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Artikel Tagged ‘Jon Favreau’

Madame Pacemaker

3. November 2009

Bundeskanzlerin Merkel hat eine bemerkenswerte Rede gehalten. Der Fall der Berliner Mauer dient ihr als Bild und Vorbild dafür, ein paar weitere Mauern zum Abriss freizugeben.

Das ist eine fulminante neue Domino-Theorie. Die beiden Häuser des Kongresses gaben ihr standing ovations. Den Beifall hat die Rede verdient. Eine detaillierte Analyse folgt.

update

Die Idee von Angela Merkels Rede, und das ist wirklich eine Idee, ist nicht so sehr die Parallelität zwischen dem Fall der Mauer und dem hoffentlich baldigen Fall weiterer Mauern. Das ist eine der Schwächen der Rede, weil die Mauer-Metapher irgendwann schief wird und wackelt.

Die Idee von Angela Merkels Rede ist eine Apperzeption. Die Mauer war natürlich auch ein Beton-Monument der Unfreiheit. Aber was sie so wirklich wie unwirklich und schließlich unwirksam machte, war ihre Funktion als eine Realitätsbarriere. Für eine Physikerin wie Merkel war das schon vor 1989  völliger Unsinn. Trotzdem hegte sie die Hoffnung, sich irgendwann als Rentnerin ein persönliches Bild machen zu können. Insofern ist die Rede nicht nur ein biographisches Dokument, sondern auch ein philosophischer Traktat.

Wie geht die internationale Politik mit Realitätsbarrieren um? Wie nimmt sie die in den Blick? Und wie schafft sie es, solche Barrieren durchlässig zu machen und neue politische Optionen sichtbar zu machen?

Fortsetzung folgt

Angela Merkels Rede wirkt streckenweise, als habe sie Jon Favreau geschrieben. (Tatsächlich soll sie sie selbst geschrieben haben. Was wohl Frau Baumann dazu sagt? Nach allem, was man über sie lesen kann, ist sie ja die Sinnentsaugerin für die Redemanuskripte der Bundeskanzlerin.)

Angela Merkels Rede folgt einem dramaturgischen Muster der Reden Barack Obamas: Die Bundeskanzlerin erzählt Geschichte, indem sie an ihre eigene Geschichte, an Konrad Adenauers und an Fritz Sterns Geschichte erinnert. Sie nimmt eine komparative Perspektive ein, konfrontiert und vergleicht historische Herausforderungen und bestimmt damit als physikalisch geschulte Kraftmesserin den erforderlichen Krafteinsatz für den Einriss weiterer Mauern.

Sie ist mehr als nur Schrittmacherin, eher Rammbock, also nicht nur mutig, sondern auch ganz schön stark. Sie ist so amerikanisch in ihrer Rede wie noch keiner ihrer Amtsvorgänger es je war. Ihre Reise 1990 nach Kalifornien erinnert mich an einen deutschen Emigranten, der eines Tages beim Sonnenuntergang am Strand saß und hinter dem Horizont an seine Lieben da drüben am anderen Ende der Welt dachte, bis ein Freund ihn darauf aufmerksam machte, dass er nicht nach Europa, sondern nach Asien schaute.

In ihrer Rede kehrt eine literarische Formel in die Politik zurück: Robert Musils Möglichkeitssinn. Das ist ihr Angebot an das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, von diesen zum wechselseitigen Vorteil zukunftsweiseren Gebrauch zu machen.

Es gibt eine Passage in ihrer Rede, welcher ich politisch nicht widersprechen würde, wo sie ein Bild benutzt, das in der amerikanischen Innenpolitik verbrannter Erde gleichkommt. Im deutschen Redemanuskript liest man schnell darüber hinweg. Wenn man allerdings die Simultandolmetscherin hörte, zuckte man zusammen: "Zero Tolerance", die Übertragung der städtebaulichen "broken windows"-Figur in drakonische Polizeipraxis – das war zwar erfolgreich unter Rudy Giuliani. Null Toleranz für diejenigen, die unveräußerliche Rechte anderer Menschen missachten – da hätte ein anderes Bild besser begreiflich machen können, worum es in dieser Passage ging.

Als sie schließlich an die heute politisch brisanteste Mauer (oder reden wir besser von Barriere?) klopft, die zwischen Gegenwart und Zukunft, hat sie, für einen deutschen Parteipolitiker erstaunlich, die elende ausgelutschte Nachhaltigkeitsrhetorik mit einem Bild anschaulich gemacht. Diese Mauer kann man nicht sehen. Man stößt immer dagegen. Von welcher Seite klopft Frau Merkel an diese Mauer? Mit welchem Mandat, das ein Bundeswahlleiter nicht messen kann?

