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Artikel Tagged ‘Jürgen Kaube’

Magische Operation

21. Januar 2013

Jürgen Kaubes Frühkritik zum niedersächsischen Wahlabend im Fernsehen gibt einen Eindruck vom blinden Fleck der politischen Talkshows und der Wahlstudios. Sie erklären etwas für spannend, ohne dass irgend etwas passiert. Mathematisch wirkt das erstaunlich, psychologisch weniger. Das Zählen und das Auswerten passieren hinter der Kulisse, wie das Blutbad in der griechischen Tragödie. Der Schnickschnack der Animationsgraphiken tritt an die Stelle des Chors. Der teilt fast nichts mehr mit, das aber in ausführlichster Liturgie.

Beide TV-Formate, Talkshows und Wahlsendungen, verfügen über keine Methode, mit der Ungewissheitsgewissheit umzugehen, obschon genau die doch irgendwann einmal eine Rolle dabei gespielt haben mag, dass es zu ihrer Erfindung kam, damit andere am folgenden Tag nachbeten konnten, was ihnen am Vorabend an "Erkenntnissen" zuteil geworden sein mag. Das zeigt sich auch daran, dass die Auswahl der Diskutanten auf Basis einer ihnen zugeschriebenen These erfolgt. Damit die Moderation sie wie am Schnürchen durch die Sendung  ziehen kann, sollen sie bei ihrer These bleiben. Dass so Denken in Gang käme oder gar eine Meinung sich wandeln könnte, scheint ausschließbar. Mehr…

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Nicht zurechenbar

1. Dezember 2011

Die Forensiker haben gesprochen. Anders Breivik wird zwar einen Prozess bekommen, aber nicht im Gefängnis landen, sondern auf unabsehbare Zeit in einer Klinik. Mich überzeugt das nicht. Ich habe im Juli Breivik als ein Kind unserer Welt bezeichnet. Ich sehe keinen Anlass, meinen Befund zu revidieren.

Es ist nicht nur so, dass die Sprache unsicher wird. Das öffentliche Entsetzen über die terroristischen Taten entsteht ja selbst wie eine kalkulierbare Kaskade, war für Breivik berechenbar. Ein plötzlicher Druckaufbau verpufft in den handlichen Metaphern der Distanz. Monster, Teufel, Bestie.

Eine diskretere Anthropologie stellt sich andere Fragen. Nicht entlang einer Differenz, denn die ist ja evident, sondern entlang der Gemeinsamkeiten. Irgendwo muss es doch in dem Zusammentreffen von Ideologieproduktion, Logistik- und Managementkompetenzen eine Abzweigung zu finden geben, von der ab der Täter den Weg in die Devianz findet. Breiviks Ideologieproduktion folgte allerdings ebenso verfügbaren Mainstream-Mustern aus der jüngeren Politik- oder Filmgeschichte wie seine Managementfertigkeiten.

Es kommt etwas Weiteres verbösernd hinzu: die konspirative Seite seines Handelns, sein strafrechtlich relevantes Schuldbewusstsein, seine präzise Phantasie, ab welchem Punkt, ab welcher Intensität seiner vorbereitenden logistischen Operationen er den Sicherheitsbehörden auffallen würde. Breiviks forensisch bezeugter Wahnsinn schießt nicht ins Kraut. Er ist diskret reguliert.

Aus der Ferne erinnert Breivik mich plötzlich an EDITHS TAGEBUCH von Patricia Highsmith, ein grauenerregendes Beispiel gelungener Autosuggestion. Die in Kauf genommene Differenz zum Bild, das sich die Welt da draußen von dem entgleisenden Sachverhalt macht, steuert das kleine bisschen Nahrung dazu bei, dass aus der kleinen Abweichung der eine Weg zum großen Schrecken führt.

Die Forensiker haben die kleine Abweichung groß gemacht, haben den Unterschied fixiert, der uns in dem Gefühl versichert, dass der Attentäter keiner von uns ist.

Ihre Entscheidung finde ich fatal. Sie verstellt den Blick auf uns selbst. Das mögen andere tröstlich finden.

Mich beunruhigt das.

 

update 05012012 Die Gefängnispsychiater, die Breivik seit seiner Inhaftierung beobachten, kommen zu einem gegenteiligen Beschluss. Demnächst entscheidet das Gericht darüber, ob ein psychiatrisches Zweitgutachten erstellt wird.

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