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Artikel Tagged ‘Bill Clinton’

Beispiellose Bewährungsprobe

3. November 2010

Hat Barack Obama das Wahldebakel der Demokraten zu verantworten? Stand er zur Wahl? Oder wie ist die Botschaft der amerikanischen Wähler tatsächlich zu verstehen? Die Meinungsumfragen der letzten Wochen belegen, dass das Ansehen Obamas trotz der vorhergesagten Wahlergebnisse im Vergleich zu Vorgängern wie Bill Clinton oder Ronald Reagan vor ihren ersten Midterms deutlich höher war. Selbst die Wähler, die gestern für die Republikaner gestimmt haben, antworteten auf die Frage, was sie von den Republikanern halten, zu 53% negativ: Sie halten nichts von ihrer destruktiven Politik. Sie wählten mit einer Wäscheklammer auf der Nase. Sie verpassten der bisherigen Mehrheitspartei einen Denkzettel. Das ist kein Mandat für einen konservativen Aufbruch. Die Wähler haben sich für die politische Blockade der amerikanischen Regierung entschieden. Sie stellen den Präsidenten vor eine historisch beispiellose Bewährungsprobe. Sie testen die Talente und nehmen dafür das Risiko in Kauf, dass die politische und wirtschaftliche Krise dauerhaft werden könnte. Mehr…

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Lost? Lost!

23. Oktober 2010

Die Meldung ist einfach zu gut, um falsch zu sein. Die FT berichtet (paywall-geschützt, deshalb hier nur das Zitat)

"Bill Clinton lost the secret codes that would be used to authorise a US nuclear strike during the last year of his presidency, a new book has alleged. General Hugh Shelton, who served as chairman of the joint chiefs of staff under Mr Clinton, says the codes were lost for months, leaving the US unable to launch its nuclear weapons."

War die Welt in dieser Zeit sicherer? Welche Schlüsse ziehen wir daraus? Welche Redundanzen sind nötig, um das Ende der Welt sicherzustellen? Wäre ich nicht so ein skeptischer Mensch, begäbe ich mich nun in den Startblock für eine situationistische KAMPA 3.0 mit dem Ziel, den schusseligsten Amerikaner im Januar 2017 ins Weiße Haus zu bringen.

Aber das schaffen unsere großen Freunde allein.

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I could fix that

15. Dezember 2009

Wer noch nicht weiß, welcher lesbare Schinken ihn über die Feiertage rettet, wird nach dieser Rezension der Clinton Tapes fündig.

Zwar wird es noch etwas dauern, bis die Originalaufnahmen in Clintons Presidential Library zugänglich sind, aber auch aus den Aufzeichnungen dieses Eckermanns entsteht ein erstaunlich vielfarbiges Bild des Präsidenten und seiner Amtszeit. Beeindruckend die unendliche Neugier und der Hunger nach biographischen Informationen, gewiss eine der Quellen für den Menschenfischer und Redner William Jefferson Clinton. Wunderbar seine Begeisterung für politische Tricks – und Politiker, die sie beherrschen.

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Rhetorische Homöopathie

3. Dezember 2009

Foto von Pete Souza White House
Fotos Pete Souza White House

Mit etwas mehr Distanz zur ersten Reaktion ist es ein interessanter Versuch, die West Point Rede Barack Obamas wieder zu lesen und anzusehen. Distanz und Wiederholung schärfen den Blick für diskrete Zeichen.

Maureen Dowd und andere haben Obama den Spitznamen Spock gegeben. Er ist nicht nur cool, sondern auch kalt. Tom Buhrow sagte bei unserer Diskussion in der Bremischen Bürgerschaft, dass er Bill Clinton für einen besseren Redner halte, weil der sein Publikum mit Warmherzigkeit gewinnen konnte. Anders als der bremische Umarmer Henning Scherf fand Clinton mit Worten den Weg in die Herzen seines Publikums, röhrte mit dem Raspeln seiner Stimme und rührte sein Publikum, in Ghana sogar einmal ein Millionenpublikum so sehr, dass selbst der Secret Service in Panik geriet.

Wenn Barack Obama spricht, klingt die Stimme und wirkt die Intonation oft kalt und herrisch, fast autoritär. Das Pendeln des Kopfes zwischen den beiden Screens des Teleprompters unterbindet direkten Blickkontakt zu seinem Publikum, eine fast hypnotische Bewegung, die aber die Wirkung der Hypnose verfehlt. Das ändert sich, selten, wenn Obama in den Predigerton wechselt, eine Klimax intoniert, wenn er im Kampagnenmodus spricht.

Die Bilder von Pete Souza zeigen Obama in einer Spock-Situation. In der Eliteschule des amerikanischen Offizierskorps wird er kühl empfangen. Letztens saß ich auf dem Flug zurück nach Berlin neben einer amerikanischen Soldatenehefrau, die nach den ersten freundlichen Worten über französisches und italienisches Essen irgendwann, gut durch mich manipuliert, auf die Politik zu sprechen kam. Die Regierung habe ihr und ihrem Mann mehrere Benefits gestrichen. Sie halten im Krieg ihren Kopf hin. Sie bekommen eine GI-Bill für die Zeit nach dem Ausscheiden aus dem Dienst. Aber das kurzfristige Signal ist ein diskreter Grund hinter der kühlen Kulisse dieses Grau-in-grau-Saales, warum Barack Obama mit seiner Rede keine standing ovations erhielt.

