Premiere

Vor einigen Tagen schrieb der Kommentator Morph bei wiesaussieht:

Ich glaube, dass Journalisten, die sich in dieser Dynamik behaupten wollen, sehr viel stärker als früher als Personen hervortreten müssen, und das bedeutet vor allem, einen klar erkennbaren Personalstil der Schreibe und ein klar erkennbares Themenprofil zu entwickeln. Die Lage für Jounalisten wird prekärer werden, weil die Zeit der identitätsstiftenden Verlage und Presseunternehmen wohl vorbei ist; zugleich wird sie aber auch chancenreicher, weil man sich mit sehr viel persönlicheren Formen zur Geltung bringen kann. M.E. sind Leute wie Friedrich Küppersbusch oder Stephen Colbert zukunftsweisend.

Was Tilo Jung auf seinem Youtube-Kanal Jung & Naiv seit etwa einem halben Jahr macht, habe ich anfangs beiläufig, bald mit wachsender Neugier beobachtet. Die ersten Jung & Naiv- Interviews nahmen sie mit ihren iphones auf. Die Idee und das Konzept ist offenkundig beeindruckend genug, dass er und sein Produzent Alex Theiler über Krautfunding im März und April erfolgreich Geld eingesammelt haben, um mit ihrer Idee durchzustarten: Politik für Desinteressierte.

Das ist ein paradoxer Titel. Wenn Leute sich nicht für Politik interessieren, warum sie ihnen mit besonderem Aufwand schmackhaft machen? Je genauer man sich die bisher produzierten 76 Interviews anschaut, desto erstaunlicher wirkt die dramaturgische Leitidee: Den Politikern auf die Pelle rücken, Distanz abbauen, Nähe herstellen, einen Raum schaffen, in dem sie damit anfangen, anders über Politik zu reden, als man es aus den einschlägigen Formaten des öffentlich-rechtlichen Fernsehens kennt. Diese agonale Sklerose, in der der allwissende Interviewer in einer virtuellen Konkurrenz den politischen Gast in die Pfanne zu hauen versucht – oder auch nicht.

Was passiert in diesen Interviews? Welche Funktion erfüllen die kleinen Interjektionen des ach, echt, wirklich, nein, die Ausrufe des Erstaunens? Beglaubigen sie nur die Naivität des Interviewers oder dienen sie dem Ziel, die Gäste zu einem eigenen Rhythmus des Redens über ihr Metier finden zu lassen? Und was passiert dann tatsächlich, wenn er ihnen freien Lauf lässt? Denn tatsächlich agiert Tilo Jung ja auch – weitgehend konsistent – selbst in einer Rolle, die er sich auf den eigenen Leib geschrieben hat, allerdings nach einer Vorgeschichte, die im deutschsprachigen Journalismus zu einer der härtesten Schulen gerechnet werden kann. Schon während seiner Schulzeit im mecklenburgischen Landkreis Demmin arbeitete Tilo Jung als Lokalreporter für den Nordkurier. Später, als Austauschschüler in den USA, berichtete er über den aufwallenden Patriotismus der Amerikaner, über die Umbenennung der Pommes in Freedom Fries.

In der naiven Rolle holt er das Reden über Politik aus der Abseitsfalle der politischen Schlagworte heraus. Das hat etwas Entwaffnendes, auch Befreiendes. Das ändert noch nicht die Politik, auch nicht ihre Akteure, es ändert eine Haltung der Politik, auch eine Haltung zur Politik. Man könnte nun in der zweiten Ableitung auch auf die Idee kommen, dass Jung & Naiv ein politisches Unterhaltungsformat darstellt, dass die Gäste dort einem kleinen verschworenen Kreis von Nerds vorgeführt werden, die sich tief in der Nacht die eine oder andere Sequenz eines Interviews zum zehnten Mal anschauen und schlapplachen. Vergleichbares kennen wir aus dem amerikanischen Fernsehen. Dort sind Jon Stewart und Stephen Colbert Superstars politischer Unterhaltungssendungen. Natürlich skandalisieren sie da rauf und runter, beherrschen alle Tricks des spindoctoring und seiner Dekonstruktion und scheinen damit, nach ihren großem Demonstrationen vor knapp zwei Jahren den Zenith ihrer Idee hinter sich zu haben. Was kann es noch Neues geben, wenn man erst einmal den Trick der Truthiness durchschaut hat?