Die "Zukunft" ist die begriffliche Sahelzone der deutschen Politik. Frau Merkel hat zu oft die Nationalhymne der "ehemaligen" DDR gehört – und verstanden, was es heißt, der Zukunft zugewandt zu sein: auf der falschen Seite der Mauer. Sie ist, das hat sie auf bescheidene Weise in ihrer Rede auf den Punkt gebracht, in der Zukunft zu Hause. Das hat sie biographisch und intellektuell den Politikern ihrer Koalitionsparteien voraus.

Darüber sollte sie deutlicher reden. Und ihre Reden öfter selber schreiben.

ergänzt 041109

 

 

 

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Drehbuch-Politik

28. Mai 2009

Die Vorstellung hat – auch ohne Redenanalyse – ihren eigenen Charme. Obamas Redenschreiber wird zu einem Dramaturgen. Von Jon Favreau kann Hollywood lernen. Schauen Sie selbst, wie Präsident Obama seine Kandidatin für den Obersten Gerichtshof vorstellt - und die Dankesworte von Richterin Sotomayor.

Die Bilder dokumentieren eine Wahlverwandtschaft. Sie reicht weiter als Parteizugehörigkeiten, viel weiter. Obama inszeniert an diesem Tag die Fortsetzung jener Wahlnacht vom 4. November in Chicago, neue Songlines für den Amerikanischen Traum.

"Walking in the door she would bring more experience on the bench, and more varied experience on the bench, than anyone currently serving on the United States Supreme Court had when they were appointed."

Obama liefert raffinierten Rohstoff in die ehrwürdigen Hallen des Supreme Court, Erfahrungen, die der Auslegung des Rechts nur gut tun können. Die Anhörungen der Kandidatin vor dem zuständigen Senatsausschuss werden spannend. Wenn die Republikaner im Senat ihren Instinkten folgen (woran fast kein Zweifel besteht), dann führt die Demokratische Partei sie bei den nächsten Wahlen im Jahr 2010 am Nasenring durch die Manege. Dann kommt dieser Elephant zumindest vorübergehend auf die Rote Liste der bedrohten Arten.

Die nächste große Rede steht am 4. Juni auf dem Programm, wenn Barack Hussein Obama sich in Ägypten an die Umma der Muslime wendet. Die Erwartungen sind hoch - und leicht zu enttäuschen, wenn sein Publikum in Kairo mit Banalitäten abgespeist würde. Der Schauplatz der Rede wird wohl die Amerikanische Universität in Kairo sein (wie ich vermute: Bestätigung steht noch aus).

Zwischendurch gibt es noch ein paar kleinere Themen, auf die ich mit Freude zurückkomme – wie zum Beispiel das Verbraucherschutzgesetz zur Regulierung von Kreditkarten (es wurde gar als eine Bill of Rights der Kreditkartenkunden gefeiert), dem die Republikaner unter Androhung von parlamentarischen Tricks einen Anhang verpasst haben, der das Tragen von Waffen in den amerikanischen Nationalparks erlaubt. Wenn wir den Schutzgedanken dieses Gesetzes weiter spinnen, dann werden American Express und Mastercard gleich gesetzt mit einem Grizzly oder einem Puma. Denn warum soll ein Nationalparkbesucher ein Gewehr bei sich führen, wenn nicht gegen einen Bären oder einen Berglöwen? Die Bären und Berglöwen haben nicht, wie die Kreditkartengesellschaften, die Möglichkeit, ihre natürlichen Gewohnheiten (schmackhafte Trapperinnen und Trapper zu verspeisen) als Allgemeine Geschäftsbedingungen durchzusetzen. Sie müssen einfach schneller bleiben. Try harder, grizzlies!

Wir werden uns eines Tages mit der Frage beschäftigen, warum der einst beschworene Geist der Gesetze in den modernen Gesellschaften so hässlich wird. Denken Sie etwa an die jüngste Grundgesetzänderung zum Thema Schuldenbremse. Zugegeben: Der Zeitpunkt hätte kaum besser gewählt sein können; die Einigung zwischen Bund und Ländern wäre ohne die klammen Landesbanken nicht  zustande gekommen. Aber in welchem Verhältnis steht so ein Satz wie "Die Würde des Menschen ist unantastbar" zu diesem Artikel-Konvolut?

Oder denken Sie an das Monstrum des amerikanischen Klimaschutzgesetzes im Umfang von 934 Seiten. Die Republikaner im Kongress verlangen, dass der Textentwurf vollständig vorgelesen wird, was den zuständigen demokratischen Ausschussvorsitzenden bereits dazu veranlasst hat, einen Speed-Reader zu buchen.

