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Artikel Tagged ‘Dreams From My Father’

Kanonisierung

11. Oktober 2009

Die Debatte über den Friedensnobelpreis für Barack Obama zeigt absurde Züge. Um eine Idee ihrer Abwegigkeit zu gewinnen, besinnen wir uns eines Verfahrens, mit dem die katholische Kirche Kandidaten für die Heiligsprechung prüft, ein ehrwürdiges Verfahren, das seit vielen Jahrhunderten funktioniert.

Da gibt es zuerst denjenigen, der den Vorschlag macht. Wer Obama vorgeschlagen hat, wissen wir nicht. Wir wissen nur, dass der Vorschlag vor Ablauf der Nominierungsfrist erfolgte, also Anfang Februar 2009. Dieses frühe Datum ist ein triftiger Grund, die kirchliche Kanonisierung zum Vergleich heranzuziehen. Denn aus der Nominierung spricht eine Gewissheit, die den Charakter einer Offenbarung besessen haben muss.

Es gibt zwei Wege ins Himmelreich der Heiligen: das Martyrium oder ein Wunder. Welche Ereignisse aus der uns bekannten Geschichte Obamas kämen als Belege für Wunder in Betracht? Hat er als kleiner Junge in Indonesien mit Tieren geredet? Hat er Todkranke wieder wandeln lassen? Ist er wie Jesus Christus über den See Genezareth gewandelt?

Wir können alle drei Fragen mit einem beherzten Ja beantworten.

In Dreams From My Father erzählt Obama von den Krokodilen im Garten seines Stiefvaters. Die erste komparative Erfahrung des Kleinen. Alle Kinder reden mit ihren Tieren, auch wenn es Krokodile sind. (Ist Ihnen die Ähnlichkeit von Nancy Pelosi mit kalifornischen Wüstenalligatoren aufgefallen? Obama kann mit ihr reden wie mit seinen kleinen Krokodilen in Djakarta.)

Wer Obamas Siegesrede der Nacht zum 5. November erinnert, hat das Bild der Wählerschlangen vor Augen. Sie haben die todkranke Demokratie Amerikas wiederbelebt.

Schließlich sind genügend Bilder im Verkehr, die zeigen, welche Sportart der junge Obama in den Wellen des Pazifiks perfekt gelernt hat: auch ohne Brett. Er ist bodysurfer. Wir erinnern uns an den Kommentar von Angela Merkel am Tag der Amtseinführung Obamas: Der sei auch nur ein Mensch … Ecce homo! (Welch beredte Ironie, dass die belesene Pfarrerstochter bei ihrem wurstigen Kommentar offen ließ, ob sie sich auf die Seite von Pontius Pilatus oder von Friedrich Nietzsche schlug, der sein Vorwort zu ECCE HOMO mit dem Titel versah "Wie man wird, was man ist".)

In der legenda aurea obamana finden wir weitere Wunder: Seine Rede zum Rassenthema: A More Perfect Union. Oder das Wunder seiner Reden vor großen Menschenansammlungen: Er wendet sich an die Würde ihrer Individualität. Er verwandelt Menschenmassen in Versammlungen verständiger Personen.

Oder denken wir an die Schriftgelehrten und Pharisäer, die seinen Weg säumen, ihr "Kreuziget ihn!" Jenen Republikaner, der Obama sein Waterloo bereiten will, das ihn brechen wird. Die Birthers, die seine Geburtsurkunde in Zweifel ziehen, die Hetzer, die den Mob für amerikanische Passionsfestspiele orchestrieren. Die öffentliche Hysterie erinnert mich an Thomas Wolfes "Look Homeward, Angel". Ihr jüngster Tag ist nicht mehr fern.

Damit sind wir bei der zweiten Methode, einen Heiligen zu prüfen: die Frage nach Obamas Martyrium. Denn darauf läuft es hinaus. Wer ihn scheitern sehen will, arbeitet mit der Apokalypse. Das war im Wahlkampf seine heutige Außenministerin, die an ihrer Kandidatur festhielt, indem sie an die Ermordung Bob Kennedys erinnerte und sich als eiserne Reserve anbot.