Und dann kommt so ein Parsifal aus Nordostdeutschland, einer, der schon ein bisschen mehr von der Welt gesehen hat als den Landkreis Demmin, mit brennendem Ehrgeiz, und rüttelt an den Stäben der alten journalistischen Formatkäfige, die ihn glücklicherweise nicht reinlassen, ihn nicht anpassen an ihre Routinen, an ihren zynischen Blick auf die Welt, die sie, so wie sie noch ist, am liebsten augenblicklich und dauerhaft konservieren wollen, obwohl sie ihnen längst entglitten ist und die eigenen tradierten Rollen, die Finanzierung, die Sicherheit kaputt macht.

Da ist dieser Parsifal zu seinem Glück nicht hineingekommen und hat sich auf den eigenen Weg gemacht, an seine Idee geglaubt, mit seinem Mitbewohner Tyler angefangen, über die Hintergründe der Eurokrise zu reden. Nach und nach versammelte dieser Wiedergänger eines reinen Tors die eigene Tafelrunde von Fachleuten, die ihm dabei behilflich sind, komplexe Themen unserer Welt für den Naiven rollengerecht zu dekonstruieren.

Mit dem Bild des Parsifal verbindet sich nicht nur der reine Tor, sondern auch derjenige, der die tödliche Wunde des Gralskönigs mit der gleichen Waffe zu schließen hilft, die sie geschlagen hat. Wir können für die Zwecke dieses Blog-Beitrags ohne Mühe den Parsifal Wolfram von Eschenbachs mit dem Journalismus vergleichen. Der überkommene Journalismus ist waidwund wie der König Amfortas. Die Wunde hat er sich selbst zuzuschreiben. Mit dem Wiedergänger Parsifals kommt einer des Weges, der für sich, sein eigenes Rollenspiel, einen Weg gefunden hat und damit den anderen etwas Neues vormacht, was manche buchstäblich mit Neid erfüllt.

Es ist nicht nur das andere Fragen, der scheinbar affirmative Tonfall. Es steckt mehr dahinter als die naiven Fragen und das nervöse Zucken eines Fußes. Tilo Jung verhilft durch die Reduktion auf das Naive seinen politischen Interviewgästen zu einer Erinnerung an die eigene Sehnsucht nach Freiheit, die einmal am Anfang ihrer politischen Laufbahn gestanden haben mag. Er schleicht sich mit seinen Fragen in ihr Gemüt – und dann kommt der Augenblick, in dem sie von innen an den Gitterstäben des Käfigs zu rütteln beginnen, in dem sie sich öffnen für das Setting und für die Dauer einer halben Stunde das auf den Leib gewachsene Korsett ablegen. Es gibt fast kein Interview,  in dem diese Metamorphose nicht zu beobachten ist.

Seitdem ich das begriffen habe, bin ich glücklich darüber, als Tilos dramaturgischer Berater an  dem Jung & Naiv-Projekt mitzuwirken. Gestern interviewte Tilo den sozialdemokratischen Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück. Das Interview wird am Montagabend, 19. August, um 20 Uhr beim neuen TV-Sender Joiz ausgestrahlt. Ab 20:30 Uhr findet man das vollständige Interview ungekürzt auf seinem Youtube-Kanal. Mittwoch folgt das Interview mit Jürgen Trittin. Bis zum Wahltag sind weitere acht Interviews geplant.

Darüber hinaus gibt es seit letzter Woche auch noch einen Sponsor. Google Deutschland ermöglicht Tilo Jung, bis zum Wahltag in eigener redaktioneller Regie sieben Videochats (Hangouts) bei Google+ zu veranstalten. Der erste, die Vorpremiere, fand vorgestern statt. Gast war die Piratin Marina Weisband.  Es gibt außerdem mehrere Special-Hangouts – und es folgen nach den Wahlen zehn weitere Hangout-Produktionen.

Abwehrzauber, aggiornamento, Allgemein, Medien, Metamorphose
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  1. Oliver
    16. August 2013, 22:47 | #1

    "Kinder, schafft Neues!" (Richard Wagner)

    Sehr schöner Text. Vielen Dank.

