
Fotos Pete Souza White House
Mit etwas mehr Distanz zur ersten Reaktion ist es ein interessanter Versuch, die West Point Rede Barack Obamas wieder zu lesen und anzusehen. Distanz und Wiederholung schärfen den Blick für diskrete Zeichen.
Maureen Dowd und andere haben Obama den Spitznamen Spock gegeben. Er ist nicht nur cool, sondern auch kalt. Tom Buhrow sagte bei unserer Diskussion in der Bremischen Bürgerschaft, dass er Bill Clinton für einen besseren Redner halte, weil der sein Publikum mit Warmherzigkeit gewinnen konnte. Anders als der bremische Umarmer Henning Scherf fand Clinton mit Worten den Weg in die Herzen seines Publikums, röhrte mit dem Raspeln seiner Stimme und rührte sein Publikum, in Ghana sogar einmal ein Millionenpublikum so sehr, dass selbst der Secret Service in Panik geriet.
Wenn Barack Obama spricht, klingt die Stimme und wirkt die Intonation oft kalt und herrisch, fast autoritär. Das Pendeln des Kopfes zwischen den beiden Screens des Teleprompters unterbindet direkten Blickkontakt zu seinem Publikum, eine fast hypnotische Bewegung, die aber die Wirkung der Hypnose verfehlt. Das ändert sich, selten, wenn Obama in den Predigerton wechselt, eine Klimax intoniert, wenn er im Kampagnenmodus spricht.
Die Bilder von Pete Souza zeigen Obama in einer Spock-Situation. In der Eliteschule des amerikanischen Offizierskorps wird er kühl empfangen. Letztens saß ich auf dem Flug zurück nach Berlin neben einer amerikanischen Soldatenehefrau, die nach den ersten freundlichen Worten über französisches und italienisches Essen irgendwann, gut durch mich manipuliert, auf die Politik zu sprechen kam. Die Regierung habe ihr und ihrem Mann mehrere Benefits gestrichen. Sie halten im Krieg ihren Kopf hin. Sie bekommen eine GI-Bill für die Zeit nach dem Ausscheiden aus dem Dienst. Aber das kurzfristige Signal ist ein diskreter Grund hinter der kühlen Kulisse dieses Grau-in-grau-Saales, warum Barack Obama mit seiner Rede keine standing ovations erhielt.
Meine Vermutung war richtig, dass Obama das Wort "Sieg" vermeiden würde. Er spricht von "efforts", "the nature of our commitment", "the scope of our interests" und "the strategy (…) to bring this war to a successful conclusion". Wir können uns, aus guten Gründen, keine Sportpalastrede Barack Obamas vorstellen: "Wollt ihr den totalen Sieg Krieg?"
Obama maskiert den rhetorischen Auftritt des "Kriegsnobelpreisträgers" (wie ihn Gabor Steingart genannt hat) so zivil, wie es nur möglich ist. Er streift die erbitterte Debatte über den Irakkrieg mit herabgedimmten Worten (the wrenching debate). Er verwandelt den Obersten Befehlshaber in den Chef-Controller, indem er an die Kosten dieses Kriegs erinnert (manche Kadetten im Saal können von der nicht bezifferbaren Seite berichten). Auch den Beschluss, diesen Krieg durch den Abzug bis 2011 zu beenden, dimmt er herunter auf "a responsible end". Kein Sieggeschrei, kein falscher Triumph, kein Blut, Schweiß, Mühsal, Tränen-Pathos, sondern in den wenigen Fakten, auf die er sich bezieht, eine Rede, die deutlich macht, dass die Beratung (all this dithering, wie seine Gegner sagen) die Suche nach einer Alternative zwischen Pest und Cholera war.
Außer der deutschen "Linken" (ich will mich an diesen Parteinamen nicht gewöhnen, kann sie auch nicht ernst nehmen) gibt es keine politische Position, die begründen könnte, wozu ein sofortiger Abzug aus Afghanistan gut sein könnte. Dass Obama in seiner Rede den historischen Blick zurück auf den Irak (und kursorisch die sowjetische Kampagne) beschränkt, ist kaum erstaunlich. Sie findet in einer winzigen Nuance Ausdruck: "As a country, we’re not as young — and perhaps not as innocent — as we were when Roosevelt was President." In diesem Satz finden die Zeithistoriker der amerikanischen Counterinsurgency-Politik den Bogen zurück zu Präsident Carter und seinem Sicherheitsberater Brzezi?ski, der mit pakistanischer Hilfe die Taliban und Mujahedin als ihre Zauberlehrlingswerkzeuge ins Leben und zu den Waffen gerufen hatte. Dieser Satz dürfte die Eisenfresser-Neocons in rasende Wut versetzen. Aber er grundiert als gegenläufige Rückversicherung zur Eskalation des Kriegs das zivile Selbstverständnis Obamas.
Selbst die röhrende Rhetorik zum Ende der Rede enthält noch diesen zivilen Vorbehalt der Selbstbeschränkung – was einen Beobachter der Szenerie zu der Bemerkung veranlasst hat, dass Obama an diesem Abend die militärische Kulisse in einen Ivy-League-Hörsaal verwandeln konnte. Der Zweifel am "Erfolg" der Entscheidung bleibt – aber auch das Zugeständnis, dass die Intelligenz dieser Regierung sie davor bewahren möge, noch mehr zur Geisel der eigenen Geschichte und ihrer Teufelswerkzeuge zu werden.
ergänzt um links 041209
Fotos Pete Souza White House Mit etwas mehr Distanz zur ersten Reaktion ist es ein interessanter Versuch, die West Point Rede Barack Obamas wieder zu lesen und anzusehen. Distanz und...
admin Afghanistan, Allgemein, Politische Rhetorik Afghanistan-Rede, Barack Obama, Bill Clinton, Gabor Steingart, Henning Scherf, Jimmy Carter, Maureen Dowd, Tom Buhrow, West Point, Zbigniew Kazimierz Brzezi?ski
Letzte Kommentare