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Artikel Tagged ‘Jimmy Carter’

West Point-Pointe

23. Mai 2010

James Fallows war Redenschreiber des amerikanischen Präsidenten Jimmy Carter. Deshalb brauche ich nur seinen Beitrag zu verlinken, um diese Rede Barack Obamas in ihren historischen Kontext zu setzen.

Das Transkript liegt noch nicht vor. Die New Media-Abteilung des Weißen Hauses ist fixer als die Skribenten.

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Rhetorische Homöopathie

3. Dezember 2009

Foto von Pete Souza White House
Fotos Pete Souza White House

Mit etwas mehr Distanz zur ersten Reaktion ist es ein interessanter Versuch, die West Point Rede Barack Obamas wieder zu lesen und anzusehen. Distanz und Wiederholung schärfen den Blick für diskrete Zeichen.

Maureen Dowd und andere haben Obama den Spitznamen Spock gegeben. Er ist nicht nur cool, sondern auch kalt. Tom Buhrow sagte bei unserer Diskussion in der Bremischen Bürgerschaft, dass er Bill Clinton für einen besseren Redner halte, weil der sein Publikum mit Warmherzigkeit gewinnen konnte. Anders als der bremische Umarmer Henning Scherf fand Clinton mit Worten den Weg in die Herzen seines Publikums, röhrte mit dem Raspeln seiner Stimme und rührte sein Publikum, in Ghana sogar einmal ein Millionenpublikum so sehr, dass selbst der Secret Service in Panik geriet.

Wenn Barack Obama spricht, klingt die Stimme und wirkt die Intonation oft kalt und herrisch, fast autoritär. Das Pendeln des Kopfes zwischen den beiden Screens des Teleprompters unterbindet direkten Blickkontakt zu seinem Publikum, eine fast hypnotische Bewegung, die aber die Wirkung der Hypnose verfehlt. Das ändert sich, selten, wenn Obama in den Predigerton wechselt, eine Klimax intoniert, wenn er im Kampagnenmodus spricht.

Die Bilder von Pete Souza zeigen Obama in einer Spock-Situation. In der Eliteschule des amerikanischen Offizierskorps wird er kühl empfangen. Letztens saß ich auf dem Flug zurück nach Berlin neben einer amerikanischen Soldatenehefrau, die nach den ersten freundlichen Worten über französisches und italienisches Essen irgendwann, gut durch mich manipuliert, auf die Politik zu sprechen kam. Die Regierung habe ihr und ihrem Mann mehrere Benefits gestrichen. Sie halten im Krieg ihren Kopf hin. Sie bekommen eine GI-Bill für die Zeit nach dem Ausscheiden aus dem Dienst. Aber das kurzfristige Signal ist ein diskreter Grund hinter der kühlen Kulisse dieses Grau-in-grau-Saales, warum Barack Obama mit seiner Rede keine standing ovations erhielt.

Meine Vermutung war richtig, dass Obama das Wort "Sieg" vermeiden würde. Er spricht von "efforts", "the nature of our commitment", "the scope of our interests" und "the strategy (…) to bring this war to a successful conclusion". Wir können uns, aus guten Gründen, keine Sportpalastrede Barack Obamas vorstellen: "Wollt ihr den totalen Sieg Krieg?"

Obama maskiert den rhetorischen Auftritt des "Kriegsnobelpreisträgers" (wie ihn Gabor Steingart genannt hat) so zivil, wie es nur möglich ist. Er streift die erbitterte Debatte über den Irakkrieg mit herabgedimmten Worten (the wrenching debate). Er verwandelt den Obersten Befehlshaber in den Chef-Controller, indem er an die Kosten dieses Kriegs erinnert (manche Kadetten im Saal können von der nicht bezifferbaren Seite berichten). Auch den Beschluss, diesen Krieg durch den Abzug bis 2011 zu beenden, dimmt er herunter auf "a responsible end". Kein Sieggeschrei, kein falscher Triumph, kein Blut, Schweiß, Mühsal, Tränen-Pathos, sondern in den wenigen Fakten, auf die er sich bezieht, eine Rede, die deutlich macht, dass die Beratung (all this dithering, wie seine Gegner sagen) die Suche nach einer Alternative zwischen Pest und Cholera war.