  2. rubycon
    17. August 2013, 10:31 | #2

    "Seitdem ich das begriffen habe, bin ich glücklich darüber,…"

    So soll es sein .

    Miteinander erkunden, resümieren, entwerfen .

  3. Oliver
    17. August 2013, 18:20 | #3

    In meinen Augen leistet Jung & Naiv – Achtung, anschnallen! – die Versöhnung des Populären mit dem Seriösen, des Schwierigen mit dem Einfachen im Zeichen des Menschlichen. Amen.

  4. Bärliner
    18. August 2013, 18:29 | #4

    Verstehe die übersprudelnde Begeisterung nicht. Die meisten Interviews sind harmlos und in ihrer (gespielten oder echten) Naivität Geschenke für die teilnehmenden Politiker. Selbst offensichtlich falsche Aussagen lässt ihnen der Interviewer häufig durchgehen.

    Der Fragesteller spielt seine naive Rolle auch keineswegs so konsequent, wie es die Liebeserklärung von Hans Hütt behauptet. So oft der Journalist den Naiven spielt, so häufig gibt er plötzlich und unvermittelt den Auskenner. Sowohl in den Interviews als auch in Kommentaren und Tweets, wo jede Form von Kritik arrogant abgebügelt wird. Das ist kein bisschen konsequent, kein bisschen interessiert und kein bisschen Jon Stewart und Stephen Colbert.

    Dadurch, dass die Kamera die Interview-Gäste nur in der Totalen und dazu noch von der Seite zeigt, verzichtet die Reihe auf fast alle Möglichkeiten, die das Medium bietet. Schließlich transportiert nicht nur das Wort Informationen, sondern auch (zum Beispiel) die Mimik, die der Zuschauer aber allenfalls erahnen kann. Warum sich der Fragesteller dafür ständig selbst ins Bild schneidet, bleibt komplett unverständlich und unerklärt.

    Bei diesem Format wird jener Politiker belohnt, der sich scheinbar auf das Format einlässt, mithin der beste Schauspieler. Denn daran, dass diese Politik- und Medienprofis wirklich eine Metamorphose durchmachen, wie Hans Hütt begeistert behauptet, glauben die Macher doch selber nicht. Jeder Wahlkämpfer kapiert schnell, dass er seine üblichen Botschaften vielleicht etwas anders formulieren muss. Es reichen aber eben auch hier die üblichen Botschaften – meist sogar unter Verzicht auf kritische Nachfragen oder auf das Richtigstellen falscher Fakten. Im Gegensatz zu den scharfen Interviews, zum Beispiel in den sterbenden Papier-Medien, müssten die Politiker hier Schlange stehen, weil sie in dieser Reihe nichts zu befürchten haben.

    Kein Zweifel: Die Gespräche sind eine Bereicherung und gute Ergänzung zu den "alten" Formaten. Nichts ist aber so gut, als dass es nicht noch besser werden könnte. Dass Hans Hütt die Interviews in seiner völlig kritikfreien Eloge zur Krone der Schöpfung erklärt, lässt einen, je nach Naturell, entweder lachen. Oder frösteln.

  5. AE
    18. August 2013, 18:45 | #5

    I like 

  6. AE
    18. August 2013, 18:47 | #6

    @bärliner: i like. Sehr treffend. Und schon fast tendenziös … Wen wählt wohl tj? Ist total schwer zu erraten..,-)) 

  7. 18. August 2013, 19:06 | #7

    Übersprudelnde Begeisterung? Nun ja. Es gibt Gründe für Skepsis gegenüber einem Interview-Stil, der den Eindruck des gut recherchierten Vorhalts erweckt, aber aus genau dem gleichen Grund auf rhetorische Einwandantworten trifft, die jede Kritik an sich mehr oder weniger glaubhaft an sich abperlen lässt. Mit anderen Worten: Das ist ein Nullsummenspiel, das allenfalls noch nerdige Politikjunkies dazu motiviert, Punkte zu zählen oder abzuziehen. Die Sommerinterviews, die wir in diesen Wochen sehen, folgen seit mehreren Jahren einem eingespielten Muster, das buchstäblich nichts Neues hervorbringt. Es gibt allenfalls sekundäre Einsichten: in die Perfektion, mit der kritische Einwände abgewehrt oder umgelenkt werden, in den vergeblichen Versuch, sich bissig zu zeigen (besonders schrecklich: Thomas Walde) und so – unüberprüfbar für den Zuschauer – Behauptung gegen Behauptung zu stellen.

