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Artikel Tagged ‘Joachim Gauck’

Flucht nach vorn

22. Februar 2013

Peter Sloterdijk im Gespräch mit Peter Voß. Ein instruktiver Blick auf Wissenschaft und Politik. Zu Europa findet er ein phänomenologisch wie analytisch zupackenderes Bild als die Rede des Bundespräsidenten: Die Politik trete "die Flucht nach vorn" an. Gaucks Rede kann infolge des Zusammenwirkens des Bundespräsidenten mit der Bundesregierung kaum mehr als zivilgesellschaftlich frommes Wünschen auf den Weg bringen. Die Ernüchterung der Politik findet ihren subtil dramatischeren Ausdruck in der Regierungserklärung der Bundeskanzlerin von gestern.

Eindringlicher ein Zwischenruf von Yanis Varoufakis:

Germany’s disciplinarian imposition of the greatest austerity upon the weakest of Europeans, lacking any plan for countering the resulting asymmetrical recession, is a sorry and dangerous leftover of a long-gone world order built by America. It is the result of a mental atrophy caused by a United States acting for too long as the over-protective parent. It will backfire with mathematical precision, causing higher debt-to-income ratios and lower economic dynamism throughout Europe. The time is, therefore, ripe for a Gestalt Shift from an authoritarian to a hegemonic Germany. Europe needs a Germany ready and willing to make this shift and, indeed, so does Germany.

Das Axiom der Bundeskanzlerin "Scheitert der Euro, scheitert Europa" gelangt analytisch an sein Laufzeitende. Ihren Satz lese ich nicht als politische Selbstbindung, sondern als eine Entfesselung. Zu welchem Zweck, das bleibt noch ungewiss. Schneidend die Antwort des SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück auf die Regierungserklärung.

Noch ist die Idee eines europäischen "New Deals" zu vage, wären auch die operativen und regionalpolitischen Ziele zu definieren, die einer solchen Idee mehr Substanz verliehen, als eine bloße Geldkanone abzuschießen. Es bleibt, wie unter Tropfenfolter, daran zu erinnern, was unter unseren Augen immer dramatischer Gestalt gewinnt: die Ausbildung einer vertikalen und horizontalen Disparität von Lebensbereichen (eine Formulierung von Claus Offe von 1974).

So entsteht eine Zone der Rechtlosigkeit, genauer: des Inkaufnehmens von massenhaften sozialen Opfern. Offe sprach 1974 von den leitenden Prinzipien für die Regelung sozialer Konflikte: der Organisationsfähigkeit infolge gleich liegender Interessen sowie der Konfliktfähigkeit als Ausdruck für die Drohung, Leistungen zu verweigern, um damit Organisations-Ziele durchzusetzen.

Wir befinden uns in Europa heute in einer Situation, in der diese beiden zivilgesellschaftlichen und sozialen Errungenschaften durch die Kabinettspolitik faktisch entwendet werden: für einen unerklärten Krieg gegen die schweigend in Kauf genommenen Opfer mit der Folge einer rapide zunehmenden anomischen  Rechtlosigkeit.

Die von Sloterdijk beschriebene "Flucht nach vorn" wirkt so bedrückend, weil in diesem "vorn" kein Ziel erkennbar wird, es sei denn als Flucht vor den Ergebnissen (und Versäumnissen) der eigenen Politik: Rette sich, wer kann. Der Hegemon, das ist die kuriose Seite der dramatischen Situation, scheint noch Verhandlungen mit sich selbst zu führen in der irrigen Annahme, seiner Aufgabe irgendwie zu entkommen.

Sie wird nur schwerer.

 

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Herr Gauck, Sie brauchen nicht Pirat zu werden!

3. Mai 2012

Am 11. Januar 1911 veröffentlichte der Dichter Jakob van Hoddis in der Zeitschrift "Der Demokrat" das Gedicht "Weltende":

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
 In allen Lüften hallt es wie Geschrei.
 Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
  Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

  Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
  An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
  Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
  Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

Im Mai oder Juni 1942 wurde Jakob van Hoddis im KZ Sobibor ermordet.