Wer auf Obamas Scheitern setzt und die Apokalypse beschwört, muss diese Alternative ins Auge fassen. Cormac McCarthy hat sie beschrieben, in dem Roman The Road.

Wer schreibt, Obama habe noch nicht geliefert, erfüllt im Prozess der Kanonisierung eines Heiligen eine ehrwürdige Funktion: die Rolle des advocatus diaboli. Natürlich gehört es zu desen Pflichten, alle Argumente heranzuziehen, die gegen den Heiligen sprechen. Die zeremonielle Rolle verträgt sich bloß nicht mit rechthaberischem Triumphgeheul.

Darin erklingt nicht die Stimme des Advokaten, sondern die des Mandanten. Wie man wird, was man ist.

 

 

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Was hatte Willy Brandt, was hat Barack Obama, was anderen Politikern fehlt?

5. September 2009

Der Rhetorik-Blogger war unterwegs, am Donnerstag zu Gast in der Bremischen Bürgerschaft. Im Superwahljahr diskutierte man über die Frage: "Was hatte Willy Brandt, was hat Barack Obama, was anderen Politikern fehlt?"

Nach einem Vortrag von Prof. Ulrich Sarcinelli leitete der Bremer Politikwissenschaftler Lothar Probst die Diskussion. Mit Verve und Engagement berichtete Tom Buhrow (ARD-Tagesthemen und langjähriger US-Korrespondent) von seinen amerikanischen Erfahrungen, der tief verwurzelten Tradition "Trust the people, distrust the government", der ungeheuer gewinnenden Eloquenz Bill Clintons, den er für einen größeren Redner als Barack Obama hält.

Ich hatte mich auf die Diskussion vorbereitet, indem ich Willy Brandts Erinnerungen wiederlas. Die beiden Bücher Obamas "Dreams From My Father" und "The Audacity Of Hope" waren hier ja schon öfters Thema. Willy Brandt zitiert Julius Leber, der im Gefängnis schrieb: "Große Führer kommen fast immer aus dem Chaos, aus der richtigen Ordnung kommen sie selten, aus der Ochsentour nie." Beide, Brandt und Obama, sind vaterlos bei ihrem Großvater bzw. den Großeltern aufgewachsen. Beide waren in ihrer Kindheit und Jugend Außenseiter, Brandt als fast einziger Arbeiterjunge im lübischen Johanneum, Obama einer der wenigen Schwarzen in seiner Schule auf Hawaii. Beide durchlebten viele Häutungen in ihrer Sehnsucht nach Zugehörigkeit, auf ihrem Weg überwundener Illusionen, ein Weg, der ihre politischen Visionen biographisch erdet und beglaubigt.

Obama findet – trotz sinkender Umfrageergebnisse, das ist ein anderes Thema, diesen erratischen Zuckungen tagtäglich zu folgen – Gehör bei seinen fellow citizens, weil er seine politischen Projekte mit ihren eigenen Lebenserfahrungen begründet, ihre Stimme verstärkt und damit eine andere  Vertrauenswürdigkeit gewinnt. Er ist die erste Kassandra, der man zuhört, während er den Finger in die verschorften Lebenslügen des Landes bohrt: die zerkrümelnden Straßen, Brücke, Deiche, Schulen, Unis, das zerkrümelnde Gesundheitswesen, das – unverändert – Bürger und Staat in den Bankrott treiben würde.

Die autobiographisch geerdete Glaubwürdigkeit von Brandt wie von Obama ermöglicht es ihnen, statt den billigen Jakob zu geben mit kurzen sound bytes wie der große Kommunikator Reagan oder mit einer gut entwickelten Selbstironie wie George W. Bush, ihre Landsleute mit komplizierten Themen vertraut zu machen, an ihre Vernunft und an das bessere in ihnen zu appellieren, um die Nation wieder auf die Beine zu bringen, den Willen zum Wandel zu beflügeln.