    Was ist in Tilo Jungs Format anders? An wen richtet er sich? An die politische Klasse? Das wäre vermessen. An die Medien als neuer Inhalteanbieter? Unwahrscheinlich. Es ist schon hilfreich, den selbst gewählten Titel ernst zu nehmen: Politik für Desinteressierte. Also nicht an diejenigen, die jeden 35. Spiegelstrich im Programmpunkt 257 von Partei xyz in allen Stufen der Beschlussfassung rekonstruieren können.

    Die Beobachtung, dass am Ende dieser Serie jeder Gesprächspartner gut aussehen könnte, trifft ins Schwarze. Aber durchaus nicht etwa deshalb, weil hier mit Tilo Jung ein falsch deklarierter PR-Berater an die Arbeit geht, sondern weil ein ganz anderes Ziel in den Blick rückt: die politisch Desinteressierten vielleicht doch dazu zu bewegen, an der Wahl teilzunehmen; oder wenn sie bisher schon entschieden waren, sie in Zweifel zu stürzen oder ihre Entscheidung noch einmal zu revidieren, also genau das zu ermöglichen, was die Demoskopen nicht so gerne sehen, nämlich die Entscheidung, wen die Bürger wählen, bis zum Wahltag offen zu halten.

    Zur Kamera-Frage: An den Sets sind bis zu vier Kameras im Einsatz. Für die Bildarchäologen und Mimikforscher könnte Jung die Footage der Frontalkamera als second screen ungeschnitten ins Netz stellen, überhaupt kein Problem. Aber auch diese Kritik verfehlt das neue an dem Format. Das Reden über Politik, darum geht es, hat in Deutschland einen Tiefpunkt erreicht. Das liegt nicht nur an dem rhetorischen Stil der Spitzenkandidaten. Colin Crouch hat mit seinen Studien zur Postdemokratie einen Hinweis gegeben. Frau Merkel hat mit ihrem Reden von alternativloser Politik bzw. marktkonformer Demokratie ihre Idee vermittelt. Die einzige Partei, die mit ihrem sparsamst dotierten Wahlkampf zur Idee der Demokratie selbst zurückkehrt, scheinen mir die Piraten zu sein mit ihrer Social Media Kampagne: Wir stellen das mal in Frage.

    In zehn Jahren wandern die Dateien Tilo Jungs ins Deutsche Historische Museum. Sie illustrieren den Sprachverlust der Politik in Tateinheit mit dem Versuch, ihn mit mehr oder weniger glaubhaften Phrasen zu bemänteln. Sie fordern implizit die zur Einsicht fähigen Politiker dazu auf, die zur Wahl stehenden Alternativen wieder deutlicher zu markieren, kontroverser die konkurrierenden Positionen deutlich zu machen und mit der die Demokratie gefährdenden asymmetrischen Demobilisierung Schluss zu machen.

    Mein Beitrag ist keine Eloge, sondern in der iterativen Logik eines Versuchs, zu eigenen Erkenntnissen zu gelangen, ein erster Schritt, dem mit dieser Dskussion weitere folgen. Die einschlägigen Hinweise zu dem Format des Bloggens hat vor ein paar Jahren Andrew Sullivan deutlich gemacht: irrtumsoffen dazu bereit sein, etwas Neues herauszufinden. Die Provokation scheint gelungen.

  8. Ben
    18. August 2013, 20:10 | #8

    "Die Beobachtung, dass am Ende dieser Serie jeder Gesprächspartner gut aussehen könnte, trifft ins Schwarze. Aber durchaus nicht etwa deshalb, weil hier mit Tilo Jung ein falsch deklarierter PR-Berater an die Arbeit geht, sondern weil ein ganz anderes Ziel in den Blick rückt: die politisch Desinteressierten vielleicht doch dazu zu bewegen, an der Wahl teilzunehmen; "

    Hans, aber das steht doch völlig im Gegensatz zur ultra-zynischen Twitter-Persönlichkeit Tilo Jungs, die nichts als Verachtung für den Politik- und Medienbetrieb übrig zu haben scheint und Interviewern im TV gerne vorwirft, zu unkritisch mit Politikern umzugehen.