Die Geschäftsordnung sollte für solche Fälle einen parlamentarisch gemessenen Schleichgang vorschreiben!

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Common Ground

20. Mai 2009

Vor ein paar Tagen schrieb ich darüber, wie Barack Obama als bodysurfer Widerstand in Vortrieb verwandeln kann. Ein gutes Beispiel dafür ist seine Rede für die Abschlussfeier der frisch Graduierten an der katholischen Notre Dame Universität.

Das Transkript des Weißen Hauses vermerkt auch die Zwischenrufe (stop killing children, abortion is murder). Die Proteste waren vorhersehbar, Jon Favreau hat eine Rede für Obama geschrieben, die kaum katholischer und kaum säkularer hätte sein können.

Sie reiht sich ein in die Saison der Abschlussfeiern an den amerikanischen Universitäten, vorher verabschiedete Obama auch die Graduierten der Arizona State University. Beide Reden sind – die Freiheit sei erlaubt  – eine kluge Adaption von Churchills Blut, Mühsal, Schweiß und Tränen-Rede. Der Präsident, dem ap-Korrespondentin Jennifer Loven zu Beginn seiner Amtszeit vorgehalten hat, er rede das Land schlecht, versäumt nicht, die Herausforderungen dieser jungen Akademikergeneration drastisch  zu beschreiben. "Ihr habt es nicht leicht, aber ihr habt die seltene Chance, beispiellose Herausforderungen zu bestehen."

Obama erinnert an seine Zeit als community organizer in Chicagos entindustrialisierter South Side, an seine erste politische Lektion, gemeinsame Interessen herauszufinden. Community organizing in der South Side (lesen Sie Dreams From My Father) steht in der Tradition der Bürgerrechtsbewegung, eine gute Gelegenheit für Obama, an die Kommission zu erinnern, die den Entwurf für den civil rights act von 1964 ausgearbeitet hat. Ihr gehörte der damalige Präsident der Notre Dame University an, der seine Kollegen zu einer Klausur nach Land O’Lakes, Wisconsin einlud. Dort fand fand Father Ted heraus, dass alle Kommissionsmitglieder passionierte Angler waren.

Ihr abendlicher Angelausflug hat die Blockade gelöst und schließlich Geschichte geschrieben. Das Beispiel hat Obama nicht an den Haaren herbeigezogen; es illustriert den Stil seines eigenen Politikmanagements. Das funktioniert nicht immer, auch nicht auf Anhieb (offenbar überhaupt nicht bei Israels Premier Netanjahu), aber es folgt einer Idee, die auch in Deutschland schon erfolgreich praktiziert wurde. Das Geheimnis besteht darin, Organisationen und Akteure mit gegensätzlichen Interessen gemeinsam als Geburtshelfer und Wegbereiter für neue Ideen zu gewinnen. 

So hat Obama gestern auch seinen Auto-Gipfel gekrönt. Obamas hunting ground für gemeinsame Interessen sind die Commons, früher nannte man das hierzulande Allmende. Mehr und mehr wird deutlich, wie souverän er dieses Feld bespielt, um bornierte Partikularinteressen für eine neue Geschäftsgrundlage zu gewinnen. Das gelingt gewiss nicht allein durch charismatisches Reden. Aber mit der Alternative ihres Untergangs gewinnt Obama auch die Dinosaurier der amerikanischen Industrie für einen Neustart.

Währenddessen erleben wir hier, dass von Tag zu Tag mehr Unternehmen, Industrien usw. sich retten lassen wollen. Ihnen (und uns) fehlt ein Politikmanagement, das sie für das Ziel in Haftung nimmt, das Gemeinwesen insgesamt zu erneuern. In Angst vor dem Tod siechen sie lieber dahin, als die Ärmel aufzukrempeln. Wie jämmerlich!

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Future being pieced together

23. April 2009

Gestern nach Iowa, das neue Kalifornien (ohne Küste). Zu einer frisch eröffneten Fabrik, die Windräder herstellt. In der letzten Woche der ersten hundert Tage im Weißen Haus hält es Barack Obama nicht in Washington. Air Force One transportiert ihn mit großer Besatzung am Earth Day nach Newton. Den Ort können wir uns vorstellen wie Gütersloh ohne Bertelsmann, mit dicht gemachter Miele, schwanlos trostlos arbeitslos. Der Präsident braucht den Kontrast für seine Zukunftspläne. Nehmen wir ihm das nicht übel und schauen, was er zu sagen hat.