Ein link zur Fernsehausstrahlung der Diskussion folgt. Später fiel mir noch ein, dass mit dem frisch gewählten Bürgermeister Daniel Zimmermann in Monheim (NRW) ein Beispiel herangewachsen ist, das den Optimismus beflügelt, dass sich auch unser demokratisches Gemeinwesen von innen erneuern kann.

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We Know These Things

18. Juli 2009

Diese Rede zeigt Barack Obama als den großen Redner unserer Zeit. Donnerstagabend knüpft er in New York bei der Festveranstaltung zum 100. Geburtstag der NAACP an seine große Rede vom 18. März 2008 in Philadelphia an und nimmt sein Publikum mit auf eine historische Reise. Sie führt zurück in die Frühgeschichte der Bürgerrechtsbewegung, illuminiert den Wandel, den das Land seither erlebt hat – und vor dem es heute steht.

Die Rede erinnert an den Protest gegen das Lynchen, an das Engagement gegen Gewalt, an die Frauen, die es vorzogen, zu Fuß zu laufen, statt den Bus zu nehmen, an die Freedom Rides mit den Greyhounds, deren Aktivisten prüften, ob das Urteil des Obersten Bundesgerichts gegen die Rassentrennung umgesetzt wurde. Obama erinnert an die Bürgerrechtler, die ihr Leben dafür riskierten, dass sie im ländlichen Mississippi Wähler registrierten. Wir kennen den Film, der davon erzählt.

Der Präsident stellt sich in ihre Tradition, als er an die eigene Reise erinnert, die ihn von Springfield, Illinois, schließlich ins Weiße Haus geführt hat. Ihnen verdanke er es, dass er an diesem Abend rede – auf den Schultern von Giganten.

Afroamerikaner seien häufiger arbeitslos. Viele seien nicht krankenversichert. Ein schwarzes Kind habe fünffach höhere Chancen als ein weißes Kind, ein Gefängnis von innen zu sehen. HIV/AIDS treffe die Afroamerikaner besonders hart. "We know these things."

Bleiben wir für einen Moment der Besinnung bei diesem Satz. So beiläufig er klingt, so tief ist seine Resonanz. Wir kennen das. Wir kennen diese Sachen. Zu oft gehört und gesehen. Oder weggehört und weggesehen. Lassen Sie uns in Ruhe damit. Da kommen wir der Sache näher. We know these things. Wie unerträglich das ist! Das ist ein Satz aus der Tiefe einer Wunde, die sich so schnell nicht schließt.

Es sei der gleiche Mut erforderlich, der die Segregation überwunden habe, um die heutigen Barrieren zu beseitigen, das gleiche Engagement, die gleiche Opferbereitschaft.  Welche Schritte aber seien erforderlich, um die Barrieren zu überwinden? Mit dieser Frage ist Obama auf seiner Reise bei der eigenen Innenpolitik angekommen, sucht den Schulterschluss mit der schwarzen Bürgerrechtsorganisation. "That’s why my administration is working so hard not only to create and save jobs in the short-term, not only to extend unemployment insurance and help for people who have lost their health care in this crisis, not just to stem the immediate economic wreckage, but to lay a new foundation for growth and prosperity that will put opportunity within the reach of not just African Americans, but all Americans.  All Americans.  (Applause.)  Of every race.  Of every creed.  From every region of the country.  (Applause.)  We want everybody to participate in the American Dream.  That’s what the NAACP is all about."

Bezahlbare Krankenversicherung für alle, die windschiefen Häuser der Armen wetterfest machen, Jobs, die nicht nach Übersee gehen, Verbraucherschutz gegen betrügerische Finanzberatung – all das sei nötig, aber reiche nicht aus, um die Afroamerikaner und Amerika insgesamt nach vorne zu bringen, solange die Ausbildung der amerikanischen Kinder nicht dramatisch besser werde. "There’s no two ways about it. There’s no way to avoid it. You know what I’m talking about. There’s a reason the story of the civil rights movement was written in our schools. There’s a reason Thurgood Marshall took up the cause of Linda Brown.  There’s a reason why the Little Rock Nine defied a governor and a mob.  It’s because there is no stronger weapon against inequality and no better path to opportunity than an education that can unlock a child’s God-given potential. (…) African American students are lagging behind white classmates in reading and math — an achievement gap that is growing in states that once led the way in the civil rights movement.  Over half of all African American students are dropping out of school in some places.  There are overcrowded classrooms, and crumbling schools, and corridors of shame in America filled with poor children — not just black children, brown and white children as well. The state of our schools is not an African American problem; it is an American problem."

