Flucht nach vorn

Peter Sloterdijk im Gespräch mit Peter Voß. Ein instruktiver Blick auf Wissenschaft und Politik. Zu Europa findet er ein phänomenologisch wie analytisch zupackenderes Bild als die Rede des Bundespräsidenten: Die Politik trete "die Flucht nach vorn" an. Gaucks Rede kann infolge des Zusammenwirkens des Bundespräsidenten mit der Bundesregierung kaum mehr als zivilgesellschaftlich frommes Wünschen auf den Weg bringen. Die Ernüchterung der Politik findet ihren subtil dramatischeren Ausdruck in der Regierungserklärung der Bundeskanzlerin von gestern.

Eindringlicher ein Zwischenruf von Yanis Varoufakis:

Germany’s disciplinarian imposition of the greatest austerity upon the weakest of Europeans, lacking any plan for countering the resulting asymmetrical recession, is a sorry and dangerous leftover of a long-gone world order built by America. It is the result of a mental atrophy caused by a United States acting for too long as the over-protective parent. It will backfire with mathematical precision, causing higher debt-to-income ratios and lower economic dynamism throughout Europe. The time is, therefore, ripe for a Gestalt Shift from an authoritarian to a hegemonic Germany. Europe needs a Germany ready and willing to make this shift and, indeed, so does Germany.

Das Axiom der Bundeskanzlerin "Scheitert der Euro, scheitert Europa" gelangt analytisch an sein Laufzeitende. Ihren Satz lese ich nicht als politische Selbstbindung, sondern als eine Entfesselung. Zu welchem Zweck, das bleibt noch ungewiss. Schneidend die Antwort des SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück auf die Regierungserklärung.

Noch ist die Idee eines europäischen "New Deals" zu vage, wären auch die operativen und regionalpolitischen Ziele zu definieren, die einer solchen Idee mehr Substanz verliehen, als eine bloße Geldkanone abzuschießen. Es bleibt, wie unter Tropfenfolter, daran zu erinnern, was unter unseren Augen immer dramatischer Gestalt gewinnt: die Ausbildung einer vertikalen und horizontalen Disparität von Lebensbereichen (eine Formulierung von Claus Offe von 1974).

So entsteht eine Zone der Rechtlosigkeit, genauer: des Inkaufnehmens von massenhaften sozialen Opfern. Offe sprach 1974 von den leitenden Prinzipien für die Regelung sozialer Konflikte: der Organisationsfähigkeit infolge gleich liegender Interessen sowie der Konfliktfähigkeit als Ausdruck für die Drohung, Leistungen zu verweigern, um damit Organisations-Ziele durchzusetzen.

Wir befinden uns in Europa heute in einer Situation, in der diese beiden zivilgesellschaftlichen und sozialen Errungenschaften durch die Kabinettspolitik faktisch entwendet werden: für einen unerklärten Krieg gegen die schweigend in Kauf genommenen Opfer mit der Folge einer rapide zunehmenden anomischen  Rechtlosigkeit.

Die von Sloterdijk beschriebene "Flucht nach vorn" wirkt so bedrückend, weil in diesem "vorn" kein Ziel erkennbar wird, es sei denn als Flucht vor den Ergebnissen (und Versäumnissen) der eigenen Politik: Rette sich, wer kann. Der Hegemon, das ist die kuriose Seite der dramatischen Situation, scheint noch Verhandlungen mit sich selbst zu führen in der irrigen Annahme, seiner Aufgabe irgendwie zu entkommen.

Sie wird nur schwerer.

 

Abwehrzauber, aggiornamento, Allgemein, Angela Merkels Rhetorik, Politische Rhetorik
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  1. rubycon
    23. Februar 2013, 00:43 | #1

    Wahrheit

    Besuch im Ephraim-Palais (mit meiner Tante einer Goetheexpertin) mit Filzpantoffeln auf den Spuren Moses Mendelssohn`s Aufklärung in Berlin. Danach Kaffeetrinken im restaurierten Nikolaiviertel in Mitte .

    http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/langenacht/2018862/

     

  2. rubycon
    24. Februar 2013, 13:00 | #2
  3. Eric B.
    24. Februar 2013, 14:52 | #3

    Wenn es nur um Rhetorik ginge, dann hätte dieser Beitrag ins Schwarze getroffen. Doch es geht um mehr: um knallharte Interessenpolitik zugunsten des "Standorts" Deutschland, um eine verlorene Generation in Südeuropa und um die Frage, ob sich die Geschichte verfehlter Wirtschafts- und Finanzpolitik wiederholt. Auf Merkel und ihrer Politik scheint ein Fluch zu lasten, der alle und jeden, der ihr zu nahe kommt, in den Abgrund zieht… http://lostineu.eu/von-angie-lernen/

  4. 24. Februar 2013, 18:16 | #4

    Es geht wahrhaftig nicht um Rhetorik. Ihre Analyse fördert symptomatisch an den Tag, was der Fall ist.

  5. rubycon
    25. Februar 2013, 22:55 | #5
  6. Doktor D
    26. Februar 2013, 16:14 | #6

    Immer wenn ich Sloterdijk ins Mikro schnaufröcheln höre, scheint mir ein ganz neuer Begriff von Sportlichkeit auf… Der fährt ja performativ immer im höchstmöglichen Gang auf den Galibier.

  7. 27. Februar 2013, 17:39 | #7

    Doktor D

    Das macht die gleichmütige Diagonalspannung. Sein so hin assoziierter Einwurf, die Politik trete die Flucht nach vorn an, ist helldunkelsichtig, weil dieses vorn vielleicht im Abgrund liegt.

  8. rubycon
    27. Februar 2013, 21:31 | #8

    Worte, Betonung und Bedeutung

    http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2013/02/27/drk_20130227_1918_01e866da.mp3

    Zum Gedenken an den Redner.

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