    Jeder, der minimales Verständnis für Protagonisten oder Strukturen durchscheinen lässt, wird von Tilo abgebügelt. Dazu passend auch seine oft geäußerte Überzeugung, es lohne sich erst gar nicht, wählen zu gehen, alle Parteien seien ohnehin gleich. 

    Und dann macht er selber ein Format, in dem eigentlich alle Interviewten gut wegkommen, das Politiker oft wieder menschlicher erscheinen lässt? Ich finde das oft unterhaltsam gemacht, aber es passt alles nicht richtig zusammen und kritisch ist es sicher nicht.

  9. Bärliner
    18. August 2013, 20:25 | #9

    Vielleicht ist das der Grund: Ich teile Ihren Kulturpessimismus keineswegs und finde zum Beispiel die Sommerinterviews nicht halb so schlimm wie Sie. Zumindest beim ZDF sehe ich gerade in letzter Zeit einige gute Menschen und Methoden, aus dem von Ihnen (zu Recht) kritisierten Ritualismus herauszukommen. Anders als Sie halte ich Thomas Walde für einen hervorragenden Interviewer, der sich in bester angelsächsischer Manier (hart in der Sache, freundlich im Ton) nicht mehr zufrieden gibt mit dem üblichen Politikersprech, sondern dranbleibt. Da wird dann nach dem vierten auch ein fünftes Mal nachgefragt – bis man sich als Zuschauer selbst ganz unbehaglich fühlt auf seinem Sofa. Das ist für mich gutes Politikfernsehen, weil es wirklich um die Antwort geht und nicht um die Frage.

    Zugegeben: das ist die Ausnahme. In der ARD sitzen immer noch zwei von Karteikarten ablesende alte Männer, die ein Stichwort nach dem anderen abhaken. Schrrrrrrecklich!

    Sie sagen, solche Fernsehgespräche bringen nicht Neues mehr hervor. Das ist nur allzu oft wahr. Aber das von Ihnen gelobte Format holt erst Recht nichts Neues aus den Politprofis raus, dafür sind die Fragen einfach zu harmlos. Es ist der Haken der Methode Naiv-tun, dass sie es nicht erlaubt, im entscheidenden Moment kompetent kontra zu geben. Und das ist mein Hauptvorwurf an die Kuschelgespräche von Tilo Jung. Dass die Politiker im Prinzip erzählen können, was sie wollen, Hauptsache, sie spielen das Spiel ein wenig mit.

    Gut möglich, dass es ein paar junge Menschen motiviert, zur Wahl zu gehen, weil die Politiker hier so nett rüberkommen. Aber was, wenn sie in Wahrheit gar nicht so nett sind? Welches Interview verrät mehr über echte Politik: die von Ihnen so gescholtenen TV-Streitgespräche oder Jungs Plauderrunden? Tilo Jungs Format ersetzt doch nur das eine Ritual durch ein anderes. Und es setzt einen Trend fort, der in allen Medien zu beobachten ist: Verflachung, Vereinfachung, Personalisierung, weil kompliziertes vor allem den jungen Zuschauern angeblich nicht mehr zuzumuten ist.

    Ich gebe zu: Es ist ein Dilemma. Das von mir verteidigte "alte" Fernsehen wird von tatsächlich vielen Jüngeren abgelehnt. Und das von zumindest einigen Jungen respektierte Jung-und-Naiv-Format ist allzu oft nur billige Wahlwerbung – vor allem für Angehörige des linken Parteienspektrums.

    Ich glaube an die langweiligen Werte der alten Medien: Distanz, Unabhängigkeit, kritische Grundhaltung. Ich sehe aber auch ein paar gute Ansätze in den neuen: Floskel-Vermeidung, Mut zur Unvollständigkeit. Vielleicht können beide Seiten was voneinander lernen.

  10. Christoph Kappes
    18. August 2013, 23:18 | #10

    Ich finde alles gut, was dem heutigen Interview-Elend ein Ende macht. Auch Thilo. Schön jung, das Format.

