
Der Beginn der Sommerzeit ermöglicht spätabendliche Bildungserlebnisse. Das Philosophische Quartett von Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski hatte Hans Ulrich Gumbrecht aus Stanford und Joschka Fischer aus Berlin zu Gast. Sie diskutierten über Empathie, über Jean-Jacques Rousseau, über Friedrich Schiller, Henning Ritter und Jeremy Rifkin.
Die Runde erzielte einen ersten Distinktionsgewinn durch die verknautschte Kleidung wie die gefurchten Denkerköpfe. Sie zeigte einen Schneid, der nicht aus Bügelfalten, sondern aus dem Sicheinlassen auf offenes Denken und Reden spricht.
Wie entsteht heute Empathie? Wie sieht Empathie aus in einer Welt, die den Zivilisationsbruch der Totalitarismen des 20. Jahrhunderts überlebt hat? Wie balancieren wir das Wissen um Gut und Böse, um die Fehleranfälligkeit der Menschen, mit der Einsicht in globale Abhängigkeiten als Bereitschaft zu einer halbwegs friedlichen Kohabitation auf diesem Planeten? So fasse ich mit meinen Worten eine Diskussion zusammen, die auf einen abwesenden Anwesenden zielte.
Wir wissen, dass die von Guido Westerwelle vom Zaun gebrochene Debatte über spätrömische Dekadenz ein Defizit aufwies. Nein, ich rede nicht von Haushaltsdefiziten. Auch nicht von Empathiedefiziten. Die sind hier kein Thema. Ich rede von dem intellektuellen Defizit, das nach über fünf Monaten in der Person des Bundesaußenministers unübersehbar geworden ist.
Von einem Verband, dem ich auch angehöre, wurde Westerwelle im letzten Bundestagswahlkampf als bester Redner bezeichnet. Das kann sich nur um ein Missverständnis handeln. Zum guten Reden gehört mehr, als Subjekt, Prädikat und Objekt in eine richtige Reihenfolge zu bringen. Dazu gehört mehr, als sich aus einem Kränzchen durchgetesteter Punchlines freihändig bedienen zu können. Dazu gehört mehr, als anschwellende Applauskadenzen manipulieren zu können. Ich rede von rhetorischer Integrität.
Journalistische Wegbegleiter Guido Westerwelles erzählen von der Irritation, die so plötzlich und unvorhersehbar wie eine fata morgana in der sonnenflirrenden Wüste entsteht, wenn ein Gespräch mit Westerwelle nicht zu der vorher kalkulierten Stelle führt, für die eine Punchline vorbereitet war. Notfalls gibt er sie dann auch auf die Gefahr hin zum Besten, dass sie nackt und windschief im Raume steht. Dieser Politikstil verdankt sich einer Kontrollkultur. Er entsteht im Windkanal. Er überlässt nichts dem Zufall. Am Ende aber geht die Person, die das integrieren soll, verloren. So sieht rhetorischer Voodoo aus.
Das berühmte Grinsen ohne Katze kommt in den Sinn (aus Lewis Carrolls "Alice in Wonderland"). Guido Westerwelle verkörpert das Grinsen ohne Katze. Er ist auf seine Weise körperlos.
Hinter der Fassade des körperlosen Redens lauert etwas, das in der Politik, soweit wir Max Webers Bild vom beharrlichen Bohren dicker Bretter folgen, besser nichts zu suchen hat. Dahinter lauert namenlose Angst. Aus Angst entsteht keine Freiheit. Jürgen Leinemann hat Ähnliches in dem Buch Höhenrausch beschrieben.
Diese Freiheitsstatue ist keine Replik, sondern eine Maske. Was sie verbirgt, was sie zu verbergen versucht, gelangt auf Umwegen ans Tageslicht. Linguistische Forensiker an die Front! "Le style est l’homme même". Friedrich Küppersbusch hat kürzlich darauf hingewiesen, dass Peter Glotz von Guido Westerwelle als "virtuellem Burschenschaftler" gesprochen habe. "Mit Verlaub" und "Schneid abkaufen" finden da ihre schlagende Heimat.
Das tönt durch die Maske hindurch, macht eine diskrete physische Sensation spürbar, die die aufmerksame Quantenphysikerin im Kanzleramt in Alarm versetzt hat. Die deutsche Außenpolitik wird seither im Bundeskanzleramt gemacht.