Willy Brandts Satz aus seiner Regierungserklärung 1969 kommt in Erinnerung, als er sagte: "Die Schule der Nation ist die Schule." (Kurt Georg Kiesinger hatte mal gesagt, die Bundeswehr sei Schule der Nation.) Es ist kein Zufall, dass Obama bei der NAACP so eindringlich auf die Schulabbrecher eingeht. Ähnlich argumentierte er vor ein paar Monaten bei einer anderen großen Rede vor den Latinos Amerikas. Er redet vor ehrgeizigen engagierten Eltern. Er führt ihnen vor Augen, was zerkrümelt, wenn sie sich nicht selber darum kümmern: die Hoffnung, die sie in ihre eigenen Kinder setzen.

Ich habe das Zitat für diese kurze Zwischenüberlegung unterbrochen. Nun setzen wir es fort – und es lohnt sich, diese Passage im Video anzusehen, um zu ermessen, was Obama da auslöst. "Because if black and brown children cannot compete, then America cannot compete.  (Applause.)  And let me say this, if Al Sharpton, Mike Bloomberg, and Newt Gingrich can agree that we need to solve the education problem, then that’s something all of America can agree we can solve.  (Applause.)  Those guys came into my office.  (Laughter.) Just sitting in the Oval Office — I kept on doing a double-take.  (Laughter and applause.)  So that’s a sign of progress and it is a sign of the urgency of the education problem.  (Applause.)  All of us can agree that we need to offer every child in this country — every child –  AUDIENCE:  Amen! (…) THE PRESIDENT:  Got an "Amen corner" back there — (applause) — every child — every child in this country the best education the world has to offer from cradle through a career."

Amen! Die schönsten Programme aber sind für die Katz, wenn Eltern sich nicht um ihre Kinder kümmern.

"We’ve got to say to our children, yes, if you’re African American, the odds of growing up amid crime and gangs are higher.  Yes, if you live in a poor neighborhood, you will face challenges that somebody in a wealthy suburb does not have to face.  But that’s not a reason to get bad grades — (applause) — that’s not a reason to cut class — (applause) — that’s not a reason to give up on your education and drop out of school.  (Applause.)  No one has written your destiny for you.  Your destiny is in your hands — you cannot forget that.  That’s what we have to teach all of our children.  No excuses.  (Applause.)  No excuses."

Kümmert euch auch um die Kinder eurer Nachbarn. Setzt euch höhere Ziele. Basketball und Rap sind nicht alles. Warum wollen eure Kinder nicht Naturwissenschaftler, Ärzte, Ingenieure werden? Oder Oberster Bundesrichter? Oder Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika? "Yes, government must be a force for opportunity.  Yes, government must be a force for equality.  But ultimately, if we are to be true to our past, then we also have to seize our own future, each and every day."

Obama kehrt zurück zu jenen Tagen, in denen er als community organizer im Süden Chicagos Klinken putzte, an die Schulkinder und das Leuchten in ihren Augen, an deren Schulleiterin, die ihm sagte "that soon, the laughter in their eyes would begin to fade; that soon, something would shut off inside, as it sunk in — because kids are smarter than we give them credit for — as it sunk in that their hopes would not come to pass — not because they weren’t smart enough, not because they weren’t talented enough, not because of anything about them inherently, but because, by accident of birth, they had not received a fair chance in life. I know what can happen to a child who doesn’t have that chance."

