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Artikel Tagged ‘CSU’

Würdelos

28. Oktober 2009

Die neue Regierung ist noch nicht im Amt. Auf ihrem Weg dahin hat sie einen Scherbenhaufen angerichtet. Die drei Parteien und ihr Personal werden in den kommenden vier Jahren mehr damit beschäftigt sein, diese Scherben aus dem Weg zu räumen, als ihren Koalitionsvertrag umzusetzen. Sie sind selbst daran schuld.

Aber so ist das, wenn Parteien nach vielen langen Jahren der Opposition in der Gegenwart ankommen. So war das auch bei der SPD 1998. Komischerweise hat die SPD das Theater sogar noch bei den Koalitionsverhandlungen 2002 wiederholt: nach unerwartet gewonnenen Wahlen zurückzufallen in den Modus der Querulantenpost.

Dieses Mal betrachten wir zwei Personalien, bei denen Frau Merkel selbst eine Rolle spielt: weil sie etwas nicht verhindert hat und weil sie etwas befördert hat. Dirk Niebel wird in seinem Ministerium gewiss nicht mit Sehnsucht erwartet. Wer aber erinnert sich noch an den G8-Gipfel in Heiligendamm? An die Versprechen, die Entwicklungshilfe massiv auszubauen? Wer erinnert sich an Angela Merkels und Horst Köhlers Staatsbesuche in Afrika?

Wenn demnächst der Fallschirmjäger Niebel dort aufschlägt, fangen wir an, Fotos und Geschichten zu sammeln. Mag sein, dass er uns auf eine Weise überrascht, die wir noch nicht ahnen. Aber darum geht es nicht. Niebel hat nicht, wie Gerhard Schröder von Gedöns geredet, weil er ein Politikfeld nicht sonderlich wichtig fand. Er hat für die Abwicklung plädiert. Das heißt, wir haben demnächst die Gelegenheit, einen Insolvenzverwalter an Bord eines handlungsfähigen Bundesministeriums zu erleben, der es als sein persönliches Parteisoldatenziel betrachtet, dass aus der ihm anvertrauten Insolvenzmasse nichts wird.

Die andere Personalie ist nicht so sehr ein Skandal, weil da vorausschauende regionale Wahlpolitik betrieben wird. Niemand wird dem Wirtschaftsprüfer Oettinger die Fähigkeit absprechen, Zahlen lesen und verstehen zu können. Sein kommunikatives Handicap spielt auch keine Rolle. Wenn man ihn vergleicht mit dem Präsidenten der Kommission, dann stehlen die beiden sich nichts.

Unerfreulich ist dabei etwas ganz Anderes, und da verwundert die Kurzsicht der Bundeskanzlerin sehr. War sie es doch selbst, die ihrem Parteifreund in die Parade grätschte, als der an dessen Grab den Nazimarinerichter Filbinger zu einem Widerstandskämpfer honoris causa ernannte. Darüber werden sich die europäischen Partner im alten wie im neuen Europa freuen (abgesehen davon, wie Herr Juncker zu Recht bemerkte, dass es vertragswidrig ist, wenn irgendein europäischer Politiker die Geschäftsordnung der Kommission missachtet).

Im Gegensatz zum Turteltäubchen Verheugen, dem auch niemand die Kompetenz absprach, besitzt diese Personalie ein Geschmäckle mit langem Abgang.

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Liberalität als Wille und Vorstellung

5. Oktober 2009

Was hat die FDP mit dem Liberalismus zu tun? Die Frage ist leichter gestellt als beantwortet.

Wer das Vergnügen hatte, Ralf Dahrendorf oder Werner Maihofer als Redner zu erleben, oder wer vor kurzem Gerhart Baum im Fernsehen nachdenken sah, ist immer wieder entsetzt, wenn das amtierende Personal dieser Partei das Wort ergreift.

Aus irgendeinem Grund wurde Guido Westerwelle kürzlich als bester Redner des Wahlkampfs ausgezeichnet. Das kann nur ein Irrtum sein. Denn Westerwelles Reden entspringen einer leeren Marketinglogik. Sie stellen Glaubenssätze und Patentrezepte in Kontrast zu Pappkameraden. Sie folgen der Logik von Büttenreden. Sie präparieren soundbites für 30 Sekunden Sendezeit. Das mag clever sein und hat funktioniert. Aber diese Art des Redens verabschiedet sich von der Idee einer begründungspflichtigen Politik. Der deutsche Wahlkampf war, was seine sogenannten Sieger betrifft, der für die deutsche Nachkriegsgeschichte erste durch und durch postdemokratische Wahlkampf.

Diese Hypothek wird der neuen Bundesregierung zur Last, noch bevor sie ins Amt kommt. CDU und CSU stellen bei den Gesprächen der nächsten beiden Wochen etwas sehr Ernüchterndes fest: Das ist Fleisch von unserem Fleische. Sie werden es schwer haben, die Idee eines Aufbruchs, eines Neustarts, eines Projekts glaubhaft zu machen.

Denn Kannibalen haben keine Freunde.

Für den Sieger dieses Wahlkampfs reicht es nicht, liberal aber nicht blöd zu sein. Er wird an den Altvorderen gemessen. Die ehrwürdige politische Bewegung des Liberalismus läuft Gefahr, Erbschleichern zum Opfer zu fallen.

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CSU seehofert

10. August 2009

Das lange Wochenende gibt den Meinungsmachern in Amerika Gelegenheit, Punkte zu machen, abgefeimte Bilder oder Begriffe für die abgelaufene Woche zu prägen, die anderen in Schlamm zu tauchen. Manchmal kommt dabei ein treffender Begriff in die Welt. Dieses Mal prägte ihn Senator Lindsey Graham, Republikaner aus South-Carolina.  In der CBS-Sendung "Face the Nation" sagte er: "Don´t Rumsfeld Afghanistan!"

Salopp gesprochen, will er nicht den Fehler wiederholen, mit dem Rumsfeld den Irak-Krieg "gewonnen" hat. Er setzt darauf, dass das Pentagon bald den Kongress um mehr Truppen für AfPak bitten wird.

Versuchen wir, die Sprachregel von Senator Graham auf die hiesige Politik zu übertragen, etwa am Beispiel der CSU. Die ist jetzt seehofert. (Das Spiel ist nicht neu.)

Wer hätte gedacht, dass Schwerenöter Seehofer auch ein Held des Rückzugs ist? Während er lautstark seinen Lieblingskoalitionspartner (den mit den Filzlatschen) ein "Sensibelchen" nennt, hat die bayerische Staatsregierung klammheimlich die Klage gegen das sogenannte Lebenspartnerschaftsergänzungsgesetz zurückgezogen. Und das schon vor über vier Wochen.

So etwas könnte man auch erzwungenen Wandel durch Annäherung nennen. Daher der Hieb gegen das Sensibelchen.

Dabei muss man nur versuchen, die Bezeichnung dieses Gesetzes zu verstehen: Lebenspartnerschaftsergänzung, oder vielleicht auch Lebensabschnittspartnerschaftsergänzung.

Dagegen kann die kleinste Partei in der jetzigen und vielleicht auch in der nächsten Regierung nichts haben – solange sie weiter krakeelen darf.

Warum fällt der CSU die  Anerkennung der Wirklichkeit so schwer? Weil ihr fränkischer Bundesliebling so parfümiert redet? Das ist ein anderer Fall.

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