Morph
    17. Januar 2013, 01:53 | #3

    Gäbe es den Adressaten, er bräuchte keine Ermutigung. (Vielleicht gibt es ihn demnächst; ich bin mir sogar ziemlich sicher; braucht halt noch ein zwei Jahrzehnte).

  4. 17. Januar 2013, 10:49 | #4

    Reifung?

    Ich stelle gerade fest, dass das Opfer-Abo aus einem banalen Grund nicht durch das Opfer gekündigt werden kann. Weil es das Abo nicht hat, sondern ist.

  1. 17. Januar 2013, 00:16 | #1
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