Wir erinnern uns an diesen schönen Satz von Franz Kafka in den Briefen an Milena: "Kinder sind ernst und kennen keine Unmöglichkeit." Kafka kommt auf den Satz, als er bei einem Spaziergang durch den Park einen Vater mit seinem kleinen Kind spielen sieht, der spielerisch droht, das Kind ins Wasser zu werfen, die Angstlust des Kindes. Obamas Erfahrung aus dem Süden Chicagos ist auch uns nicht fremd. Die Segregation von Chancen und Nachteilen funktioniert auch ohne Gesetze.

Obamas rednerische Reise nähert sich ihrem Finale, einer verschmelzenden Apotheose des afroamerikanischen Leidens und des amerikanischen Traums. "And we will move forward.  This I know — for I know how far we have come.  Some, you saw, last week in Ghana, Michelle and I took Malia and Sasha and my mother-in-law to Cape Coast Castle, in Ghana.  Some of you may have been there.  This is where captives were once imprisoned before being auctioned; where, across an ocean, so much of the African American experience began. (…)  We went down into the dungeons where the captives were held.  There was a church above one of the dungeons — which tells you something about saying one thing and doing another.  (Applause.)  I was — we walked through the "Door Of No Return."  I was reminded of all the pain and all the hardships, all the injustices and all the indignities on the voyage from slavery to freedom. (…) But I was reminded of something else.  I was reminded that no matter how bitter the rod, how stony the road, we have always persevered.  (Applause.)  We have not faltered, nor have we grown weary.  As Americans, we have demanded, and strived for, and shaped a better destiny.  And that is what we are called on to do once more.  NAACP, it will not be easy.  It will take time.  Doubts may rise and hopes may recede. (…) But if John Lewis could brave Billy clubs to cross a bridge — (applause) — then I know young people today can do their part and lift up our community.  (Applause.) (…) If Emmet Till’s uncle, Mose Wright, could summon the courage to testify against the men who killed his nephew, I know we can be better fathers and better brothers and better mothers and sisters in our own families.  (Applause.) (…) If three civil rights workers in Mississippi — black, white, Christian and Jew, city-born and country-bred — could lay down their lives in freedom’s cause, I know we can come together to face down the challenges of our own time.   (Applause.)  We can fix our schools — (applause) — we can heal our sick, we can rescue our youth from violence and despair.  (Applause.) (…)   And 100 years from now, on the 200th anniversary of the NAACP — (applause) — let it be said that this generation did its part; that we too ran the race; that full of faith that our dark past has taught us, full of the hope that the present has brought us — (applause) — we faced, in our lives and all across this nation, the rising sun of a new day begun.  (Applause.) (…) Thank you,  God bless you.  God bless the United States of America.  (Applause.)"

Der Prediger stellt sich in eine Tradition, die sein Publikum von den Stühlen reißt, – ran the race, full of faith – eine Akklamation des zivilen Selbstvertrauens, in welchem die Bürgerrechtler von einst und heute für den neuen Tag kämpfen, the rising sun of a new day.

We know these things. In den Schmerz offener Wunden sät Obama die Hoffnung auf die Neue Welt.

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Obamas Moonwalk

11. Juli 2009

Warum Barack Obama so wortkarg auf den Tod von Michael Jackson reagiert, liegt auf der Hand. Die beiden sind sich ähnlicher, als ihm lieb sein kann. Die M+B Gallery in Los Angeles zeigt noch bis zum 29. August eine Ausstellung mit Photos von Lisa Jack. Die hat im Jahr 1980 den 20jährigen Barry Obama als Objekt für eine Porträtserie entdeckt.

Die Ähnlichkeit mit dem kleinen Jackson ist frappierend. Das erklärt aber nichts. Der schwarze Musiker ist am Ende seines Lebens ein Weißer. Der schwarze Präsident aber war nie so schwarz, wie er früher gern gewesen wäre. Die intellektuellen und politischen Rollenkonflikte des Verlangens nach Zugehörigkeit beschreibt Obama in der Autobiographie Dreams From My Father.