Meine Vermutung war richtig, dass Obama das Wort "Sieg" vermeiden würde. Er spricht von "efforts", "the nature of our commitment", "the scope of our interests" und "the strategy (…) to bring this war to a successful conclusion". Wir können uns, aus guten Gründen, keine Sportpalastrede Barack Obamas vorstellen: "Wollt ihr den totalen Sieg Krieg?"

Obama maskiert den rhetorischen Auftritt des "Kriegsnobelpreisträgers" (wie ihn Gabor Steingart genannt hat) so zivil, wie es nur möglich ist. Er streift die erbitterte Debatte über den Irakkrieg mit herabgedimmten Worten (the wrenching debate). Er verwandelt den Obersten Befehlshaber in den Chef-Controller, indem er an die Kosten dieses Kriegs erinnert (manche Kadetten im Saal können von der nicht bezifferbaren Seite berichten). Auch den Beschluss, diesen Krieg durch den Abzug bis 2011 zu beenden, dimmt er herunter auf "a responsible end". Kein Sieggeschrei, kein falscher Triumph, kein Blut, Schweiß, Mühsal, Tränen-Pathos, sondern in den wenigen Fakten, auf die er sich bezieht, eine Rede, die deutlich macht, dass die Beratung (all this dithering, wie seine Gegner sagen) die Suche nach einer Alternative zwischen Pest und Cholera war.

Außer der deutschen "Linken" (ich will mich an diesen Parteinamen nicht gewöhnen, kann sie auch nicht ernst nehmen) gibt es keine politische Position, die begründen könnte, wozu ein sofortiger Abzug aus Afghanistan gut sein könnte. Dass Obama in seiner Rede den historischen Blick zurück auf den Irak (und kursorisch die sowjetische Kampagne) beschränkt, ist kaum erstaunlich. Sie findet in einer winzigen Nuance Ausdruck: "As a country, we’re not as young — and perhaps not as innocent — as we were when Roosevelt was President." In diesem Satz finden die Zeithistoriker der amerikanischen Counterinsurgency-Politik den Bogen zurück zu Präsident Carter und seinem Sicherheitsberater Brzezi?ski, der mit pakistanischer Hilfe die Taliban und Mujahedin als ihre Zauberlehrlingswerkzeuge ins Leben und zu den Waffen gerufen hatte. Dieser Satz dürfte die Eisenfresser-Neocons in rasende Wut versetzen. Aber er grundiert als gegenläufige Rückversicherung zur Eskalation des Kriegs das zivile Selbstverständnis Obamas.

Selbst die röhrende Rhetorik zum Ende der Rede enthält noch diesen zivilen Vorbehalt der Selbstbeschränkung – was einen Beobachter der Szenerie zu der Bemerkung veranlasst hat, dass Obama an diesem Abend die militärische Kulisse in einen Ivy-League-Hörsaal verwandeln konnte. Der Zweifel am "Erfolg" der Entscheidung bleibt – aber auch das Zugeständnis, dass die Intelligenz dieser Regierung sie davor bewahren möge, noch mehr zur Geisel der eigenen Geschichte und ihrer Teufelswerkzeuge zu werden.

ergänzt um links 041209

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Clinton & Freunde an die Front

14. November 2009

Der Belagerungsring um die demokratischen Senatoren zieht sich zusammen. Am Dienstag durften sie ihren Lunch mit Bill Clinton einnehmen. Wir können uns das als übergroße Freude auf beiden Seiten vorstellen. Die Beratung über die Gesundheitsreform entwickelt sich zu einer Lehrstunde über die Gefahr demokratischen Scheiterns – mit einer überraschenden Wende.

Denn nun hat Robert Reich, Clintons Freund und früherer Arbeitsminister, nachgelegt. Sein Blog (s. Blogroll) bietet instruktive Lektüre. Der neueste Beitrag ist ein offener Brief an den demokratischen Mehrheitsführer im Senat. Der Tonfall im  ersten Absatz könnte daran zweifeln lassen, dass Harry Reid diesen Brief bis zum Ende gelesen hat. Er sollte ihn lesen. Denn er enthält ein politisches Rezept, das wir auch als kühne politische chutzpe begreifen können.

Die Dramaturgie ist stimmig. Erst der rhetorisch und advokatorisch kraft seines damaligen Scheiterns überzeugende Präsident, dann sein Stratege, Freund und Vordenker. Robert Reichs Rat: Gebt euch nicht mit einer zaghaften public option zufrieden. Sie erreicht kein einziges Ziel. Setzt ihr aber auf einen kräftigen Hebel, dann hat das segensreiche Wirkungen auf die Haushaltsdefizite. (Sie schmelzen wie Eisbänke – 1.500 Kubikkilometer sind schon weg).

Reich zeigt mit dem Zaunpfahl auf die Geschäftsordnung des Senats: Wenn ihr wegen Senator Liebermans Drohung mit dem Filibuster nicht weiterkommt, dann erinnert euch daran, dass ihr bei budgetrelevanten Entscheidungen mit einer einfachen Mehrheit erreichen könnt, worum es geht.

Es passt ins Bild der politischen Landkarte des nächsten Jahres: Mit seiner State of the Union Rede wird Barack Obama den Schwerpunkt seiner Politik auf die Schaffung neuer Jobs und den Abbau des Haushaltsdefizits legen.

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