Die Energiewende steht auf der Tagesordnung. Die Rede ist länglich. Hat Fav Urlaub? Der Auftritt macht den Eindruck, als habe Obama Roosevelts Depressions-Kamingespräche mit einem deutschen VHS-Vortrag gekreuzt. Die einleitenden Begrüßungen werden länger. Die Hinführung zum Thema ist ausufernd (Ölförderung in Geschichte und Gegenwart). Die 33 Minuten dieser Rede sind dennoch keine Sekunde zu kurz.

Obama führt dem amerikanischen Publikum die eigene Geschichte vor, legt wieder die Finger in schwärende wirtschaftliche Wunden (Ölabhängigkeit) und illustriert, ohne den Herrn Schumpeter beim Namen nennen zu müssen, wie es aussieht, wenn kreative Zerstörer übernehmen. Als Haushaltsgerätehersteller Maytag (Newtons Miele) dicht gemacht hatte, war die Stadt fast am Ende. Nun aber gibts es 100 neue Arbeitsplätze bei der Trinity Structural Towers Manufacturing Plant, deren Windturbinen über zwei Megawatt Leistung bringen. "Ihr tragt dazu bei", sagt Obama, "die nächste Energierevolution in Gang zu setzen, aber ihr seid auch Erbe der letzten Energierevolution."

Der VHS-Historiker hüpft 150 Jahre zurück und erinnert an Edwin Drake, den ersten erfolgreichen Ölbohrer, die Mühsal und Verzweiflung eines im Scheitern erfahrenen Mannes. "(…) he had an advantage: total desperation. It had to work. And then one day, it finally did." Der Mut der Verzweiflung machts möglich. Außerdem sei Amerika immer der Welt weit voraus gewesen, wenn es darum ging, neue Energiequellen zu erschließen.

We can’t afford that approach (Ölabhängigkeit auf Kosten der ganzen Welt) anymore — not when the cost for our economy, for our country, and for our planet is so high. So on this Earth Day, it is time for us to lay a new foundation for economic growth by beginning a new era of energy exploration in America. That’s why I’m here.

"Wir stehen nicht vor der Entscheidung, unsere Umwelt oder unsere Wirtschaft zu retten. Die Alternative laute vielmehr wirtschaftliche Blüte oder Niedergang." Obamas konservativen Senatskollegen sehen das noch nicht so, ihre knappe Mehrheit provoziert ein Republikaner-Filibuster. Auch deshalb wendet sich der Präsident mit seiner Rede nicht nur an die Bürger von Newton, sondern an die ganze Nation. Er weckt den amerikanischen Ehrgeiz und bekräftigt den robusten amerikanischen Pragmatismus (Lord Dahrendorf erinnerte daran, als der Absturz begann).

Sein Haushalt investiert in den kommenden zehn Jahren 150 Mrd. Dollar in erneuerbare Energietechnologie, erzielt Einnahmen durch den Handel mit Emissionsrechten (das nehmen ihm seine konservativen Kollegen am meisten übel) und investiert flächendeckend in Energieeffizienz.

Schließlich beschwört Obama den amerikanischen Optimismus, die Bereitschaft, sich den harten Herausforderungen gewachsen zu zeigen – "what I’ve seen across this country, in all the eyes of the people that I’ve met, in the stories that I’ve heard, in the factories I’ve visited, in the places where I’ve seen the future being pieced together — test by test, trial by trial." Das kostet Opfer, ist anstrengend, aber wir schaffen das – so sein Fazit, seine Ermunterung.

Mein Zweifel, ob das Format dieser Reden den Amerikanern nicht langsam auf die Nerven geht, weicht der Idee, die mich dazu gebracht hat, diesen Blog ins Leben zu rufen. Die Politik und ihr Geschäft erleben selbst einen Paradigmenwechsel. Wir werden in den kommenden Jahren eine Renaissance des öffentlichen Redens (Demagogie inklusive) erleben. Die Komplexität der Aufgaben ist zu groß, um sie wie der Kommunikator Reagan in knappe Babysprache-Formeln quetschen zu können. Die Umfrageergebnisse Obamas deuten darauf hin, dass ihm das Volk zuhört und zutraut, das Unmögliche nicht nur zu versuchen, sondern möglich zu machen. Das ist die andere Seite der Charisma-Medaille: Sie trauen es ihm zu.

Kein Zweifel, wir leben in einer Zeitenwende, deren Ausgang ungewiss ist. Was in den kommenden Monaten und vielleicht Jahren alles in Trümmern liegen wird, können wir nur ahnen (oder fürchten). Aber wer glaubt,  weiter munterblöd durch die Gegend plappern oder maulfaul Erklärungen schuldig bleiben zu können, ist schief gewickelt.

