One Way Ticket für die FDP
Über die Regierungserklärung der Bundeskanzlerin ist fast alles gesagt worden. Was wäre dem hier hinzuzufügen?
Ich kann mich kurz fassen. Frau Merkel hat eine Rede gehalten, die man von ihr im Wahlkampf erwartet hat. Nach dem knappen Sieg 2005 hat sie es aber vorgezogen, ihre "schonungslosen Analyse" erst nach dem Wahltag vorzulegen.
Es gibt ein paar Passagen in der Rede, die genauer betrachtet werden müssen. Gleich zu Beginn sagt die Bundeskanzlerin: "Deutschland ist ein starkes, ein weltweit angesehenes, ein lebenswertes Land." Die Reihenfolge dieser Attribute ist bemerkenswert. Stark ist das Land in der Wahrnehmung seiner Wettbewerber. Angesehen ist es aus der Perspektive der Völkergemeinschaft. Lebenswert ist es für die Menschen, die Bundespräsident Köhler gerne "Landsleute" nennt. Lebenswert ist es auch für viele Touristen aus vielen Ländern der Welt, die ihre Vergleiche ziehen.
Trotzdem beschleicht mich semantischer Zweifel. Hier spielt wieder historische Dialektik eine Rolle – in der Geschichte des liebenswerten Landes. Hat der Redenschreiber der Bundeskanzlerin das "i" vergessen, das ihre Heimatliebe beglaubigen sollte? Hat es im Manuskript gestanden und sie es falsch ausgesprochen, das "i" übersehen? Wir wissen es nicht. Wir wissen nur, dass es eine Phase in unserer Geschichte gab, in der die Machthaber andere Menschen nicht für lebenswert hielten. Geben wir die Korrektur durch das "i" also besser zu Protokoll!
Es gibt eine weitere Eigentümlichkeit in der Rede: Zweimal benutzt die Bundeskanzlerin die windschiefe Konstruktion eines Finalsatzes: "Ich will, dass wir Deutschland zu neuer Stärke führen. (…) Ich will, dass wir alles versuchen, jetzt schnell und entschlossen die Voraussetzungen für neues und stärkeres Wachstum zu schaffen."
Warum sagt sie nicht "Wir wollen Deutschland zu neuer Stärke führen"? Warum sagt sie nicht: "Wir wollen schnell und entschlossen die Voraussetzungen für neues und stärkeres Wachstum schaffen"?
Zweifelt Angela Merkel an der Entschlossenheit ihrer Koalitionspartner? Der Zweifel scheint begründet. Darin liegt das rhetorische Geheimnis der Rede. Die FDP muss sich auf die Reise in die Gegenwart begeben und aus Staatsräson peu à peu ihre Versprechen brechen. Der Rest ist Schwarzbrot – keine Blut-, Schweiß-, Mühlsal- und Tränen-Rede.
Aber die klare Ansage, dass die harten Zeiten noch vor uns liegen.


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