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Artikel Tagged ‘Claus Leggewie’

Klimapoker

8. Dezember 2009

Die amerikanische Umweltbehörde hat Kohlendioxid und einige weitere Gase für gesundheitsschädlich erklärt. Sie kann damit – als Garant der Daseinsvorsorge – Grenzwerte bestimmen und dem Kongress eine lange Nase zeigen.

Im Detail der Klimaschutzgesetze des Kongresses und des Senats zeigen sich die Defizite des amerikanischen politischen Systems besonders deutlich. Die Trennlinien verlaufen nicht zwischen "Fraktionen", sondern zwischen Bundesstaaten mit energieintensiver Industrie, Kohleminen, Öl- und Gasförderern auf der einen Seite und wie so oft Kalifornien u.a. auf der anderen Seite. Auch die unschönen Seiten des Lobbyismus sind im Detail zu studieren: die Wahlkampffinanzierung, der Austausch von Positionspapieren (ohne Briefkopf), die Übernahme von bereitgestellten Formulierungshilfen bei Änderungsanträgen,  die Dinosaurierkultur der amerikanischen Handelskammer usw.

Mit der EPA-Entscheidung liegt es in der Hand Barack Obamas (von dem wir wissen, dass er ein glänzender Pokerspieler ist), was er in der Schlussphase der Konferenz in Kopenhagen an Deals zustande bringt. Nach der Scharte mit der erfolglosen Bewerbung Chicagos um die Olympischen Spiele wird er nicht ein zweites Mal mit leeren Händen zurückkehren.

Das Thema der Konferenz ist politikwissenschaftlich und rhetorisch von besonderem Interesse. In den kommenden Tagen werde ich öfters auf das Buch von Claus Leggewie und Harald Welzer, Das Ende der Welt, wie wir sie kannten, zurückkommen. Wie verhandeln Völkerrechtssubjekte (also Staaten und internationale Organisationen) über ein Thema, das die Gattung des homo hominis insgesamt bedroht? Relativieren sich angesichts des Ausmaßes der Bedrohung lokale und regionale Interessen? Wie organisieren sie einen Interessensausgleich? Denkt man ein paar Jahrhunderte zurück, kommt einem Thomas Hobbes "der Mensch ist dem Menschen ein Wolf" in Erinnerung – eine politische Theorie, der wir das staatliche Gewaltmonopol verdanken. Läge es nicht in einer vergleichbaren Logik, der Völkergemeinschaft ein ähnliches Monopol einzuräumen, das sie in die Lage versetzt, Daseinsvorsorge für die Gattung zu übernehmen?

Rhetorisch ist das Thema vermint, um es milde auszudrücken. Sozialwissenschaftler verirren sich in holprigen Ableitungen naturwissenschaftlicher Theorien. Naturwissenschaftler argumentieren wie Fundis aus uralten Zeiten. Der interdisziplinäre Dialog erinnert eher an den Turmbau zu Babel – und lässt Zweifel an dem Gehalt bisheriger interdisziplinärer Forschung und Dialoge wachsen. Sie waren nicht gründlich genug, um den Boden für ein verständiges Gespräch zu bereiten.

Wenn wir das Thema aus der Perspektive des hiesigen politischen Betriebs betrachten, werden die mittelfristigen Optionen Angela Merkels und Renate Künasts offenkundiger. Die beiden könnten besser mit einander, als sie heute dürfen. Die sogenannten Liberalen dagegen sehen ziemlich alt aus.

 

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Übergang

20. Oktober 2009

Diese Tage sind Tage des Sammelns und Sichtens. Früher war das Erntezeit, die schmalen Straßen am Niederrhein verklumpt mit lehmiger Erde, hier und da der Rauch der Kartoffelfeuer. Der Herbstwind gut für selbstgebaute Drachen. Wie ich die langen Spaziergänge am Rhein vermisse, den Nebel, die Gänse am Horizont.

Heute beobachte ich politische Drachen. Sie schicken sich an zum Flug. Wie weit sie kommen, wird sich zeigen.

Ungeheuer spannend zu lesen die Reportage des New York Times Reporters David Rohde, der über seine sieben Monate als Geisel der Taliban schreibt, heute Teil drei, mit aberwitzigen Details – über das Universum der Widersprüche im Empfinden seiner Wärter, ihre inkommensurablen Maßstäbe, an denen jede Praxis des zivilen Aufbaus scheitern wird,  ihre Bettwäsche mit Motiven amerikanischer Fernsehserien ( Rohde hatte eine pinkfarbene Barbiebettdecke), das gemeinsame Absingen paschtunischer Volksmusik (die amerikanische Geisel revanchiert sich mit Frank Sinatras New York, New York und Bruce Springsteens Born to run). Im Chor singen sie den Beatles-Song "She loves you yeah, yeah yeah". Und dann schwärmen sie von Selbstmordattentaten. Das kann kein Drehbuchschreiber erfinden.

 

Das Video musste ich einfügen: Der Kontrast zwischen diesem Lied, seinem Text und der Welt der Taliban-Geiselnehmer irgendwo in Pakistan ist einfach zu grotesk. Dieses Lied zu singen, war David Rohdes Augenblicksrache.

Wir warten: auf die neue Afghanistan-Strategie der Obama-Regierung, auf den Koalitionsvertrag der schwarzgelben Bundesregierung, auf ihre Regierungserklärung (und ihren Zeitplan), auf die Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel vor beiden Häusern des amerikanischen Kongresses am 3. November.

Es liegt was in der Luft. Nicht die Kartoffelfeuer des erdigen Niederrheins. Etwas anderes, ein politisches Lüftchen. Wie kommt es, dass nach einem wurstigen Wahlkampf mit endloser Medienschelte innerhalb weniger Tage zwei Elogen auf Angela Merkel erscheinen (Jacob Heilbrunn im Tagesspiegel, Christoph Schwennicke im Spiegel?) Wie kommt es, dass alle auf den 9. November starren (our nine-eleven), in ambivalenter Erwartung, dass nach dem glücklichen neunten November des Jahres 1989 ein finsterer kommen könnte …

In den nächsten Wochen starte ich in diesem Blog ein neues Kapitel: Die Frankfurter Buchmesse ist vorbei, die eine oder andere Neuerscheinung, die mir auffiel und die als Inspiration für politische Rhetorik dienen kann, wird hier aufgegriffen und vorgestellt. Den Anfang machen Claus Leggewies und Harald Welzers Buch "Das Ende der Welt, wie wir sie kannten" und Dino Heickers Anthologie über den Maler Francis Bacon.

edited 211009

re-edited 041109: Rohde ist offenbar nicht geflohen, sondern freigekauft worden. Teile seiner Story sind eine Nebelkerze.

 

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