Der Bundesaußenminister darf unterdessen im Deutschlandfunk sagen: "Ich kann nur alle Beteiligten dazu aufrufen, dass wir hier fachlich und sachlich miteinander reden, denn wir Deutsche haben ein massives Interesse an einem stabilen Euro. Das ist auch etwas, was wir wissen und wo wir dann, wenn es darauf ankäme, auch immer entsprechend handeln würden. Aber es geht um die Frage, ob jetzt Geld notwendig ist, und das ist es nicht, das ist auch nicht erfragt worden, und ich habe den Eindruck, dass auch die griechische Seite weiß, dass die eigenen Reformbemühungen vorangetrieben werden müssen" usw. Es lohnt sich, das auch einmal im O-Ton anzuhören, weil Herr Westerwelle für das diplomatische Schwallreden einen neuen Tick entwickelt hat, jedem stimmlosen Konsonanten am Ende eines Wortes ein unbetontes "e" folgen zu lassen, wie man es sonst-e eher von-e italienischen Kellnern kennt. Rhetorisch handelt es sich bei diesem Beispiel um das beharrliche Bohren von Sperrholz, um Laubsägearbeit.
Damit komme ich zurück zum Philosophischen Quartett. Das Gespräch am gestrigen Abend kreiste imaginär um diesen Abwesenden. Um sein Manko. Das hat der Vorvorgänger im Auswärtigen Amt markiert. Joschka Fischer zeigte nicht die Attitüde der Nachdenklichkeit. Er dachte nach und konnte das in der Diskussion glaubhaft machen. Guido Westerwelle hätte in diesem Quartett keinen Stich gemacht (ich weiß, wie schief das Bild ist). Ihm sind die Themen fremd. Die Autoren, soweit es sich um Schiller oder Rousseau handelt, liegen wohl verwahrt im Schweinsleder, vielleicht in der väterlichen Bibliothek. Westerwelle könnte beim heiteren Zitateraten mithalten. Sie in einen Gedankengang zeitgenössischen Denkens einzubauen, erfordert eine andere Fähigkeit, die Guido Westerwelle weder als Oppositionsführer noch als Außenminister gezeigt hat.
Ich habe mir in der letzten Woche die Biographien der Außenminister Amerikas, Englands, Frankreichs und Russlands angesehen. Alle Kollegen (auch die amerikanische Kollegin) zeigen ein intellektuelles Format, eine politische Bildung, einen internationalen Erfahrungshorizont, der dem Außenminister des Exexportweltmeisters rundum abgeht.
Bonn ist eine schöne kleine Stadt am Rhein, Sitz mancher bedeutender Bildungseinrichtungen, Heimat eines rheinischen Bürgertums, das, soweit es linksrheinisch liegt, mehr von der Geschichte wissen könnte, als dieser Amtsmann vom Werderschen Markt bisher gezeigt hat.
Schauen wir in der Geschichte der Bundesrepublik zurück. Als bedeutende Außenminister ließe ich Herrn von Brentano, Willy Brandt, Joschka Fischer, eingeschränkt auch den Berufsbeamten Steinmeier gelten. Zu einem Zeitpunkt, in welcher die deutsche Außenpolitik vor den größten Herausforderungen dieser Epoche steht, vertraut die Inhaberin der Richtlinienkompetenz dieses Amt einem Mann an, der weder das erforderliche Format hat, noch über das Potenzial verfügt oder wenigstens den guten Willen zeigt, die für sein Amt erforderlichen Kompetenzen zu entwickeln.
Um es in der burschenschaftlich inspirierten Diktion Guido Westerwelles zu sagen: Er scheint nicht satisfaktionsfähig zu sein.
Der Beginn der Sommerzeit ermöglicht spätabendliche Bildungserlebnisse. Das Philosophische Quartett von Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski hatte Hans Ulrich Gumbrecht aus Stanford und Joschka Fischer aus Berlin zu Gast. Sie...
admin Allgemein, Politische Rhetorik Angela Merkel, Guido Westerwelle, Hans Ulrich Gumbrecht, Joschka Fischer, Peter Sloterdijk, Philosophisches Quartett, Rüdiger Safranski
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