Madame Pacemaker
Bundeskanzlerin Merkel hat eine bemerkenswerte Rede gehalten. Der Fall der Berliner Mauer dient ihr als Bild und Vorbild dafür, ein paar weitere Mauern zum Abriss freizugeben.
Das ist eine fulminante neue Domino-Theorie. Die beiden Häuser des Kongresses gaben ihr standing ovations. Den Beifall hat die Rede verdient. Eine detaillierte Analyse folgt.
update
Die Idee von Angela Merkels Rede, und das ist wirklich eine Idee, ist nicht so sehr die Parallelität zwischen dem Fall der Mauer und dem hoffentlich baldigen Fall weiterer Mauern. Das ist eine der Schwächen der Rede, weil die Mauer-Metapher irgendwann schief wird und wackelt.
Die Idee von Angela Merkels Rede ist eine Apperzeption. Die Mauer war natürlich auch ein Beton-Monument der Unfreiheit. Aber was sie so wirklich wie unwirklich und schließlich unwirksam machte, war ihre Funktion als eine Realitätsbarriere. Für eine Physikerin wie Merkel war das schon vor 1989 völliger Unsinn. Trotzdem hegte sie die Hoffnung, sich irgendwann als Rentnerin ein persönliches Bild machen zu können. Insofern ist die Rede nicht nur ein biographisches Dokument, sondern auch ein philosophischer Traktat.
Wie geht die internationale Politik mit Realitätsbarrieren um? Wie nimmt sie die in den Blick? Und wie schafft sie es, solche Barrieren durchlässig zu machen und neue politische Optionen sichtbar zu machen?
Fortsetzung folgt
Angela Merkels Rede wirkt streckenweise, als habe sie Jon Favreau geschrieben. (Tatsächlich soll sie sie selbst geschrieben haben. Was wohl Frau Baumann dazu sagt? Nach allem, was man über sie lesen kann, ist sie ja die Sinnentsaugerin für die Redemanuskripte der Bundeskanzlerin.)
Angela Merkels Rede folgt einem dramaturgischen Muster der Reden Barack Obamas: Die Bundeskanzlerin erzählt Geschichte, indem sie an ihre eigene Geschichte, an Konrad Adenauers und an Fritz Sterns Geschichte erinnert. Sie nimmt eine komparative Perspektive ein, konfrontiert und vergleicht historische Herausforderungen und bestimmt damit als physikalisch geschulte Kraftmesserin den erforderlichen Krafteinsatz für den Einriss weiterer Mauern.
Sie ist mehr als nur Schrittmacherin, eher Rammbock, also nicht nur mutig, sondern auch ganz schön stark. Sie ist so amerikanisch in ihrer Rede wie noch keiner ihrer Amtsvorgänger es je war. Ihre Reise 1990 nach Kalifornien erinnert mich an einen deutschen Emigranten, der eines Tages beim Sonnenuntergang am Strand saß und hinter dem Horizont an seine Lieben da drüben am anderen Ende der Welt dachte, bis ein Freund ihn darauf aufmerksam machte, dass er nicht nach Europa, sondern nach Asien schaute.
In ihrer Rede kehrt eine literarische Formel in die Politik zurück: Robert Musils Möglichkeitssinn. Das ist ihr Angebot an das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, von diesen zum wechselseitigen Vorteil zukunftsweiseren Gebrauch zu machen.
Es gibt eine Passage in ihrer Rede, welcher ich politisch nicht widersprechen würde, wo sie ein Bild benutzt, das in der amerikanischen Innenpolitik verbrannter Erde gleichkommt. Im deutschen Redemanuskript liest man schnell darüber hinweg. Wenn man allerdings die Simultandolmetscherin hörte, zuckte man zusammen: "Zero Tolerance", die Übertragung der städtebaulichen "broken windows"-Figur in drakonische Polizeipraxis – das war zwar erfolgreich unter Rudy Giuliani. Null Toleranz für diejenigen, die unveräußerliche Rechte anderer Menschen missachten – da hätte ein anderes Bild besser begreiflich machen können, worum es in dieser Passage ging.
Als sie schließlich an die heute politisch brisanteste Mauer (oder reden wir besser von Barriere?) klopft, die zwischen Gegenwart und Zukunft, hat sie, für einen deutschen Parteipolitiker erstaunlich, die elende ausgelutschte Nachhaltigkeitsrhetorik mit einem Bild anschaulich gemacht. Diese Mauer kann man nicht sehen. Man stößt immer dagegen. Von welcher Seite klopft Frau Merkel an diese Mauer? Mit welchem Mandat, das ein Bundeswahlleiter nicht messen kann?
Die "Zukunft" ist die begriffliche Sahelzone der deutschen Politik. Frau Merkel hat zu oft die Nationalhymne der "ehemaligen" DDR gehört – und verstanden, was es heißt, der Zukunft zugewandt zu sein: auf der falschen Seite der Mauer. Sie ist, das hat sie auf bescheidene Weise in ihrer Rede auf den Punkt gebracht, in der Zukunft zu Hause. Das hat sie biographisch und intellektuell den Politikern ihrer Koalitionsparteien voraus.
Darüber sollte sie deutlicher reden. Und ihre Reden öfter selber schreiben.
ergänzt 041109


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