Außer der deutschen "Linken" (ich will mich an diesen Parteinamen nicht gewöhnen, kann sie auch nicht ernst nehmen) gibt es keine politische Position, die begründen könnte, wozu ein sofortiger Abzug aus Afghanistan gut sein könnte. Dass Obama in seiner Rede den historischen Blick zurück auf den Irak (und kursorisch die sowjetische Kampagne) beschränkt, ist kaum erstaunlich. Sie findet in einer winzigen Nuance Ausdruck: "As a country, we’re not as young — and perhaps not as innocent — as we were when Roosevelt was President." In diesem Satz finden die Zeithistoriker der amerikanischen Counterinsurgency-Politik den Bogen zurück zu Präsident Carter und seinem Sicherheitsberater Brzezi?ski, der mit pakistanischer Hilfe die Taliban und Mujahedin als ihre Zauberlehrlingswerkzeuge ins Leben und zu den Waffen gerufen hatte. Dieser Satz dürfte die Eisenfresser-Neocons in rasende Wut versetzen. Aber er grundiert als gegenläufige Rückversicherung zur Eskalation des Kriegs das zivile Selbstverständnis Obamas.

Selbst die röhrende Rhetorik zum Ende der Rede enthält noch diesen zivilen Vorbehalt der Selbstbeschränkung – was einen Beobachter der Szenerie zu der Bemerkung veranlasst hat, dass Obama an diesem Abend die militärische Kulisse in einen Ivy-League-Hörsaal verwandeln konnte. Der Zweifel am "Erfolg" der Entscheidung bleibt – aber auch das Zugeständnis, dass die Intelligenz dieser Regierung sie davor bewahren möge, noch mehr zur Geisel der eigenen Geschichte und ihrer Teufelswerkzeuge zu werden.

ergänzt um links 041209

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Gegenspieler

13. März 2009

Es ist Halbzeit. Die ersten 50 Tage der Präsidentschaft Barack Obamas liegen hinter uns. Wir haben in dieser Zeit einige große Reden gesehen. Ehrgeizige Programme sind auf den Weg gebracht, riesige defizitfinanzierte Budgets bereit gestellt. Der Aktiemarkt zeigt ein kurzes Zwischenhoch, ehe der Sturz in den Abgrund weiter geht. Die Kommentare der führenden amerikanischen Medien sind zwiespältig. Ist Obama doch nur ein getönter Wiedergänger von Jimmy Carter, der zu viel gleichzeitig anfasste, ohne Entscheidendes voran zu bringen? Oder sind die Herausforderungen, vor denen Amerika und sein neuer Präsident stehen, noch größer als beim Amtsantritt von Franklin D. Roosevelt?

Wir erleben in diesen Tagen die Geburt eines neuen Politikmodells. Dieser charismatische Professor aus Chicago ist der Politiker, auf den sich die Hoffnungen nicht nur seines eigenen Landes, sondern fast der ganzen Welt richten. Obama scheint wie geboren zu sein für diesen Augenblick der Probe. In den Wahlen, die in Deutschland vor uns liegen, ist weit und breit kein Politiker, auch keine Politikerin, in Sicht, der glaubwürdig ein vergleichbares Politikmodell anbietet.

Worin besteht das neue Politikmodell Obamas? Für die amerikanische Geschichte beispiellos, legt dieser Präsident seine Finger in die Wunden seines Landes. Er begnügt sich nicht damit, die akute Krise zu bearbeiten. Er rückt die großen Probleme Amerikas in die öffentliche Wahrnehmung. Schon bei seiner ersten Pressekonferenz fragte ihn eine Journalistin, wozu dieses Schlechtreden gut sei. Je näher man an diesem Phänomen dran ist und den bisher gewohnten Politikbetrieb für unabänderlich hält, desto befremdeter die Reaktionen. Hier am Rand der Cevennen zu sitzen, gut vernetzt im Herzen des alten Europas, ermöglicht einen anderen Blick als ein Plätzchen im atemlosen Geschnatter des Pressekorps im Weißen Haus.

Obama ist die erste charismatische Kassandra der Weltgeschichte, auf die ihre Zeitgenossen hören. Warum? Diese Kassandra braucht nichts Schreckliches vorherzusagen. Die Katastrophe liegt schon hinter uns. Das wissen noch nicht alle. Aber wie Obama die Situation schildert, in der sich sein Land befindet, das ermöglicht eine andere Bereitschaft zuzuhören, ein Wiedererkennen, in dessen Gospel das amerikanische Volk einstimmt. Es hört zu, weil ihm zugehört wird. Es vertraut einer storyline, in der die Leute ihre eigene story erkennen. So mobilisiert der Präsident die Tatkraft seines Landes, startet die Renaissance des amerikanischen Traums.

Trotzdem nagen auch Zweifel in mir. Ästhetisiere ich diese Politik? Lese ich etwas in Obamas Reden hinein, was nicht drin steht oder was sich bald schon als leere Phrase erweist? Bleibt Politik nicht das Bohren dicker Bretter, dieses Mäandern auf wie ewig vorgebahnten Wegen? Weiter so, weiter so, weiter so? Ist die Selbstinszenierung Obamas, in der Krise eine historisch beispiellose Chance beim Schopf zu packen, bloß ein Kratzer in einer ausgeleierten Schallplatte?