    Allerdings stelle ich mir bei dieser Aktion auch vor, dass oben links nicht Google steht. Das Geschäftsmodell "Internetgiganten schenken jungen Journalisten Reichweite für kostenlose Auftritte" scheint mir noch verbesserungsbedürftig. Vielleicht wird das deutlicher, wenn man sich oben links das "Bifi"-Logo vorstellt.

  11. 20. August 2013, 19:06 | #11

    Klaus Kusanowsky schrieb heute über Tilo Jungs Interview mit Peer Steinbrück. http://differentia.wordpress.com/2013/08/20/wahlkampf-fur-fortgeschrittene-tilojung-peersteinbrueck/ Sehr empfehlenswert.

  12. 20. August 2013, 21:16 | #12

    Hier noch der link zu dem Hangout mit Gesche Joost https://www.youtube.com/watch?v=KeKrLy1Uqp4 – das Interview mit Peer Steinbrück https://www.youtube.com/watch?v=Za9_r4HPk-o und der Teaser zum Interview mit Jürgen Trittin, das morgen Abend, Mittwoch, 21. August, um 20 Uhr bei Joiz ausgestrahlt wird: https://www.youtube.com/watch?list=UUv1WDP5EiipMQ__C4Cg6aow&v=nGrBS9cOXGI

  13. Oliver
    23. August 2013, 14:55 | #13

    Bei "Jung & Naiv" gefällt mir auch die gute Bildregie bzw. der Schnitt. Die verschiedenen Kameraeinstellungen sorgen ja nicht nur für Abwechslung oder auflockernde optische Abschweifungen. Der Reiz der bewegten Kamera besteht auch darin, das Geschehen von außen zu betrachten, quasi die Produktionsbedingungen in den Blick zu nehmen und die Beobachtung – zu beobachten.

  14. Morph
    1. September 2013, 23:58 | #14

    "Tilo Jung verhilft durch die Reduktion auf das Naive seinen politischen Interviewgästen zu einer Erinnerung an die eigene Sehnsucht nach Freiheit, die einmal am Anfang ihrer politischen Laufbahn gestanden haben mag. Er schleicht sich mit seinen Fragen in ihr Gemüt – und dann kommt der Augenblick, in dem sie von innen an den Gitterstäben des Käfigs zu rütteln beginnen, in dem sie sich öffnen für das Setting und für die Dauer einer halben Stunde das auf den Leib gewachsene Korsett ablegen. Es gibt fast kein Interview,  in dem diese Metamorphose nicht zu beobachten ist."

    Gut getroffen! Und dann bleibt in den Interviews ein offenes Ende. Oder ein halboffenes (vor dem Hintergrund des Mainstream): nämlich dass 'man' das Anfangsmotiv der politischen Aktivität vielleicht zu Recht vergessen hat (wie man mit Luhmann schreiben würde, und dass das Motiv nicht "vergessen ward", wie man mit Adornoscher Trauer formulieren würde). Es ist Postdemokratie. Und das stellen die Jung & Naiv-Interviews aus.

  15. Hans Hütt
    5. September 2013, 12:09 | #15

    Morph

    darin liegt eine implizite Utopie als Antwort auf den distopischen Befund der Postdemokratie. Es ginge auch anders. Aber – um es vorsichtig auszudrücken – das Format ist auch mit 83 Folgen noch im Prozess einer Präzisierung, zumal wir in diesen Tagen buchstäblich von Minute zu Minute improvisieren müssen.

  16. Oliver
    19. September 2013, 08:39 | #16

    Jung & Naiv hat was vom Entwicklungsroman. Man erlebt den Protagonisten beim Lernen, das in fast jeder Folge durch entsprechende Rekursionen auch reflektiert wird. Hegel hätte Freude daran.

  17. Oliver
    24. September 2013, 10:16 | #17

    "Den Politikern auf die Pelle rücken, Distanz abbauen, Nähe herstellen, …"

    "… und dann kommt der Augenblick, in dem sie von innen an den Gitterstäben des Käfigs zu rütteln beginnen …"

     

    Die Parole, die mir dazu in den Sinn kommt, lautet:

    "Cross the Border – Close the Gap" (Leslie Fiedler)

  1. 26. September 2013, 14:10 | #1
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