Wenn so ein dröger Funktionär wie DGB-Chef Sommer vor sozialen Unruhen warnt (Heinz Bude hält dagegen, das sei kein Fall für die Leistungselite in der Mitte unserer Gesellschaft), dürfte auch Kanzleramtsminister de Maizière endlich begreifen, worauf es im Krisenmanagement ankommt, damit der Laden ihm nicht um die Ohren fliegt.

Einer macht den Drögen reicht nicht, meine Damen und Herren! Patent-Floskeln geben Sie besser an der Garderobe ab. Und reden Sie nicht mehr von den Menschen (oder über sie), sondern mit ihnen. Wie das geht, macht Obama vor.

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Von Recovery nach Prosperity, einfach …

17. April 2009

Wer erinnert sich nicht an die wunderbare Transrapidvision Edmund Stoibers: "Wenn Sie vom Hauptbahnhof in München" …  Stoibers rhetorischer Sturzbach war eine Glossolalie der Technikandacht, das dem Reden vorauseilende Denken beglaubigte die Vision, die seine Syntax zerlöcherte. Symbolisch war damit das Scheitern besiegelt, syntaktisch der Anschluss verpasst.

Joe Biden, den sie im Weißen Haus den Sheriff nennen, ist auch ein großer Eisenbahnfan. Bevor der Präsident selbst das Wort ergrefit, schwärmt Biden als trainspotter von den schnellen Eisenbahnen der Zukunft und dankt den Leuten, die das Highspeed-Budget in ARRA ermöglicht haben. "… the first is Secretary LaHood for his leadership and vision.  He jumped right into this job and he didn’t miss a step, didn’t miss a beat, and was ready to go from day one.  And this is very uncharacteristic of me, Mr. President, but I want to thank Rahm Emanuel.  (Laughter.)  Not only as smart as a devil, not only as a former congressman, I believe, Mr. President, it was Rahm’s tenacious, tenacious persistence that led to getting this high-speed rail funding in the Recovery Act."  Trainspotter-Sheriff Biden und dieser teufelsschlaue Rahm haben offenbar mehr als ein Hühnchen zu rupfen. Der große Hub der schnellen Eisenbahnen soll eines Tages in Chicago sein.

Nun aber lauschen wir der Eisenbahnvision Barack Obamas. Bald bricht ein neuer Tag heran. Obamas Zug fährt aber nicht nach Nirgendwo, sondern hoffentlich bald schon mit Hochgeschwindigkeit von Recovery nach Prosperity.

Imagine boarding a train in the center of a city. No racing to an airport and across a terminal, no delays, no sitting on the tarmac, no lost luggage, no taking off your shoes. (Laughter.) Imagine whisking through towns at speeds over 100 miles an hour, walking only a few steps to public transportation, and ending up just blocks from your destination. Imagine what a great project that would be to rebuild America. Hätte Edmund Stoiber seine Syntax, seine Vision (und damit vielleicht auch eine längere Amtszeit in der Residenz) mit John Lennon besser auf die Reihe gekriegt?

Trainspotter Biden rechnet dieses Projekt noch vor Ende der ersten hundert Tage Obamas im Weißen Haus bereits dessen künftigem Vermächtnis zu, doch jetzt hat erst einmal wieder der Präsident das Wort: And that’s why today, with the help of Secretary LaHood and Vice President Biden, America’s number one rail fan, I’ve been told — (laughter) — I’m announcing my administration’s efforts to transform travel in America with an historic investment in high-speed rail."

Transform travel, Fav und Obama sind Alliterationskünstler, wie sie im Buche stehen. Much tratra about a little trickle of billions könnten wir entgegnen. Dreizehn Milliarden reichen kaum aus, Obama aber weist den Einwand selbst zurück. Das sei doch erst der Anfang, und wer ihn davon abhalte, mehrere wichtige Dinge gleichzeitig anzupacken, könne sich ein Beispiel an Abraham Lincoln nehmen, der habe vorgemacht, was mitten im Bürgerkrieg mit Eisenbahnbau erreicht werden konnte.

Obama beendet seine Rede mit dem Rat eines angesehenen Sohns der Stadt Chicago, Daniel Burnham: Make no little plans. (…) I believe that about America: Make no little plans. So let’s get to work. Thank you, everybody.

Make no little plans - das wird von Tag zu Tag deutlicher – ist das Leitmotiv der Politik dieses Präsidenten. Angela Merkel kann ihm bei ihrem nächsten Washington-Besuch eine historische Aufnahme der Dreigroschenoper schenken.

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