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R.I.P. Gore Vidal

2. August 2012

Somewhere, something incredible is waiting to be known

9. Oktober 2009

Diese Woche ist ein Wendepunkt. Ich rede nicht von dem Friedensnobelpreis und seiner Nominierungsfrist, auch nicht von der amerikanischen Innenpolitik (die Gesundheitsreform findet prominente republikanische Unterstützer; das Klimaschutzgesetz kommt vielleicht doch noch in diesem Jahr zustande; die Meinungsumfragen werden wieder besser; die Schlagkraft der eigenen Truppe gegen die hysterische Stimmungsmache wird besser).

Diese Woche und die kommenden Wochen sind aus anderen Gründen historisch: Obama sucht nach einer neuen Afghanistan-Strategie. Er diskutiert mit Aufstandsbekämpfern und Antiterrorspezialisten über die Frage, ob mehr Soldaten nach Afghanistan sollen und welche Alternativen es dazu gibt. Von allen Seiten wird er an die Geschichte des Vietnamkriegs erinnert. Dort hat sein Af-Pak-Beauftragter Richard Holbrooke in den 60er Jahren prägende Erfahrungen gemacht, wie wir kürzlich in einem fesselnden Porträt lasen. Nach Vietnam war Holbrooke mit dem Friedenskorps erst in Marokko, dann in Afghanistan, wenige Jahre vor dem sowjetischen Einmarsch. Holbrooke, Pate der American Academy in Berlin, wirkt wie eine literarische Figur, die William J.  Robert Lederer, Thomas Pynchon, Ross Thomas und Joseph Conrad gemeinsam ausgekocht haben.

Zwischendurch setzt Obama rhetorische Signale: beim Besuch des Zentrums für Terrorismusbekämpfung, beim Sternegucken, bei der Vergabe der Ehrenmedaillen für Forscher und Erfinder. This nation has never feared the future. Er erinnert daran, wie die Amerikaner Wernher von Brauns V2-Raketen in New Mexiko testeten und zitiert Carl Sagan"Somewhere, something incredible is waiting to be known."

Obama steht vor der Frage, wie er "seinen" Krieg führt. Skeptiker gewinnen an Boden. Wieder redet man von Afghanistan als dem Totenacker für Imperien. Sollen junge Amerikaner für ein korruptes Regime verheizt werden?

Die Komplexität der Konflikte, die sich in der Region überlagern, schildert der pakistanische Publizist Ahmed Rachid: Welche Akteure mit welchen Interessen sich welcher Figuren bedienen: wie z.B. afghanische Warlords und Mujaheddin, die der pakistanische Geheimdienst ISI finanziert. Die pakistanischen Militärs nutzen diese Krieger als Faustpfand im Konflikt mit Indien.

Afghanistan produziert 93 Prozent des Heroins auf dem Weltmarkt. Die Opiumökonomie hat das Land im Griff. Sheriff Biden hat schon vor Amtsantritt deutlich gemacht, dass er Hamid Karzai für korrupt hält. Karzais massiver Wahlbetrug delegitimiert den NATO-Einsatz (warum sterben in der Provinz Helmand am Wahltag 37 englische Soldaten für geklaute Wahlen?) und ist Wasser auf den Mühlen der Taliban. Die Heimatfront in Amerika und bei den Verbündeten kommt ins Wanken: Kaum einer ist bereit, sich mit mehr Soldaten zu engagieren. Gerade sind die Defizitzahlen des letzten Haushaltsjahres bekannt geworden, 1,4 Billionen Dollar – und der Krieg in Afghanistan kostet monatlich 4 Mrd. Dollar. (New York Times-Kolumnist Kristof beziffert Relationen: die Kosten der beiden Kriege in Irak und Afghanistan und George W. Bushs Steuersenkungen für die Superreichen haben Amerika 3,4 Billionen Dollar gekostet.)

Die Schlachtschachspieler sehen die Lösung für alle Probleme in Pakistan: Sonderbeauftragter Holbrooke aber darf keine Silbe über Indien und Kashmir reden. Das Imperium fesselt sich selbst. Think Tanks wie die New America Foundation fragen: Was sind die Ziele? Wie definieren sie Erfolg? Mit welchen Kriterien? Was sind die Alternativen?

Obamas Zwickmühle: Will er eine Niederlage riskieren oder 40.000 Soldaten aufs Schlachtfeld schicken? Roger Cohen, gerade erst zu Besuch in Berlin, bringt die Situation hellsichtig auf den Punkt:  Amerika sucht einen Ausweg und justiert seine Perspektiven in einer Welt mit neuen Machtzentren. Obama sei der richtige Mann dafür. Das Land aber folge ihm nur, wenn er glaubhaft mache, welche Chancen sich eröffnen.

Warum fragt jemand Robert Gibbs nach Friedensverhandlungen mit Al Quaeda und den Taliban? Das erinnert an Kissingers Pariser Geheimgespräche mit den Nordvietnamesen. Gore Vidal erzählte einmal, wie Kissinger nach der Restaurierung der Sixtinischen Kapelle die Freskenbilder der Hölle inspizierte: Er habe da wohl eine Wohnung gesucht.

Johann Haris Porträt Vidals ist eine Achterbahnfahrt durch die Hölle. Der Autor von "The City And The Pillar" sei die Verkörperung des amerikanischen Jahrhunderts – und der Prophet seines Scheiterns. Das Land breche auseinander, wenn Obama dem Tollhaus unterliegt und die Chinesen ihre Schulden eintreiben. "The President ´wants to be liked by everybody, and he thought all he had to do was talk reason. But remember – the Republican Party is not a political party. It’s a mindset, like Hitler Youth. It’s full of hatred. You’re not going to get them aboard. Don’t even try. The only way to handle them is to terrify them. He’s too delicate for that.´" Vidal sieht nur noch den Untergang. Afghanistan werde dem amerikanischen Imperium, den "United States of Amnesia" den Todesstoß versetzen.

Obamas Schutzschild könnte Richard Holbrooke werden, Mehrzweckwaffe und Springteufel aller großen Konflikte seit Vietnam. Im März 2008 schrieb er, der Afghanistankrieg werde der längste Krieg der amerikanischen Geschichte. Anfang dieses Jahres war er an der Af-Pak-Studie beteiligt, die eine neue Strategie vorbereiten helfen sollte. Eine wesentliche Erkenntnis: Al Quaeda trainiert in den Bergen Pakistans Leute mit europäischen Pässen. Die aber bomben nicht das Marriott Hotel in Islamabad.

Springteufel Holbrooke ist Realist. Er glaubt nicht an "Nationbuilding" in einem von Stammesloyalitäten geprägten Land. Der einzige Ausweg seien Sicherheitsgarantien für Pakistan. Das könnte die Militärs umstimmen und sie für den Kampf gegen die Taliban und Al Quaeda mobilisieren.

Obama hat die Chance, die Prognose seines Springteufels zu widerlegen. Einer seiner engsten Sicherheitsberater, Mark Lippert, verlässt das Weiße Haus und geht zu den Navy Seals. Die haben vor ein paar Monaten einen amerikanischen Seemann aus somalischer Geiselhaft befreit. So ein Kämpfer mit der Mobilfunknummer des Präsidenten dürfte seinesgleichen suchen. Obama wird die Optionen prüfen und sich mehrerer Werkzeuge bedienen.

edited 16.10.09

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