Im Vorwort zu seinem zweiten Buch The Audacity Of Hope erzählt Obama davon, wie er für seine Zeitgenossen zur Projektionsfläche geworden ist, ein leerer Schirm, ein weißes Blatt Papier – für ihr Bild von ihm. Das macht ihn zum Zwilling Michael Jacksons. Beide befeuern sie den Glauben an eine bessere Welt. Der eine ist schließlich Freak, der andere Präsident. Beide spielen – um ihr Leben, mit ihrem Leben.

Die leere Projektionsfläche erleichtert Obama das politische Geschäft, sie wird zu seiner politischen Spielfäche. Ausgeblendet bleibt, wie hinter der Kulisse die Perfektion entsteht, die Choreographie des politischen Managements.

Michael Jacksons Moonwalk, seine Variante der Echternacher Springprozession, vorwärts rückwärts zu tanzen, entspricht Barack Obamas politischer Gabe des Mainstreamings. Sein Charisma hilft ihm, Themen auf die politische Agenda der Amerikaner zu setzen, die noch vor wenigen Monaten dort für undenkbar gehalten wurden.

In der amerikanischen Innenpolitik legt Obamas Moonwalk den Vorwärtsgang ein.

 

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Kreativer Zerstörer

30. Mai 2009

Diese Tage zwischen Christi Himmelfahrt und Pfingsten haben in Washington DC ihren eigenen Charme. Der Frühsommer lockt. Die Hurricane-Saison beginnt. Die nächsten Abgabetermine werden fällig. Man nominiert eine kluge Richterin für den Supreme Court, stellt durch die Auswahl der Kandidatin sicher, dass im Supreme Court jemand mit bester Erfahrung in internationalem Wirtschaftsrecht sitzt, wenn es in zwei oder drei Jahren zu dem einen oder anderen Großverfahren kommt, und paralysiert so nebenbei auch noch die Republikanische Partei. Oder liest den Cyberspace Policy Review . Zwischendurch noch ein paar Textbausteine aus der Wiedervorlage kopieren, in das Sendeformat einfügen und schon ist die nächste wöchentliche TV-Ansprache fertig. Nicht zu vergessen, dass vor der Abreise nach Saudi-Arabien, Ägypten, Deutschland und Frankreich die Gnadenfrist für General Motors abläuft. Dann schnell noch die deutsche Bundeskanzlerin düpieren und sie damit trösten, dass sie eine interessante Biographie habe,  was cher ami Nicolas (chacun sa merde!) zu Schadenfreudeluftsprüngen veranlasst, Sarkozys Variante der Kommunikation auf Augenhöhe.

Mit anderen Worten eine Woche wie geschaffen dafür, im schläfrigen Modus der parlamentarischen Pause ein paar Sensationen durchzuschmuggeln. Auch das White House Presscorps, sonst im Gibbs-Grillen geübt, hat das nicht mitbekommen.

Der Reihe nach: Die Abgeordneten und Senatoren haben Sitzungspause. Sie befinden sich in Town Halls oder sonstwo. Oder sie zerreißen sich das Maul über die SCOTUS-Kandidatin (der bodysurfer hat seine Empfangssekretärin ROTUS getauft – Receptionist of the United States). In dieser Woche startet Organizing for America, Obamas Campagneros, zwei Kampagnen: eine für Kandidatin Sotomayor, eine andere zum Thema Gesundheitsreform. Das ist die Fassade. Wieder werden die Graswürzler dazu aufgefordert, ihre Congressmen und Congresswomen und ihre Senatoren anzufeuern. Wieder sollen sie Geschichten aus dem Alltag der Gesundheitsversorgung Amerikas sammeln.

Wieder werden die Parlamentarier sich darüber beschweren, dass sie durch die wildgewordene Basis des Präsidenten von ihrem eigentlichen Geschäft abgehalten werden. Da kommt Musik ins Spiel. Ich darf mich bei der Gelegenheit wiederholen. Dem obersten Erzähler der Nation wird zugehört, weil das Volk in dem, was er erzählt, die eigene(n) Geschichte(n) wieder erkennt. Storytelling ist keine Methode, die darin besteht, irgendwas vom Pferd zu erzählen. Demokratisches Storytelling sagt methodisch tua res agitur!