An das Gedicht "Weltende" erinnerte ich mich, als ich gestern Morgen den Eröffnungsvortrag der re:publica 12 hörte. Es sprach Eben Moglen, Juraprofessor an der Columbia University in New York, ein  Vordenker der freien Softwarebewegung, ein Evangelist der Freiheit im 21. Jahrhundert, einer, der wie kein zweiter verstanden hat, was uns vom Kopf fliegt, wenn die Software, die Hardware, die Netzwerke Besitz von uns ergreifen. Mehr…

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Erstaunlicher Anfang

23. März 2012

Schade, dass das Amt des Bundespräsidenten so ist, wie es ist. Oder doch nicht schade, weil uns der neue Amtsinhaber, dem auch ich eine glückliche Hand wünsche, zeigen könnte, was man aus ihm macht – ohne Macht.

Der Einstieg von Joachim Gaucks Rede verwundert:

Wie soll es nun aussehen, dieses Land, zu dem unsere Kinder und Enkel "Unser Land" sagen sollen?

Der Wortlaut lässt offen, welches Ziel der Redner verfolgt, ob er die Ergebnisse einer künftigen Politik imaginiert oder zwei normative Erwartungen mit- vielleicht auch gegeneinander in Stellung bringt. Gauck nimmt mit dem Satz eine Brachialabkürzung, verzichtet auf den durchschnittlichen Dreisprung: Wo kommen wir her? Wo stehen wir? Wo wollen wir hin? Er umgeht die vielleicht zu Beginn auch gefährlichste Klippe: die Frage danach, wie unser Land heute aussieht. Damit auch die Frage, wer von "unserem Land" redet, wer es lässt und warum.

Oder grätscht er mittenmang in die Manege, deutet an, dass das, was künftig wie auch immer aussehen solle, von ihm scharf darauf betrachtet oder angesehen werde, was verbesserungs- oder auch erhaltungswürdig sei?

Der erste Satz erhebt einen normativen Anspruch an die eigene Rolle und verspricht, dass wir mit dem Bundespräsidenten Joachim Gauck auf Überraschungen gefasst sein dürfen. Mehr…

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Rites de passage

9. März 2012

So ist es vollbracht. Doch was genau? Ein AbschiedVorfreude

Patrick Bahners hat gestern Abend das Ritual als Haltungsbeweis gewürdigt. Die abgezirkelte Choreographie des Großen Zapfenstreichs rückt auch den abtretenden Bundespräsidenten zurück ins Glied.

Es passt wirklich: denn im Zudecken solcher Widersprüche, im Unsichtbarmachen der Privatperson besteht der Sinn des Zeremoniells, das zu Ehren von Amtsträgern veranstaltet wird.

Das Ritual bildet den Rahmen, durch den die Zeugen in die Geschichte eintreten. Nehmen wir in George Lakoffs Nachfolge das Framing so ernst, wie es sich gehört. Versuchen wir, sichtbar zu machen, was im Ritual abseits der neu geborenen Privatperson Wulff in den Blick gelangt. Überhören wir das seinsvergessene Geschwafel der Moderatoren (ich sah das bei phoenix, wo der Moderator einen Tagesspiegelredakteur als höhnisch schwadronierenden Sidekick brauchte). Mehr…

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Politische Glaubwürdigkeit ist eine politische Kategorie

22. Juni 2010

Dieser Essay von Frank Schirrmacher ist erstaunlich. Nach wiederholtem Lesen frage ich mich, ob es zu den Privilegien eines FAZ-Herausgebers gehört, seine Texte für das Blatt nicht gegenlesen zu lassen.

"Joachim Gauck oder Christian Wulff – wen will das Wahlvolk wirklich? Politische Glaubwürdigkeit im neuen Medienzeitalter ist keine moralische, sondern eine literarische Kategorie. Nach diesem Kriterium scheidet Wulff als Held aus. Können wir das wollen?"

Der Einstieg wagt eine steile These, verbaut ihr aber ohne Not den Weg an das Licht. Mehr…

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