Heute Nacht erinnerte ich mich, schlaflos unter diesem riesigen Vollmond vor meinem Fenster, an einen Roman von Alexander Lernet-Holenia (den Titel finde ich nächste Woche, wenn ich wieder in Berlin bin). Sein Protagonist wird Zeuge eines besessenen Spielers, den eine beispiellose Pechsträhne plagt. Er setzt gegen den Verlierer. Am Spieltisch und dann überall. Sein Glück ist gemacht. Obamas Glück könnte darin liegen, konsequent den Gegen-Bush zu geben. Manche erklären seinen Wahlsieg mit dieser These. Wäre es so, könnte man sich auch damit zufrieden geben, wenn das denn vier oder acht Jahre hielte. Aber was wäre das für eine Verschwendung von Talenten!

Bush war und ist kein Gegenspieler Obamas. Bush ist Nr. 43, Obama Nr. 44. Obamas Gegenspieler sind die letzten Jahrzehnte der amerikanischen Politik, ihre Versäumnisse, ihre Irrwege. Die Krise ist nicht sein Gegenspieler. Sie hilft, mit den sekundären Krankheitsgewinnen der bisherigen Politik Schluss zu machen. Die Krise lehrt die Amerikaner durch ihren Präsidenten, dass es ein Weiterso nicht gibt.

Was für ein glückliches Land!

 

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Reden für eine Neue Welt

10. Februar 2009

Gestern hat sich gezeigt, dass die Idee, die diesem Blog zu Grunde liegt, aufgeht. Obama ist nach Elkhart, Indiana, geflogen. Dort hat er in einer Turnhalle gezeigt, wie politische Führung in der Krise aussehen kann. Auf Augenhöhe mit den Wählern. Ohne Moderator. Ohne VIP-Getue. Ohne handverlesene Gäste und bestellte Kuschelfragen. Um keine Antwort verlegen. Ohne zu schwafeln oder in diese Wasserdichtsprache zu verfallen, die den Politikbetrieb so unglaubwürdig macht. Souverän auf sehr kritische Fragen eingehend. Lesen Sie selbst.

Gabor Steingart hat Recht: Das ist ein neuer Politikstil, von dem (nicht nur) Deutschland lernen kann. So sieht es aus, ja, so muss es aussehen, wenn Politik sich zur Rechenschaft ziehen lässt. Hier zeigt sich, dass der community organizer in chief wirklich zu einer Neuen Welt unterwegs ist.

Am Abend des gleichen Tages gab er im East Room des Weißen Hauses seine erste Pressekonferenz. Nach einem Eingangsstatement, in dem er sich direkt an die amerikanische Öffentlichkeit wendet, beantwortete er fast eine Stunde die Fragen der Journalisten. Ohne Phrasen. Argumentierend. Mit klugem Seitenblick auf mögliche Einwände. Diese prüfend. Also weiter denkend, während er spricht. So um aufgeklärte Zustimmung werbend.

Seine Gegner wissen jetzt, dass Obama alles andere als ein silberzüngiger Wiedergänger Jimmy Carters ist, sondern überzeugend und gewinnend für seine Politik kämpfen kann.

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Vertrauen …

2. Februar 2009
… was für eine flüchtige, aber auch beständige Substanz das sein kann. Vertrauen zu beschwören ist wie der Versuch, Kairos beim Schopfe zu packen: flutsch ist er weg, der alte Irokese. Wenn deutsche Bundeskanzler die Vertrauensfrage stellen, sieht es, von Ausnahmen abgesehen, nicht gut aus um das Vertrauen, das ihnen entgegen gebracht wird.
 
Wir können für die (politische) Rhetorik ein Axiom aufstellen: Um Vertrauen wirbt man, indem man es nicht beschwört (dann ist es meistens zu spät), sondern es immer wieder von neuem verlässlich verdient, denn sonst wird es entzogen. Mehr dazu hier.
 
Worin besteht dieser erstaunliche Vertrauensvorschuss Obamas? Und wie schafft er es, dieses positive Karma-Konto zu mehren? Bisher ist der Versuch, ihn schon in der ersten Amtswoche als lame duck (wie Jimmy Carter am Ende seiner Präsidentschaft) ins Leere laufen zu lassen, nicht sonderlich erfolgreich. Die Parteistrategie der Republikaner im Kongress sieht aus wie eine durchsichtige Spekulation à la baisse. So verlieren sie aber wohl eher weiter an Boden.

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