Am Freitagnachmittag vor Pfingsten (Ausschüttung des Hl. Geistes, Reden in Zungen usw.), um  5.35 pm, also nach Redaktionsschluss der großen Medien und vor dem langen Wochenende, gibt Norm Eisen (was für ein guter Name!), der Ethikbeauftragte Obamas, neue Regeln bekannt für jeden Versuch der Einflussnahme auf die Vergabe von Mitteln aus dem Konjunkturpaket. Ausnahmslos alle Gespräche zwischen Regierungsangestellten und Personen gleichwelcher Herkunft (vorher galt das Gebot nur für registrierte Lobbyisten) sind zu protokollieren und im Internet frei zugänglich zu dokumentieren. Der oberste Missbrauchsverfolgungsschlapphut (wir erzählten von ihm) und Sheriff Biden haben sich in Schussposition gebracht. Noch ehe der Juni vorbei ist, werden sie ihre Strecke begutachten und mit der Dealisierung beginnen (um ein schönes Wort von Heribert Prantl zu benutzen).

Wer aus der europäischen Ferne den Schönredner Obama für ein Leichtgewicht hielt, hat dessen Autobiographie und sein Buch The Audacity Of Hope nicht gelesen oder übersehen, dass er eine Karriere als community organizer im Süden Chicago, ein paar Jahre parlamentarischer Arbeit in einem der korruptesten amerikanischen Bundesstaaten sowie dem US-Senat hinter sich hat, um gelernt zu haben, wie Einfluss genommen wird. Das Weiße Haus sammelt Kompromate und justiert seine Ziele für die Verhandlungen über das Klimaschutzgesetz und die Gesundheitsreform.

Der community organizer in chief hat in den ersten hundert Tagen seiner Amtszeit die Gutachten erstellen lassen (Afpak, Guantánamo, Autoindustrie, Klimaschutz, Bankenkrise usw.). Jetzt ergänzt er seinen Instrumentekasten und setzt die politische Agenda eines kreativen Zerstörers um.

Bisher undenkbar für die amerikanische Politik, was auf der Zielgeraden zum Konkurs von General Motors geschieht. Pressesprecher Gibbs setzt die Opfer der GM-Arbeiter mit den Forderungen der GM-Gläubiger gleich und legitimiert damit, dass sie nach Sanierung des Unternehmens ein dickes Aktienpaket der neuen General Motors erhalten.

Obama erneuert den Maschinenpark und das Produktsortiment der amerikanischen Volksrepublik, weil er erkannt hat, dass seine Agenda mit einem bypass des sklerotischen Corporate America nicht zu realisieren wäre.

Bei uns dagegen kommt das Retten maroder Zockerunternehmer in Mode. Die Bürgschaftszinsen aus dem Unternehmensergebnis solcher Wachkomakandidaten kann Herr Steinbrück schon jetzt abschreiben, während Herr Obama durch weitsichtigere und radikalere Politik in ein paar Jahren mit Milliardeneinnahmen rechnen kann.

Dann noch dieser Blitzbesuch von Dresden, Weimar und Buchenwald. Keine Phototermine, kein großer Bahnhof, kein rubbing shoulders in Fußgängerzonen, immerhin auch kein Besuch auf dem SS-Friedhof bei Bitburg, aber ein Besuch in Buchenwald, das der Großonkel Charles Payne befreien half. In Dreams From My Father erzählt Barack Obama Mitte der 90er Jahre, wie die kenianische Halbschwester Auma sein Deutschlandbild geprägt hat. Auma Obama hat in Heidelberg studiert und fand das nicht so lustig und putzig wie die japanischen Touristen.

Die sauertöpfisch anmutende Aura von Frau Merkel hat den amerikanischen Präsidenten noch nicht gewonnen. Dabei hat sie ihm sogar das Format der Town Hall Meetings abgeguckt. Ein bisschen mehr Charme könnte nicht schaden.

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